Raketen und Visionen – eine Rückschau auf die Zukunft

Uhura Uraniae

Es ist mal wieder Urlaubszeit und alle Welt verschickt Postkarten und Briefe. Bei der Gelegenheit möchte ich Ihnen zwei Bücher und einen Film empfehlen und nach deren Rezeption die vorsichtige Frage stellen: Warum bezahlen wir eigentlich so viel Porto bei der Post? 🙂

Gerade habe ich mal wieder das Buch beim Wickel:
Hermann Oberth: Wege zur Raumschiffahrt, aus dem Jahre 1929
Ein Reprint ist 1986 im VDI-Verlag als "Klassiker der Technik" erschienen.

Nachdem im Jahre 1923 sein Buch "Die Rakete zu den Planetenräumen" noch mit dem Argument "zu utopisch" von den Doktorvätern abgelehnt wurde, verkaufte sie sich als Bestseller auf dem populären Büchermarkt. Wen wundert’s: Es waren die "goldenen 20er", in denen Max Valier Raketenschlittschuhe für Winterabenteuer auf dem Chiemsee ersann und Raketen-Fritz von Opel mit einem Raketenauto über die Berliner Avus düste.

Des Stoffs von Oberths Ingenieursarbeit nahm sich die dänisch-stämmige Schriftstellerin Thea von Harbou an: Sie schrieb daraus den Roman "Frau im Mond", den ihr Ehemann, der berühmte Filmregisseur Fritz Lang, 1928 verfilmte. Der Stummfilm, der schon damals mit 3 Stunden Dauer Überlänge hatte, füllte die Kinos in Deutschland und wurde sofort weltberühmt. Oberth hat diesen Film beraten, er war die ganze Zeit am Set und passte auf, dass der Mondflug mit all seinen technischen Finessen und den Auswirkungen auf den Menschen so realistisch dargestellt wurde, wie er es sich damals ausmalen konnte. – Die wichtigen Raketentests, die Oberth machen konnte, waren aus dem Werbemittel-Etat der UFA finanziert, denn die Produktionsfirma wollte zur Filmpremiere einen spektakulären Raketenstart sehen. – Genial! Ein Film, der Technikgeschichte schreibt!

Fritz Lang hat mit Blick auf die Dramaturgie für die Zuschauer seines Films den CountDown erfunden, Oberth hat alle seine Modelle und Ideen vorgeführt und Thea von Harbou das ganze mit einer Prise Phantasie gewürzt (sie dichtet der Mondrückseite eine Atmosphäre an, den dortigen Bergen große Goldvorkommen und spinnt eine Liebesgeschichte als Rahmenhandlung).

Der Film zeigt quasi (mit Trick und Schauspielkunst) der Weltöffentlichkeit die Ideen, die zur Ablehnung von Oberths Arbeiten in der Wissenschaft führten. Er beflügelte aber Raketenpioniere und Politiker weltweit dermaßen, dass bei Oberths Tod im Jahre 1989 fast alle Punkte seines angeblich "zu utopischen" Ausblicks Realität waren.

[Der Film ist von der Friedrich-Murnau-Stiftung aufwändig restauriert worden und erstrahlt mithin auch moderner Projektionstechnik wie neu.]

In Dankbarkeit widmete Oberth dem Künstler-Ehepaar von Harbou und Lang sein nächstes Buch: Wege zur Raumschiffahrt von 1929. In diesem Buch beschreibt er nochmals aktualisiert, was er schon in seiner ersten Arbeit im letzten Kapitel andeutete:

Den Nutzen, den eine Rakete haben könnte, wenn man sie doch nur endlich bauen würde. Eine seiner Ideen war damals, man könnte damit die interkontinenale Post schneller befördern.

Die Postrakete

So liest man auf S. 270 f. eine wunderschöne Überschlagsrechnung: Eine Rakete, so meint er, sei in "einer halben Stunde von Berlin nach Neuyork" gefolgen. Man könne auf ca 10 km genau sagen, wo so einschlägt, müsse also nur vorher die Wetterdaten (Windrichtung und -stärke) über den Atlantik telegrafieren und dann die gewasserte Rakete mit einem Boot oder Wasserflugzeug abholen.

