Zurück in die Zukunft – ICAres-1

Dieses Wochenende bin ich nach Polen gefahren, um Marcin zu treffen. Marcin hat vor etwa zehn Jahren beide Augen und den Großteil seiner Hände bei einem Unfall verloren. Er arbeitete gerade mit Meteoritengestein, als er ungewollt eine Explosion auslöste. Heute scherzt er darüber, dass er den Verlust seiner Körperteile als kein großes Problem ansieht.

Marcin ist ein Glücksfall für die Raumfahrt. Denn das, was Marcin zugestoßen ist, könnte auch jedem anderen Menschen im großen, weiten Universum zustoßen. Also auch Astronauten, die sich auf einer Marsmission befinden.

Natürlich müssen Astronauten, die für einen Flug zum Mars ausgewählt werden, gesund und fit sein. Doch niemand kann garantieren, dass diese Astronauten während ihres Aufenthalts auf dem Mars auch gesund und fit bleiben. Bei einem anderthalb Jahre dauernden Aufenthalt ist ausreichend Zeit, sich eine mehr oder weniger schwere Verletzung zuzuziehen. Ein gebrochenes Bein, nachlassende Sehkraft, vielleicht ein paar erfrorene Finger – der Möglichkeiten sind viele, wie die körperliche Leistungsfähigkeit eines Crewmitglieds eingeschränkt sein könnte.

Umso erstaunlicher, dass die meisten der heute existierenden Habitate für Raumfahrtsimulationen denkbar schlecht für verunfallte Crewmitglieder geeignet sind. Schlimmer noch, manche haben durch ihr Design sogar schon Unfälle provoziert. Die erste Ausnahme ist das Habitat LUNARES, das die ersten Schritte in Richtung sicherer Benutzbarkeit geht, und das dieses Wochenende in Polen eröffnet wird.

Das LUNARES-Habitat, inmitten der Wildnis eines alten Militärflughafens. Der angegliederte Hangar wurde zum EVA-Gebiet umfunktioniert.

Selbst aus meiner Sicht hat LUNARES noch Raum für Verbesserungen, aber mit Marcins Hilfe dürften noch viel mehr Unzulänglichkeiten aufgedeckt werden. Zwei Wochen nehmen wir uns dafür Zeit. Zwei Wochen im Oktober, in denen Marcin, ich und vier weitere Crewmitglieder (wieder) auf dem „Mars“ leben werden.

Zum Leben auf dem Mars gehören dann wie bei HI-SEAS auch normale Haushaltsarbeiten, Arbeiten im Labor – und natürlich Außeneinsätze. Anders als man vielleicht spontan erwarten könnte, soll Marcin aktiv an unseren Außeneinsätzen teilnehmen, mit entsprechender technischer Hilfe. Schließlich kann ein ansonsten gesunder Astronaut auf dem Mars auch nicht für immer im Habitat bleiben. Die angesprochene technische Hilfe für Marcin beruht auf diversen innovativen Konzepten – daher heißt die Simulation, an der wir teilnehmen werden, „Innovative Concepts for Mars“, kurz ICAres. Genauer gesagt ICAres-1, da es die erste in einer ganzen Reihe geplanter Simulationen sein soll.

Innenansicht mit Arbeitsraum und Biologischem Labor.

Der geplante Start meiner und Marcins Simulation ist der 8. Oktober. Das Projekt ICAres-1 hat jedoch schon am Anfang Mai begonnen, mit dem Überlebenstraining der Crew (Land-Wasser-See), als Teil der Ausbildung der Analog-Astronauten.

Wegen der besonderen Herausforderung besteht die Crew für ICAres-1 aus ungewöhnlich erfahrenen Mitgliedern, und einem ausgesprochen hohen Anteil an Medizinern:

Zuza, Ärztin und Astronomin, die während ihrer Laufbahn unter anderem in Entwicklungsländern gearbeitet hat und daher einschlägige Erfahrung mit eingeschränkten Ressourcen besitzt.

Szczepan, Rettungstaucher, kennt sich hervorragend mit diversen Traumata aus und wird während unserer Mission für die Sicherheit der Crew sorgen.

Matt, Pilot, Militärarzt, Biologe, und überhaupt vielseitig interessiert, wird sich um unsere biologischen Experimente kümmern und Marcin unterstützen. Außerdem ist er stellvertretender Kommandant.

