Das Mysterium um Allergien und Asthma: Was kann uns schützen?

Credit: Sambeet D / pixabay / CC0

Alles fing im April 2000 an. Die damals 8-jährige Nicole bemerkt zum ersten Mal wie nach ausgedehnten Spaziergängen im Wald Nase und Augen zu jucken beginnen. Später gesellen sich Schnupfen und Augentränen dazu, ihr ganzer Kopf fühlt sich verstopft an. Erst treten diese Symptome nur ein paar Tage lang auf, mit der Zeit werden sie aber immer schlimmer und immer länger. Nach ein paar Jahren beginnt Nicole in der Pollensaison das Atmen immer schwerer zu fallen und manchmal ist es mit pfeifenden Geräuschen verbunden. Irgendwann wacht das kleine Mädchen mitten in der Nacht auf, weil es keine Luft mehr bekommt. Die Atemwege sind zu, ihre Eltern fahren sie panisch in die Notaufnahme. Nach dem Krankenhausbesuch steht fest: Nicole P. leidet an Asthma.

Diese chronische Entzündung der Lunge macht die Atemwege besonders empfindlich, sodass sie bei bestimmten Reizen verkrampfen und verschleimen. Bei etwa einem Drittel aller Kinder, die unter Heuschnupfen leiden, kommt es in der Folgezeit zu einem sogenannten „Etagenwechsel“. Die Entzündung wandert dabei von der oberen Etage – der Nase – weiter nach unten Richtung Lunge. Wenn auch die Bronchien betroffen sind, ist es häufig schon zu spät für kurative Behandlungsformen wie die spezifische Immuntherapie, die den Heuschnupfen noch heilen könnte. Ist das Asthma einmal ausgebrochen, wird es meist zu einer Dauererkrankung und Betroffene wie Nicole benötigen eine lebenslange Therapie mit Notfallsprays, bronchienerweiternden Inhalationen und entzündungshemmendem Kortison.

Zusammenhang zwischen Asthma und Allergien

Asthma kann unterschiedliche Auslöser haben. Einige Formen sind berufsbedingt, andere werden durch Anstrengung, Arzneimittel oder Infekte getriggert. Sehr häufig neigen jedoch gerade diejenigen Menschen vermehrt zu Asthma, die aus einer Allergiker-Familie stammen und auch selbst auf bestimmte Stoffe allergisch reagieren. So wie Nicole. Schon ihre Mutter ist allergisch gegen Hausstaubmilben, der Vater hat zahlreiche Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Das sogenannte „allergische Asthma“ ist mit 80% die häufigste Form der asthmatischen Atemwegserkrankungen. Zehn Prozent aller Kinder unter 15 Jahren leiden daran und es ist sogar die häufigste chronische Krankheit im Kindesalter. Bei dieser Form des Asthmas kommt es zu einer allergischen Reaktion auf bestimme Substanzen wie Pollen, Hausstaubmilben, Tierhaare, Bettfedern, Nahrungsmittel oder Sporen von Schimmelpilzen.

Allergien werden häufig als eine Art Missgeschick unseres Körpers angesehen. Unser Immunsystem interpretiert einen eigentlich harmlosen Stoff wie Katzenhaare oder Birkenpollen als eine Bedrohung und immer, wenn man mit ihm in Kontakt kommt, zahlt man den Preis. Schnupfen, Schniefen, Husten oder Augentränen machen einem dann das Leben schwer. Oder man entwickelt wie Nicole anfallsartigen Husten und Atemnot. Man kann sich das Abwehrsystem unseres Körpers wie eine kriegerische Armee vorstellen. Hat sie lange nichts zu tun, beginnen sich die Soldaten zu langweilen.

Statt den eigentlichen Feind zu bekämpfen, beginnen sie sich neue Herausforderungen zu suchen, um nicht aus der Übung zu kommen. Da muss der harmlose Apfel als Zielscheibe herhalten oder das unschädliche Gebüsch befeuert werden. So ähnlich geht es in unserem Körper im Rahmen einer allergischen Reaktion zu. Statt böse Eindringlinge wie Bakterien, Viren oder Würmer zu bekämpfen, zieht es gegen ungefährliche Pollen oder Tierhaare in den Krieg. Aber warum verhält sich das Abwehrsystem des Körpers bei manchen Menschen so dermaßen falsch, während es bei anderen wunderbar funktioniert? Und was kann man tun, um sich vor Allergien, besonders dem allergischen Asthma, zu schützen?

