Significant Details: Kolloidforschung mit Limonade

Fast alle Interviews in „Significant Details“ sind in den Büros der Wissenschaftlerinnen gedreht, denn wir wollten sie in ihrem „natürlichen Habitat“ erleben und möglichst wenig inszenieren. Allerdings mussten wir einige Büros dazu ziemlich radikal aus- und umräumen, um genug Platz für Kamera und Licht zu schaffen (was die Forscherinnen zum Glück allesamt sehr sportlich nahmen).

In Katharina Landfesters Büro mussten wir nicht nur Besprechungstisch, Grünpflanzen und ein paar Aktenordner verrücken, sondern auch Kinderbett, Spielecke und Plüsch-Nilpferd. „Für mich ist das ganz wichtig“, sagt die Direktorin am Max-Plack-Institut für Polymerchemie in Mainz. „Ich muss Beruf und Familie miteinander kombinieren, damit ich einfach selber frei atmen und überleben kann.“ Und dieses Kombinieren betreibt sie mit großer Konsequenz. Im ersten Jahr hat sie jedes der beiden Kinder überall mit hingenommen, ins Büro, auf Dienstreisen und auch zu Vorträgen vor großem Publikum. „Ich dachte mir, wenn das Kind anfängt zu schreien, dann sind ja vierhundert Leute da. Irgendjemand wird sich da schon erbarmen, das Kind zu nehmen.“ Dazu ist es aber nie gekommen. „Die Kinder waren ausnahmslos immer ruhig. Die Vorträge schienen so langweilig gewesen zu sein, die schliefen immer nach fünf Minuten ein.“

Einmal fing die Tochter allerdings doch an zu brüllen – ausgerechnet beim Uni-Präsidenten. „Das war ein Schlüsselerlebnis für mich“, sagt Frau Landfester und erzählt, wie sie mit dieser etwas heiklen Situation umgegangen ist.

Den Mut, auch ungewöhnliche Wege zu gehen, hat sie, wie sie sagt, auch von ihren Mentoren übernommen. Die seien für sie extrem wichtig gewesen, nicht nur, weil sie sie wissenschaftlich an ihre Grenzen gebracht haben, sondern auch, weil es „im Prinzip immer egal [war], ob ich eine Frau oder ein Mann war. Das war auch für mich sehr angenehm, einfach als Wissenschaftlerin akzeptiert worden zu sein. Eine Wissenschaftlerin, der alles zugetraut wurde.“

Das „signifikantes Detail“ ist übrigens eine Flasche mit Limonade aus Amerika – aber die Geschichte von der “Wohlfühldichte” erzählt Frau Landfester im Interview am besten selbst.

Über ihre Art, Forschung und Familie unter einen Hut zu bringen, schreibt sie auch im Buch „Professorin und Mutter – wie geht das? 28 Berichte vom alltäglichen Spagat zwischen Familie und akademischer Karriere“.

 

Mein Name ist Kerstin Hoppenhaus. Ich habe Biologie studiert und später Wirtschafts- und Wissenschaftsfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg. Neben zahlreichen Beiträgen für Wissenschaftsmagazine im öffentlich-rechtlichen Fernsehen (SWR, 3sat, ZDF) habe ich Dokumentarserien für Arte und die ARD als Regisseurin realisiert. Seit dem Frühjahr 2011 bin ich außerdem als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Leuphana Universität Lüneburg tätig. Die Aluscheibe am Schlüsselbund im Profilbild ist mein eigenes "signifikantes Detail": eine Spindmarke aus dem VEB Braunkohlekombinat Bitterfeld, die ich vor fast zwanzig Jahren gefunden habe, als ich als Werksstudentin am Bauhaus Dessau gearbeitet habe. Damals war ich noch Biologin und in meiner Arbeit ging es eigentlich um die Wasserkäferfauna in der Muldeaue. Aber die Muldeaue ist eingebettet in eine großartige Landschaft voller Widersprüche, mit Gärten und Parks, riesigen Braunkohlerestlöchern und Seen, Abraumhalden und zahllosen alten, oft sehr traditionsreichen Industrieanlagen. Und diese Landschaft interessierte mich mindestens so sehr wie die Käfer. Als ich anfing in Dessau zu arbeiten, waren die meisten der Industriebetriebe schon geschlossen. Übrig waren nur noch stillgelegte Maschinen, verlassene Werkhallen und kilometerlange Rohrleitungen in unterschiedlichen Stadien des Verfalls. Tagelang bin ich mit Kollegen vom Bauhaus durch diese "stalkereske" Szenerie gezogen und ich glaube, dass ich in dieser Zeit angefangen habe, mich für das Dokumentarische zu interessieren. Seltsamerweise habe ich aus dieser Zeit kaum Fotos und so ist die kleine Spindmarke eins meiner wenigen greifbaren Erinnerungsstücke aus dieser Zeit. Ich halte sie in Ehren.

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  1. Oh…

    Dieser Blog sieht ja sehr spannend aus! Da will ich doch auf jeden Fall blognachbarlich herzlich grüßen!

    Die bisher eingestellten Videos schaue ich mir auf jeden Fall die kommenden Tage ausführlicher an und verlinke sie ggf. über soziale Medien und meinen Blog auch gerne weiter. Den Ansatz, hier endlich auch Wissenschaftlerinnen zu Wort kommen lassen, finde ich super!

    Über eine bedeutende, aber in Deutschland noch fast völlig unbekannte Forscherin des 19. Jahrhunderts habe ich auch eine sciebook-Biografie veröffentlicht:
    https://scilogs.spektrum.de/…cherin-die-erste-pastorin

    Viel Erfolg mit der guten und wichtigen Blogidee!

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