Herzlichen Glückwunsch – es ist ein Nerd!

Ein Gastbeitrag von Jana Manina Nix anläßlich der 5. Nerd Nite in Berlin:

Wann würde eine TV-Serie über Nerds ausgestrahlt werden? Pro Sieben denkt morgens um 7:00 Uhr und mittags um 12:30 Uhr. Und vermutlich geben sie vielen Nerds damit eine reelle Chance "The Big Bang Theory" tatsächlich anschauen zu können und das ohne, dass sie ihren normalen Tagesablauf umstellen müssen. Da wird das erste Mal das Klischee des Nerds in einer eigenen Soap umgesetzt, zwei Physiker in einer WG und zwei Freunde, natürlich Kollegen desselben Instituts, die ständig zu Besuch sind, in der Wohnung nebenan eine Blondine, die es vermag, die vier von Zeit zu Zeit ins wahre Leben zu entführen.

Aber was ist das wahre Leben? Für Nerds? Klischeemäßig wäre die Woody-Allen-Hornbrille zu nennen, im CD-Player hört man Kittenz and TheeGlitz von Felix Da Housecat und spätestens seit dem Artikel vom Online Magazin Glee sind sie nicht nur schlau, sondern auch die besseren Liebhaber, weil sie die Formeln kennen, die "man beherrschen muss, um einen Körper aufschreien zu lassen", so die Autorin Christina Millano.

Und was treibt Nerds an? Warum ist der Computer ein weiteres Organ ihres Körpers, das mittels antistatischem Tuch liebevoll gepflegt wird? Warum findet man bei ihnen auch auf der Toilette ein LAN-Dose? In der Hosentasche haben sie selten den Personalausweis, Taschentücher sind Zufall, aber der Notizblock ist immer zur Hand. Falls sie sich, manchmal auch einfach auf Drängen der Partnerin hin, zwischen Freunden in der Kneipe wiederfinden, sind sie nur mit halben Hirn dabei, die andere Hälfte ist in der Wissenschaft. Ob es Formeln sind, Code oder auch Experimentier- vorrichtungen, alles kann und muss notiert werden können, wenn es in den Kopf kommt. Entgegengebrachtes Unverständnis wird wiederum nicht verstanden – ist doch alles ganz normal.

Normal ist auch die hervorragende soziale Kompetenz, die allerdings nicht per Austauschen von Fußballergebnissen bewiesen wird, sondern per Mausklick in den unendlichen Weiten des webs. Dass wahrzunehmende Termine in der Welt der Anderen eine dynamische Angelegenheit sind, ist selbsterklärend. Anpassungsfähigkeit wird auch bewiesen, man hat ja mitbekommen, das zu einem "Hi!" irgendwie auch ein "Entschuldigung, ich bin zu spät." gehört, was soll‘s, man bricht sich damit ja keinen ab.

"Wie, die Hose ist zu kurz?" Ja, ist sie. Macht aber nichts. Du bist ein Nerd, du darfst das. Modeerscheinungen, Trends im TV, Bundesligaergebnisse, die neuesten Autos, Abkürzungen wir GZSZ oder DSDS können nur zufällig erklärt werden, wenn irgendwie auf Umwegen das zeitverschwendende Wissen doch den Weg ins eigene Hirn fand. Man kann aber davon ausgehen, dass solcherlei Daten genauso schnell wieder verschwunden sind, wie der Geburtstag der Schwiegermutter oder das Datum des ersten Kusses mit der Liebsten.

Apropos Liebste! Was bedeutet es eigentlich, mit einem Nerd zusammenzuleben? Eines ist einfach: Man findet sehr schnell und sehr leicht passende Geschenke. Und die doppelte Überraschung ist meist garantiert, weil der Geburtstag wieder vergessen wurde oder das Weihnachtsfest doch schon nach 365 Tagen wieder auf dem Kalender stand.