Lucie hingegen ist Luft- und Raumfahrtingenieurin und beschäftigt sich auch in ihrem irdischen Leben mit Lebenserhaltungssystemen. Sie war Chief Scientist bei HI-SEAS II und wird diejenige sein, die wir bei technischen Problemen zu Hilfe rufen werden.

Ich selbst werde ICAres-1 als Kommandantin leiten.

Dann gehört noch eine Person zu ICAres-1, nämlich der Leiter und Organisator: Aleksander Wasniowki, seines Zeichens wiederum Mediziner und Leiter des Labors für Extreme Medizin in Poznan.

Und Marcin? Der ist Ingenieur und Physiker und wird daher nicht nur unser wichtigstes Versuchskaninchen sein, sondern auch selbst Experimente durchführen: Auch wenn es ihn damals beinahe das Leben gekostet hat, arbeitet er heute wieder mit Meteoritengestein. Aber anders als damals wird er während der Simulation nicht mit explosiven Materialien hantieren.

Von links nach rechts: Zuza, ich, Szczepan, Marcin, Matt. (Lucie war dieses Wochenende leider verhindert.)

Veröffentlicht von

Christiane Heinicke bloggt als Wissenschaftlerin und Versuchskaninchen aus der HI-SEAS-Forschungsstation auf Hawaii. Zuvor studierte sie Physik in Ilmenau und Uppsala und promovierte anschließend zu einem kontaktlosen Strömungsmessgerät. Zuletzt arbeitete sie in Helsinki an brechendem Meereis. Vor ihrer Zeit auf Hawaii verbrachte sie zwei Wochen auf der Mars Desert Research Station in Utah. Ständig umgeben von Wänden oder Raumanzug, wird sie während des Jahres am meisten das Gefühl von Sonnenstrahlen auf der Haut vermissen, dicht gefolgt vom Geschmack frisch gepflückter Himbeeren.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Cookie,
    jetzt müsste man ja schon fast leicht masochistische Anlagen bei dir diagnostizieren.)
    Gerade aus der hawaiianischen Büchse raus uns schon wieder auf in ein neues Habitat, auweia. Aber ein paar Wochen ist ja nen Klacks für die rountinierte Wissenschaftlerin (Kurze Randnotiz: Pina colada war sicherlich ne bessere).
    Respekt, dass du deiner Vison der extraterrestrischen Exploration treu bleibst.

    Finde auch diesen Arbeitsaspekt einer Inklusion in die Raumfahrtforschung spannend. Obwohl die meisten SiFi Helden noch alle Körperteile haben.
    Die Praxis ist immer härter als die Theorie… denke da nur an euren Schuhverschleiß auf dem Vulkangestein ; )

    Bleibe gespannt was es zu berichten gibt,
    viele Grüße,

    Jedi

    • Hallo Jedi! Wieso masochistisch? Wenn es nicht auch Spaß machen würde, würde ich das nicht machen. Außerdem habe ich mich in der Zwischenzeit gut in der freien Natur ausgetobt (u.a. deshalb komme ich auch seit Monaten nur sporadisch zum Posten; ich bin gerade von meiner zweiten langen Trekkingtour in diesem Sommer zurück gekehrt 🙂 )

      Und mit Inklusion hat das Projekt nicht viel zu tun – die ist sicher ein netter Nebeneffekt, aber wer Marcin kennt, weiß, dass der nicht mehr irgendwo “inkludiert” werden muss, der ist mit seinem Arbeits- und Privatleben ganz glücklich. Ich vermute auch, dass Marcin uns mit seiner Teilnahme einen größeren Gefallen tut als wir ihm damit, dass wir ihn teilnehmen lassen 😉 Auf jeden Fall bin ich der Meinung, dass es fahrlässig wäre, bei der Vorbereitung von Langzeitmissionen die Möglichkeit von Unfällen zu ignorieren – es müssen ja nicht gleich beide Hände verloren gehen; schon ein gebrochenes Bein beispielsweise hätte bei HI-SEAS zu Problemen geführt. Schließlich lagen da die Schlafquartiere im Obergeschoss…

  2. wie immer ein schön und klar geschriebener Bericht. Der auch für weniger ausgebildete interessierte Laien verständlich wird.
    Man kann für alle Unternehmungen immer nur die notwendige Geduld, das nötige Glück und weiterhin viel Freude wünschen.
    Ich hoffe immer noch mehr zu hören, weil das alles was berichtet wird hochinteressant ist.
    Danke. Danke.
    Liebe Grüße
    Arne

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