Doc – ich bleib heute daheim!

In der Corona-Krise müssen Ärzte neue Wege finden, um ihre Patienten zu betreuen. Immer mehr Mediziner setzen auf Videosprechstunden oder Smartphone-Applikationen zur Diagnose von Krankheiten. Waren viele Ärzte der Telemedizin vorher skeptisch eingestellt, boomt jetzt ein Markt mit enormen Zukunftspotential – aber auch Risiken wie folgendes Kurzinterview mit einem Arzt und App-Entwickler zeigt.

 

Telekliniken erfahren in der jetzigen Zeit großen Zulauf. Ohne Wartezimmer – und damit auch ohne Ansteckungsgefahr – lässt sich der Arzt online per Video oder Telefon aufsuchen. Er kann helfen Symptome einzuordnen, Risiken zu ermitteln und gegebenenfalls weitere Schritte wie einen Krankenhausbesuch einleiten.

Gerade in dieser Zeit, in der sich viele Menschen vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus fürchten, eine ideale Möglichkeit den Praxisbesuch zu vermeiden. Wir haben mit Dr. med. Titus Brinker, dem Entwickler der Smartphone-App „AppDoc – Online Hautarzt“ über Chancen und Risiken von telemedizinischen Anwendungen gesprochen.

Marlenes Medizinkiste: Dr. Brinker, Sie sind Assistenzarzt für Haut-und Geschlechtskrankheiten am Universitätsklinikum in Heidelberg. Wie merken Sie dieser Tage die Auswirkungen des neuartigen Corona-Virus SARS-COV-2 auf Ihre Arbeit?

Dr. med. Titus Brinker: Wir haben fast alle elektiven Patienten – also Patienten, die zu planbaren Eingriffen ins Krankenhaus kommen und kein Notfall sind – abbestellt. Die Tagesklinik ist beispielsweise geschlossen. Somit gibt es momentan eher weniger als mehr zu tun für uns Hautärzte. Wir bekommen stattdessen Zusatzweiterbildungen im intensivmedizinischen Bereich, um für eine etwaige Corona-Patienten-Schwemme gewappnet zu sein.

Marlenes Medizinkiste: Sie arbeiten nicht nur als Hautarzt, sondern sind gleichzeitig Leiter der App-Entwicklung am DKFZ und am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg. Wie kamen Sie dazu?

Dr. med. Titus Brinker: Ich habe bereits sehr früh gemerkt, dass man mit Smartphone-Apps das Leben von deutlich mehr Menschen beeinflussen kann als ein einzelner Arzt, der versucht mit persönlicher Überzeugungskraft auf seine Patienten einzuwirken. Meine erste App, Smokerface (zur Tabakprävention), hat seit dem Jahre 2014 über eine Millionen Menschen erreicht. Mein Online Hautarzt Dienst AppDoc hat im letzten Jahr mehr Patienten behandelt als ich in meiner kompletten medizinischen Laufbahn gesehen habe. Die Möglichkeit so viele Menschen mit relativ simplen Mitteln zu erreichen und ihre Gesundheitskompetenz zu stärken bzw. ihnen in medizinischen Fragen beizustehen, begeistert mich.

Marlenes Medizinkiste: Hautarztpraxen aus ganz Deutschland können mithilfe Ihres Projekts „AppDoc – Online Hautarzt“ Patienten online und ohne Ansteckungsgefahr versorgen. Merken Sie in der letzten Zeit großen Zulauf? Was hat sich durch Corona verändert?

Dr. med. Titus Brinker: Die Anfragen haben sich seit der Coronakrise in etwa verdoppelt. Patienten nehmen das Angebot einer schnellen und meist komplett online durchzuführenden Diagnose zu ihren Hautsorgen gerade in diesen Zeiten, wo man persönliche Arztbesuche eher vermeiden möchte, sehr dankend an.

Credit: Titus Brinker. Mit der App “Online-Hautarzt” lässt sich der Dermatologe ortsunabhängig und schnell kontaktieren – ganz ohne Praxisbesuch.

Marlenes Medizinkiste: Welche weiteren Vorteile – neben einer reduzierten Ansteckungsgefahr – gibt es für den Patienten bei der Nutzung solcher telemedizinischen Angebote?

