Planetarium und Sternwarte Ursensollen

Waren Sie schon mal in einem 3D-Planetarium? Das ist eine recht neue Entwicklung: Sie werden wahrscheinlich wissen, dass es 3D Filme gibt, bei denen Sie im Kino sitzen und die Charaktere des Film scheinen vor Ihnen im Raum zu tanzen. Zum Greifen nah sehen sie aus und als würde man als Zuschauer mit ihnen im selben Raum sein. Nachdem in den vergangenen Jahrzehnten die Kino-Leinwände immer größer und immer runder wurden, von der geraden Leinwand hin zur gekrümmten IMAX-Leinwand sich zunehmend um die Betrachtenden wölbten, verschmilzt Kino hier mit dem ebenfalls erst 99 Jahre alten Konzept vom Kuppel-Planetarium. Dadurch können auch moderne Kino-Technologien im Planetarium zur Anwendung gebracht werden und man hat nicht mehr nur das klassische Projektionssystem für Sterne und Sternbilder, sondern auch alle anderen Datensätze der Astronomie … das können Sie im Prinzip inzwischen in allen modernen Planetarien bewundern, aber nur selten geht es auch in 3D.  

Durch ein kleines Waldstück geht man vom Besucherparkplatz ca. 300 m zum Haus auf freier Flur.

Für Jahrtausende war die wissenschaftliche Astronomie darauf beschränkt, mit auf- und untergehenden Sternen die Kalender zu bestimmen und mit den Mondphasen die Monate und Wochen. Doch wie sich die wissenschaftliche Astronomie im 19. Jahrhundert immer tiefer ins All begab und durch Spektroskopie und elektrische Photometrie die chemische Zusammensetzung physikalische Eigenschaften der Himmelskörper zu erforschen begann, so folgt ihm jetzt auch die Visualisierung für die Öffentlichkeit. In einigen Planetarien können Sie nicht nur von der Erde abheben und aus dem All auf unseren blauen Planeten zurückschauen (wie es schon lange möglich ist), sondern Sie können mit Spezialbrillen die Erde dann auch als 3D-Kugel sehen.     

Eines der neuesten Planetarien befindet sich recht abgelegen in der Gemeinde Ursensollen, nahe Amberg in Bayern (Webseite des Planetariums) – etwa in der Mitte zwischen Nürnberg und der tschechischen Grenze.

Sternwarte und Planetarium Ursensollen

Weit und breit ist keine Kuppel zu erkennen. Das ist nicht die einzige Überraschung in diesem schicken modernen Holzhaus:

Links hinten kann das Flachdach abgefahren werden und es kommen mehrere Teleskope zum Vorschein. Sowohl ein stattliches Ritchey-Chretien Spiegelteleskop als auch mehrere Säulen für mitgebrachte eigene Geräte stehen den Amberger Sternfreunden hier zur Verfügung. Ein Sonnenteleskop mit H-alpha Filter lagert normalerweise im Haus, kann aber jederzeit fix aufgebaut werden. 

Die Kuppel der Sternwarte Ursensollen ist nicht am, sondern über dem Haus: nicht durch Menschen gebaut, sondern von der Natur selbst bereitgestellt. Sie nennt sich Himmel.

Die Wand entpuppt sich als Schiebetür, das Dach geht auf – und siehe die Sonne kann im H-alpha Licht beobachtet werden.

Doch auch wenn man durch den Haupteingang das Gebäude betritt (anstatt sich einfach links dran vorbei zu mogeln), kommt man aus dem Staunen nicht heraus: 

  • der obligatorische Souvenir-Shop ist klein und sachlich gehalten, 
  • es gibt eine bewundernswerte kleine Meteoritensammlung und
  • Über dem Shop im Empfangsbereich prangt ein eindrucksvoll großes Milchstraßenbild aus GAIA-Daten (also ohne die hellen Sterne), 
  • zwischen all den Astrofotos der eigenen Vereinsmitglieder strahlt ein großer Screen mit einem pathetisch über den Himmel wabernden Polarlicht. Der Clou ist ja bei diesem Naturphänomen, dass es – anders als die Sterne – nicht statisch ist und das kann man nur mit einem Screen zeigen, der motion pictures zulässt. 
Empfangsbereich im Planetarium Ursensollen

Lässt man danach den kleinen Seminar- und Vereinsraum links liegen, kommt man zum Herzstück: dem Planetarium! 

