ICAres-1 – Mission der Zwischenfälle

Haben Sie schon mal vor einer Bauanleitung für ein neues Regal gesessen und sind fast daran verzweifelt? Dann ist das folgende Experiment genau das Richtige für Sie.

Stellen Sie sich einmal vor, Sie hätten ein ganz einfaches Regal gekauft, eines, das mit wenigen Handgriffen zusammen gebaut ist. Stellen Sie sich ein einfaches Metallregal vor, ein weißes, etwa schulterhohes, mit vier Regalböden. Diese Böden sind rechts und links an jeweils einem langgezogenen, umgekehrten U angeschraubt. Das Ganze besteht also aus 6 Teilen, plus 16 Schrauben.

Ihre Aufgabe besteht nun darin – um das Folgende etwas einfacher zu machen – den obersten Regalboden in das fast fertige Regal einzubauen. Ist doch ein Kinderspiel, sagen Sie?

Nun, dann stellen Sie sich vor, Sie müssten dabei Ihre Augen geschlossen halten und dürften nur ihre Unterarme verwenden, sowie den Daumen und Zeigefinger Ihrer rechten Hand…

Der Spitzname unserer Mission ICAres-1 war „alles, was auf dem Mars so schiefgehen kann“. Wir dachten dabei vor allem an Marcin, der etwa zehn Jahre zuvor bei einer Explosion sowohl Augenlicht als auch den Großteil seiner Hände verloren hatte und nun sein Leben in der Station auf dem Mars meistern muss. Was er übrigens ausgesprochen gut tat: Marcin ist nicht nur unglaublich geduldig, sondern hat auch einen unbändigen Willen, alles selbst machen zu wollen. Während ICAres-1 hat er an eigenen Forschungsprojekten gearbeitet und viele Haushaltspflichten selbstständig erledigt. Probleme tauchten eher an unvorhergesehenen Stellen auf. Mehr als einmal betrat ein Crewmitglied einen Raum, schaltete das Licht ein und erschrak, dass da schon jemand war. Oder, schon früh wurde klar, dass die halbe Stunde, die Mission Control für unser Mittagessen eingeplant hatte, für Marcin völlig unmöglich einzuhalten war. Und natürlich konnte Marcin trotz aller Geduld keine Aufgaben übernehmen, bei denen irgendetwas von einem Bildschirm abgelesen werden musste. Das alles sind größtenteils umschiffbare Probleme: das Toilettenmodul erhielt eine tastbare „Besetzt“-Markierung, die Mittagspause wurde ausgedehnt, und manche Geräte lassen sich an eine Sprachausgabe koppeln.

Marcin baut den Regalboden ein.

Doch auch von diesen Problemen rund um Marcins Behinderung abgesehen, ist ICAres-1 ihrem Spitznamen mehr als gerecht geworden, in den zwei Wochen Missionsdauer ereigneten sich mehrere Zwischenfälle, nur wenige davon im Voraus geplant. Gleich am ersten Tag der Mission etwa fiel unsere Internetverbindung für etliche Stunden aus. An Tag 6 verursachten wir einen Kurzschluss und verloren daraufhin zeitweise Strom in zwei Modulen, und weitere zwei Tage später stürzte jemand und verletzte sich am Knie.

Der mit Abstand einschneidenste Vorfall ereignete sich jedoch an Tag 4, als wir ein Crewmitglied verloren. Ausgerechnet die Person, die das Habitat am besten kannte und mit dem größten Enthusiasmus in die Mission gestartet war – manchmal spielt das Leben halt böse Streiche. Als wir den Verlust des Crewmitglieds an MC meldeten, bekamen wir postwendend die Antwort, dass und wie wir die Person zu beerdigen hätten. Natürlich bestehen starke Zweifel, ob man Menschen auf dem Mars im herkömmlichen Sinn beerdigen würde.Aber in dem Moment dachten wir überhaupt nicht daran. Stattdessen half uns die schnelle und klare Anleitung, über unseren Schock hinwegzukommen. In den nächsten Tagen sortierten wir restlichen Fünf uns neu, verteilten Aufgaben um, und rückten als Gruppe enger zusammen. Eine knappe Woche später hatte sich die Situation soweit normalisiert, dass wir sogar Zeit fanden, abends einen Film zusammen anzuschauen: den Marsianer. Passenderweise genau an dem Tag, an dem uns Mission Control mitteilte, dass wir nun rationieren müssten.

Viele Probleme werden damit erträglicher: Humor.

