Depression und keiner merkts? – 6 Zeichen der hochfunktionalen Depression

Obwohl man erfolgreich im Beruf ist und seinen Alltag gut bewältigen kann, kann man depressiv sein. Diese Form der Depression wird manchmal auch “hochfunktionale Depression” genannt. Betroffene werden oft jahrelang nicht diagnostiziert – unter anderem auch, weil sie sich nicht zum Arzt trauen, da sie sich nicht “krank genug” fühlen. Was steckt hinter der Erkrankung und wie erkennt ihr sie?

Hochfunktionale Depression

Hochfunktionale Depression? Das ist eigentlich keine richtige medizinische Diagnose. Ihr werdet sie weder auf einem Arztbrief noch im Standardwerk der medizinischen Diagnosen, dem sogenannten ICD-10, finden.

Trotzdem gibt es diese Krankheit, allerdings unter einem anderen Namen: Die hochfunktionale Depression ist ein modernerer Name für die Diagnose der Dysthymie.

Und ihr werdet gleich feststellen warum viele Leute sie lieber als hochfunktionale bzw. hochfunktionelle oder high-functioning Depression bezeichnen.

Dysthymie

Die Dysthymie wird im ICD-10 beschrieben als eine depressive Verstimmung, die man die überwiegende Zeit am Tag hat. Man hat sie an mehr Tagen, als dass man sie nicht hat – entweder selbst festgestellt oder beobachtet durch andere.

Wichtig für die Diagnosestellung ist: die depressive Stimmung ist chronisch, muss  also schon mindestens zwei Jahre lang andauern.

Man könnte die Dysthymie auch als eine leichtere Form der Depression bezeichnen, die einfach für eine richtig lange Zeit anhält.

Und mit leichter meine ich nicht, dass sie weniger therapiebedürftig ist, sondern dass es nicht diese extremen Tiefpunkte gibt wie bei einer klassischen Depression, bei denen man sich komplett gelähmt fühlt und unfähig ist alltägliche Dinge zu tun.

Die Dysthymie ist halt irgendwie da und macht alles ein bisschen schwieriger.

Zeichen der Dysthymie

Die Diagnose wird meist begleitet von zwei oder mehr der folgenden Anzeichen:

  1. Appetitlosigkeit oder Heißhunger
  2. Schlaflosigkeit oder exzessives Schlafbedürfnis
  3. Wenig Energie bzw. Erschöpfung
  4. Geringes Selbstwertgefühl, Konzentrationsschwierigkeiten oder auch Schwierigkeiten damit, Entscheidungen zu treffen
  5. Gefühle von Hoffnungslosigkeit

Ihr könnt also sehen, dass es hier viele Ähnlichkeiten gibt zur Depression.

Aber es ist ein bisschen leichter mit den Symptomen im Alltag umzugehen. Deshalb können Leute mit Dysthymie vielleicht noch morgens aufstehen und zur Arbeit oder zur Schule gehen

Und von außen sehen sie vielleicht ganz normal aus, aber innerlich sind sie total erschöpft, frustriert oder können sich sehr schlecht fühlen in Hinblick auf ihre Situation. Deswegen auch der Name hochfunktional – weil es von außen oft so aussieht, also würde ja alles funktionieren und man sein Leben im Griff haben.

Wenn du denkst, dass du vielleicht unter einer Dysthymie bzw. hochfunktionalen Depression leiden könntest, dann solltest jetzt weiterlesen, denn wir gehen die sechs häufigsten Anzeichen dafür durch.

Die sechs häufigsten Anzeichen

Nummer 1:

Das erste Zeichen ist das Vermeiden von sozialen Situationen.

Man kann sich dazu bringen im Alltag zu funktionieren, aber es ist dann einfach keine Energie mehr für ein Sozialleben da. Du sagst ständig Pläne ab, willst lieber alleine sein und ziehst dich komplett zurück von Freunden und Familie.

Nummer 2:

Das zweite Zeichen ist eine starke Reizbarkeit.

Wenn wir uns nicht so gut fühlen, dann haben wir oft wenig Geduld für die Leute um uns herum. Jeder geht uns auf die Nerven und vielleicht fängt man sogar Streit an mit Leuten, die man eigentlich mag.