Die Kuppel hängt schräg in dem kleinen Theater und wirkt transparent, da sie (wie heute üblich) perforiert ist, um eine gute Akustik zu erreichen. Wie in jedem modernen Theater hängen an den Wänden und der Decke Schall-Absorber. Die Besonderheit hier: Der Vereinsvorsitzende, Professor Mändl von der Ostbayerischen Technischen Hochschule in Amberg-Weiden, hat sie selbst in seinem Schall-Labor berechnet, d.h. für diesen konkreten Raum designed. 
Die Gäste dürfen auf schicken Lederbänken Platz nehmen.

Dann geht die Tür zu, das Licht aus, … und wie in allen Planetarien haben die Vorführenden einen Riesenspaß beim Präsentieren. Das sensationelle Erlebnis der Planetariumsshow unter dieser Kuppel lässt sich freilich nicht in einem einfachen Foto einfangen, aber glauben Sie mir: Es ist wirklich 3D, wie die Erde im Weltall zu hängen scheint, wenn man sie durch die dafür vorgesehene Brille betrachtet. 

Nicht nur die Erde können wir im modernen Planetarium von außen betrachten, sondern auch unser Sonnensystem, die Milchstraße und … naja, nicht das ganze Universum, aber alle Datensätze, die die Astrometrie bereits vermessen hat: von den Sternen der Milchstraße bis hin zu den fernsten Quasaren. 

 

Sterntheater Ursensollen
Technik des Sterntheaters: die Kuppel hängt schräg im Raum, die ca 30 Plätze sind unidirektional ausgerichtet und das Bedienpult befindet sich dahinter. Im Serverraum das gewohnte Bild… nur, dass diese Technik mal nicht von Zeiss ist. Wie auch immer: Als Planetarier wie auch als Gast muss man es einfach lieben: wunderschön!

Die Einrichtung wurde auf einer abgelegenen Bergkuppe gebaut, wo es “schön dunkel” für die Sterngucker ist. Des nachts gibt es also auch einen phantastischen Himmel und die Hobby-Astros der gesamten benachbarten bayerischen und fränkischen Regionen, die hier Mitglied sind, zeigen auch stolz ihren Sternhimmel durch die Teleskope. 

Wer hat es gebaut?

Eigentlich war der Hobbyastronomie-Verein aus Amberg auf der Suche nach einem guten Beobachtungsstandort. Eine Wiese bei Ursensollen erschien dafür geeignet.
Die Gemeinde Ursensollen war ihrerseits auf der Suche nach Entwicklungspotenzialen. Man wollte den Tourismus ausbauen und überlegte, wie man die Beziehungen zur tschechischen Nachbarschaft verbessern kann. Dafür aber gibt es praktischerweise EU-Fördermittel, so die Gemeinde bzw. der Regierungsbezirk und die EU zusammenlegten, um dieses wunderbare Haus zu errichten. Nun sind die Sternfreunde -ehemalsAmberg- Ursensollen, eine wachsende Gruppe von Anhänger:innen moderner Medientechnik, eifrig dabei, das Haus honorarfrei zu bespielen – einfach, weil sie Spaß daran haben. Eintrittgelder werden 100% in die technischen Betriebskosten gesteckt.  

Nachdem der Anfang gemacht ist, das Haus steht und der Betrieb aufgenommen wurde, fragt man sich, was daraus werden wird. Man könnte Zeltlager für Jugendliche im Rahmen des deutsch-tschechischen Jugendaustausches (förderbar von Tandem) organisieren und viele junge Menschen an dem Vorführspaß teilhaben lassen. Da das Haus einen erklärten Bildungsauftrag hat und sich der Esoterik verweigert, könnte man Naturlehrpfade oder andere Wanderwege hinzufügen. Events wären eine punktuelle Option, aber auch eine generelle, ökologisch nachhaltige Infrastruktur-Entwicklung dieser Region mit nachhaltigem Tourismus und Naturkunde würde das diese Wunderkammer so richtig zur Geltung bringen. 

 

Einen Besuch wert! 

Nachdem es pünktlich zu Beginn der Pandemie öffnete, hat sich dieses schnuckelige kleine Planetarium noch nicht ganz herumgesprochen. 