Und sonst? Manchmal kommt man beinahe auf die Idee, einen Nerd zu lieben sei super einfach, alles funktioniert ja, wie im manual beschrieben. Nur ist es leider so wie bei allen Handbüchern oder Programmierungen: Bugs sind drin, vielleicht auch mit Absicht von der Mutter versteckte Ostereier, die man nach dem Drücken bestimmter Tastenkombinationen erwischt, natürlich grundsätzlich im absolut falschen Augenblick und immer total überfordernd. Ruhe bewahren heißt es nun, zehn mal leise "Er ist ein Nerd." vor sich hinflüstern und im Normalfall ist dann auch alles schon wieder vorbei. Denn eigentlich, eigentlich sind Nerds ganz lieb. Schaut man in ihre Augen, blickt man in pure Unschuld, schaut man tiefer in ihre Seele, merkt man, sie wollen nur wissen – und zwar alles. Sie wollen verstehen, sie sind allergisch auf Langsamdenker und suchen nach Ihresgleichen. "Befördert sie alle." sage ich nur, um mit Jack Nicholsons Worten zu sprechen. Sie wollen keinem etwas Böses und sie sind zu intelligent, um zu intrigieren. Nerds an die Macht, es würde uns allen besser gehen.

Zum Abschluss habe ich dennoch eine Frage: Gibt es eigentlich auch weibliche Nerds? Und wenn ja, warum nicht?

Ich schau mir jetzt auf Youtube eine Trauung an: Ein japanischer Nerd heiratet eine Videospielfigur. "Bis dass der Tod Euch scheidet…"

 

die Autorin:

Jana Manina Nix ist Texterin und Expertin im Bereich Marketing und Usability. In diesem Zusammenhang arbeitet sie als Dozentin und Coach. In den vergangenen Jahren ist sie auch als Co-Autorin verschiedener Bücher aus den Bereichen Content Management und Webprogrammierung aufgefallen.
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das blog:

Es gibt Ideen und Konzepte philosophischer Provenienz, die unser Verständnis von der Welt, auf die wir beschränkt sind, konstituieren: Aristoteles z.B. war der erste, der auf die Idee kam, Fragen nach der Identität von Gegenständen systematisch dadurch zu beantworten, daß er die Mengen der Eigenschaften dieser Gegenstände abglich. Heute scheint uns seine Idee so selbstverständlich zu sein, daß uns das Theoretische an ihr kaum einleuchten will. Doch wie würde unsere Physik, die Wechsel- wirkungen zwischen verschiedenen Teilchen in Termen von Eigenschaften dieser Teilchen analysiert, ohne Aristoteles Idee wohl heute aussehen? Ganz analog gibt es viele Fragen nach den Folgen neu aufkommender naturwissenschaftlicher Erkenntnisse für unser Selbstverständnis als Personen z.B.:

1) ”Haben wir wirklich einen freien Willen oder müssen wir uns angesichts der Tatsache, daß mentale Aktivität einen physiologischen Träger zu haben scheint, damit begnügen, im übertragenen Sinne nur Gast im eigenen Haus zu sein?”

2) ”Wenn Bewußtsein durch neuronale Aktivität zustande kommt, warum beziehen sich unsere Gedanken und Gefühle nicht z.B. auf Axone, Dendriten oder C-Fasern, sondern z.B. auf bürgerliche Gegenstände wir Tische, Reißverschlüsse oder Goldhamsterlaufräder?”

3) “Reicht die Prinzipien der Evolution bis in unsere Psyche hinein oder ist das Reich des Geistes von ihnen unabhängig?”

Die Ansichten darüber, was von Philosophen unter diesen Umständen erwartet werden sollte, divergieren. Nach meiner Meinung sollten sie diejenigen begrifflichen Rätsel lösen, die die betreffende Kultur gerade interessieren. Entsprechend verfolgt dieser weblog “On Mirrors, Myths and Mutinies” die philosophischen Zutaten, auf die unsere alltägliche, kognitive und mentale Aktivität zurückgreift, unter zwei Aspekten:

a) Neurophilosophie – dieser blog will dazu beitragen, Reichweite und Bedeutung neurowissenschaftlicher Forschungsergebnisse für alte und neue philosophische Rätsel korrekt einzuschätzen.

b) Philosophie der Psychologie – es geht hier auch darum, Mythen über die immaterielle und scheinbar historisch invariante, psychische Natur der menschlichen Spezies zurückzudrängen. Insbesondere interessiert mich die Analyse der Alltagspsychologie.

