Das Prinzip des kleinen Pinguins: Lernen loszulassen

Little Boy ist ein kleiner Pinguin, der es allen recht machen will, vor allem seinem Boss Big Mouth. Dafür verdient er viel Geld und Ansehen. Trotzdem fühlt er sich im Laufe der Zeit immer schlechter. Bis er begreift, worauf es im Leben wirklich ankommt.

Vor kurzem bin ich auf einer Reise mehr oder weniger zufällig über ein kleines Büchlein gestolpert: “Le principe du petit pingouin. Apprenez à lâcher prise!” (Das Prinzip des kleinen Pinguins. Lernen Sie loszulassen!), das es bislang leider (!) nur auf Französisch gibt. Es ist jedoch so einfach und leicht verständlich geschrieben, dass es sich gut auch für (Wieder)einsteiger in diese Sprache eignet.

In diesem Werk erzählt der kanadische Psychologe Denis Doucet die Geschichte des Pinguins Little Boy, der es immer allen recht machen will. Der kleine schwarzweiße Vogel versucht, sich um jeden Preis seiner Umgebung anzupassen, was von seinem Chef Big Mouth und seiner Umwelt zwar äußerst geschätzt und finanziell honoriert, jedoch ebenso schamlos ausgenutzt wird. Dabei gelingt es dem kleinen Kerl immer weniger, seinem eigenen Tempo zu folgen. Er fühlt sich immer unwohler in seiner Haut und leidet immer mehr.

Petit Pingouin
Ein Fall von Überanpassung? Pinguine leben normalerweise in der Antarktis und nicht auf Apfelbäumen, selbst wenn diese noch so schön blühen.

Eines Tages merkt er, dass es so nicht mehr weitergeht. Er fühlt sich erschöpft, kaputt, ausgebrannt, im Hamsterrad gefangen. Doch plötzlich begreift er: Es wird ihm erst dann wieder besser gehen, wenn er sich endlich um die Dinge in seinem Leben kümmert, die ihm selbst wirklich wichtig sind.

Die Falle der Überanpassung

Die Fragen, auf die er bei seiner Suche nach dem Wesentlichen stößt, lauten beispielsweise: Warum lassen wir unser Leben und unseren Geist so sehr von dem Gefühl der Angst vereinnahmen? Warum werden wir immer unfähiger, Glück zu erleben, glücklich zu sein? Liegt es vielleicht daran, dass wir uns nicht genug an unsere Umwelt anpassen können?

Little Boy findet seine eigenen Antworten. So manch einen mögen sie überraschen. Denn vielleicht ist das, was von uns verlangt wird, in Wirklichkeit einfach zu absurd, um ohne gesundheitliche Konsequenzen erfüllt werden zu können. Vielleicht sind wir alle in einer unsinnigen Logik gefangen. Vielleicht vergeuden wir unsere Zeit damit, uns an unsere Umgebung anzupassen und verpassen es dabei, die Dinge zu ändern, die stattdessen besser geändert werden müssten?

Dem kleinen Pinguin gelingt es schließlich, der anfangs so verführerischen Falle der Überanpassung zu entgehen. Er lernt loszulassen, Dinge beiseite zu legen, die keinen Wert mehr haben. Er folgt nicht mehr bedingungslos seinem Boss Big Mouth, sondern seinem eigenen Herzen. Denn nur hier findet er letztendlich seine Erfüllung und damit auch zu seiner Vitalität zurück.

Wir alle sollten uns Little Boy zum Vorbild nehmen. Denn wie viele Leute kennen wir noch, die auch tatsächlich pure Lebensfreude ausstrahlen? Wer von uns hat nicht schon die Grenzen des Systems von Big Mouth und Co. am eigenen Leib erfahren? Bei all unserer Funktionsfähigkeit sollten wir nie vergessen, dass wir keine Marionetten von Manipulations- und Machtspielern, sondern eigenständige Menschen sind. Wir können nicht wie Maschinen repariert werden, bei denen defekte Teile einfach ausgewechselt werden, auch wenn uns die moderne Medizin das nur zu oft suggerieren möchte.

