Der Siegeszug des Verzichts – Online-Lesung mit Spektrum-Redakteur Steve Ayan

In Zeiten von Corona müssen wir auf vieles verzichten. Doch Verzicht kann auch etwas Positives sein. Wir können auch langfristig Verzicht lernen, um nachhaltiger zu leben.

5 Kommentare

  1. Verzicht ist ein gutes Thema für Gehirn&Geist, denn bei Verzicht geht es um psychologische, das Selbstbild und den Auftritt in der Peergruppe betreffende Phänomene wie die Fähigkeit zur Selbstkontrolle und die Beziehung zur Welt, wobei „Verzicht“ ja positiv konnotiert ist und man als „Verzichter“ zu den Guten gehört (sogar Google will gut sein).
    Weil Verzicht aber oft kompensiert wird (Wohlhabende ohne Auto fliegen nachgewiesenermassen häufiger, auch Wähler der Grünen gehören zu den Vielfliegern ). tut man mit Verzicht, der vor allem das Selbst- und Fremdbild polieren will, der Welt gar nicht so viel Gutes.
    Es gibt eine Alternative zum Verzicht: die Suffizienz, wobei ich hier vor allem den Aspekt „Entschleunigung und Abwerfen von Ballast“ betonen möchte. Zur Suffizienz gehört aber auch eine ethische Einstellung, nämlich der Wunsch etwa das eingesparte Geld bei einer suffizienten Lebensweise andern zugute kommen zu lassen – andern, denen das Geld fehlt. Der (Tierrechts-)Philosoph Peter Singer etwa sagt er gebe Gespartes an Entwicklungshilfeprojekte. Das finde ich gut und viel echter und wirkungsvoller als der Verzicht aus Selbst- und Fremdbildgründen.
    Allerdings teile ich Peter Singers Tierrechtsvorstellungen nur zum Teil. Fleisch essen ist für mich kein moralisches Problem, sondern es ist eine sinnvolle Nahrungskomponente, bei der es allerdings genügt, 1 bis 2 Mal im Monat davon Gebrauch zu machen. Wenig Fleisch essen ist für mich kein Verzicht und ich kann die nicht verstehen, die nach Fleisch🥩 lechzen. Unethisch finde ich aber die Ausrottung von Tierarten und falsch sind die immer grösseren Flächen der Erde, die nur der Nahrungserzeugung dienen, denn der Mensch ist für mich in der Tat nur ein Lebewesen unter anderen.

  2. Der VERZICHT ist wohl der größte Feind des Kapitalismus, denn dieser will Umsatz machen, Gewinne und Dividende. Wer verzichtet, konsumiert nicht, ist uninteressant, verzichtet auf materielle Werte, auf Spekulationen an der Börse, auf Raffgier, Besitzstreben, Luxusautos, Luxusvillen, dicke Bierbäuche, Fettleber etc….. kurz auf all das, was das Leben lebenswert macht, so jedenfalls die medialen Gebetsmühlen. Menschenverzichten erst, wenn ihnen das Wasser bis zum Halse steht, wenn die Saharasandstürme durch deutsche Großstädte wehen oder die Ostseewellen Berlin unterspülen. Bis dahin ist grenzenlose Party angesagt…

    • @Querdenker (Zitat):

      Der VERZICHT ist wohl der größte Feind des Kapitalismus

      Zustimmung. Aber anstatt Kapitalismus würde ich eher sagen, Verzicht und Genügsamkeit ist der grösste Feind von Vorwärtsstreben und der grösste Feind einer auf Schulden und Abzahlung von Schulden beruhenden Lebensweise.

      Wer verzichtet, der ist weniger von anderen und ihren Dienstleistungen abhängig und er schuldet damit auch weniger Gegenleistungen. Verzicht ist also Verzicht auf Begierde, auf Haben- und Besitzenwollen, auf das Bestreben, auf jeden Fall und um jeden Preis zu existieren. Und das ist letztlich ein buddhistischer Gedanke.
      Wer aber will auf alle Chancen in seinem Leben verzichten? Kaum jemand. Deshalb wird in unserer Gesellschaft Verzicht nur punktuell eingesetzt: man verzichtet auf das Steak um sich mit etwas anderem zu belohnen, man beweist mit temporärem Verzicht Willensstärke wie im von der Psychologie bekannten Marshmallow-Test, in dem ein Kind während 10 Minuten oder so auf einen Marshmallow verzichtet und als Belohnung dann zwei Marshmallows erhält.

  3. “Wir können auch langfristig Verzicht lernen, um nachhaltiger zu leben.”

    Um nachhaltiger / wirklich-wahrhaftig zu leben, müssen wir lernen unser Zusammenleben global in Gemeinschaftseigentum OHNE die Symptomatik des “freiheitlichen” Wettbewerb zu organisieren – Ohne das zynisch-wettbewerbsbedingte Unternehmertum (Erpressung, Ausbeutung und Unterdrückung), werden wir die vor allem umweltbelastende Überproduktion von quantitativ-profitorientierten Kommunikationsmüll beenden, was bedeutet: Es wird konsequent nur nach ökologisch-ökonomischem Bedarf EINE Qualität auf neuesten Stand der Technik produziert, bzw. alle Werte ohne manipulative Schwankungen demokratisch verwaltet.

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