Das Geheimnis des Jean-Jaques Sempé

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Es ist schon überaus peinlich, wenn der vermeintliche Besitzer eines legendären Autos nicht einmal einen Führerschein besitzt. Eine kleine Lüge aus Bequemlichkeit brachte den sympathischen französischen Zeichner Jean-Jaques Sempé einst in ungeahnte Schwierigkeiten.
 
Mehr als 40 Bildbände hat der 1932 geborene Künstler Jean-Jaques Sempé bislang veröffentlicht. Seine Karikaturen sind mittlerweile weltbekannt. Mit liebevoll-ironischem Strich entlarvt er die Kleinbürger und Spießer in uns allen und nimmt sich dabei selbst nicht aus. Einst sagte er: „Ich zeichne meine eigenen Schwächen“. Vor kurzem gestand er ein äußerst peinliches persönliches Erlebnis, das ihn unzweifelhaft zu dem einen oder anderen Werk inspiriert hat.
Es ist schon etliche Jahre her, als der der Zeichner ein Telegramm einer Werbeagentur erhielt, worin es um einen wichtigen Auftrag ging. Der damals nicht gerade wohlhabende Künstler sollte so rasch wie möglich zu einem Vorgespräch kommen. Die Agentur lag in einem Vorort weit außerhalb des Pariser Zentrums und war nur schwer mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar. 
Da es für ihn keine andere Möglichkeit gab, den vereinbarten Treffpunkt zu erreichen, setzte sich Sempé in die Metro, nahm anschließend einen kleinen Zug und ging dann den Rest der Strecke zu Fuß. Als er schließlich nach dieser beschwerlichen Anreise im Büro der Agentur ankam, fragte ihn sein Auftraggeber wie selbstverständlich, ob er denn auch einen Parkplatz gefunden hätte. 
Der schüchterne Zeichner wollte den Mann nicht beunruhigen und eine lange Diskussion über seine mühsame Anreise vermeiden. Daher antwortete er kurz und knapp, dass er seinen Wagen auf dem Parkplatz abgestellt hätte. Neugierig fragte ihn nun der Mann, was er denn für ein Auto fahren würde.
„Einen 11 CV Citroën. Mit Frontantrieb“, erwiderte Sempé nach kurzem Nachdenken.
Dieses legendäre Auto, noch heute bekannt als Gangsterlimousine, ließ sofort das Herz des Agenten höher schlagen. 
„Ah, mein Vater hatte auch so einen“, rief der Mann entzückt aus. „Leider gibt es davon nicht mehr viele. Den muss ich mir unbedingt nachher anschauen.“
Der Zeichner erschrak fürchterlich. Fieberhaft überlegte Sempé während des Gesprächs über das Projekt, wie er den guten Mann von dessen Plan abbringen könne. Es dauerte allerdings nicht lange, bis sein Auftraggeber feststellte: „Jetzt komme ich mit Ihnen mit und schaue ich mir Ihren 11 CV an.“
Am liebsten wäre der Zeichner im Erdboden versunken. Er wollte doch nur nach der langen Anreise seine Ruhe haben, rasch zum Thema kommen und nicht erst ausführlich über die Qualität der öffentlichen Verkehrsmittel in und um Paris herum diskutieren. Zu spät. Die beiden zogen los auf den Parkplatz und suchten das Auto, das sie natürlich nicht fanden.
„Wie schrecklich! Der Wagen ist weg“, jammerte Sempé verzweifelt.
Sofort hatte sein Begleiter eine Erklärung und sogar die Lösung des Problems parat:
„Man hat Ihnen das Auto gestohlen! Wir müssen zur Polizei gehen.“
Die beiden machten sich auf den Weg zur Polizeiwache. Dort angekommen, wurde Sempé nach seinem Führerschein gefragt. Da er nicht Auto fahren konnte, hatte er natürlich auch keinen Führerschein. 
„Ich habe den Führerschein im Auto liegen gelassen“, stammelte er, was ihm sofort den Rüffel des Polizeibeamten einbrachte:
„So etwas sollten Sie niemals tun.“ Doch es wurde alles noch schlimmer.
„Wie lautet das Kennzeichen Ihres Wagens?“, wollte der Beamte wissen.
Mittlerweile völlig kopflos dachte sich der Zeichner irgendeine Nummer aus. Vergebens suchte der engagierte Polizist das Kennzeichen, das selbstverständlich trotz etlicher Telefonate unauffindbar blieb. 
Sempé war mit seinen Nerven am Ende. Es war spät geworden und er wollte nur noch nach Hause. „Ich nehme ein Taxi“, sagte er, um diesem Drama zu entrinnen. Natürlich ließ es sich der Agent nicht nehmen, seinen Gast bis zum Taxistand zu begleiten.
 