Typisches Zeichen der Dysthymie: du bist stark reizbar und frustrierst und nervst damit auch oft die Menschen in deinem Umfeld.

Nummer 3:

Das dritte Zeichen ist konstante Müdigkeit.

Kannst du gerade so alles erledigen, was du jeden Tag machen musst und fühlst dich dann komplett erschöpft? Bist du quasi dauer-müde während du früher einfach viel mehr Energie hattest? Das ist eins der häufigsten Zeichen von Depressionen und auch sehr häufig bei der Dysthymie.

Nummer 4:

Das nächste Zeichen sind Konzentrationsschwierigkeiten

Oft lesen wir z.B. Texte wie Emails mehrmals und wissen dann immer noch nicht, was darin stand. Vielleicht ist es schwierig für dich, dich auf etwas zu fokussieren z.B. einen Film zu schauen. Die meisten Patienten mit hochfunktionaler Depression berichten, dass es ihnen schwerfällt der Handlung von einem Film oder einer Serie zu folgen. Sie müssen öfters zurückspulen, um Szenen nochmals anzuschauen, damit sie verstehen können, was da gerade passiert ist. Und das kann extrem frustrierend sein. Schule oder Arbeit können das noch viel schwerer machen.

Nummer 5:

Das nächste Zeichen ist, dass du vermehrt ungesunde Bewältigungsmechanismen anwendest.

Das kann z.B. sowas sein wie viel Alkohol zu trinken. Wenn du also jeden Abend nach der Arbeit/Schule was trinken gehst, solltest du vorsichtig sein. Oder du ertränkst deinen Kummer nicht in Alkohol, sondern schaust jeden Tag nur noch Fernsehen oder spielst ganz exzessiv Videospiele, um dich von allem abzulenken. Du hast einfach gar keine Verbindung mehr zu dir selbst und zu anderen Leuten.

Eine andere ungesunde Strategie ist das Überessen. Wenn wir immer mehr und mehr essen, um Gefühle nicht spüren zu müssen, oder eben einfach alles zu ignorieren, was wir fühlen. Wenn du also bemerkst, dass du in alte oder sogar neue ungesunde Muster verfällst, dann ist spätestens der Punkt erreicht, wo du mit jemandem darüber sprechen solltest.

Es wichtig die Probleme frühzeitig in den Griff zu bekommen und gesündere Bewältigungsstrategien zu finden.

Je schneller du dir Hilfe suchst, umso weniger fest verankern sich diese ungesunden Bewältigungsmechanismen. Wenn das jahrelang so geht, werden sie irgendwann Automatismen und sind dann viel schwieriger zu behandeln.  

Nummer 6:

Das letzte Zeichen ist die konstante Sorge um Dinge, die in der Vergangenheit passiert sind oder in der Zukunft passieren könnten.

Und ich glaube, dass das einfach so oft vorkommt, weil Angststörungen und Depressionen leider sehr gute alte Freunde sind – also oft zusammen vorkommen.

Das kann zum Beispiel so aussehen, dass man in der Nacht nicht schlafen kann, weil man über Dinge grübelt, die vor Wochen, Monaten oder sogar Jahren passiert sind. Oder weil man besorgt ist was morgen passieren könnte oder du nicht rausbekommst was du die nächsten 20 Jahre mit deinem Leben machen sollst.  

Manche Betroffene berichten, dass sie nicht einschlafen können, weil sie einfach nicht aufhören können über diese eine dumme Sache nachzudenken, die sie vor Jahren mal zu jemanden gesagt haben.  

Oder du hast das Gefühl, dass du keine Kontrolle mehr über deine Gedanken hast und das Gedankenkarussel auch gar nicht wirklich durchbrechen kannst.

Warum Behandlung wichtig ist

Wenn du denkst, dass einige dieser Zeichen auf dich zutreffen und du während der Aufzählung ganz viel genickt hast und dir denkst “Ja das könnte ich sein!” – also wenn du glaubst eine Dysthymie bzw. hochfunktionale Depression zu haben, dann suche dir bitte, bitte Hilfe.

