Linus Pauling und seine Begeisterung für Vitamin C

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Der 19. April 1968 gilt als Geburtsstunde der „orthomolekularen Medizin“. An diesem Tag prägte der Nobelpreisträger Linus Pauling den Begriff in einer Publikation in der Zeitschrift Science. Die orthomolekulare Medizin geht davon aus, dass man viele Krankheiten durch die Gabe von hochdosierten „Vitalstoffen“ vermeiden oder behandeln kann – Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen.

Für Pauling war die Veröffentlichung 1968 erst der Anfang. Später war er vor allem von Vitamin C regelrecht besessen.  Er empfahl täglich 1000 mg Vitamin C (gut ein 10-faches der empfohlenen Dosis) zur Vorbeugung von Erkältungen und meinte, das würde das Risiko um 45% reduzieren. Er behauptete Vitamin C helfe gegen Krebs. Er meinte, Megadosen von Vitaminen verbessern die allgemeine Gesundheit und verlangsamen das Altern. Er selbst konsumierte um die 40g Vitamine am Tag (siehe hier).

Das ist natürlich maßlos übertrieben. Zwar sind Vitamine wichtig und es gibt Krankheiten, die auf eine Mangelernährung zurückzuführen sind. Im Allgemeinen aber sind Menschen, die sich vernünftig ernähren, mit Vitaminen ausreichend versorgt. Dennoch glauben auch heute noch viele Menschen, sie tun ihrem Körper etwas Gutes, wenn sie große Mengen Vitamine schlucken. Und diesen Irrtum hat Pauling entschieden geprägt.

Es lohnt sich daher, den Anfang der orthomolekularen Medizin genauer unter die Lupe zu nehmen. Wie kam Pauling auf seine Idee? Und warum hat er sich im Laufe seines Lebens immer mehr darauf versteift?

Das Paper vom 19. April 1968

In dieser ersten Publikation vor 50 Jahren geht es ausschließlich um die geistige Gesundheit – „orthomolecular psychiatry“ nannte Pauling das. Pauling argumentiert, dass viele geistige Erkrankungen durch die Gabe großer Mengen von Vitaminen geheilt werden können.

Zunächst schreibt er über die Evolution. Im Laufe der Evolution kann die Fähigkeit, bestimmte Stoffe per Eigensynthese herzustellen, verloren gehen. Das ist nicht weiter schlimm, so lange diese Stoffe als Vitamine aus der Nahrung bezogen werden. Wenn sich jetzt aber die Umwelt ändert, kann es sein, dass die Versorgung über die Ernährung nicht mehr ausreicht. Man kann nicht unbedingt davon ausgehen, meint Pauling, dass der Körper die richtige Menge aller nötigen Substanzen aus der Nahrung zieht.

Danach geht es um Reaktionsraten und darum, dass man einem Enzymdefekt theoretisch entgegenwirken kann, wenn man große Mengen an Substrat anbietet. „These considerations obviously suggest a rationale for megavitamin therapy“, folgert Pauling.

Nun kommt Pauling auf Krankheiten zu sprechen. Er zählt einige Erkrankungen auf, die durch einen Vitaminmangel verursacht werden und mit geistigen Symptomen einhergehen: Perniziöse Anämie oder Pellagra. Er zitiert zwei Studien, die besagen, dass Patienten mit geistigen Erkrankungen oft unter Vitaminmangel leiden. Er zitiert Studien von Osmond und Hoffer, nach denen Vitamin B3, als Zusatz zu einer herkömmlichen Therapie, bei der Behandlung von Schizophrenie helfen soll (die Studien wurden später kritisiert).

Das passt alles sehr hübsch mit seiner Theorie zusammen. Allein, die Datenlage ist weit dünner als seine Schlussfolgerung: „I believe that mental disease is for the most part caused by abnormal reaction rates, as determined by genetic constitution and diet, and by abnormal molecular concentrations of essential substances”.

Eine schöne Geschichte

Trotz der überzogenen Folgerung hat die Theorie – wie soll ich sagen – eine gewisse intellektuelle Eleganz. Sie hat ein bisschen Evolution, ein bisschen Biochemie und ein bisschen Medizin. Sie ist ein Puzzle aus verschiedenen Stücken, die, für sich genommen, nicht unlogisch sind. Und es wäre so schön, wenn es wahr wäre und man viele Erkrankungen des Gehirns einfach mit Vitaminen heilen könnte.

Warum war Pauling so besessen von seiner Theorie? Ich kann nur spekulieren, aber vielleicht hat sie ihm einfach gefallen, weil sie so eine schöne, in sich stimmige, alles erklärende Geschichte abgibt. Ich denke, das ist eine häufige Ursache für Fehlschlüsse – Geschichten, die so schön sind, dass wir sie einfach gerne glauben wollen. Es gibt ganze Listen kognitiver Verzerrungen, die erklären, wie und warum wir falsch urteilen. Vielleicht kann man den „schöne-Geschichte-Effekt“ noch hinzufügen.

Veröffentlicht von

Erst wollte ich Biologin werden – ich habe studiert, promoviert und als Postdoc geforscht. Nun bin ich Wissenschaftsjournalistin und darf jetzt das, was einst mein Leben war, von außen betrachten. Ich schreibe über Lebenswissenschaften, Molekularbiologie und Neurowissenschaften für die Fach- und für die Publikumspresse. Die Zusammenhänge zwischen Wissenschaft und Gesellschaft faszinieren mich schon immer – ihnen widme ich diesen Blog.

