Geburtstag im Habitat

Vor einigen Tagen feierten wir meinen runden Geburtstag. Statt Dutzenden Gästen hatte ich genau fünf, und genau genommen waren sie auch keine Gäste. Im Gegenteil, jedes Mal, wenn ich versuchte abzuwaschen, wurde ich aus der Küche gescheucht.

Schon Tage vorher habe ich Gesprächsfetzen aufgeschnappt, die so süße Worte wie „cookies“ und „cake“ beinhalteten. Am Vorabend entschuldigte sich Carmel von unserem geplanten Salsa-Abend, sie müsse noch etwas fertig stellen. Shey und Dusty diskutierten, wie man ohne Ei backen kann – in unserer ersten Nachschublieferung kurz zuvor fehlte das Eipulver, weshalb ich auch auf meinen Lieblingskuchen verzichten musste.

Mein Geburtstag begann mit einer EVA. Während Tristan für EVAs regelrecht hinausgeprügelt werden muss, habe ich extra darum gebeten, zu meinem Geburtstag die Lavafelder vor unserer Haustür erkunden zu dürfen. Zur Zeit arbeiten wir an der Kartografierung von „Skylights“, Stellen, an denen die Decke einer Lavaröhre eingestürzt ist. Manche Skylights bilden den Eingang zu einer mehr oder weniger zugänglichen Höhle, bei anderen blockiert das herabgefallene Gestein jegliche möglicherweise dahinter liegenden Eingang. Das spezielle Ziel meines Geburtstagsausflugs verdient einen eigenen Blogpost; hier nur so viel: Als Dusty und ich verschwitzt, erschöpft, und mit Verspätung im Habitat ankamen, grinsten wir bis über beide Ohren.

In diesem Bild sind (mindestens) sechs Skylights versteckt. Die meisten sieht man nur aus wenigen Metern Entfernung. Der hier sichtbare Swimming Pool ist eine Ausnahme.
In diesem Bild sind (mindestens) sechs Skylights versteckt. Die meisten sieht man nur aus wenigen Metern Entfernung. (Ich kann im Bild genau eines sehen, weil es von ungewöhnlich glatter Pahoehoe-Lava umgeben ist.)
Ein eher typisches Skylight, das man nur aus der Nähe erkennt.
Ein eher typisches Skylight, das man nur aus der Nähe erkennt.
Tristan und Carmel bei einer früheren EVA vor dem Eingang zu einer Halbhöhle (sehr kurzen Höhle).
Tristan und Carmel bei einer früheren EVA vor dem Eingang zu einer Halbhöhle (sehr kurzen Höhle).

Anschließend schaufelten wir etwas Essbares in uns hinein, bevor wir eines unserer wöchentlichen Experimente durchführten. Erst dann sprang ich endlich, nach Tagen das erste Mal, unter die Dusche! Nach einem kurzen Nickerchen schaute ich frisch und duftend in der Küche vorbei – nur um nach drei abgewaschenen Schüsseln wieder hinausgeworfen zu werden. Ich goss meine Pflanzen, las Emails, wurde wieder aus der Küche geworfen, spielte ein wenig auf der Mundharmonika (eins der fünf Lieder, die ich bisher kann) und wurde endlich zum Abendessen gerufen. Es gab Sushi, eins meiner hiesigen Lieblingsessen.

Abendessen, sogar mit drei frischen Mini-Salatblättern für jeden! Und Tristan in gewohnter Ernsthatftigkeit.
Abendessen, sogar mit drei frischen Mini-Salatblättern für jeden! Und Tristan in gewohnter Ernsthatftigkeit.
Mein Keeeeeks!
Mein Keeeeeks!

Als alle vollgestopft und selig waren, wurde das Licht ausgemacht und Dusty kam mit brennenden Kerzen aus dem Biologielabor balanciert: Es gab Brownies, kuchenartige Muffins und… einen Riiiiiesenkeks! Irgendwo zwischen all dem Essen steckte Dusty mir ein Handtuch zu (die beste Verteidigung gegen sämtliche Gefahren des Universums!) und Carmel eine selbstgemachte Maus: Ursprünglich als Scherz gemeint, steckten mir Carmel oder Tristan gelegentlich Tweety, ein kleines gelbes Vögelchen, in die Kapuze; jetzt habe ich meinen eigenen, regulären Kapuzenbewohner. Wir behelfen uns eben, da unser Wunsch nach einem pelzigen Haustier unerfüllt blieb.

Carmels Häkelmaus. Das Foto wurde aufgenommen, als ich auf dem Laufband "Till Eulenspiegel" gelesen habe.
Carmels Häkelmaus. Das Foto wurde aufgenommen, als ich auf dem Laufband “Till Eulenspiegel” gelesen habe.