Später witzelten wir, dass wir ja nun wirklich alle möglichen Zwischenfälle erlebt hätten, ein Crewmitglied „tot“, ein weiteres körperlich behindert, und eines (leicht) verletzt. Aber ein Zwischenfall stand uns noch bevor, jedenfalls einer, den ich aus Sicht einer längeren Missionsdauer interessant finde: Es war so viel Unvorhergesehenes passiert, dass Mission Control in der zweiten Woche mehr oder weniger die Nase voll hatte und „bitte keine weiteren Zwischenfälle“ wollte. Die Crew dagegen wollte den Spitznamen der Mission voll ausleben und die Evakuierung nach kleineren Unfällen bei Außeneinsätzen üben. Kurzum: es herrschten auf dem „Mars“ und auf der Erde unterschiedliche Meinungen zu einem gegebenen Thema. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches. Weil man nun von einem Planeten zum nächsten aber nicht mal eben anrufen kann, musste die Diskussion per Email abgewickelt werden – und hier wird es spannend: Emails sind zum Mars bis zu etwas über 20 Minuten unterwegs, werden nicht immer sofort gelesen, und selbst wenn man sich deren Formulierung gut überlegt, lassen sich Missverständnisse praktisch nicht ganz ausschließen. Wenn Emails dagegen unter Zeitdruck geschrieben werden oder der Schreiber ohnehin schon sauer ist… Ohne auf die weiteren Details einzugehen: es brauchte weniger als einen Tag und eine Handvoll (durchaus sachlicher) Emails, um das bis dahin ausgesprochen gute Verhältnis zwischen Mission Control und der Crew nachhaltig zu belasten.

Emails zu schreiben ist so alltäglich, dass wir dazu neigen es für leicht zu halten. Tatsächlich sind Emails aber – gerade wenn sie das einzige Kommunikationsmittel sind – ausgesprochen schwierig und voller Fallstricke. Da in unserem Fall das Ende der Mission nur wenige Tage entfernt war, bissen wir (zumindest auf Seiten der Crew) die Zähne zusammen und brachten die Mission auch vorläufig ohne Klärung zu einem friedlichen Ende. Ist doch alles gut gegangen, könnte man nun sagen – allerdings provoziert Misskommunikation auf längere Sicht geradezu ein Auflehnen gegen „die auf der Erde“, und nach meiner Erfahrung hätte es Tage, wenn nicht gar Wochen und vor allem mehrere längere Emails gebraucht, um das Vertrauen zwischen MC und Crew wiederherzustellen. Ich weiß nicht, ob ich selbst vor HI-SEAS die Gelassenheit gehabt hätte, die Crew an die ansonsten gute Arbeit unseres MC zu erinnern und zu ermahnen, deren Sicht zu verstehen. Selbst Marcin, der ja einer der Geduldigsten in der Crew war, war zwischenzeitlich sehr aufgebracht.

Wo wir wieder bei Marcin und Geduld sind: Falls heute Abend nichts Interessantes im Fernsehen läuft, probieren Sie sich doch mal an einem Regal aus. Marcin hat im ersten Anlauf etwa 40 Minuten dafür gebraucht, inklusive der Suche nach einigen heruntergefallenen Schrauben. Ein kleiner Tipp von ihm, um die Aufgabe etwas lösbarer zu machen: die allermeisten Schrauben reagieren auf Magnete

Regaleinbau Expert-Level: Mit EVA-Anzug kann man auch den Mund nicht mehr zu Hilfe nehmen.

Veröffentlicht von

Christiane Heinicke bloggt als Wissenschaftlerin und Versuchskaninchen aus der HI-SEAS-Forschungsstation auf Hawaii. Zuvor studierte sie Physik in Ilmenau und Uppsala und promovierte anschließend zu einem kontaktlosen Strömungsmessgerät. Zuletzt arbeitete sie in Helsinki an brechendem Meereis. Vor ihrer Zeit auf Hawaii verbrachte sie zwei Wochen auf der Mars Desert Research Station in Utah. Ständig umgeben von Wänden oder Raumanzug, wird sie während des Jahres am meisten das Gefühl von Sonnenstrahlen auf der Haut vermissen, dicht gefolgt vom Geschmack frisch gepflückter Himbeeren.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Hi Cookie,

    das klingt nach einer weiteren bestandenen aber dennoch emotional anstrengend Challenge von dir.
    Habe mich gerade gefragt, ob eine Kommunikation via aufgenommenem Video nicht ggf. besser / gleichwertig gewesen wäre?
    Dabei kann man auf der “Tonspur” auch manchmal besser Sachen ansprechen und glätten oder hervorheben durch Betonung?
    Sprechen geht ja schneller als Schreiben…. Ok, ok, natürlich darf man die Videos schneiden ; )

    Merry Xmas,

    Jedi

    P.S.: War von Star Wars VIII leider etwas enttäuscht, da die Handlung für mich fast gleich war wie bei RotJ ?

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