Kurz nachdem er in das Taxi gestiegen war, bat der Zeichner den Fahrer anzuhalten. Eine längere Strecke, ganz zu schweigen von der Rückfahrt nach Paris, wäre für ihn viel zu teuer gewesen.
„Ich habe etwas vergessen. Ich bezahle Sie hier“, log er.
„Ach, ich kann Sie auch zurückfahren“, antwortete der hilfsbereite Taxifahrer.
„Oh nein, das lohnt sich nicht! Ich will ein wenig frische Luft schnappen, das wird mir gut tun“, verabschiedete Sempé sich rasch von dem netten Mann.
Doch kaum hatte er das Taxi verlassen, lief der Zeichner schon wieder seinem Agenten in die Arme, der einen anderen Weg zurück zum Büro genommen hatte. Dieser wunderte sich nicht schlecht über das unverhofft rasche Wiedersehen:
„Guter Mensch, was ist mit Ihrem Taxi passiert? So kann ich Sie unmöglich allein lassen! Ich begleite Sie!“
Sempé fühlte sich jetzt vollends dem Wahnsinn verfallen. Er schwitzte Blut und Wasser und wusste nicht mehr ein noch aus. Wie konnte er den Typen bloß wieder loswerden? Geld für ein Taxi hatte er eigentlich nicht mehr. Der Albtraum wollte einfach nicht enden.
Es half nichts. Sempé stieg erneut in ein Taxi, das er dieses Mal etwas länger fahren ließ. Als er sicher war, weit genug vom Büro seines Auftraggebers entfernt zu sein, hielt er das Taxi an und bezahlte eine für ihn ungeheure Summe. Den Rest der mehr als 30 km langen Strecke lief er zu Fuß zurück nach Paris.
Vor dem nächsten Treffen stellte der Zeichner schon beim Telefonat mit seinem Auftraggeber klar, dass er dieses Mal nicht mit dem Auto kommen würde, dass der Wagen zwar gestohlen, aber schließlich wiedergefunden worden sei und sich noch in der Werkstatt zur Reparatur befände.
Bis heute hat Jean-Jaques Sempé die Lächerlichkeit dieser Situation wohl bereut, etwas zu sagen oder zu tun, das man nicht denkt oder hinter dem man nicht steht – nur weil es im ersten Moment einfacher erscheint.
Quellen/Auswahl weiterführender Literatur:
Die Geschichte ist (auf Französisch) nachzuhören unter: 
  • Sempé, Jean-Jacques:
Das Geheimnis des Fahrradhändlers. Diogenes, 2005, 8. Aufl.,
103 S.
  • Sempé, Jean-Jacques:
Mit vorzüglicher Hochachtung. Diogenes, 2008, 1. Aufl.,
103 S.
  • Sempé, Jean-Jacques:
Heiter bis wolkig. Diogenes, 2004, 1. Aufl.,
101 S.
  • Sempé, Jean-Jacques:
Sempes Paris. Diogenes, 2002, 2. Aufl.,
124 S.

Veröffentlicht von

Dr. Karin Schumacher bloggte zunächst als Trota von Berlin seit 2010 bei den SciLogs. Nach dem Studium der Humanmedizin in Deutschland und Spanien promovierte sie neurowissenschaftlich und forschte immunologisch in einigen bekannten Forschungsinstituten, bevor sie in Europas größter Universitätsfrauenklinik eine Facharztausbildung in Frauenheilkunde und Geburtshilfe abschloss. Hierbei wuchs das Interesse an neuen Wegen in der Medizin zu Prävention und Heilung von Krankheiten durch eine gesunde Lebensweise dank mehr Achtsamkeit für sich und seine Umwelt, Respekt und Selbstverantwortung. Die Kosmopolitin ist leidenschaftliche Bergsportlerin und Violinistin und wenn sie nicht gerade fotografiert, schreibt oder liest, dann lernt sie eine neue Sprache. Auf Twitter ist sie übrigens als @med_and_more unterwegs.

2 Kommentare

  1. Danke, da muss man …

    … doch grinsen, wenn man das so liest. Da passt doch wieder einmal das Sprichwort: “Lügen haben kurze Beine”. Würde mich jetzt noch interessieren, ob er den Auftrag bekommen hat 😉

    Des weiteren ist jedoch auch festzustellen, dass wenn es an einem Tag mal schief läuft, dann läuft häufig alles schief.

    Danke für diesen Artikel und Grüße vom Zauberer David

  2. Stimmt absolut… 🙂

    Es klang danach, dass Sempé den Auftrag bekommen hat. Immerhin hat er sich mehrmals mit dem Auftraggeber getroffen.
    Und wie er die Geschichte dann verarbeitet hat, kann man z.B. im “Geheimnis des Fahrradhändlers” erkennen. So betrachtet war das Ganze am Ende für ihn doch noch eine positive Erfahrung.

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