Auch wenn wir dem medizinischen Fortschritt zweifelsfrei viel zu verdanken haben, dürfen wir dennoch nicht vergessen, dass die Therapien so mancher Symptome den Patienten lediglich erlauben, das Unerträgliche auch weiterhin zu ertragen. Nutznießer hiervon sind vor allem diejenigen, denen das System nützt, darunter auch etliche Ärzte und die pharmazeutische Industrie, die gut von den Illusionen in Pillenform leben. “Um einen Markt zu schaffen, braucht es ein Problem, für das man dann eine Lösung findet”, weiß der Autor des Comicstrips Dilbert, Scott Adams.

Letztendlich sind nicht wir unfähig zur Anpassung, sondern unsere Gesellschaft bemüht sich immer weniger, sich an die Bedürfnisse eines menschlichen Lebens anzupassen. Ein Zitat des US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers Warren Bennis lautet: “Führer werden gemacht, nicht geboren.” Von wem? Jeder mag sich die Antwort darauf selbst geben.

Der Weg aus der Falle – das Wesentliche erkennen

Was spricht dagegen, dass wir versuchen, aus unserem Leben ein Abenteuer zu machen, das für uns wirklich zählt, wie in den großen alten Mythen und nicht nur wie der Abklatsch einer billigen Seifenoper? Wer oder was hindert uns daran, zu Helden unseres eigenen Lebens zu werden? “Ab und zu trifft es die Leute wirklich hart, wenn sie bemerken, dass sie nicht so zu leben haben, wie es ihnen erzählt worden ist”, so der britische Philosoph Alan Keightley.

Vor jedem Drang, vor jedem Bedürfnis sollten wir daher unser Herz fragen: Zu wem werde ich durch dessen Erfüllung? Je häufiger wir dabei auf unsere innere Stimme hören, desto mehr gewinnen wir an Selbstvertrauen und damit auch an Klarheit, Durchsetzungsvermögen, Mut und Entschlossenheit, Selbstbestätigung und dem Gefühl, wertvoll zu sein. Der französische Schriftsteller Bernard Werber schreibt: “Die Balance liegt in der Mitte zwischen zwei Extremen.” So einfach und doch so schwer.

Das Prinzip des kleinen Pinguins ist eine Fabel für uns alle, gerade in Hinblick auf den nahenden Tag der Arbeit, der dieses Mal äußerst arbeitnehmerfreundlich dank eines Brückentags zu einem langen Wochenende erweitert werden kann.

Nutzen wir dieses Geschenk, um uns von dem zu befreien, was uns unnötigerweise belastet! Finden wir zurück zu dem, was wir wirklich brauchen! Lernen wir, unsere wahren Bedürfnisse und die unserer Mitmenschen zu respektieren und uns auf das Wesentliche zu beschränken! Bedenken wir dabei das Prinzip des kleinen Pinguins, das uns lehrt, dass jede Beziehung früher oder später zu unserer Niederlage führen muss, wenn sie im Gegensatz zu unseren wirklichen Bedürfnissen steht. Little Boy ermutigt uns alle, dass auch wir die für uns beste Eisscholle finden.

 

Quelle / weiterführende Literatur: 

Denis Doucet: Le Principe du petit pingouin. Apprenez à lâcher prise! Marabout. April 2011. 192 pages. ISBN : 9782501060929 (250106092X).