Dr. med. Titus Brinker: In erster Linie sicherlich Geschwindigkeit: Während man auf einen Termin bei einem Hautarzt etwa drei Monate warten muss, bekommt man die Antwort bei AppDoc meist in weniger als 30 Minuten. Darüber hinaus auch Anonymität: Patienten müssen sich hier mit ihrem eventuell schambehafteten Problem nicht bloßstellen. Die behandelnden Dermatologen beurteilen den Hautbefund komplett ohne den Namen des Betroffenen zu erfahren.

Marlenes Medizinkiste: Bislang standen viele Ärzte der Nutzung telemedizinsicher Anwendungen skeptisch gegenüber. Jetzt dagegen satteln viele niedergelassene Mediziner notgedrungen auf Videosprechstunden um. Denken Sie, dass sich dies auch in der Zeit nach Corona bemerkbar machen wird? Werden wir in Zukunft viel öfter den „Online-Arzt“ aufsuchen?

Dr. med. Titus Brinker: Ich glaube die ganze Branche hat dadurch einen gewaltigen Schub und auch eine höhere Akzeptanz bekommen. Ich vermute aber auch, dass sich nach der Coronakrise die Menschen sich mehr als je zuvor nach persönlichem Kontakt sehnen werden – auch zu ihrem behandelnden Arzt. Die Online-Anfragen werden zwar weiterhin etwas höher sein, aber die persönliche Vorstellung wird meiner Meinung nach der Goldstandard bleiben.

Credit: Titus Brinker Arzt und App-Entwickler Dr. med. Titus Binker

Marlenes Medizinkiste: Welche Risiken sehen Sie in der Nutzung von Smartphone-Apps und ähnlicher telemedizinischer Anwendung für Arzt und Patient? Läuft die Digitalisierung der ärztlichen Sprechstunde momentan zu überstürzt oder ist es endlich der „Schubs“ in die richtige Richtung, für den viele Telemediziner seit Jahren kämpfen?

Dr. med. Titus Brinker: Ich hoffe, dass der Patient bei der Nutzung der telemedizinischen Angebote ein kritisches Auge bewahrt. In der Tat sind lange Zulassungsverfahren und qualitätssichernde Auflagen, wie unsere App sie als Modellprojekt umfassend durchführen musste, nun erstmal Geschichte. Ich rate daher dringend zu einem Blick in das Impressum – besonders auf den Ausbildungsgrad der Ärzte (sind hier Assistenzärzte oder spezialisierte Fachärzte aus Deutschland am Werk?) – bevor ich mein Problem einer Internetplattform anvertraue.

Marlenes Medizinkiste: Könnten Sie sich vorstellen, dass es in Zukunft reine „Online-Hautarztpraxen“ geben wird, die beispielsweise auch unter Einsatz von Künstlicher Intelligenz diagnostizieren und solche, die Patienten vor Ort behandeln?

Dr. med. Titus Brinker: Ich glaube nicht, dass sich ausschließliche vollständige Online-Behandlung durchsetzen wird. Der Großteil unserer Patienten ist über 60 Jahre alt und möchte nicht von einem Computer mitgeteilt bekommen, dass er oder sie Krebs hat. Darüber hinaus sind heutige KI-Applikationen bisher auch noch sehr fehleranfällig. Dennoch werden KI-Dienste und Online-Praxen besonders in der Dermatologie weiter an Einfluss in der Patientenversorgung gewinnen. Bisher war dies in erster Linie positiv für betroffene Patienten – nun gilt es auch für die Zukunft sicherzustellen, dass im Internet eine hohe Behandlungsqualität angeboten wird.

Marlene Heckl

Veröffentlicht von

Marlene Heckl ist Ärztin und promoviert an der Ludwig-Maximilians-Universität über den Einfluss von Tumorsuppressorgenen bei Ovarial- und Endometriumskarzinomen. Seit 2012 schreibt die Preisträgerin des renommierten "Georg-von-Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus" über medizinische und wissenschaftliche Themen, die ihr am Herzen liegen. Anfangs erschienen ihre Beiträge bei medizinischen Portalen wie DocCheck und Thieme, 2016 folgte dann ihr eigener Blog Marlenes Medizinkiste, der nun auch bei den SciLogs zu finden ist. Kontakt: medizinkiste@protonmail.com

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