Was ist eine Allergie?

Zunächst einmal muss man verstehen, dass Allergie nicht gleich Allergie ist. Man unterscheidet verschiedene Arten, denen unterschiedliche Entstehungsmechanismen zugrunde liegen. Die beiden großen wichtigsten Gruppen sind Typ I- und Typ IV-Allergien. Erstere werden auch als Soforttyp-Reaktion bezeichnet, da sie innerhalb kürzester Zeit nach Kontakt mit dem Allergen auftreten. Typ I-Allergien werden durch Antikörper vom IgE-Typ vermittelt und zu ihnen zählt man das Asthma, den Heuschnupfen, aber auch Nahrungsmittel-, Tierhaar- und Insektengiftallergien. Als schlimmste Form der Immunreaktion kann hier der anaphylaktische Schock auftreten, der lebensbedrohlich sein kann.

Im Gegensatz dazu treten Allergien vom Typ IV zeitverzögert auf. Erst nach ein paar Tagen bemerkt man beispielsweise das allergische Kontaktekzem, einen Ausschlag der Haut, der durch Kontakt mit Nickelschmuck oder Duft- und Konservierungsstoffen der neuen Handcreme entstehen kann. Auch ein Ausschlag, der nach Einnahme von bestimmten Medikamenten wie dem Antibiotikum Penicillin auftreten kann, wird zu diesem vierten Allergie-Typ gezählt. Im Unterschied zu dem ersten Typ erfolgt die Reaktion hier nicht über Antikörper, sondern ist T-Zell-vermittelt. T-Zellen gehören zu den weißen Blutkörperchen unseres Körpers und sind an der Abwehr von fremden Eindringlingen beteiligt.

Wenn man von Allergien spricht, ist es wichtig sie außerdem von der sogenannten Sensibilisierung zu unterscheiden. Jeder Allergie geht eine Sensibilisierungsphase von mehreren Tagen bis Jahren voraus. Die Sensibilisierung beschreibt den ersten Kontakt mit einem Allergen. Trifft ein Birkenpollen zum ersten Mal auf den menschlichen Körper eines potentiellen Allergikers, so zeigt dieser noch keine Krankheitssymptome. Man kann aber den Allergenkontakt im Blut nachweisen. Erst, wenn der Körper des Allergikers erneut mit Birkenpollen in Kontakt kommt, entsteht eine echte Allergie mit der Folge, dass der Mensch jetzt unter einer verstopften Nase, juckenden Augen sowie Schnupfen leidet.

Entstehung einer Typ1-Allergie: Beim ersten Kontakt löst das Allergen eine TH2-Helferzellreaktion im Körper aus, was zur Bildung von IgE-Antikörpern führt, die sich an die Oberfläche von Mastzellen binden. Erst beim erneuten Kontakt mit dem Allergen entstehen jedoch die charakteristischen Symptome wie Schnupfen und Augentränen durch die Ausschüttung von Histamin aus den Mastzellen. Credit: Christopher Streibert / wikimedia / CC3.0 (keine Änderungen vorgenommen)

Gene und Umwelt spielen eine Rolle

Eine Vielzahl von Faktoren spielt bei der Entstehung einer Allergie eine Rolle. In die Wiege gelegt wird einem die genetische Ausstattung in Form unseres Erbmaterials. Tatsächlich haben Kinder von Eltern mit Allergien selbst ein erhöhtes Risiko dafür. Leiden beide Elternteile an allergischem Asthma, entwickeln ihre Kinder zu 60 bis 80 Prozent ebenfalls allergisches Asthma, bei einem erkrankten Elternteil liegt das Risiko immer noch bei 30 bis 40 Prozent. Doch es gibt nicht das eine „Allergie-Gen“, vielmehr gibt es eine Reihe von möglichen Kandidaten, die zusammenspielen müssen.

