GcMAF, Krebs und Immuntherapie – Unterstützen #predatoryjournals den Glauben an Scharlatanerie?

Pappmachéschlange mit leuchtenden Augen, fotografiert auf dem #34c3

Fabelwesen gibt es nur in der Fantasie. Wunderheilmittel auch, doch ihre Gefahr ist ganz real.

Ich wurde gestern – im Zuge der Debatte um Veröffentlichungen in Predatory Journals – auf eine Geschichte der SZ zu Miriam Pielhau aufmerksam gemacht. Miriam Pielhau, Moderatorin, verstarb letztes Jahr an Krebs. Laut der SZ vertraute sie zuletzt auf eine neuartige Therapie mit GcMaf. Die Paper des Erfinders,  der (angeblichen) Gc-Maf-Therapie, Nubuto Yamamoto, wurden der SZ zufolge vor allem in Predatory Journals veröffentlicht, also pseudowissenschaftliche Zeitungen, in denen man gegen Geld alles veröffentlichen kann was man will.

Was soll dieses “GcMaf” überhaupt sein? Das wird gar nicht erklärt. Zufällig hatte mich Mela Eckenfels kürzlich schon einmal auf GcMaf aufmerksam gemacht. Sie ist sehr aktiv bei allem was Autismus angeht, und angeblich soll “GcMaf” auch gegen Autismus helfen. Mela war natürlich skeptisch.

Wenn man GcMaf googlet findet man zunächst Hinweise auf alternative Krebstherapien. Den Stoff, ein Protein, gibt es jedoch wirklich. “Gc-Protein derived macrophage activating factor” heißt dieser. Gc-Proteine binden Vitamin D. Diese können mit einem Zuckerrest so verändert werden (Glykosylierung), dass sie Makrophagen stimulieren (aktivieren). Kurz gesagt, angeblich aktiviert das Protein die Fresszellen. Ich finde leider keine unabhängigen Quellen zu dem Protein, auch das oben verlinkte Paper zitiert Yamamoto.

Doppelköpfiger, leuchtender Drache in rot. Fotografiert auf dem #33c3

Wunderheilmittel sollen immer gegen viele Krankheiten gleichzeitig helfen, die nichts miteinander zu tun haben. Ein wichtiges Warnzeichen.

Fresszellen sind in unserem Körper unterwegs, um uns vor Feinden zu schützen. Wie das Wort schon sagt, fressen Sie Krankheitserreger und alles was sie nicht kennen – unter anderem auch Krebszellen – einfach auf. Wer sich schonmal einen Pickel ausgedrückt hat kennt (tote) Fresszellen als weiß-gelblichen Eiter. Damit sie als Körperpolizei nicht freidrehen, werden sie von biochemischen Signalen kontrolliert, die die B- und T-Zellen (salopp weiße Blutkörperchen) aussenden. Diese Signale nennt man eben MAF. Es gibt viele unterschiedliche davon und GcMAF ist nur ein potentieller. Bekanntere sind zum Beispiel Interferone und Interleukine.

Angeblich soll GcMAF als sogenannte “Immuntherapie” gegen Krebs, HIV und Autismus helfen.

Da bei Autismus das Immunsystem nicht betroffen ist, ist GcMAF hier von vornherein wirkungslos. Bei HIV hat ein Virus die T-Zellen infiltriert, und seine DNA in sie eingebaut. Die T-Zellen produzieren dann unentwegt neue HI-Viren, wodurch sie selbst sterben. Das führt bei unbehandelten HIV-infizierten zu einer Immunschwäche – AIDS. Stoppt man durch Medikamente die Virenproduktion sind die HIV-infizierten T-Zellen von den gesunden von außen nicht zu unterscheiden. Das ausgerechnet GcMAF, von dem man nicht weiß ob es ein MAF ist, den Fresszellen nun gerade die kranken T-Zellen zeigt, ist, mal vorsichtig ausgedrückt gesagt, unmöglich.

Immuntherapien gibt es aber wirklich. Es ist heute Gang und Gäbe, viele Krebsarten mit Immuntherapien zu behandeln – mit großem Erfolg. Krebs hat die Eigenschaft, sich vor dem körpereigenen Immunsystem zu verstecken. Es gibt jedoch Wege, das Immunsystem wieder darauf aufmerksam zu machen – zum Beispiel durch extern zugeführte Antikörper. Die genetische Veränderung der T-Zellen hat sich kürzlich bei einer Form des Blutkrebses (Leukämie) als wirksam erwiesen. Man kann auch Zellen des Immunsystems dem Körper entnehmen und auf den Krebs trainieren. Oder man blockiert die Signale, die der Krebs aussendet um sich zu schützen, durch sogenannte “Immuncheckpoint”-Inhibitoren.