Und last not least will dieses blog seine Leser dazu zu ermutigen, selbst den philosophischen Untiefen unseres Geistes nachzugehen. Daher sind Gastbeiträge in diesem blog jederzeit willkommen. Schreiben Sie einfach eine email an:

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der Autor:

Elmar Diederichs studierte Physik, Philosophie und Jura an der Georg-August-Universität Göttingen und promovierte in Mathematik an der Freien Universität Berlin. Im Moment forscht er am Weierstraß-Institut in Berlin und am Department of Statistics der UC Berkeley (CA).

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6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Weibliche Nerds

    Hier! 🙂
    (Mensa-Mitgliedschaft, Trekkie, Geek-Test bestanden, Zweitwohnsitz im Internet, Brille – die ich niemals durch Kontaktlinsen eretzen würde – vorhanden. Ich hoffe, damit bin ich qualifiziert.)

  2. @Twitter Follower: Qualifikation

    Ich frage mich derzeit, ob ein Nerd selbst überhaupt von Qualifikation sprechen würde. Dadurch klingt es nämlich, wie die Aufnahme in eine elitäre Gruppe alla Mensa. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Nerds zwar auf der einen Seite stolz sind, aber auf der anderen Seite darunter zuweilen einfach auch nur leiden. Ich glaube nämlich, dass es für einen Nerd manchmal sehr viel schwieriger ist, unter den Bedingungen unserer Gesellschaft glücklich und zufrieden zu sein, ohne ausgegrenzt zu werden.

  3. Hmja.

    Ich kenne einige Leute, die die meisten der aufgezählten Kriterien (minus Mensa-Mitgliedschaft, Respekt) erfüllen, aber trotzdem keine Nerds sind. Im Fall von @bewitchedmind bleibt aber zu konstatieren: Definitiv Nerd.

  4. Frage zu:

    Modeerscheinungen, Trends im TV, Bundesligaergebnisse, die neuesten Autos, Abkürzungen wir GZSZ oder DSDS können nur zufällig erklärt werden, wenn irgendwie auf Umwegen das zeitverschwendende Wissen doch den Weg ins eigene Hirn fand.

    Frage:
    Muss man nun ein Nerd sein, wenn einem Obgenanntes nicht interessiert?
    Kann es nicht sein, dass sich fuer Obgenanntes sich vor allem Beklopfte interessieren,
    da es sonst nichts gibt, um das geistige Vakuum zu fuellen?

    Nur ein kleiner Hinweis, die Hose ist nicht zu kurz, sondern zu lange (angeblich).

    Die Erinnerung an Ereignissen der Vergangenheit in ungefaehr Vielfachen der Dauer einer Erde um die Sonne-Umrundung ist, dank des Guten Essens dafuer bereiteter Speisen nicht ganz unwichtig, dennoch ein notwendiges Uebel.

    Bevorstehende Geburtstage werden ohnehin vom Umfeld lange genug zuvor ‘angekuendigt’, um ja nicht auf einen Gluechwunsch-Telefonanruf zu vergessen.

    Taschentuecher haben einen grossen Nachfuellbedarf dank kleiner Packungsgroessen, ganze Klopapierrollen sind die bessere Alternative, dank groesserem Vorates.

    Ein Computer kann ein Werkzeug sein, ist aber keineswegs ein liebevoll gepflegtes ‘Organ’, sondern ein Werkzeug, das nur hin und wieder der Reinigung von angesammelten Staub bedarf.

    Nach obiger Definition kenne ich zumindest einen weiblichen Nerd, oder blos eine normale Person?

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