Einige genetische Veränderungen führen beispielsweise zu einer verminderten Aktivität der sogenannten regulatorischen T-Zellen. Ihre Aufgabe besteht darin unser Immunsystem zu bremsen, damit dessen Reaktionen nicht zu stark ausfallen. Das ist wichtig für die Selbsttoleranz unseres Körpers, also die Fähigkeit körpereigene Stoffe als solche zu erkennen und nicht anzugreifen. Funktioniert dieser Mechanismus bei Allergikern nicht, stürzt sich das Immunsystem ungehindert auf harmlose Allergene wie Katzenhaare oder Gräserpollen und behandelt sie wie gefährliche Eindringlinge.

Andere genetische Veränderungen können dagegen zur überschießenden Bildung von IgE-Antikörpern führen und darüber Typ-I-Allergien begünstigen. Die IgE-Antikörper können über bestimmte Stoffe eine Erweiterung der Blutgefäße bewirken. Dadurch steigt ihre Durchlässigkeit für weiße Blutkörperchen, die in das umliegende Gewebe einwandern. Bestimmte Stoffe, die dem Körper eine Entzündung signalisieren, werden ausgeschüttet wie beispielsweise Histamin, Leukotriene oder Prostaglandine. In der Folge entstehen die typischen Allergiesymptome – Haut und Schleimhaut schwellen an, sind entzündet und gereizt, die Bronchien können sich verengen und viel zähen Schleim produzieren, was zu Atemnot führen kann. Doch die Gene sind nicht alleine des Wurzels Übel.

Die Allergie-Epidemie

Schon lange wird an der Ursache von Allergien und allergischem Asthma geforscht. Eine zunehmend wichtigere Aufgabe, denn seit dem 20. Jahrhundert steigt die Zahl der allergischen Erkrankungen in der westlichen Welt kontinuierlich an. Heutzutage leiden zwei bis drei mal mehr Patienten unter Allergien gegen Pollen, Nahrungsmittel und Co. als noch vor 100 Jahren. Ein mysteriöser Trend, der auch als „Allergie-Epidemie“ bezeichnet wird.

Eine Erklärung gibt es dafür bisher nicht, doch es gibt einige Vermutungen. Rauchen, Autoabgase, Stress, kleinere Familien, eine andere Ernährung und ein veränderter individueller Lebensstil könnten Ursache der zunehmenden Allergieraten sein. Auch Veränderungen der Darmflora durch den Einfluss von Antibiotika, ein erhöhter Pollenflug infolge einer Stressreaktion von Bäumen auf die Erderwärmung und Schadstoffbelastung oder der Rückgang von parasitären Wurmerkrankungen werden diskutiert.

Um der Frage auf den Grund zu gehen wieso manche Menschen unter allergischen Erkrankungen wie Asthma leiden und andere nicht, untersuchen Forscher gerne Bevölkerungsschichten, die ein hohes Risiko dafür haben und vergleichen sie mit denjenigen, die nur sehr selten eine Allergie entwickeln. In den letzten Jahren kam dabei immer wieder die Hygiene-Hypothese ins Spiel: Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen und im Dreck spielen, sollen besser vor Allergien und Asthma geschützt sein als Kinder, die mit übertriebenen Hygienemaßnahmen von möglichst vielen Bakterien und Parasiten ferngehalten werden. Forscher gehen davon aus, dass bei zu viel Sauberkeit das Immunsystem durch mangelnde Aktivierung unterfordert ist und sich neue eigentlich harmlose Strukturen sucht, die es angreifen kann.

Old McDonald had a farm – aber kein Asthma

Eine prominente Studie, die in diesem Zusammenhang in aller Munde genannt wird, ist die ALEX-Studie von 2001. In Deutschland, Österreich und der Schweiz wurden Bauernhof-Kinder auf die Entwicklung von Asthma, Heuschnupfen und Neurodermitis untersucht und mit normalen Kindern verglichen, die nicht auf einem Hof lebten. Das Ergebnis: diejenigen, die ihre Kindheit in Ställen verbracht haben und mit frischer Kuhmilch aufwuchsen, bekamen deutlich weniger allergie-assoziierte Erkrankungen. Die Forscher stellten außerdem fest: je früher die Kinder mit Dreck und Bakterien in Kontakt kamen, desto besser war der Allergieschutz. Doch diese Studie ist nicht die einzige, die einen solchen Effekt nachweisen kann.