Richard Hycner: Between Person & Person: Toward a Dialogical Psychotherapy. Gestalt Journal Press. February 2012. 206 pages. ISBN: 0939266237

 

Veröffentlicht von

Dr. Karin Schumacher bloggt als Trota von Berlin seit 2010 bei den SciLogs. Nach dem Studium der Humanmedizin in Deutschland und Spanien promovierte sie neurowissenschaftlich und forschte immunologisch in einigen bekannten Forschungsinstituten, bevor sie in Europas größter Universitätsfrauenklinik eine Facharztausbildung in Frauenheilkunde und Geburtshilfe abschloss. Hierbei wuchs das Interesse an neuen Wegen in der Medizin zu Prävention und Heilung von Krankheiten durch eine gesunde Lebensweise dank mehr Achtsamkeit für sich und seine Umwelt, Respekt und Selbstverantwortung. Die Kosmopolitin ist leidenschaftliche Bergsportlerin und Violinistin und wenn sie nicht gerade fotografiert, schreibt oder liest, dann lernt sie eine neue Sprache. Auf Twitter ist sie übrigens als @med_and_more unterwegs.

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Glück

    Warum werden wir immer unfähiger, Glück zu erleben, glücklich zu sein?

    Gute Frage, die auch den Schreiber dieser Zeilen beschäftigt, der zudem Sanguiniker ist, also woran haperts heutzutage?

    Hat’s was mit der Maßhaltung zu tun?

    MFG
    Dr. Webbaer

  2. Wunderschöner Beitrag

    Das hättest du wunderbar auf der Konferenz THE MUTUAL CHALLENGES OF THE NEUROSCIENCES AND PUBLIC HEALTH vortragen können, an der ich gerade teilnehme – und von den medizinischen Anthropologen, Soziologen und womöglich auch dem einen oder anderen Psychiater hättest du dafür wohl auch Beifall bekommen.

    Bei all unserer Funktionsfähigkeit sollten wir nie vergessen, dass wir keine Marionetten von Manipulations- und Machtspielern, sondern eigenständige Menschen sind. Wir können nicht wie Maschinen repariert werden, bei denen defekte Teile einfach ausgewechselt werden, auch wenn uns die moderne Medizin das nur zu oft suggerieren möchte.

    Das entspricht meiner Philosophie: Wer sich immer nur darum kümmert, was andere von ihm denken, der wird auch nie über die Vorstellungen der anderen hinausgehen können.

    Fehlt nur noch, dass ich mich selbst oft genug daran erinnere. 🙂

    Solltest du mal ein Best Of deiner Beiträge veröffentlichen, dann ist das hier sicher ein guter Kandidat dafür.

  3. Schleim über die Anpassungsmaschine

    Demgegenuber steht das Bild eines Menschen, der seine naturlichen (Leistungs-) Grenzen als personliches Manko begreift und die Ursache fur die Unzufriedenheit mit den gesellschaftlichen Umstanden nicht dort sieht, sondern in sich selbst. Indem er sich selbst pharmakologisch an diese außeren Anforderungen anpasst, versteht er sich als ein System von Regelkreisen, in die nur an der entsprechenden Stelle eingegriffen werden muss, um die Leistung an die externen Erwartungen anzugleichen. Das ist das Bild einer Maschine, die repariert oder uberholt werden muss, wenn sie ihren vorgegebenen Zweck nicht wie gewunscht erfullt.

    Schleim, S. (2010). Sechs Grunde gegen Gehirndoping. Künstliche Sinne – Gedoptes Gehirn. Neurotechnik und Neuroethik. mentis, Paderborn, S. 179-207.

  4. Das…

    …ist wirklich einer der schönsten Scilogs-Blogbeiträge, die mir bislang untergekommen sind. Vielen Dank dafür – und für das Bewerben von Little Boy! Mich hat’s erwischt! 🙂

  5. @ all: Vielen Dank…

    … für die Kommentare, die zeigen, dass es zum Glück einige Gleichgesinnte von Little Boy gibt. 🙂 Hoffentlich gelingt es dem kleinen Pinguin, noch viele andere erfolgreich und unheilbar anzustecken.

  6. @ Dr. Webbaer: Maßhaltung

    Der Sanguiniker in mir dankt und wird sich in der Kunst der Maßhaltung üben, um auch dem Choleriker, Melancholiker und Phlegmatiker ihren entsprechend ausgleichenden Raum zu lassen. 😉

  7. @ Stephan: Danke, nur…

    …das sagst du mir jetzt erst? Grrr…. Hoffe, du hast in London viel mitnehmen und -geben können. Das mit dem “Best-of-Book” ist übrigens eine gute Idee.