Viele schämen sich dafür, weil der Alltag ja irgendwie noch klappt – zwar unter größter Anstrengung, aber von außen betrachtet scheint ja alles gut. Die Gefahr ist aber, wenn du das nicht behandeln lässt, kann es schlimmer werden und vielleicht sogar in eine starke Depression oder andere psychische Erkrankung münden.

Viele machen das jahrelang durch und werden oft lange Zeit nicht behandelt. Die Diagnose der Dysthymie lässt sich ja auch erst nach 2 Jahren stellen.

Aber je früher du dir Hilfe suchst, desto weniger Zeit verbringst du damit, dich schlecht zu fühlen. Für viele Menschen ist eine Therapie alles, was nötig ist.

Einfach einen Ort zu haben, um alles rauszulassen, das kann schon sehr hilfreich sein. Bei anderen kommt auch eine medikamentöse Behandlung in Frage. Finde Behandlung, die für dich funktioniert.

Lasst mich gerne in den Kommentaren wissen, ob dieser Text bzw. das Video für euch hilfreich war.

Gibt es etwas, womit du kämpfst?  Gibt es Zeichen, die ich vergessen habe?

Wenn du mehr Infos zu Depressionen oder psychischen Erkrankungen haben willst, dann schau dir gerne auch die anderen Videos zum Thema an:

Wenn es dir schlecht geht, findest du hier Hilfe:

Telefonseelsorge: 0800 / 111 0 111 oder 0800 / 111 0 222 (24/7 Hilfe)

Info-Telefon Depression: 0800 / 33 44 533

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Veröffentlicht von

Dr. med. Marlene Heckl arbeitet als approbierte Ärztin und hat an der Technischen Universität München und Ludwig-Maximilians-Universität studiert und promoviert. Seit 2012 schreibt die Preisträgerin des "Georg-von-Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus" für Ihren Blog "Marlenes Medizinkiste" und veröffentlicht Science-Videos auf Youtube und modernen social-media Plattformen, für die sie bereits mehrfach ausgezeichnet wurde. Für Spektrum der Wissenschaft, Die Zeit, Thieme, Science Notes, DocCheck u.a. befasst sie sich mit aktuellen medizinisch-wissenschaftlichen Themen, die ihr am Herzen liegen. Kontakt: medizinkiste@protonmail.com

18 Kommentare

  1. Ein weiteres Zeichen könnte die durchgehende Sinnfrage an das eigene Handeln sein: Macht es überhaupt einen Sinn, dieses oder jenes zu tun? Welchen Unterschied macht es letztlich, es einfach zu lassen?

    • “Das kann zum Beispiel so aussehen, dass man in der Nacht nicht schlafen kann, weil man über Dinge grübelt, die vor Wochen, Monaten oder sogar Jahren passiert sind. Oder weil man besorgt ist was morgen passieren könnte oder du nicht rausbekommst […]  

      Manche Betroffene berichten, dass sie nicht einschlafen können, weil sie einfach nicht aufhören können über diese eine dumme Sache nachzudenken …” – Aber mehr über wenig und garnicht dumme Sachen.

      Ich kämpfe mit meinen Träumen (die ich glücklicherweise nach dem Erwachen schnell vergesse), mit der Migräne, mit meinem hohen Blutdruck, aber weil ich aus Gründen meines Bewusstseins / meiner Umwelt auf eine Therapie garnicht bauen/hoffen kann, und weil ich schlafen muss, schlucke ich deshalb für die Nacht eine niedrige Dosis Trimipramin, die ich erhöhen oder durch etwas anderes ersetzen müsste, aber besser auch dagegen kämpfe, bis …!?

      Wäre gut, wenn ein starkes Kraut dafür gewachsen ist, aber optimal wäre natürlich eine wirklich-wahrhaftige / nicht mikro-/makrokosmologische Kommunikation.

      Probleme mit meinem Selbstwertgefühl, oder mit Alkohol oder Drogen, habe ich ganz und garnicht, nie gehabt, weil …!👋😎

    • Petra
      “durchgehende Sinnfrage”.
      Folge doch deinem Gefühl, deinem Herzen und hinterfrage dein Handeln nicht.
      Tipp: Wenn du am Wochenende Zeit hast. Gehe zum Bahnhof mit einer Tagesnetzkarte. Nimm den nächsten Zug/S-Bahn die kommt. Achte nicht darauf, wohin sie fährt. Überlasse es dem Zufall. Dann steigst du aus, wohin der Nahverkehrszug gefahren ist. Gehe in den Ort, gehe in ein Cafe.
      Du wirst dich wundern, was dir dabei passiert, wer dir begegnet, du kommst in das Wunderland des Neuen.
      Lass Dich überraschen. Die Welt ist voll von Wundern.

