Der Jahreswechsel – Zeit für Bilanzen und gute Vorsätze

BLOG: Medicine & More

Aude sapere!
Medicine & More

SilvesterPünktlich zu Silvester wird es wieder Zeit für die Neujahrsvorsätze. Obwohl leider die wenigsten davon lange überleben oder gar in die Tat umgesetzt werden, sind sie für viele von uns ein notwendiges Ritual. Warum?

Schon die alten Babylonier kannten gute Vorsätze: So nutzten sie den Jahreswechsel, um die von ihren Nachbarn geliehenen Werkzeuge wieder zurückzugeben. Die Tradition der Neujahrsvorsätze hat sich bis heute bei vielen gehalten. 

Was haben Sie sich Gutes für das nächste Jahr vorgenommen? Das Gleiche wie letztes Jahr vielleicht – wie die meisten von uns? Das wären dann Dinge wie etwas mehr Sport treiben, weniger arbeiten, mehr Zeit mit Freunden und der Familie verbringen, sich gesünder ernähren, ein paar Kilo abnehmen, endlich mit dem Rauchen aufhören oder ein wenig besser mit dem Geld haushalten. Prima, könnte man meinen. Das ist wenigstens schon einmal ein Anfang. 

Doch wie lange haben Sie das alles letztes Jahr durchgehalten? Geben Sie es ruhig zu: Als Sie nach dem zweiten Workout völlig verschwitzt und fertig sich dem Zusammenbruch näher fühlten als der ersehnten euphorischen Hochstimmung, hatten sie zum dritten Termin sicher schon keine Zeit mehr für solcherlei anscheinend eher gesundheitsgefährdende Anstrengungen. 

Das Gleiche gilt oft auch für die anderen guten Vorsätze: Jedes Mal zum Jahresende wird Bilanz gezogen. Erfolge und Fehler werden analysiert. Es ist ein großartiger Moment, sich seiner Errungenschaften noch einmal bewusst zu werden. 

Doch was ist mit den Fehlschlägen? Für manch einen, der schon seit Jahren mit dem Rauchen aufhören will, schlägt jetzt wieder die Stunde der größten Schuldgefühle. Die Angst, wegen der Sucht später einmal an Krebs zu erkranken, das Gefühl, mehr für die Gesundheit tun zu müssen, aber doch nicht zu können, dazu noch die gutgemeinten Ratschläge und manchmal auch vorwurfsvollen Blicke der Familie und Freunde – das alles deprimiert mehr als es motiviert. 

Das nächste Jahr kann also eigentlich nur besser werden. Bis sich das gleiche Rituell nach zwölf Monaten wiederholt…  

Gute Vorsätze – eine Falle? 

Selbst wenn sie nicht immer leicht umzusetzen sind, braucht auch heute noch jeder gute Vorsätze. Denn wer kennt nicht auch das Gefühl der Unzufriedenheit über sich selbst, das uns mehr oder weniger häufig begleitet. “Alles fließt”, wusste schon der griechische Philosoph Heraklit. Alles verändert sich. 

Positiv ausgedrückt heißt das, dass wir uns immer wieder in regelmäßigen Abständen fragen sollten, ob wir noch im Einklang mit uns selbst sind und ob das Bild, das wir von uns haben, noch mit dem übereinstimmt, wie wir wirklich sein wollen. Oder mehr authentisch ausgedrückt: Unser Ziel muss es sein, die Wertschätzung für uns selbst und für unsere Umwelt zu bewahren. 

Die Unzufriedenheit liegt dabei in der Regel in einem Konflikt aus unseren Wünschen, die zu zahlreich und zu ungeduldig formuliert sind und unserem Handlungswillen, der aufgrund dieses Ungleichgewichts eher gehemmt als gefördert wird. Gute Vorsätze können uns dabei helfen, uns von dem schlechten Gewissen zu befreien, zumindest für eine Weile. 

Denn eines haben wir Menschen den Tieren voraus: Dank unseres fantastischen Gehirns sind wir in der Lage unsere Wünsche zu vervielfältigen, was wiederum die Qual der Wahl zur Folge hat. Wir beginnen zu zaudern. Wenn wir wichtige Dinge immer wieder zwanghaft auf später verschieben, sprechen Wissenschaftler von ‘Prokrastination’, der so genannten ‘Aufschieberitis’. Ihre Folgen: Wir fühlen uns unfähig, unzufrieden, schuldig. 

Das Problem der guten Vorsätze ist, dass sie wie die viele Wünsche oft ein wenig zu hoch angesetzt sind. Damit es mit der praktischen Umsetzung auch wirklich klappt, ist die richtige Überzeugung die wichtigste Voraussetzung, ohne dabei gleich in die Schuldfalle zu tappen. 