Nach dem Festgelage rollten wir hinüber in den Gemeinschaftsraum. Um den Tag ausklingen zu lassen, wählte ich ein Gemeinschaftsspiel, dem wir anders als Brettspielen oder Salsa nicht regelmäßig nachgehen: Flaschendreh! Die Fragen waren natürlich nicht zufällig, sondern von Wissenschaftlern* zusammengestellt, um in einer bunt gemixten Gruppe ein Gefühl von Nähe erzeugen. Ursprünglich für zwei Personen gedacht, wandelten wir die Fragen für uns etwas ab, und gelegentlich antwortete nicht nur der von der Flasche Auserwählte, sondern die gesamte Gruppe: Was ist die größte Errungenschaft deines Lebens? Was ist dir in einer Freundschaft am wichtigsten? Was ist deine schönste Erinnerung? Nenne eine Charaktereigenschaft eines jeden Crewmitglieds, die du an ihm oder ihr magst.

Carmel erzählt ihre Lebensgeschichte "in vier Minuten".
Carmel erzählt ihre Lebensgeschichte “in vier Minuten”.

Mit dieser letzten Runde endete der Abend. Ich durfte Dusty dann doch noch mit dem verbliebenen Abwasch helfen, und gegen Mitternacht gähnte ich mich durch einen Fragebogen, der die Veränderung unserer kognitiven Fähigkeiten während des Jahres verfolgen soll. Zum Glück hatte ich schon längst ausgehandelt, dass ich am nächsten Morgen ausschlafen durfte.

*Aron et al.: The Experimental Generation of Interpersonal Closeness: A Procedure and Some Preliminary Findings. PSPB, Vol. 23 No. 4, April 1997 363-377.

Christiane Heinicke

Veröffentlicht von

Christiane Heinicke bloggt als Wissenschaftlerin und Versuchskaninchen aus der HI-SEAS-Forschungsstation auf Hawaii. Zuvor studierte sie Physik in Ilmenau und Uppsala und promovierte anschließend zu einem kontaktlosen Strömungsmessgerät. Zuletzt arbeitete sie in Helsinki an brechendem Meereis. Vor ihrer Zeit auf Hawaii verbrachte sie zwei Wochen auf der Mars Desert Research Station in Utah. Ständig umgeben von Wänden oder Raumanzug, wird sie während des Jahres am meisten das Gefühl von Sonnenstrahlen auf der Haut vermissen, dicht gefolgt vom Geschmack frisch gepflückter Himbeeren.

10 Kommentare

  1. Alles alles Gute auch von mir! Ich finde nicht nur dich als Person, sondern auch das Projekt absolut lobenswert und freue mich über alle News diesbezüglich!

  2. Super! Einfach ein fantastisches Projekt, das ich gerne verfolge und unterstütze und hfofe, dass es noch lange Zeit existiert. Glückwunsch nochmal!

  3. Herzlichen Glückwunsch nachträglich und alles Gute! Das Foto auf Twitter hatte ich gesehen und mich gefragt, wie lange du für den Keks wohl brauchen würdest. 😉 Dass er quasi deine Geburtstagstorte war, wusste ich allerdings nicht.

  4. Liebe Cookie,
    Alles Gute zum Geburtstag und nochmals vielen Dank für Deine interessanten und humorvollen Berichte! Ich schaue immer gerne vorbei und freue mich über neue Eintragungen. Es klingt für mich nach dem letzten Beitrag ganz danach, als würdet Ihr die lange Zeit des Eingesperrt-Seins miteinander gut überstehen. Daumen hoch! 🙂

    • Knifflige Frage. Wie zählt man die Tage bei interplanetaren Reisen? Auf dem Mars gibt es noch keinen Kalender, also würde man zumindest in der Anfangsphase wohl eher den Erdkalender übernehmen: “Sol 95, 1. und 2. Erddezember 2015.” Früher oder später bekäme der Mars aber seinen eigenen Kalender, mit mehr oder längeren Monaten. Spätestens wenn wir auf der Venus landen wollen oder einem anderen Himmelskörper, sollten wir uns um eine interplanetare Zeitrechnung kümmern. Für die Menschen, die auf dem jeweiligen Himmelskörper wohnen, wäre das aber ein abstraktes Gebilde, notwendig für interplanetare Kommunikation; für das tägliche Leben blieben die lokalen Kalender von größerer Bedeutung.
      Wonach aber zählt man den Geburtstag? Nach dem Kalender auf dem Heimatplaneten oder dem Kalender des momentanen Wohnorts? Wie feiert man, wenn man am 55. Marsoktober geboren wurde und zur Erde reist?
      Ich bin für den Erdkalender für Erdgeborene, schon allein, weil man dann öfter Geburtstag hat 😉

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