    • @Petra

      Das “eigene” Handeln, ist so illusionär wie das “Individualbewusstsein” im “gesunden” Konkurrenzdenken des nun “freiheitlichen” Wettbewerbs.

      “NICHTS TUN IST BESSER ALS MIT VIEL MÜHE NICHTS SCHAFFEN.” (Laotse)

      Es einfach zu lassen, sollte aber nicht die absolute systemrationale Kapitulation sein, sondern nur den Stumpf-, Blöd-, und Wahnsinn der bewussteinsbetäubenden Funktionalität betreffend – Der Sinn des Lebens ist die zweifelsfrei-eindeutige Gestaltung des ganzheitlich-ebenbildlichen Wesens Mensch, wirklich-wahrhaftig nur OHNE wettbewerbsbedingte Symptomatik.

      Den Unterschied zu erkennen und zu ertragen bis …, ist wahrlich nicht einfach – Selig sind die “geistig armen” Menschen, wenn die Kraft unseres Geistes, trotz aller widerständlichen Probleme, die Vernunftbegabung zu Vernunft und Verantwortungsbewusstsein schaffen sollte!?

  2. Mit den von ihnen angegebenen Anzeichen beschreiben sie doch eigentlich nur die Erscheinungen einer Ursache denn im Umkehrschluss könnte man sich die Frage stellen weshalb wahrscheinlich nur eine ganz bestimmte Gruppe von Menschen an Depressionen leiden, also weniger resilent sind als die “Norm”. Neben genetischen Ursachen die eine erhöhte Sensibilität zeigen, könnte eine auch daraus resultierende Gefühlswelt eine Rolle spielen. Depression ist wohl ein permanentes Gefühl von Hilflosigkeit oder von Verletzungen. Da Menschen sich permanent selbst verletzen und andere gleich mit in dem sie immer nur ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen wollen, sei es in der Ehe oder im Beruf , werden immer nur die “Stärkeren” dieses Schlachtfeld verlassen und die Geschlagenen bekommen dann ihre aufgezählten Symptome .Reizbar wird man nur wenn man verletzt wird.

  3. Kenne persönlich einen Fall wo jemand durch 2 (oder evtl mehr)Rückschläge im Berufsleben, nach seinen Erzählungen würde ich sagen Mobbing ohne sich zu wehren, was ihn dann zu einem Arztbesuch führte. Dort bekam er dann Psychopharmaka. Was zum Einen mit einer merkbaren Verschlechterung der Persönlichkeit einherging, lethargischer, sowie einer Abhängigkeit zu den Mitteln. Sinnvoller wäre aus meiner Sicht Hilfe zur Selbsthilfe. Persönlichkeitsstärkung und Lernen von Abwehrmaßnahmen.

    Aus meiner Sicht hilft hier weder ein Aussprechen noch eine Verabreichung von Psychopharmaka. Die Ärzteschaft geht hier den einfachen Weg, der dem Patienten aber nicht hilft. Psychopharmaka sollte das aller-aller-letzte Mittel sein.

    • @Komapatient: “. Die Ärzteschaft geht hier den einfachen Weg, der dem Patienten aber nicht hilft.”

      Nicht nur die Ärzteschaft!?

      Die Ärzteschaft ist nur ein Teil der expertis-gebildeten Spitze unseres hierarchischen “Zusammenlebens” in gleichermaßen unverarbeitet-gepflegter Bewusstseinsschwäche – Die Selbsthilfe fängt also wirklich-wahrhaftig mit der Einsicht an, daß Mensch eine ganz andere / zweifelsfrei-eindeutige Vernunft des Zusammenlebens braucht, geistig-heilendes Selbst- und Massenbewusstsein, als ganzheitlich-ebenbildliches Wesen Mensch, OHNE wettbewerbsbedingte Symptomatik, also vor allem OHNE kapitulative Bewusstseinsbetäubung von/zu materialistischer “Absicherung”!?

