von Herren und Doktoren

BLOG: Quantenwelt

Gedanken eines Experimentalphysikers
Quantenwelt

Dienstpost erreicht mich oft mit der Anschrift H. Schulz. Das H steht hierbei nicht etwa, in Verwechslung mit meinem Vater, für Herbert oder, wie es bei meinem Onkel anzunehmen gewesen wäre, für Horst. Es steht für Herr. Wir sind also, was Briefe der Verwaltung anbetrifft alle vornamenlose Herren und Damen. Letztens erreichte mich sogar irrtümlich ein Brief für Carola Schulz; ebenfalls mit der Anschrift H. Schulz. Da befand sich der Absender also nicht nur was die Abteilung, sondern auch was das Geschlecht betraf im Irrtum.

Nachdem ich fünf Jahre in Schweden gelebt habe und viel Kontakt mit Briten, Australiern, Kanadiern und eben auch Schweden habe, kam mir diese Vornamenlosigkeit in Deutschland etwas eigenartig vor. In Schweden hätte mich niemand mit Herr Schulz angeredet und das auch noch ernst gemeint. Auch unsere britischen Detektorentwickler haben mich nie mit Mister Schulz, sondern gleich mit Joachim angeredet. Sind wir Deutschen die letzten Siezer?

Die Bezeichnung Herr oder Frau ist ursprünglich eine Adelsbezeichnung, die sich erst im 19. Jahrhundert höflichkeitshalber als Anrede für alle Stände durchgesetzt hat. Heute steht jedoch auf den Namenschildern der Supermarktverkäuer nicht mehr Brigitte Schröder oder Heinrich Schuster (Namen frei erfunden), sondern Frau Schröder und Herr Schuster, als ob uns Kunden nicht mehr zuzutrauen wäre, die Höflichkeitstitel selbst voran zu stellen. Und ab und zu erlebt man es sogar, dass sich jemand vorstellt: “Guten Tag, ich bin Frau Schneider”.

Diese, sicher nicht so gemeinte, Titelanmaßung hört offenbar nicht bei der Anrede auf. Nun stehen 100 Professoren unter Korruptionsverdacht. Sie sollen mit Doktortiteln gehandelt haben. Was kann solch ein Doktortitel eigentlich wert sein? Was gewinnen die Käufer durch einen erworbenen Doktortitel? Mein Titel, Dr. rer. nat., weist mich als jemanden aus, der in der Lage ist Naturwissenschaftlich zu arbeiten und der das in einer zusammenhängenden schriftlichen Arbeit und einer mündlichen Disputation unter Beweis gestellt hat. Er weist mich als Experten in der Naturwissenschaft, genauer in der Atomphysik aus. Ein Kniegelenk operieren kann ich damit nicht. Das kann ein nicht promovierter Chirurg besser.

Wenn Doktortitel in Deutschland eine gut bezahlte Handelsware geworden sein sollten, dann scheint mir doch etwas im Wertesystem falsch zu sein. Sollte es nicht eher peinlich als erstrebenswert sein, mit einem gekauften Titel herumzulaufen?

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Joachim Schulz ist Gruppenleiter für Probenumgebung an der European XFEL GmbH in Schenefeld bei Hamburg. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann in der Quantenoptik, in der er die Wechselwirkung einzelner Atome mit Laserfeldern untersucht hat. Sie führte ihn unter anderem zur Atomphysik mit Synchrotronstrahlung und Clusterphysik mit Freie-Elektronen Lasern. Vier Jahre hat er am Centre for Free-Electron Laser Science (CFEL) in Hamburg Experimente zur kohärenten Röntgenbeugung an Biomolekülen geplant, aufgebaut und durchgeführt. In seiner Freizeit schreibt er zum Beispiel hier im Blog oder an seiner Homepage "Joachims Quantenwelt".

6 Kommentare

  1. “Sollte es nicht eher peinlich als erstrebenswert sein, mit einem gekauften Titel herumzulaufen?”

    Sicher! Doch Klein-Lieschen-Müller ist so erzogen, vor einem Dr. auf den Knien zu rutschen. Das haben die Käufer und Verkäufer gemerkt und richten sich danach. Eine Marktlücke eben.
    Stellenanzeige von Klein-Lieschen-Müller:
    Akademikerin sucht Akademiker (selbstverständlich mit Doktorhut -Klein-Lieschen-Müller will schließlich nach oben schauen -der Emanzipation zum Trotze)

  2. Titeltheater

    Ich denke, da hat Dietmar nicht ganz unrecht. Ein Arzt ohne Doktor-Titel muss nicht schlechter sein, wird aber von den “kleinen Leuten” misstrauischer betrachtet als ein Dr. med.

  3. Wertesystem

    Das Wertesystem hat sich doch schon seit langem verschoben bzw. Werte werden einfach preis gegeben. Der schnelle Erfolg zählt und wie wir wissen “heiligt” der Zweck die Mittel. Warum sollte da die Wissenschaftswelt eine Ausnahme machen? Weil die Menschen in der Wissenschaft moralisch besser sind und sich rein von dem Üblem der Welt halten? Es schaffen doch nur wenige gegen den Strom zu schwimmen und sich der gesellschaftlichen Entwicklung zu entziehen, obwohl jeder von sich behauptet kein Opportunist zu sein.

  4. Du und Sie

    In letzter Zeit ist so eine Unart in Mode gekommen. Da wird man gesiezt und mit dem Vornamen angeredet. Das geht gar nicht. Entweder Vorname und du oder Nachname und sie.

  5. Dr.

    (Zynisches zum Dr.)

    Und hast Du auch vor’m Kopf ein Brett,
    das Ego schmückt der Doktor med.
    Und tust Du gern, als wüsst’ Du viel,
    dann rate ich zum Doktor phil.
    Den Banker, der an Börsen zöckt,
    den ziert trotz Gier der Doktor oec.
    Weisst Du von der Natur nicht sehr
    viel, nur manches – Doktor rer.
    nat. sei Dir dann anempfohlen,
    verschied’nen Ortes abzuholen.
    Bist Du des Geists, der Gottes voll,
    empfehl’ ich Dir den Dr. theol.
    Den Besten freilich rat ich zur
    Promotion zum Doktor iur.
    Denn zwischen Recht und Richtigkeit,
    da ist das Feld so richtig weit,
    da hat schon mancheiner, der
    zu nichts ansonst’zu brauchen wär,
    seine Schaf’ in’s Trock’ne bracht.
    In diesem Sinne – gebt jetzt Acht! –
    ist der GIPFEL aber nur
    eins: der Doktor utr. iur.
    Damit kann man’s endlich wagen,
    den Herrgott selber anzuklagen!
    Falls er es schuf, das Kirchenrecht.
    Tat er das? Ich weiss nicht recht…

    Doch schaut:
    Ja selbst des Papstes Rock, der
    deckt ja einen echten Dokter!

    Mit and’ren Worten: promovier!
    Ein “D”, ein “r” – die Welt ist Dir!
    Und stehst Du vor dem Schöpfer dann,
    am letzten Tag, dem sagst Du dann:
    “Mein Herr, in welchem Fachbereich
    promovierten _Sie_ denn gleich?
    Gar nicht? Aha! Daher der Pfusch!”

    Dann geht’s zur Hölle, husch, husch, husch…

    Denn nach dort unten passt Du besser.
    Der Deibel nämlich ist Perfesser!

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