Zeitnebel

Heute ist Sonntag, und während ich diese Worte tippe, ist es gerade eine Stunde vor Mittag. Mein Computer sagt mir außerdem, dass heute der 1. Mai ist, aber das bedeutet mir hier nichts. Meine Erinnerung sagt mir, dass zu dieser Zeit der Frühling schon in vollem Gange sein müsste, aber wenn ich aus dem Fenster schaue, sieht es hier genauso aus wie vor einem Monat. Oder vor sechs Monaten. Wenn ich nachrechne, weiß ich, dass wir schon seit gut acht Monaten hier sind, aber das ist nur eine Zahl. Es fühlt sich nicht an wie acht Monate.

Unser Zuhause im Nebel - zum Glückk finden wir die Kuppel auch in der Nacht und mit Sichtweiten von unter einem Meter wieder. Unser Zeitempfinden ist leider nicht ganz so treffsicher...

Unser Zuhause im Nebel – zum Glückk finden wir die Kuppel auch in der Nacht und mit Sichtweiten von unter einem Meter wieder. Unser Zeitempfinden ist leider nicht ganz so treffsicher…

Die Zeit hat hier keine klaren Grenzen. Es gibt Tag und Nacht, heute und morgen, alles dahinter verschwimmt. War unser letzter Ausflug zu den Lavaröhren, die zum “Loop” gehören, vor ein paar Tagen oder ein paar Wochen? Ich weiß, dass es ein Freitag gewesen sein muss, weil Shey gekocht hat und wir am darauffolgenden Tage wieder auf EVA gegangen sind. Ohne große Meilensteine verschwimmt die Zeit vor unseren Augen: Der erste Schneefall im Winter, der Geburtstag der besten Freundin, der Kauf des neuen Lieblingspullovers, der letzte Urlaub – nichts von dem, was uns helfen könnte, unsere Erlebnisse zeitlich zu sortieren, erleben wir hier.

Stattdessen fragen wir uns gelegentlich, ob tatsächlich schon wieder Sonntag ist und wir wirklich schon wieder diesen nervigen Sonntagsfragebogen ausfüllen müssen. Der wievielte Sonntag seit Missionsbeginn ist es? Es fühlt sich wie der zehnte an, tatsächlich muss die Zahl näher an der 40 liegen.

Unsere EVAs, die fortlaufend nummeriert sind, nähern sich der 100. Zu manchen EVAs kann ich sofort das zugehörige Datum nennen; unsere erste Lavaröhre (mein Geburtstag) zum Beispiel, oder die erste Höhle des “Loop” (Carmels Geburtstag). Andere kann ich nicht einmal in den richtigen Monat einordnen. Letztens (vor einer Woche?) bin ich über ein Foto gestolpert, bei dem ich mir sicher war, dass es im März aufgenommen worden war. Dann fiel mir auf, dass darauf Shey vor einer von uns weit entfernten Höhle zu sehen war. Shey ist aber seit ihrer Knieverletzung keine nennenswerten Distanzen mehr über Lavaterrain gelaufen, und das war im Januar…

Diejenigen, die im daheim im Habitat geblieben sind, wissen, dass jeder Versuch einer Zeitabschätzung wenn Carmel und ich unter Tage gehen, vergeblich und nicht ernst zu nehmen ist.

Die anderen im Habitat wissen schon, was “mal kurz unter Tage” wirklich heißt: “Das kann jetzt durchaus mal ein oder zwei Stunden dauern, bis ihr wieder von uns hört.”

Wir feiern, wenn wieder ein Monat um ist. Aber selbst diese Feiern sind gewissermaßen zur Routine und damit ununterscheidbar geworden. Dazu hat der 28. noch an Bedeutung verloren, seit wir uns entschlossen haben, den Sonntag am Monatsende freizunehmen. An meinem letzten Küchendiensttag fragte mich Carmel, ob ich Dessert eingeplant hätte – bis dahin hatte ich völlig vergessen, dass an jenem Tag unser 8-Monatiges war. Wir hatten zuvor sogar davon gesprochen, eine Piñata zu basteln, da wir an diesem Tag (je nach Zählweise) die längste NASA-Mission wurden. Die Piñata kam nie zustande; niemand außer mir mochte mein Abendessen so recht, und am Ende war der Tag wie jeder andere: geselliges Beisammensein verteilt auf drei Zimmer.

Dabei hatte ich bis dahin meine Schwierigkeit, Geburtstagswünsche rechtzeitig abzuschicken, vor allem auf die Zeitverschiebung geschoben. Wenn ich morgens aufwache, auf das Datum schaue und mich erinnere “heute hat xy Geburtstag” ist die betreffende Person meist schon schlafen gegangen. Für andere Feiertage ist die Distanz sogar noch größer. Heute, beispielsweise, ist neben dem Maifeiertag auch das finnische Vappu, das ich im letzten Jahr noch in Helsinki gefeiert habe. In diesem Jahr ist für die Finnen der Feiertag schon vorbei, wenn der Tag für mich überhaupt erst beginngt. Das Gleiche gilt für Ostern, für den Männertag, für den Muttertag… Ich sende pflichtschuldigst meine Glück- und sonstigen Wünsche, aber für mich selbst ist es jedes Mal der falsche Tag. Nicht nur ist es das falsche Datum, es fehlen auch die zugehörigen Traditionen. Ich könnte mir zwar ein Video von einem Osterfeuer durch Mission Support hochladen lassen. Davon abgesehen, dass ein Video ohnehin aus jedem x-beliebigen Jahr stammen kann, fühlt es sich aber auch so an: Es wurde an jenem Abend aufgenommen, dessen Tag für mich noch in vollem Gange ist, und wenn ich das Video erhalte, ist die Asche schon längst kalt. Es stammt sprichwörtlich aus einer anderen Zeit.