  4. @Skeptiker

    Die URSACHE aller Probleme unseres konfusionierten “Zusammenlebens” ist die Symptomatik des nun “freiheitlichen” WETTBEWERBS um die Deutungshoheit – Die “Norm”, die sich stets in systemrationaler Bewusstseinsbetäubung und somit in “Relisenz” bewegt, ist auch im kriegerischen Akt zu finden, unserer gleichermaßen unverarbeitet-gepflegten Bewusstseinsschwäche in Angst, Gewalt und egozentriertem “Individualbewusstsein”!?

  5. Es scheint ganze Genres zu geben, die hochfunktional depressive Charaktere glorifizieren, vor allem in Krimis und Fantasy. Der einsame Detektiv, der seinen Frust in Alkohol ertränkt, der umherziehende Ritter, auf der Flucht vor den Dämonen der Vergangenheit, aber auch Dr. Hosue… Es klingt nicht so sehr nach einer Krankheit, wie nach einer sozialen Funktion – man braucht halt Leute, die echt düster drauf sind, die mit Glück nichts anfangen können, denn sie entwickeln manchmal Superkräfte und werden zu Dingen fähig, ohne die das relative Glück der Mehrheit nicht bestehen könnte.

    Ich war nie glücklich, hielt mich nie für fähig oder berechtigt, glücklich zu sein, hab mich in der Finsternis eingerichtet. Ich wurde – rein geistig – aggressiv, zynisch, bitter, brutal, rücksichtslos, skrupellos, und was das Denken angeht, hat es mir gut getan, denn ein solcher Verstand wirkt wie Skalpell und Säure und schert sich nicht um Tabus, Ängste, den Schutz der eigenen Psyche. Ich habe nie nach Glück gestrebt, nur nach Erkenntnis. Ich bin nichts, das Ziel ist alles. Leider haben ein paar IQ-Punkte gefehlt, damit was draus wurde, dazu ist meine Depri eher leidlich als hoch funktional – zu viele Gedächtnis- und Konzentrationsschwierigkeiten. Aber ich habe genug von der Hölle gesehen, um zu wissen, dass ein Klügerer als ich da ordentlich Schätze hätte abgreifen können, die die Glücklichen dann nützen könnten.

    Hat halt alles seinen Preis. Schätze mal, wer trotzdem in den gleichen Kreisen läuft, wie die Glücklichen und Normalen, wird nur den Preis bezahlen, ohne jemals was dafür zu bekommen, deswegen sollten solche Menschen lieber Therapie machen und glücklich werden. Die Natur arbeitet mit Experimenten und schert sich nicht um Schwund, und die Fehlversuche müssen halt zusehen, wie sie klar kommen. Aber Wahnsinn existiert, weil er sich statistisch auszahlt, zumindest in den meisten seiner Formen. Man verkrüppelt einen Geist, damit er es durch Überentwicklung auf andere Weise kompensiert, und so entwickelt er Superkräfte. Wenn nicht – weg damit, nächster Versuch, irgendeine Petri-Schale bringt schon eine Mutation hervor, die die Verluste mehr als kompensiert. Die Evolution ist eine fiese Sau, aber schlau ist sie, muss man ihr lassen.

    Vielleicht wird die Therapie irgendwann darin bestehen, dass man zumindest einigen Leuten hilft, aus ihrer Behinderung das Beste rauszuschlagen, statt sie bloß zu kompensieren. Glück ist eine Behinderung, die dazu führt, dass man sich ungern ändert, man bleibt in den glücklichen Bahnen und hält daran fest, auch wenn sie nicht mehr glücklich sind, weil man nie etwas Anderes gelernt hat. Ohne die Geisteskranken ist geistige Gesundheit eine Krankheit, die so tödlich ist wie Krebs. Es braucht die Mehrheit der Glücklichen an der Sonne für eine stabile Masse, aber auch die Kaputten, diejenigen getrieben von einem Stachel im Fleisch ihrer Seele, die in die Finsternis hinauslaufen, um sie zu erforschen, oder zwischen Licht und Finsternis zu wachen, denn es kriechen ja immer wieder Dämonen aus ihr.