In Amerika kann man dieses Phänomen besonders gut untersuchen. Dort gibt es zwei große Gruppen von Menschen, die Landwirtschaft betreiben: die Hutterer und die Amish. Beide betreiben Ackerbau und Viehzucht, doch während die Amish sehr traditionell auf einzelnen Familienfarmen arbeiten, verwenden die Hutterer vor allem industrielle Techniken in Großbetrieben und führen kein typisches Bauernleben mehr. Die Amish lehnen Elektrizität ab und verwenden Pferde zum Transport. Ihre Kinder lassen sie in den Ställen spielen, die sich direkt neben den Häusern der Familien befinden.

Die Hutterer dagegen verwenden Strom und leben auf großen, industrialisierten Gemeinschaftsbauernhöfen. Ihre Kühe befinden sich in großen Ställen weitab von den Häusern, sodass die Kinder mit ihnen kaum Kontakt haben. Bei beiden Bevölkerungsgruppen unterscheidet sich die Rate an Asthma enorm. Die Kinder der Amish leiden nur in 5% der Fälle an der Atemwegserkrankung, während 20% der Hutterer Kinder daran erkranken.

Hausstaub als Brutstätte für Mikroben

US-Forscher untersuchten deswegen in einer kürzlichen Studie im New England Journal of Medicine was diesen Unterschied erklären könnte. Obwohl beide Völker ähnliche Vorfahren haben und ihnen damit eine ähnliche genetische Ausstattung zugrunde liegt, leiden die Amish Kinder bis zu viermal weniger an allergischem Asthma. Interessanterweise fanden die Forscher heraus, dass im Hausstaub der Wohnungen dieser Kinder eine bis zu siebenfach erhöhte Konzentration von sogenannten Endotoxinen vorherrscht.

Endotoxine sind Bestandteile der Zellmembranen von Bakterien und damit ein Maß mit wie vielen Krankheitserregern die Kinder im Haus in Kontakt kommen. Die giftigen Verbindungen der Bakterienzellen können einerseits Menschen krankmachen, sind jedoch andererseits wichtig, um das menschliche Immunsystem zu trainieren und den Körper widerstandsfähiger zu machen. Die Wissenschaftler entdeckten außerdem, dass im Hausstaub der Amish Leute sehr viel mehr unterschiedliche Mikrobenarten vorhanden sind als bei den Hutterern.

An Blutproben war erkennbar, dass die Kinder der traditionellen Amish-Bauern ein völlig anderes Muster an Zellen des angeborenen Immunsystems aufweisen. So enthält ihr Blut eine große Anzahl an neutrophilen Granulozyten – weißen Blutzellen, die quasi die Notfallsanitäter unseres Immunsystems darstellen. Sie kommen bei den traditionellen Bauernkindern frisch aus dem Knochenmark, was ein Hinweis darauf ist, dass der Körper kontinuierlich in geringem Maße bakterielle Einwanderer bekämpft.

Alle 30 untersuchten Kinder der Amish hatten kein Asthma, dagegen litten sechs von 30 Hutterer Kindern unter der Atemwegserkrankung. Die Hutterer Kinder zeigten in den Untersuchungen der Forscher sehr viel geringere Spiegel an neutrophilen Granulozyten im Blut. Dies waren überwiegend ältere Exemplare, die nicht mehr so gut in der Abwehr von Eindringlingen sind. Außerdem zeigte sich in ihrem Blut eine große Menge an sogenannten eosinophilen Zellen, die allergische Reaktionen auslösen können. Das Zellmuster im Blut der Hutterer Kinder legt nahe, dass sie gewissermaßen schon auf die Entwicklung eines Asthmas in späteren Jahren vorprogrammiert sind.

Mit Nasenspray gegen Asthma?

