Mit Hochpotenzen für Schlagzeilen

Wenn Berichte über Messergebnisse verunsichern und viel Aufmerksamkeit bekommen, läuft nicht selten etwas schief in der Wissenschaftskommunikation. Genau dies geschieht in jüngster Zeit gehäuft. Ein dringender Appell für mehr Qualität in der Kommunikation über Wissenschaft.

Nun auch noch im Urin. Glyphosat. Bei 2.000 Deutschen steckten laut einer vergangenen Freitag präsentierten Studie mehr als 0,5 Mikrogramm des Stoffes pro Liter im Urin. Erst wenige Tage zuvor mussten wir die Hiobsbotschaft verarbeiten, dass wir von dem Unkrautvernichtungsmittel in hochpotenziger Dosierung sogar trinken – also diejenigen, die gerne Bier zu sich nehmen. Das Umweltinstitut München hatte Glyphosat in nicht repräsentativen Stichproben der beliebtesten Biersorten der Deutschen nachgewiesen.

Am Beispiel Glyphosat zeigt sich seit geraumer Zeit, wie schwer es ist, über Unsicherheiten und mögliche Risiken ausgewogen zu kommunizieren. Vor allem, wenn wir dank Spitzenanalytik Stoffe bis zur x-ten Kommastelle im Hochpotenzbereich nachweisen können und jedermann Labore beauftragen kann, genau dies zu tun.

So manch einer mag sich wundern, dass das Bundesamt für Risiko­bewertung (BfR) laut diesem Bericht jetzt keine Sirenen aufheulen lässt, sondern nach wie vor keine Gefahr für die Gesundheit sieht. Ich will hier nicht mit Zahlen jonglieren. Fakt ist: Es gibt einen Trinkwasser­grenzwert. Dieser ist niedriger angesetzt als die nachgewiesenen Werte in den Bieren und in den Urinproben. Aber es ist eben ein Grenzwert für Trinkwasser. Wir nehmen den Stoff zudem über unsere Nahrung auf. Und auch beim Brauen kommen zum Trinkwasser weitere Stoffe hinzu.

Es ist nicht so, dass ich persönlich es toll finde, dass dieser Stoff – übrigens schon seit Jahren – im Urin nachweisbar ist. Nur ist ein Nachweis nicht gleichzusetzen mit Gefahr.

Was weniger in Frage steht: Die aktuellen Neuigkeiten haben ziemlich sicher mit der anstehenden Verlängerung der Glyphosat-Zulassung auf europäischer Ebene zu tun. Die Argumente, die dazu ausgetauscht werden, hören die wenigsten. Zentrale Streitfrage ist, ob Glyphosat „wahrscheinlich krebserregend“ ist, wie die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der Weltgesund­heits­organisation (WHO) im vergangenen Jahr befunden hat. Und wenn ja, ob Grenzwerte helfen, ein mögliches Krebsrisiko auszuschließen. Das BfR hatte den Stoff dagegen als „wahrscheinlich nicht krebserregend“ eingestuft und Glyphosat bei sachgerechtem Umgang für unbedenklich erklärt.

Hier schwelt ein jahrelanger Disput. Nun schwelt er einem Gipfel zu und wird dank der wiederholten Nachweise des Stoffes auf eine massenmediale Ebene gehoben. Denn leider sind diese Meldungen für dicke Schlagzeilen so prima geeignet. Die Biermeldung wurde von fast allen Medien aufgegriffen. Kein Wunder im Jahr der 500-Jahr-Feierlichkeiten zum Reinheitsgebot. Da fiel wissenschaftsjournalistisch kritisches Hinterfragen der Ergebnisse leider gerne unter den Tisch. Die politisch gewollte Verunsicherung der Studien-Auftraggeber hatte funktioniert. Denn die kritischen Stimmen, die sich im Nachgang erhoben, machten nicht mehr die große Runde.

Immerhin schaffte es eine umfassende Kritik an der Berichterstattung von Philipp Hummel anschließend im Bildblog auf Platz eins. Der Medien-Blog wird von vielen Journalisten gelesen. Als nun am Freitag die Heinrich-Böll-Stiftung zur Pressekonferenz nach Berlin geladen hatte, um die Urin-Messergebnisse zu streuen, waren viele Journalisten glücklicherweise wachsam. Kai Kupferschmidt beispielsweise twitterte live und kritisch direkt von der Pressekonferenz. Und Spiegel Online hat das Thema noch am selben Tag als „Panikmache auf Verbraucherkosten“ eingestuft. Dieses Mal wurde kritisch hinterfragt. Es ist also möglich.

Bei Risikothemen gilt es für Kommunikatoren und insbesondere Journalisten viele Faktoren zu hinterfragen. Vieleicht ist diese kleine Sammlung von Standardfragen für den einen oder die andere hilfreich:

  • Gibt es bereits valide Studien zur Einschätzung des Risikos?
  • Besteht überhaupt ein reales Risiko?
  • Wie ist der Stand der Forschung?
  • Ist die Studie repräsentativ?
  • Sind die Messergebnisse, die Messmethode, die Forschungsmethode valide?
  • Sind die Daten statistisch signifikant?
  • Wer ist Auftraggeber der Studie?
  • Gibt es potenzielle Interessen der Auftraggeber?

Dieser Beitrag erschien zuerst im MERTON Magazin.

Veröffentlicht von

Beatrice Lugger ist Diplom-Chemikerin mit Schwerpunkt Ökologische Chemie. Neugierde und die Freude daran, Wissen zu vermitteln, machten aus ihr eine Wissenschaftsjournalistin. Sie absolvierte Praktika bei der ,Süddeutschen Zeitung' und ,Natur', volontierte bei der ,Politischen Ökologie' und blieb dort ein paar Jahre als Redakteurin. Seither ist sie freie Wissenschaftsjournalistin und schreibt für diverse deutsche Medien. Sie war am Aufbau von netdoktor.de beteiligt, hat die deutschen ScienceBlogs.de als Managing Editor gestartet und war viele Jahre Associated Social Media Manager der Lindauer Nobelpreisträgertagung, des Nobel Week Dialogue in 2012/2013 und seit 2013 berät sie das Heidelberg Laureate Forum. Kommunikation über Wissenschaft, deren neue Erkenntnisse, Wert und Rolle in der Gesellschaft, kann aus ihrer Sicht über viele Wege gefördert werden, von Open Access bis hin zu Dialogen von Forschern mit Bürgern auf Augenhöhe. Seit 2012 ist sie am Nationalen Instituts für Wissenschaftskommunikation, NaWik - und seit 2015 dessen Wissenschaftliche Direktorin. Sie twittert als @BLugger.

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