Letztes Jahr habe ich Ostern mit Fieber im Bett verbracht, daran kann ich mich gut erinnern. Dieses Jahr habe ich keinen blassen Schimmer, was ich an jenem Sonntag getan habe. Wann war es überhaupt? Schon eine Weile her, fünf Monate vielleicht? Ich kann mich erinnern, eine Schoko-Karotte auf meinem Schreibtisch gesehen zu haben, dahinter die weiße Habitatwand. Jemand rannte auf dem Laufband, also muss die Sonne geschienen haben, und die Temperatur war bei angenehmen knapp 20 °C. Die Beschreibung passt tatsächlich auf kurz nach Weihnachten. Genauso wie auf jeden anderen Tag.

(Fast) jeden Tag scheint die Sonne 12 Stunden lang, Sommer wie Winter. Regen fällt meist nur für kurze Zeit, und dann auch noch meist unbemerkt.

Ein Tag wie (fast) jeder andere: Morgens Sonne, Nachmittags Wolken, gelegentlich ein paar Tropfen Regen, und Sonnenuntergang zwischen 6 und 7 abends.

Übrigens:

Dusty hat ganz ähnliche Gedanken auf seinem Blog geäußert: Hazy Time.

Veröffentlicht von

Christiane Heinicke bloggt als Wissenschaftlerin und Versuchskaninchen aus der HI-SEAS-Forschungsstation auf Hawaii. Zuvor studierte sie Physik in Ilmenau und Uppsala und promovierte anschließend zu einem kontaktlosen Strömungsmessgerät. Zuletzt arbeitete sie in Helsinki an brechendem Meereis. Vor ihrer Zeit auf Hawaii verbrachte sie zwei Wochen auf der Mars Desert Research Station in Utah. Ständig umgeben von Wänden oder Raumanzug, wird sie während des Jahres am meisten das Gefühl von Sonnenstrahlen auf der Haut vermissen, dicht gefolgt vom Geschmack frisch gepflückter Himbeeren.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Danke für den Bericht und die super Bilder !

    Ich hoffe das ihr nicht alle in eine Art Lethargie verfallt.

    Aber ich kann mir schon sehr gut vorstellen wie es sein muss. Vermutlich wird man auf dem “echten” Mars genug Probleme und Schwierigkeiten haben, sodass es nie wirklich langweilig wird.

    Keine Ahnung. Vermutlich sind meine Gedanken zu stark von Filmen und Büchern beeinflusst 🙂

    Also der Frühling ist gut im Gange, die Blumen blühen und die Bäume auch. Der 1. Mai war etwas, naja, kühl. Perfekt zum wandern, aber zum sitzen etwas frisch. Zumindest in der Mitte Deutschlands 😀

    So, zurück an die Arbeit. Es ist mal wieder Montag. Ich wünsche euch weiterhin gutes Gelingen und vielleicht ergibt sich ja noch die ein oder andere Situation, an die ihr euch auch später noch zurück erinnert. Eine die euch im Gedächtnis bleibt, aus welchen Gründen auch immer …

    • Na langweilig ist es hier nicht. Nur, wenn alle Erlebnisse in der gleichen Umgebung mit den immer gleichen Leuten stattfinden, werden sie irgendwann ununterscheidbar. So gern ich in Lavaröhren rumkrieche, ich könnte nicht sagen, in welcher Reihenfolge wir sie besucht haben (von ein paar Ausnahmen abgesehen). Innerhalb der Kuppel ist es noch schlimmer.

      • Das ist bald kein Problem mehr. Die Beta Crew ist von 2 Tagen aus dem Kälteschlaf erwacht und dürfte in ca. einer Woche bei euch sein. Sie bringen euch auch ein neues Modul mit, damit euer Wohnbereich vergrößert werden kann. Mission Control hat die Sauna und den Pool leider abgelehnt aus Gewichtskapazitätsgründen. Na ihr wisst ja wie die immer rumspinnen hier unten. Aber die Sessel und den Beamer für euer Kino konnte ich durchbekommen. Sind ebenfalls unterwegs zu euch. Viel Spaß damit !

        • Schade, dabei hatte ich mich schon auf die Sauna gefreut. Gerade nachts wird es doch recht frisch hier, und dann wäre die Sauna gut zum Aufwärmen. Aber gut, dass der Beamer kommt, unser alter klingt, als würde er demnächst den Geist aufgeben wollen. Hat es denn die Tischtennisplatte mit in den Transporter geschafft?
          Ich hoffe in der Beta Crew sind ein paar nette Jungs dabei, die gut massieren können…
          Vielen Dank für die Lacher! 😉

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