Die Wissenschaftler gingen in ihrer Studie aber noch einen Schritt weiter. Sie sammelten Staubproben aus den Häusern beider Bevölkerungsgruppen und testeten sie in einem Tiermodell an Mäusen mit Asthma. Der Amish-Staub war mit einem Berg aus Bakterientrümmern beladen während der Hutterer-Staub relativ sauber war. Interessanterweise konnte die Gabe von Amish-Staub in die Nase der Mäuse die asthmatische Entzündungsreaktion in den Atemwegen der kranken Tiere unterdrücken, die Hutterer-Stäube jedoch nicht. Die Forscher stellten fest, dass sich durch die Behandlung mit Amish-Stäuben molekulare Signalwege in den Atemwegszellen verändert hatten, die an allergischen Reaktionen beteiligt sind. Es scheint, dass die Endotoxine aus Bakterien schützend vor allergischem Asthma wirken können. Die Wissenschaftler überlegen sogar schon aus dieser Entdeckung ein Medikament zu entwickeln. In Zukunft könnten dann vielleicht Kinder mit einem Nasenspray aus Bakterienbestandteilen vor Asthma geschützt werden.

Die Studie der Amerikaner zeigt, dass bei der Entwicklung von Allergien nicht nur die Gene eine Rolle spielen, sondern auch die Umwelt, in der unsere Kinder aufwachsen. Besonders der Kontakt mit Bakterien scheint dabei wichtig zu sein. Das Ergebnis einer weiteren Untersuchung untermauert die Annahme: in Haushalten, die regelmäßig einen Staubsauger zum Reinigen der Böden verwenden, ist der Prozentsatz an allergischen Erkrankungen höher als in Familien, die weniger putzen. Forscher konnten nachweisen, dass häufiges Staubsaugen das Mikrobiom – also die bakterielle Zusammensetzung – unseres Darms, aber auch der Atemwege wie Nase, Mundhöhle und Lunge verändert. Dieses ist unter anderem an unserer Immunabwehr beteiligt und könnte eine Erklärung für die Ergebnisse liefern.

Übrigens hat jede Familie ihre ganz eigene Zusammensetzung von bakteriellen Mitbewohnern im Hausstaub. Und die stellen sich als ziemlich hartnäckige Mieter heraus. Ziehen die Menschen in eine neue Umgebung, ziehen die Mikroben aus dem Staub einfach mit ins neue Heim. Eine weitere Studie fand heraus, dass Kinder, die in Entwicklungsländern mit niedriger Allergierate geboren wurden und im Laufe ihres Lebens in westliche Länder mit hoher Allergieprävalenz umzogen, sich mit der Zeit an ihre neue Umgebung anpassen. Nach 10 Jahren waren sie sehr viel anfälliger für allergische Erkrankungen als gleichaltrige Kinder, die in ihrem Heimatland blieben. Was also macht die Menschen in westlichen Ländern so anfällig für allergische Atemwegserkrankungen?

Heuschnupfen als Krankheit der Oberschicht

Es war der englische Arzt John Bostock (1772-1846), der im 19. Jahrhundert zum ersten Mal wissenschaftliche Untersuchungen zum Heuschnupfen durchführte. Selbst von der Erkrankung betroffen, wollte er der Ursache von fließender Nase und tränenden Augen auf den Grund gehen. Er nannte sein Leiden „Sommerkatarrh“, da die Erkältungssymptome typischerweise in den warmen Jahreszeiten auftraten. Doch in der Bevölkerung setzte sich schnell der Name „hay fever“ durch, waren doch die Symptome nach Kontakt mit Heu besonders schlimm. Eine Tatsache fiel dem Arzt bei seinen Untersuchungen besonders auf: anscheinend litt im Wesentlichen die britische Oberschicht am Heuschnupfen, während die hart arbeitende bäuerliche Landbevölkerung, die viel Kontakt zu Heu und Gräserpollen hatte, überwiegend verschont blieb.

In den 1990er Jahren konnten Forscher dieses Phänomen erneut auf Almen in der Schweiz beobachten. Auch hier litten Bauernkinder weniger an Heuschnupfen und Asthma als ländliche Kinder, die keinen Kuhstall zuhause hatten. Die Wissenschaftler konnten Luftverschmutzung als Erklärung ausschließen, denn die verglichenen Bevölkerungsgruppen atmeten jeweils dieselbe Almluft ein. Auch Unterschiede im Aktivitätslevel scheinen dabei keine Rolle zu spielen. Die Schweizer Forscher haben mit einem Messgerät die Bewegungen der Kinder erfasst und konnten nur geringe Unterschiede zwischen Bauernhofkindern und Kindern, die nicht auf einem Hof aufwuchsen, feststellen. Was also erklärt dann die unterschiedlichen Allergieraten?