"Ich rechne mit einer Nutzlast von 30 kg und einem Landungsgewicht von nicht ganz 60 kg", behauptet er und stellt dann fest, dass die Autoren Gail und Valier Recht hätten wenn sie meinten "ein Normalbrief werde weniger kosten als 50 Mark (…). 20 Pfennige sind tatsächlich weniger als 50 Mark."

Also, Herr Oberth, habe ich Sie richtig verstanden: 20 Pfennige (Weimarer Republik vor der Wirtschaftskrise) für einen Normalbrief, der mit einer Rakete innerhalb von 30 Minuten von Berlin nach New York befördert wird, d.h. wahrscheinlich ungefähr 5 bis 10 Euro-Cent?

Da frage ich mich doch allen Ernstes, warum ich exakt 80 Jahre nach Veröffentlichungen dieses Buches für einen Normbrief nach Sibirien ca 25 Euro (!) und mehr bezahlen soll, damit er binnen einer Woche ankommt. … Und das, obwohl inzwischen der Computer erfunden und miniaturisiert wurde und bereits vor einundvierzig Jahren echte Menschen auf dem Mond gelandet worden sind: das ist ja noch viel weiter.   

Wink
Susanne M. Hoffmann

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

2 Kommentare

  1. Man Conquers Space

    Auch sehr interessant finde ich die Serie “Man in Space” von Walt Disney aus dem Jahre 1955.

    Hier sind nur einige Ausschnitte davon zu sehen, aber am rechten Bildrand von YouTube findet man dann viele weitere Teile davon.

    http://www.youtube.com/watch?v=Sy0fafgajWI

    http://www.youtube.com/watch?v=ILjXGfTkKvk

    http://www.youtube.com/watch?v=FRCQ2Cu3bSE

    Besonders schön ist das computergenerierte Remake einer solchen alternativen Vergangenheit:

    “Man Conquers Space”.

    http://www.youtube.com/watch?v=ozkl1OvNvEc

    http://manconquersspace.com/MCSPg1b.html

    http://manconquersspace.com/

    http://manconquersspace.com/MCSEnter.html

    http://manconquersspace.com/MCSPg1.html

    Ich persönlich schwärme aber eher für das Project Orion aus dem Jahre 1957.

    http://www.youtube.com/watch?v=V1vKMTYa40A

    http://www.bisbos.com/…t/orion/orion_images.html

    http://de.wikipedia.org/wiki/Orion-Projekt

  2. Raketenpost-Pionier

    Ein weiterer Pionier und Vordenker der Raketenpost war Reinhold Tiling.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Reinhold_Tiling

    Der kaprizierte sich jedoch auf Feststoffraketen. Keine gute Wahl – auch heute noch sind diese wegen ihres Mangels an Genauigkeit berüchtigt.

    Tiling ließ sich keineswegs davon beirren, dass der Markt für ein solches Postbefoerderungssystem ausgesprochen überschaubar sein muss, weil es prinzipbedingt daran krankt, dass man nach jedem Flug die angekokelten Postsäcke aus einem rauchenden Krater in einem schlammigen Acker irgendwo in nicht exakt vorausbestimmbarem, aber sicher weitem Umkreis um den Zielort klauben muss, wo sie inmitten der Trümmer der Rakete zu liegen gekommen sind.

    Eine Feststoffrakete konnte ohne Zuhilfenahme von Computern weder genau gelenkt werden, noch kann sie weich landen.

    Tilings Ende war tragisch, aber irgendwie auch passend, denn ihm widerfuhr das Schicksal, das ansonsten die wahrscheinliche Bestimmung der Post auf seinen Raketen gewesen wäre: Er starb bei einer Explosion von Raketentreibstoff. Seine sterblichen Überreste (bzw., nehme ich an, was noch auffindbar war) ruhen in Osnabrück.

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