    Die Beziehung ist symbiotisch, keiner kommt weit ohne den anderen. Wenn Sie glücklich sind, haben Sie natürlich Glück gehabt. Gäbe es die Unglücklichen nicht, wäre es Pech, denn Sie könnten deren Job nicht machen, ohne zu einem von ihnen zu werden.

    • @Paul S.: “Aber ich habe genug von der Hölle gesehen, um zu wissen, dass ein Klügerer als ich da ordentlich Schätze hätte abgreifen können, die die Glücklichen dann nützen könnten.”

      Ja, so funktioniert diese zeitgeistlich-reformistische Welt- und “Werteordnung”, seit Mensch erstem und bisher einzigen geistigen Evolutionssprung (“Vertreibung aus dem Paradies”).

      “Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit.” (Marie von Ebner-Eschenbach)

  6. @Paul S. 08.12. 23:27

    „Gäbe es die Unglücklichen nicht, wäre es Pech, denn Sie könnten deren Job nicht machen, ohne zu einem von ihnen zu werden.“

    Da kann was dran sein. Es muss nicht jeder den ganzen Tag glücklich sein. Wer seine Aufgaben noch hinbekommt, der kommt ja wenigstens halbwegs klar, ohne auch sozialen Schaden zu nehmen. Ein ausgedünntes Soziales Umfeld auf Sparflamme ist schon mal sehr viel besser als gar keines mehr.

    Wer wirklich leidet, und Hilfe sucht, der soll das machen. Aber manch einer will das gar nicht, und fühlt sich womöglich im eigenen Unglück eigentlich gar nicht so unwohl.

    Vielleicht ist hier sogar das Hauptproblem, dass unsere modernen Zeiten glückliche fidele Menschen geradezu einfordert? Dass wir einem Fitnesswahn hinter her laufen, weil wir glauben, dass das unsere biologische Bestimmung ist, und dass dann auch der Glücklichere immer der Bessere ist?

    Auch Stinkstiefel leisten ihren Beitrag. Kann man denn die hochfunktionale Depression nicht auch als eine Persönlichkeitseigenschaft einordnen? Ich habe hier wirklich Schwierigkeiten, eine wirkliche Krankheit zu erkennen. Derweil ich einige Leute kenne, die neben anderen psychischen Problemen auch durchaus die hier beschriebenen Symptome und den zugehörigen Stimmungslevel haben. Und ich komme mit denen eigentlich sehr gut aus.

  7. ” Es braucht die Mehrheit der Glücklichen”. Wo findet man die ?
    Über 20 % der Deutschen leben allein . Im Vergleich beträgt der Anteil in der EU nur 15,8 %. Vielleicht ist eine Ursache die Überalterung der deutschen Gesellschaft.
    Alt und allein, das ist eine schlechte Grundlage für Glücklichsein.
    14,8 % der Menschen zwischen 16 und 64 Jahren kann man als Alkoholiker betrachten. Auch eine sackelige Grundlage für Glücklichsein.
    8,15 % der Deutschen sind überschuldet, auch kein Grund für Freudensprünge.
    0,5 % sind glücksspielsüchtig,
    Und last but not least 40 % sind chronisch krank.
    Das sind etwa 83 % die wahrscheinlich teilweise unglücklich sind.
    Also wird es nix mit der Mehrheit der Glücklichen. Deren Anteil liegt bei unter 20 %. die hochfunktionale Depression hat Hochkonjunktur.

  8. “über dumme Sachen nachzudenken…”
    Man denkt ja nicht über “dumme “Sachen nach sondern über Probleme die das eigene Ego mit sich und der Welt hat. In der Regel sind das wohl psychische oder physische Schmerzen die der Geist als DENKEN immer wieder ins Bewusstsein stellt , also die Person damit letztlich quält. Gedanken sind also der Grund und der Grund für Gedanken….?! GLÜCK scheint nie ein Dauerzustand zu sein , Leid dagegen schon. Man kann unter alles leiden ,alles was Angst macht und das wird dann sofort konditioniert und bleibt als grauer Gemütsschleier (Depression) in der Seele. Wer glücklich ist empfindet weder Wut, Neid, Verzweiflung oder Aggressivität. Nun sollte man versuchen sich zu erinnern ob man einen solcher n Menschen in seinem Leben schon mal begegnet ist , hinter all den vorgespielten Fassaden und Lebenslügen in dieser Gesellschaft…

    • @Skeptiker: “Wer glücklich ist empfindet weder Wut, Neid, Verzweiflung oder Aggressivität.”