Zeit und Vielfalt sind die Schlüssel

Prof. Dr. Erika von Mutius, Leiterin des Instituts für Asthma- und Allergieprävention am Helmholtz Zentrum München vermutet, dass Vielfalt ein Schlüssel bei der Allergieentstehung ist. Auf Bauernhöfen tummeln sich eine Reihe von unterschiedlichen Bakterien, Viren, Parasiten und Pilzen und der Kontakt mit ihnen scheint einen guten Schutz vor Allergien zu bieten. Der Staub aus dem Kuhstall nebenan weht in die Häuser der Bauernhofkinder, sie trinken Rohmilch und kommen so schon in sehr jungen Jahren mit einem Cocktail aus allen möglichen Mikroben in Kontakt. Das kindliche Immunsystem wird abgehärtet: es entwickelt eine gesunde Toleranz gegenüber Allergenen.

Eine Forschergruppe konnte nachweisen, dass das Risiko für kindliche allergische Ausschläge mit steigender Anzahl der Bakterien in der Bettmatratze ihrer Mütter sinkt. Eine andere Studie zeigt, dass Kinder aus Familien mit Geschirrspülmaschinen sehr viel häufiger Allergien bekommen, als Kinder, bei denen das dreckige Geschirr per Hand abgewaschen wird. „Je mehr Mikroben sich in der Umgebung der Kinder befinden, desto geringer ist das Risiko für allergische Erkrankungen wie Asthma“ erläutet von Mutius.

Der Kontakt mit Bakterien beginnt aber nicht erst mit der Geburt. Schon im Mutterleib können bestimmte Mikroben bei schwangeren Frauen das Immunsystem stimulieren und darüber ihren Nachwuchs vor Allergien schützen. Eine amerikanische Studie fand heraus, dass Kinder, deren Mütter während ihrer Schwangerschaft mit Tieren in Ställen arbeiten, später weniger allergische Erkrankungen entwickeln. Zeit und Vielfalt scheinen also die Schlüsselwörter bei der Entwicklung von Allergien zu sein. Je früher die Exposition gegenüber Keimen stattfindet und je mehr unterschiedliche Arten von Mikroben einem begegnen, desto besser der Schutz.

Der Kontakt mit einer Vielzahl von Keimen im frühen Kindesalter bietet den besten Schutz vor Allergien. Credit: Loes van damme / pixabay / CC0

Früher Nahrungsmittelkonsum und Rohmilchverzehr schützen vor Allergien

Auch bei Nahrungsmittelallergien gilt dieser Grundsatz. Früher galt die vorherrschende Meinung, dass Kinder in den ersten Lebensjahren nicht mit bestimmten Nahrungsmitteln in Kontakt kommen sollen, damit sie später keine gefährliche Allergie dagegen entwickeln. Doch damit lag man sehr falsch. Lässt man die Kleinen extra auf Erdnuss, Fisch oder Ei verzichten, obwohl sie keine Anzeichen einer Unverträglichkeit zeigen, schützt man sie nicht vor Allergien, sondern bewirkt das genaue Gegenteil. Erst die vielfältige Ernährung bietet einen gewissen Schutz. Kinder, die schon früh Erdnüsse essen, weisen ein viel geringeres Risiko auf später eine Allergie dagegen zu bekommen als solche, die den Erdnusskonsum in den ersten Lebensjahren strikt vermeiden.

Und dabei hat man herausgefunden, dass sie nicht einmal unbedingt die Nahrung selbst zu sich nehmen müssen. Selbst wenn nur die Familienmitglieder regelmäßig Nüsse verspeisen, kann es schon einen schützenden Effekt geben. Der im Haus befindliche feine Staub aus der Erdnuss kann über die Haut der Kinder aufgenommen werden und so das Immunsystem trainieren. Nicht ängstliches Vermeiden, sondern möglichst frühe Konfrontation mit Nahrungsmitteln lautet hier also das Motto. Auch Schwangere sollten möglichst vielfältig essen und nicht extra auf Nahrungsmittel verzichten, damit ihre Babys keine Allergien entwickeln. Ausnahme: sie leiden bereits selbst unter einer echten Nahrungsmittelallergie.