Ich nehme an, das GcMAF letzteres leisten soll, also die Blockade des Immunsystems durch den Krebs durchbrechen. Bei echten Checkpoint-Blockern funktioniert es so, dass eine Blockade des Immunsystems durch den Tumor aufgehoben wird. Unser Immunsystem hat immer einen Aus-Knopf, der unschuldige Nachbarzellen schützen soll, bevor die Körperpolizei zu sehr randaliert. Krebs ist clever und blockiert diesen Ausschalter. Checkpoint-Blocker wiederum blockieren diese Blockade durch den Tumor und sind damit ziemlich spezifisch.

GcMAF soll nun unspezifisch einfach mal die Fresszellen aktivieren. Aber woher wissen die Fresszellen wo sie hin sollen? Wie sollen Sie den Krebs erkennen? Das Immunsystem ohne ein klares Ziel anzuregen, kann extrem gefährlich sein. Eine randalierende Körperpolizei kann auch den gesunden Körper angreifen. Es ist wahr, das MAFs die Fresszellen steuern – nur tun das mehrere MAF gemeinsam. Es ist ein kompliziertes Zusammenspiel aus diversen Mitspielern. In einem noch auffindbaren Paper  in Translational Oncology von Elsevier, gibt es unter anderem die Angabe, dass GcMAF hocheffektiv sei, aber keine Nebenwirkungen habe. Das kann schonmal nicht stimmen. Wenn Makrophagen aktiviert werden hat man grundsätzlich Entzündungsreaktionen zu erwarten – Fieber, Schwellungen, Erschöpfung. Selbst wenn sie spezifisch den Tumor angreifen würden. Durch die sterbenden Zellen entstünde eine große, innere “Wunde”, bekannt als Tumorlyse-Syndrom. Hinzu kommen allergische Reaktionen durch einen körperfremden Stoff.

Studien zu GcMAF in renommierten Journals sind zurückgezogen, dem Autor Nubuto Yamamoto werden methodische Mängel sowie ethische Verstöße vorgeworfen. 2014 nahm sich eine israelische Pharmafirma der Sache an. Sie meldete eine Phase-I-Studie, also eine Studie die die Verträglichkeit des Stoffs prüfen sollte. 2017 sollte die Studie abgeschlossen werden, Ergebnisse gibt es jedoch keine. In der Studie sind nur 24 Teilnehmer gelistet, die in 3 Gruppen aufgeteilt werden sollen – also höchstens 8 Patienten pro Gruppe. Die können laut  Einschlusskriterien auch noch unterschiedliche Krebsarten haben. Das klingt nicht sonderlich vertrauenerweckend.

Das GcMAF was es zu kaufen gab wurde aus Blutplasma gewonnen und aufgereinigt. Wobei aufgereinigt hier relativ zu sehen ist. In UK wurde 2015 eine Fabrik hochgenommen, in der GcMAF hergestellt wurde. Die Behörden warnten eindringlich vor einem Gebrauch aufgrund von Kontaminationen. Bei Blutprodukten besteht immer ein hohes Risiko der Krankheitsübertragung. HIV und Hepatits Viren können enthalten sein.

Es gibt unterschiedliche Krebsarten, die unterschiedliche Signale aussenden, die unterschiedlich adressiert werden müssen. Deswegen bekommt nicht jeder Krebskranke dieselbe Therapie. Für manche reicht eine Chemotherapie aus, für manche gibt es hochspezifische Medikamente, manche Menschen bekommen Bestrahlung oder eine Immuntherapie. ODer es wird kombiniert. Doch nicht immer kommt die moderne Medizin gegen den Krebs an. Manche Krebsarten sind sehr gut heilbar, manche leider immer noch nicht.

Bei meinen Recherchen habe ich keine Hinweise gefunden, dass zu GcMAF auf Artikel in Predatory Journals verwiesen wurden. Auf den Anbieterseiten die ich besucht habe fanden sich gar keine Quellen. Der SZ-Artikel beruft sich auf die Aussage eines Vaters, der einen Sohn mit GcMAF behandelt hatte:

Früher seien die Veröffentlichungen über GcMAF mit Fachbegriffen gespickt gewesen, heute sprächen die Autoren gezielt Laien an. »Das erkennt man daran, dass der schmerzfreie Patient im Mittelpunkt steht und nicht die Messwerte«

Luftballon in Einhornform, fotorafiert auf dem #33c3

Die angeblichen Heilversprechen sehen gut aus – doch in ihnen ist vor allem eines: viel Luft.