Ein Manko gibt es nämlich: die Infrastruktur des 9€-ÖPNVs ist noch nicht bis hierher gewachsen. Formal soll es innerhalb von Bayern natürlich Zugverbindungen nach Amberg geben, aber de facto unterliegen diese dem derzeit gewohnten Sommerchaos (Zugverspätungen, Zugdefekte, Oberleitungsstörung zwischen Landshut und Regensburg, zu wenig SEV-Busse, und andere Unpässlichkeiten) und der Lokalbus von Amberg nach Ursensollen fährt – wenn man Glück hat – zwar stündlich, wartet aber nicht auf jeden ankommenden Zug. So kann es passieren, dass man aus Regensburg eine Stunde später am Planetarium ankommt, als man laut Fahrplan sollte. Wer also eine bestimmte von den zwei Wochenend-Vorführungen im Planetarium erwischen möchte, sollte lieber gütlich Zeit einplanen – oder mit dem Auto anreisen, auch wenn diese aberwitzige Empfehlung langfristig die schöne Natur der Gegend schädigen wird. Hoffen wir mal, dass der außerordentlich engagierte Bürgermeister von Ursensollen (bzw. der Gemeinderat) es auch noch schafft, eine Magnetschwebebahn von Amberg nach Ursensollen einzurichten. 😉

Auch eine Wirtschaft im Ort, die abends länger geöffnet hat und wo man nach einem Planetariumsbesuch noch dinnieren kann, wäre ein Träumchen – aber das wird sich automatisch entwickeln, wenn man bessere Infrastruktur und dadurch mehr Gäste hat. Vielleicht möchte man ja aber auch gar nicht viele Gäste, sondern wenige, die dafür mehr an der Natur interessiert sind?

Der Möglichkeiten gibt es viele und wir sind zuversichtlich, dass die fleißigen Bajuwaren, Oberpfälzer und Franken dieses Juwel in ihrer Landschaft in naher Zukunft noch weiterentwickelt werden. 

Von Nürnberg und von Regensburg ist es nur ca. 1 Stunde Fahrt und – vllt. in Kombinationen mit nahen Tropfsteinhöhlen – auf jeden Fall einen Familien-Wochenend-Ausflug wert!

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

7 Kommentare

    • Danke für den Hinweis – aber an welcher Textstelle habe ich etwas falsches oder missverständliches dazu geschrieben? Welchen Satz soll ich ändern?


      • … die Hobby-Astros der gesamten fränkischen Region…
        es ist das “fränkischen”. Das schließt die Oberpfalz, zu der Ursensollen gehört, aus, da sie nicht zu einem der fränkischen Regierungsbezirke Bayerns (Ober-, Mittel- oder Unterfranken) gehört. Hinzu kommen noch einige volksgruppenspezifische Animositäten zwischen Franken und Bayern deren Erklärung hier aber zu weit führen würde, nur soviel, Oberpfälzer sind keine Franken.

  1. Susanne M. Hoffmann,
    Sie brauchen nichts zu ändern, habe ich auch nach genauem Lesen gemerkt,
    nur war ich bei Amberg und Franken etwas verwirrt.
    Wir haben nämlich Verwandtschaft in dieser Gegend.

  2. Mir wurde gesagt, dass die Sternfreunde aus einem sehr großen Einzugsgebiet kommen. Ich weiß nicht mehr, ob das gesagt wurde, aber in meinem Kopf entstand bei “von sehr weit her” eine Karte von der tschechischen Grenze bis Hof und kurz vor München … daher dachte ich (sorry) tatsächlich an fränkisch und bayerisch und nicht nur sehr lokal in Regierungsbezirken. Das mag ich völlig missverstanden haben. Sie dürfen aber gern ergänzen, was auch immer Sie meinen, das an Lokalpatriotismus noch geschürt werden muss, wenn man sich über Planetarien unterhält und eigentlich den Geist fürs All öffnen sollte. Al(l)s ob nicht von dort alles “was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein” wirken muss.

    • “…, plötzlich nichtig und klein.” – Alfons Yondraschek lässt herzlichen grüßen!

      Vielen Dank für das Vorstellen dieser astronomischen Institution! Bei meinem nächsten Besuch in Deutschland werde ich einen Besuch dort einplanen.

      Herzliche Grüße aus Ulan Bator

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