    Wer sich immer nur darum kümmert, was andere von ihm denken, der wird auch nie über die Vorstellungen der anderen hinausgehen können.”

    Da bleibt mir nur, das Lob umgehend zurückgeben. 🙂 Dieser Satz wie auch das angefügte Zitat und  Frederick sollten jedenfalls auf keinen Fall in deiner “Best of”-Ausgabe fehlen!

    Beim Erinnern helfe ich gern mit, nicht zuletzt um es selbst nicht zu (oft zu) vergessen.

  8. Artikelbewertung

    @Trota
    Nun hat der Schreiber dieser Zeilen ja nur versucht eine etwas andere Perspektive auf diesen ausgezeichneten Artikel aufzubauen, indem er nahelegte, dass das Nicht-Maßhalten Glück bedeuten kann, solange es wohl gepflegt erfolgt.

    MFG
    Dr. Webbaer (den, auch wenn er die Antwort ahnt, noch interessieren würde, ob die oder der werte Inhaltemeister(in) ein Synonym verwendet oder nicht)

  9. @Webbaer: Maßhalten mit Nicht-Maßhalten

    …indem er nahelegte, dass das Nicht-Maßhalten Glück bedeuten kann, solange es wohl gepflegt erfolgt.

    Aha, indem “er” nahelegt, dass man auch mit Nicht-Maßhalten Glück erreichen kann, sofern man dabei Maß hält, hat “er” ein ganz neues Niveau an logischer und begrifflicher Klarheit erreicht. 🙂

  10. Maßhalten vs. Konformität

    … war gemeint, d.h. ein expliziter Nonkonformismus oder gar Hedonismus waren nicht gemeint.

    Und, hey!, das ist doch ein intellektuell gehaltener Blog, oder?, bei intellektuellen Inhalten stellen sich Konsistenzfragen ohnehin nicht an vorderster Front.

    MFG
    Dr. Webbaer (der natürlich grundsätzlich auch um die Konsistenz bemüht vorträgt (und auf eine Antwort hofft))

  11. @ Dr. Webbaer:

    Wer sind wir und wenn ja, wie viele? Über diese interessante Frage haben sich schon etliche Gelehrte den Kopf zerbrochen und mehr oder weniger dicke Bücher darüber verfasst. Ich denke nicht, dass ich dieses Thema hier in der Kürze trotz aller Intellektualität abhandeln kann und möchte. 😉

    Allen Lesern und Kommentatoren wünsche ich jetzt jedenfalls einen äußerst erholsamen 1. Mai! 🙂

  12. ganz plump gefragt

    Wiederholend und wie oben beschrieben einmal klar gefragt: ‘Trota von Berlin’ ist ein Pseudonym wie ‘Dr. Webbaer’?

  13. @Dr. Webbaer

    Wieso behauptest du die ganze Zeit, es handle sich bei deinem Namen um ein Pseudonym?

    Da hat sie wohl auch noch ein Wörtchen mitzureden!

    gez. Prof. Webbärin

  14. @Trota

    Dann wäre das ja geklärt, danke für die Geduld!

    Ansonsten, es ist ja schon überraschend, dass ein derartiger Inhalteverbund die pseudonymische regelmäßige Meinungsäußerung zulässt. – Kürzlich wurde diese Art der Publikation in einem vergleichbaren Verbund ausgesondert.

    MFG
    Dr. Webbaer (der natürlich auch nicht seine Schnauze für seine Meinung herhalten würde, Dienstmeinung bleibt Dienstmeinung! – KA wie das überhaupt balanciert werden kann, wenn Dienstmeinung und “richtige” Meinung bei klarer Namensnennung auseinander laufen – hier gäbe es vermutlich Betrachtungsbedarf)

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