      Es sind unsere “individualbewussten” Emotionen/Gefühle, die wir mit geistig-heilendem Selbst- und Massen-/Verantwortungsbewusstsein überwinden soll(t)en, also deshalb müss(t)en die Bedingungen …!?

    • Skeptiker
      ” Wer glücklich ist empfindet weder Wut, Neid, Verzweiflung oder Aggressivität.”
      So einfach ist das nicht.
      Wenn man die 4 Temperamente zugrunde legt, dann gehören Wut und Aggressivität zum Choleriker. Und der kann auch unglücklich sein. Der ist auch empfänglich für Neid. Neid ist das Maß für das Unglück eines Menschen.

      Der Sanguiniker, ein lebhafter, temperamentvoller, meist heiterer, lebensbejahender Mensch. Für den ist Glück fast der Dauerzustand.
      Und weil der so positiv wirkt hat er auch Erfolg. Und weil er Erfolg hat, ist er auch glücklich.

      Der Phlegmatiker ist der stille Genießer. Und weil bei ihm alles ein wenig länger dauert, kann er auch nicht spontan lachen. Ob er glücklich sein kann , wer weiß ?

      “Melancholiker sind zaghaft und leicht zu verunsichern.
      Ihre Gestik und Mimik sind schwach, die Stimme eher leise. Bei kleinen Hürden gibt er vorzeitig auf und besitzt wenig Energie oder Standhaftigkeit. Wegen seiner geringen Aufmerksamkeitsspanne ist dieser Temperament-Typ leicht abzulenken.”

      Das wäre der Typus, der jetzt als hochfunktional depressiv beschrieben wird.

      Der Unterschied zur modernen Psychologie liegt also darin, depressive Verstimmung als ein angeborenes Temperament anzusehen.

      Nachtrag. Die deutsche Sprache ist denkbar ungeeignet Gemütszustände beschreiben zu können. Für “Glück” gibt es nur ein Wort. Im Spanischen sogar fünf: suerte, la buenaventura, la dicha, la felicidad , la fortuna.

      Kritik an dieser Sichtweise ist ausdrücklich erwünscht.

  9. Die hochfunktionale Depression oder auch Dysthymie wurde früher unter anderem auch Persistierende depressive Störung genannt und führte ganz früher zur Diagnose Depressive Persönlichkeit.
    Typischerweise treten Depressionen ja als Episoden innerhalb eines vorher und nachher normalen Lebens auf. Doch die Dysthymie ist eher ein Persönlichkeitsmerkmal als eine Episode. Der ewige Grantler, also der Missmutige, stets schlecht Gelaunte entspricht mehr oder weniger dem, was man heute hochfunktionale Depression nennt.

    Solche Dysthymiker können übrigens wie andere auch in eine normale Depression verfallen. Wenn das passiert spricht man von einer Doppeldepression, denn einerseits haben wir den ewig Missmutigen vor uns und andererseits kann dieser Mensch an dessen schlechte Laune man sich schon gewöhnt hat, plötzlich jeden Humor verlieren und völlig hoffnungslos werden. Dann hat er eben neben seinem missmutigen Charakter auch noch eine normale Depression.

  10. Martin Holzherr,
    “der Grantler”, also Perönlichkeitsmerkmale.
    Es gibt auch noch den Melancholiker, also den Schwarzseher, der immer das Schlimmste annimmt.

    Wenn man fremden Leuten ins Gesicht schaut, dann kann man auf einen Blick erkennen, wen man vor sich hat.
    Der Volksmund sagt es treffend: mit dem ist nicht gut Kirschen essen, wenn man einem Choleriker begegnet. Sanguiniker, also heitere Menschen drücken das über ihre Körpersprache aus, der Phlegmatiker kann sich nicht verstecken.

    Ich bin da Ihrer Meinung, eine Grundveranlagung zum Verhalten liegt vor.

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