Die frühere Kinderärztin von Mutius untersucht in ihrer europaweiten PASTURE-Studie vor allem auch den Effekt den der Konsum von Rohmilch auf die Allergieprävalenz hat. Ihre Ergebnisse zeigen, dass Kinder, die die naturbelassene, unbehandelte Milch trinken vor Allergien und Asthmaerkrankungen besser geschützt sind als jene, die diesen Reizen nicht ausgesetzt sind. „Wer dem Immunsystem seines Kindes etwas Gutes tun möchte, sollte traditionell hergestellte Kuhmilch kaufen. Diese enthält unter anderem bestimmte Immunabwehrstoffe, die die Mutterkuh zum Schutz des Kalbs bildet. Sie stärken jedoch auch das kindliche Immunsystem“, erklärt von Mutius.

Dennoch rät sie vom direkten Rohmilchkonsum ab:„ Rohmilch kann mit Krankheitserregern belastet sein, daher muss sie vor dem Trinken abgekocht werden. Leider verliert sie dann auch ihre gesunden Eigenschaften.“ Auch die haltbare Milch aus dem Supermarkt (egal ob Bio oder nicht) wäre eine „tote“ Milch, die diesen hitzeempfindlichen gesunden Inhaltsstoffe – zu denen unter anderem Omega-3-Fettsäuren zählen – nicht mehr enthält. Die Allergieexpertin empfiehlt daher Milch zu kaufen, die nicht länger haltbar gemacht wurde, sondern auf deren Verpackung man den Hinweis „traditionell hergestellt“ findet.

Kontakt mit Vielzahl von Allergenen als bester Schutz

Um uns vor Allergien zu schützen gilt inzwischen die Empfehlung es mit der Hygiene nicht immer ganz so genau zu nehmen. Es geht jedoch nicht darum, sein Haus fortan nicht mehr zu reinigen. „Entscheidend für die Prägung des Immunsystems ist eine möglichst große Vielfalt an Mikroorganismen. In einer Wohnung wird es nie so viele verschiedene Mikroorganismen geben wie im Stall“, erklärt von Mutius. Man kann also reinen Gewissens den Schmutz aus der Wohnung entfernen. Und man sollte sogar darauf achten, dass das Heim nicht an feuchten Wänden mit Schimmelpilzen befallen wird, da sonst das Allergierisiko wieder ansteigen kann.

Es geht vielmehr darum seinen Kindern das Leben da draußen zu zeigen und sie mit möglichst vielen Allergenen in Kontakt kommen zu lassen. Ein Leben mit Tieren und Dreck auf dem Bauernhof scheint dabei am günstigsten zu sein. Vor allem der Kontakt zu verschiedenen Nahrungsmitteln und Mikroben im Kindesalter scheint wichtig zu sein, um das Immunsystem schon früh an eine Vielzahl von Oberflächenstrukturen zu gewöhnen. Hat man nicht die Möglichkeit seine Schützlinge im Stall spielen zu lassen, so sollte man Kleinkindern zumindest Umgang mit anderen Kindern, der Natur und auch Haustieren ermöglichen. Die Auseinandersetzung mit vielfältigen Allergenen im Kindesalter ist der beste Weg sich vor der Entwicklung von allergischen Erkrankungen wie dem allergischen Asthma zu schützen.

Nicole ist inzwischen 26 Jahre alt und ihr Asthma sehr viel besser geworden. Dazu beigetragen hat wahrscheinlich auch ihr Umzug an die Nordsee. Die frische allergenarme Luft ist für viele Asthmatiker ein Segen. „Inzwischen kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wann ich das letzte Mal aufgrund eines Atemnotanfalls inhalieren musste“. Nur ihr Spray hat sie für Notfälle immer in der Handtasche dabei. Ihrem Kind will sie jedoch die besten Voraussetzungen mitgeben und möglichst vor demselben Schicksal bewahren: „Ich lasse meinen Jungen so oft es geht im schwarzen Schlick des Wattenmeeres spielen. Und in den Ferien kommt er zu Oma und Opa. Die machen Urlaub auf dem Bauernhof.“

Das Leben auf dem Bauernhof schützt vor Allergien. Credit: Turmfalke / pixabay / CC0