9 Kommentare

  1. Damals hatte ich auch an die Wirkung von Vitamin C geglaubt aber nur Durchfall davon bekommen.
    Könnte es sein, dass zwischen natürlichem Vitamin C aus Obst und synthetisch hergestelltem Vitramin C ein Unterschied besteht ?
    Wie dieser Mann 40 g pro Tag verkraftet hat, ist mir ein Rätsel.

  2. Glauben ist stärker als Wissen – auch bei Wissenschaftlern. Die Star-Trek Figur Spock zeigt dagegen jemandem, der seinem Verstand und der Logik jederzeit mehr gehorcht als seinen Gefühlen – und der – wie könnte es anders sein – kein Mensch ist.

  3. Wer macht sich schon die Mühe und hat schon die Zeit, sich gesund und ausgewogen zu ernähren?
    Allerdings bindet Vitamin C sehr stark Kalzium, aber dieses wird den moderneren Präparaten ohnehin zugesetzt.

  4. Dafür hat Pauling übrigens den Nobelpreis bekommen. Heutzutage wird in der orthomolekularen Medizin erst einmal gemessen, nicht nur Vitamine sondern auch Mineralien und Aminosäuren, dann aufgefüllt.
    Haben Sie es mal selbst probiert? 40 Jahre Migräne, weg. Erkältet, vor 2 Jahren ein wenig.
    Wen es interessiert strunz.com

    • Dafür hat Pauling übrigens den Nobelpreis bekommen.

      Unsinn. Den ersten Nobelpreis (Chemie) hat er für die Theorie der Hybridorbitale gekriegt, den zweiten (Frieden) für seinen Einsatz gegen Atomwaffentests. Seine Spinnereien über Vitamin C waren natürlich nicht preiswürdig.

  5. “Seine Spinnereien über Vitamin C” haben ihn immerhin gut über 90 Jahre alt werden lassen und er hat bis ins höchste Alter Vorträge gehalten. Weiterhin sollte ihnen bekannt sein, sofern Sie nicht total ahnungslos sind, das fast alle Säugetiere ihr Vitamin C selbst erzeugen können und wenn man deren erzeugte Mengen auf den Menschen hochrechnet, dann ist es eben nicht mit 0,2 Gramm getan – aber das sind ja für sie Spinnereien.

  6. Wer heute noch ernsthaft glaubt dass die Wissenschaft sich in der Hauptsache um das Wohlergehen der Menschen kümmert, glaubt auch das die Erde eine Scheibe ist. Die Pharma/Chemie-Industrie kann und will nicht zuschauen wenn Heilungserfolge durch billige Vitamine erzielt werden. Es kann ja nicht angehen das man mit billigen Vitaminen, ohne Nebenwirkungen! heilen könnte, man würde ja auf seinen eigenen sehr sehr teuren chemischen Pharmapräparaten, mit teils sehr gefährlichen Nebenwirkungen, sitzen bleiben. Hinzu kommt noch das sich diese Naturprodukte nicht patentieren lassen. Die meisten „wissenschaftlichen“ Studien dienen nur einem Zweck: Diffamierung!
    Mein Hausarzt hat auch immer vor hohen Vitaminüberdosen „gewarnt“, wie gefährlich das für die Gesundheit sein könnte etc. Aber gut, er wusste es ja nicht besser, hat ja auch keine zwei Nobelpreise, nicht 40 Jahre in Sachen Vitaminen geforscht, wie Linus Pauling. Fakt ist das die Werte der DGE niemanden heilen. Fakt ist das ich meine quälenden arthritischen Fußschmerzen durch „Überdosen“ von Vitamin D3+K2 in Verbindung mit Magnesium verschwunden sind, ganz ohne giftige Nebenwirkungen.

  7. “Danach geht es um Reaktionsraten und darum, dass man einem Enzymdefekt theoretisch entgegenwirken kann, wenn man große Mengen an Substrat anbietet. ”

    Pauling hat also gemäß dem Massenwirkungsgesetz den Schluß gezogen, daß die Richtung einer chemischen Reaktion – ohne Katalysator – von den Konzentrationen der Ausgangsstoffe bzw. des Produkts abhängt. Katalysatoren wie Enzyme können Richtung und Geschwindigkeit der Reaktion definieren, wenn sie aber fehlen, müsse das durch die Steigerung der Konzentration eines der Ausgangsstoffe erzwingen. Damit hat es sicher nicht ganz unrecht. Allerdings sind dieselben Ausgangsstoffe an einer Vielzahl von chemischen Reaktionen beteiligt, die von unterschiedlichen Enzymen/Katalysatoren gefördert werden, was bedeutet, daß allein mit der Steigerung e i n e s Ausgangsstoffes eine Vielzahl von Reaktionen, auch unerwünschten, erzwungen werden kann. Und da uns beispielsweise bei Vit. C überhaupt nicht bekannt ist, bei welchen Reaktionen es überhaupt als Ausgangsstoff beteiligt ist, erscheint mir dieser “Erzwingungsansatz” recht blauäugig .

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