Es stimmt, das oben zitierte Paper in Translational Oncology ist sehr einfach zu lesen. Ausdrücke wie “highly tumoricidal” oder “extremely“ oder killed” findet man eher selten in wissenschaftlichen Publikationen. Translational Oncology ist jedoch kein Predatory Journal. Das Paper ist allerdings Open Access, kann also von jedem eingesehen werden. Open Access muss jedoch auch immer bezahlt werden, da dem Verlag durch die Einsehbarkeit Geld für das Abonnement der Zeitschrift entgeht.

Es kann durchaus sein, dass man versucht, mit angeblichen wissenschaftlichen Studien, den Heilversprechen Gewicht zu verleihen. Dabei habe ich nebenbei durchaus kurioses gefunden, wie den angeblichen Tod von 14 Medizinern.

Wer Krebs hat, klammert sich aus Angst oft an jeden Strohhalm. Das ist nicht verwerflich. Scharlatane nutzen diesen Fakt schamlos aus: Sie reden Patienten wirksame Therapien aus und verkaufen Ihnen unwirksame für viel Geld. Am Ende können sich die Patienten dagegen nicht mehr wehren. Tote reden nicht. Laut dem SZ-Magazin verschwieg Miriam Pielhau den Hersteller ihres GcMAF – ob sie ihre Meinung geändert hätte, wenn Sie gewusst hätte, dass sie sterben würde?

 

Veröffentlicht von

zellmedien.de

Mein Name ist Anna Müllner, ich bin Biologin und habe in der Krebsforschung promoviert. Ich wohne im schönen Hessen und bin als PR-Beraterin für Gesundheitskommunikation tätig. Nach meinem Abitur beschloss ich Biologie zu studieren. Das tat ich zunächst an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, die weder in Bonn ist, noch am Rhein. Aber einer der drei Campusse liegt wirklich an der Sieg. Das letzte Jahr dieses Studiums verbrachte ich in Schottland, an der Robert-Gordon University of Aberdeen wo ich ein bisschen in die Biomedizin und die Forensik schnuppern durfte. Danach entschied ich mich für ein Masterstudium an der Universität Heidelberg in Molekularer Biotechnologie was ich mit der Promotion fortsetzte.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. In der Wikipedia List of unproven and disproven cancer treatments liest man zu Gc-MAF (übersetzt von google tranlsate):
    Gc-MAF (Gc-Protein-derived Macrophage Activating Factor) – eine Art von Protein, das das Immunsystem beeinflusst, und das als “Wundermittel” für Krebs und HIV gefördert wurde. Laut Cancer Research UK gibt es keine soliden wissenschaftlichen Beweise, die zeigen, dass die Behandlung sicher oder effektiv ist
    Diese Liste von “alternativen” Krebstherapien ist recht lang und enthält neben den altbekannten “natürlichen” Krebsheilungsmethoden eben auch solche, die sich einen wissenschaftlichen Anstrich geben wie GC-MAF. Es gibt/gab ja sogar GC-MAF-Fabriken, man kann also Geld damit verdienen.

    GC-MAF’s Herkunft aus der Wissenschaft wirft für mich die Frage auf, ob es tatsächlich irgendwelche Therapien (nicht nur für Krebs) gibt, die nicht auf dem Markt sind oder die nicht ohne weiteres von einem Arzt verschrieben werden, aber möglicherweise wirksam für irgend ein Leiden sind. Meine Kandidatenliste unter den Medikamenten umfasst einige Anti-Aging-Mittel, deren Wirksamkeit bei Tieren erwiesen wurde wie Rapamycin (verlängert unter anderem die Lebensspanne (auch die gesunde Lebensspanne)), das Antidiabetesmittel Metformin, welches möglicherweise antikanzerogen ist und das metabolische Syndrom reduziert, Glucosamin, ein Knorpelaufbaupräparat, das gemäss ETH-Studie die Lebensspanne von alternden Mäusen um 10% erhöht.
    Dass ich vor allem Antiaging-Mittel kenne, die nicht zugelassen sind oder zugelassen sind aber üblicherweise nicht als Antiaging-Mittel verschrieben werden und die im Tierversuch wirken, liegt wohl daran, dass Anti-Aging noch ein so junges Gebiet ist (Geriatrie ist alt, Anti-Aging jung).
    Bei Krebs fällt mir keine Substanz ein, die im Tierversuch wirkt, bei Menschen aber nicht eingesetzt wird.

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