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Marlene Heckl ist Medizinstudentin im letzten Studienjahr an der Technischen Universität München. Nebenbei promoviert sie an der Ludwig-Maximilians-Universität über den Einfluss von Tumorsuppressorgenen bei Ovarial- und Endometriumskarzinomen. Seit 2012 schreibt sie über medizinische und wissenschaftliche Themen, die ihr am Herzen liegen. Anfangs erschienen ihre Beitrage bei medizinischen Portalen wie DocCheck und Thieme, 2016 folgte dann ihr eigener Blog Marlenes Medizinkiste, der nun auch bei den SciLogs zu finden ist.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Die Medizin der Zukunft heilt mehr Asthma- und Allergiekranke (zum Beispiel durch Desensibilisierung) und senkt das Erkrankungsrisiko (z.B. durch frühe Allergenexposition (TotMikrobenSpray) und die Verlaufskontrolle des kindlichen Allergieniveaus).

    Ziel: Reduktion der Allergetiker/Asthmatiker auf 1/3 oder weniger.
    Mir scheinen die obigen allgemeinen Empfehlungen (Zitat): Es geht vielmehr darum seinen Kindern das Leben da draußen zu zeigen und sie mit möglichst vielen Allergenen in Kontakt kommen zu lassen. Ein Leben mit Tieren und Dreck auf dem Bauernhof scheint dabei am günstigsten zu sein
    zuwenig praktikabel, denn heute wohnen im Westen bereits die meisten in urbanen Umgebungen und im Jahr 2050 werden es weltweit 68% aller Menschen sein, die im städtischen Umfeld leben.
    Man muss die Krankheiten dort heilen und verhindern, wo die Menschen leben . Ein gelegentlicher Besuch auf einem Bauernhof genügt wohl nicht. Ein Spray mit Allergenen oder toten Mikroben, dem die Kinder vielleicht sogar im Kindergarten ausgesetzt werden, könnte da mehr erreichen. Auch die Kinderärzte sollte man einspannen. Heute sind Kinderärzte meist stark unterbeschäftigt, weil ernsthaft kranke Kinder selten sind. In Zukunft könnten die Kinderärzte mit dafür sorgen, dass es weniger kranke Erwachsene gibt, indem sie etwa das Allergieniveau der Kinder kontrollieren und mit geeigneten Massnahmen senken.

  2. Wie sieht es denn aus mit der Studienlage zu Adjuvantien? Ich bin der Meinung, dass es einer gewissen Logik nicht entbehrt, diese als Ursache für den “mysteriösen” Ansteig an Immunkrankheiten zumindest in Betracht zu ziehen.

  3. Zitat: Früher Nahrungsmittelkonsum und Rohmilchverzehr schützen vor Allergien Ja, wobei es gemäss Literatur sehr früh sein muss, nämlich deutlich vor Abschluss des ersten Lebensjahrs (auch wenn das Baby dann noch Milch erhält). Gemäss NIAID (National Institute of Allergy and Infectious Diseases) gelten je nach Risikogruppe folgende Empfehlungen (übersetzt von DeepL):
    Hohes Risiko (Kind hat schweres Ekzem, Eierallergie oder beides oder elterliche Vorbelastung): Führen Sie altersgerechte erdnusshaltige Lebensmittel zwischen 4 und 6 Monaten ein. Es ist eine sehr gute Idee, Ihr Kind zuerst professionell auf Erdnussallergie testen zu lassen (entweder mit einem Hautsticheltest oder einem Bluttest). Dies wird Ihnen bei der Entscheidung helfen, ob Sie Erdnüsse zu Hause oder im Gesundheitswesen einführen wollen.
    Mäßiges Risiko (Kind hat nur ein leichtes oder mäßiges Ekzem): Führen Sie altersgerechte erdnusshaltige Lebensmittel ca. 6 Monate ein. Gehen Sie zu Ihrem Arzt, wenn Sie besondere Bedenken haben.
    Geringes Risiko (Kind hat weder Ekzeme noch Nahrungsmittelallergien): Führen Sie erdnusshaltige Lebensmittel ein, je nach den Vorlieben und kulturellen Gepflogenheiten Ihrer Familie. Dies gilt als sicher und sollte zu einer geringeren Erdnussallergie führen.

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