Eine Mutter, die beispielsweise Familie und Beruf besser unter einen Hut bringen möchte, indem sie mehr Zeit mit den Kindern verbringt, kann entweder zeitweise ihre Karriere zurückstellen oder den Vater mehr dafür mobilisieren. Doch was sie auch tut, sie sollte sich im Klaren darüber sein, dass es das Beste für die Kinder ist, wenn diese spüren, dass ihre Eltern glücklich und sich ihrer Entscheidungen sicher sind. Ist das nicht der Fall, können sich rasch die Schwierigkeiten häufen. 

In kleinen Schritten zum Erfolg 

Laut Untersuchungen von Richard Wiseman von der Universität Hertfordshire gelingt es allerdings nur wenigen Menschen, ihre guten Vorsätze letztendlich in die Tat umzusetzen. 70% derjenigen, die abnehmen oder mit dem Rauchen aufhören wollten, gelang es nicht, ihr Ziel zu erreichen. Die einzige erfolgreiche Gruppe hatte sich das Ziel “mehr vom Leben zu profitieren” gesetzt. 

Die beste Strategie zum Erfolg ist es, täglich einen kleinen Schritt auf sein Ziel zuzugehen und dabei Vertrauen und Optimismus zu bewahren. Das mag gelingen, indem man sich die Genugtuung über den erfüllten Vorsatz bildlich vorstellt. Ein Plan kann ebenfalls hilfreich sein, so lange es nicht nur bei den guten Intentionen bleibt. Dies konnten die beiden US-amerikanischen Psychologen Edwin Locke und Gary Latham wissenschaftlich belegen.

In diesen Plan sollten dann auch Kontrollstufen eingebaut werden und beim Erreichen eines jeden Etappenziels entsprechende Belohnungen. Nach zwei Monaten rauchfreier Zeit könnte das beispielsweise ein Wellness-Wochenende mit dem so gesparten Geld sein.

Sich in regelmäßigen Abständen bewusst zu werden, was man schon geschafft hat, motiviert zum Durchhalten und die Aussicht auf die nächste Belohnung hilft dabei, auch die Durststrecken zu überstehen. Denn diese kommen unweigerlich. 

Hier ist es wichtig, die wahre Motivation für die guten Vorsätze zu erkennen. Möchte man mit dem Rauchen aufhören, weil man wirklich davon überzeugt ist, oder nur, weil einem Freunde und Familie andauernd in den Ohren liegen? Oft ist es fast unmöglich, die wirkliche Motivation zu erkennen, da nahestehende Menschen ihre Vorstellungen und Wünsche so tief in uns verankern, dass wir sie kaum noch von unseren eigenen Zielen unterscheiden können.

Doch nur die Verwirklichung der eigenen Ziele macht letztendlich glücklich. Die notwendige Zeit und Muße zum vorherigen Ausloten kann später viel Frust und Enttäuschungen ersparen. 

Bei allen “nicht-mehr-Zielen” sollten zuvor auch die Gründe für die Angewohnheit analysiert werden. Wer täglich eine Schachtel Zigaretten raucht, weil er zu viel Stress in seinem Leben hat, sollte die Stressquelle erkennen und abschaffen, um eine Chance auf Erfolg zu haben. Da “nicht-mehr-Ziele” besonders schwer zu erreichen sind, sollte man sich außerdem überlegen, was man stattdessen tun will. Statt nach dem Essen eine Zigarette anzuzünden, könnte man Tee trinken oder eine Runde spazieren gehen. 

In der Regel verhält sich ein Bedürfnis wie eine Welle, die sich zunächst zu einem Gipfel erhebt, dann aber irgendwann wieder abflacht und schließlich untergeht. Statt gegen das unerwünschte Verlangen anzukämpfen und es damit nur noch zu verstärken, ist es daher besser “auf der Welle zu reiten” und somit letztendlich der Sucht zu widerstehen.   

In diesem Sinne allen Leserinnen und Lesern, Kommentatorinnen und Kommentatoren alles Gute und viel Erfolg nicht nur beim Umsetzen der guten Vorsätze für das Jahr 2012!

Veröffentlicht von

Dr. Karin Schumacher bloggte zunächst als Trota von Berlin seit 2010 bei den SciLogs. Nach dem Studium der Humanmedizin in Deutschland und Spanien promovierte sie neurowissenschaftlich und forschte immunologisch in einigen bekannten Forschungsinstituten, bevor sie in Europas größter Universitätsfrauenklinik eine Facharztausbildung in Frauenheilkunde und Geburtshilfe abschloss. Hierbei wuchs das Interesse an neuen Wegen in der Medizin zu Prävention und Heilung von Krankheiten durch eine gesunde Lebensweise dank mehr Achtsamkeit für sich und seine Umwelt, Respekt und Selbstverantwortung. Die Kosmopolitin ist leidenschaftliche Bergsportlerin und Violinistin und wenn sie nicht gerade fotografiert, schreibt oder liest, dann lernt sie eine neue Sprache. Auf Twitter ist sie übrigens als @med_and_more unterwegs.

Schreibe einen Kommentar