• Von Ludwig Trepl
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Zur Geschichte der Ökologie und des Naturschutzes – Teil 1: Entzauberung der Welt und romantische Kritik

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Unsere Umwelt zwischen Kultur und Natur
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Die Beziehungen, die zwischen Ökologie und Naturschutz in ihrer Geschichte bestanden, sieht man im allgemeinen – d. h. in der Öffentlichkeit, vor allem aber in den Kreisen der aktiven Naturschützer selbst – in folgendem. Naturschutz ist, wenigstens im Kern, angewandte Ökologie, und er ist historisch eine Folge der Ökologie: Nachdem diese gewisse Erkenntnisse gewonnen hatte, entstand der Naturschutz aus einer Einsicht heraus, und zwar in ökologisch, also naturwissenschaftlich zu erfassende Zusammenhänge. Diese Auffassung hat eine gewisse Berechtigung, vor allem für die Karriere des Naturschutzes in den letzten 40 Jahren und die Rolle des Selbstverständnisses der Naturschützer dabei. Aber im ganzen gesehen ist sie nicht richtig. Warum? Das ist das Thema des im Folgenden wiedergegebenen Vortrags, den ich am 26.10.2011 im Institut für Biologie der Universität Freiburg gehalten habe: [1]

Drei Punkte scheinen mir an den historischen Beziehungen zwischen Ökologie und Naturschutz vor dem Hintergrund der heute dazu unter Naturschützern verbreiteten Meinung von besonderer Bedeutung: 

Erstens: Naturschutz entstand nicht als angewandte Ökologie. Er war Teil des Heimatschutzes, und das ist – zunächst jedenfalls – etwas vollkommen anderes. Die Motivation des Naturschutzes war nicht das Wohl des physischen Menschen; weder ging es um seine Gesundheit noch um die Erhaltung ökonomischer Ressourcen etwa in der Land- und Forstwirtschaft. Naturschutz war damit auch nicht Teil dessen, was heute Umweltschutz heißt. Er verstand sich vielmehr als eine kulturelle Aufgabe, so wie anderes, was man als kulturelle Aufgabe (im Rahmen des Heimatschutzes) versteht, z. B. die Erhaltung von Burgruinen und alten Ortskernen oder die Bewahrung von irgendwelchen Sitten und Gebräuchen. – Das ist sicher unter Wissenschaftlern, die sich mit der Naturschutzgeschichte befassen, die vorherrschende Auffassung. Ich will hier versuchen, den Charakter der Denkweise, in die „Naturschutz als Heimatschutz“ gehört, systematisch zu rekonstruieren (was in diesem Vortrag natürlich nur als Skizze möglich ist). Das aber ist weniger üblich.

Zweitens: Ökologie spielte dennoch eine wichtige Rolle in der ganzen Naturschutzgeschichte. Für uns besteht eine selbstverständliche strikte Trennung zwischen „kultureller Aufgabe“ (z. B. Erhaltung einer Dorfkirche oder eines traditionellen Volksmusikstils), was ganz außerhalb der Zuständigkeit der Ökologie liegt, und „Befriedigung der Bedürfnisse des physischen Menschen“ (z. B. Luftreinhaltung, Nahrungsmittelproduktion), wozu die Ökologie durch Bereitstellung naturwissenschaftlicher Grundlagen beitragen kann. Eine solche Trennung gab es in der Denkweise, in deren Rahmen der Naturschutz entstand, nicht oder doch nicht in gleicher Weise. Das wird in den einschlägigen Fachkreisen wenig zur Kenntnis genommen oder es ist ganz unbekannt, und ich muß darum etwas ausführlicher darauf eingehen.

Drittens: Naturschutz kann nicht einfach angewandte Ökologie sein in dem Sinn, wie man etwa sagen könnte, daß die Elektrotechnik angewandte Elektrophysik ist, d. h. daß sie deren Erkenntnisse zu technischen Zwecken anwendet. Denn Entsprechendes gilt für das Verhältnis von Ökologie und Naturschutz nur in technischen Detailfragen. Das aber, was  den Naturschutz an dem, womit sich die Ökologie befaßt, besonders interessiert, sind Erkenntnisse, die den Naturschutz überhaupt zu begründen erlauben und die ihn motivieren. Dazu gibt es aber nicht die Erkenntnisse der Ökologie, auf die man sich einigermaßen verlassen könnte. Es gibt hier nicht einen Stand der Wissenschaft, sondern einen seit vielen Jahrzehnten anhaltenden Dauerstreit.

Ich will zunächst einen Überblick geben über Geschichte und Struktur der Denkweise, in der der Naturschutz als Teil des Heimatschutzes entstand. Man nennt sie meist „konservative Kulturkritik“. Dann werde ich über die Entstehung einer bestimmten, für den Naturschutz wichtigen Richtung der Ökologie sprechen, die nur im Rahmen dieser Denkweise möglich war.[2]

 

Den Konservativismus betrachte ich nicht als eine Denkweise, die es immer gibt – definiert etwa dadurch, daß man am Althergebrachten festhalten möchte –, sondern als eine ganz bestimmte historische Gestalt des Denkens, die als Reaktion  auf eine andere Gestalt entstanden ist.[3] Der Konservativismus ist im wesentlichen als Reaktion auf die Aufklärung im (späten) 18. Jahrhundert entstanden. Er bildete sich insbesondere als Reaktion auf eine bestimmte Variante der Aufklärung, den Liberalismus. Beide, klassischen Konservativismus und Liberalismus, möchte ich im folgenden idealtypisch zugespitzt skizzieren. „Idealtypisch“ heißt: Man wird in der Wirklichkeit nichts finden, was dem Idealtyp genau entspricht. Man kann also Idealtypen grundsätzlich nicht zur Schubladenbildung benutzen: Nichts würde so richtig in eine solche Schublade hineinpassen. Der Zweck der Idealtypenbildung ist ein anderer: Sie ist notwendig, um die Eigenart eines komplexen, schwer überschaubaren, variantenreichen historischen Gegenstands begreifen zu können.

Der Ausgangspunkt des Liberalismus ist folgender Gedanke:[4] Das Wesen des Menschen ist wie das eines jeden Lebewesens dadurch bestimmt, daß er einen natürlichen Trieb zur Selbsterhaltung und zur Verbesserung seiner Lage hat. Diesem Trieb folgt er nicht nur faktisch, sondern darauf hat er auch ein Recht. Alle anderen aber auch. Und weil sich darum alle die nötigen begrenzten Mittel zur Selbsterhaltung aneignen müssen, wollen und dürfen, kommt es zu „Krieg aller gegen alle“ (Hobbes). Um dieses nur an der eigenen Lage interessierte Tun zu schützen vor den anderen, die alle das gleiche tun, schließen sich die Menschen zusammen zu einem Staat, der durch Verbote den Krieg aller gegen alle in friedliche Konkurrenz aller gegen alle transformiert. Den Gesetzen des Staates müssen alle Einzelnen sich unterwerfen, weil der Staat sie dazu zwingt. Eine innere Verpflichtung dazu gibt es nicht, der Liberalismus kommt ohne Tugend aus. Jeder ist prinzipiell für Gesetze, ganz egoistisch aus dem Eigeninteresse an Sicherheit, und er befolgt sie im Einzelfall aus Furcht vor Strafe. Es gibt nicht die Vorstellung einer Gemeinschaft als eines übergeordneten Ganzen, der man, gar freiwillig, zu dienen habe. Die Traditionen haben als solche keine Bedeutung, es muß immer erst gefragt werden, ob sie vernünftig sind. Daß sie vernünftig sind aber bedeutet: Sie sind nützlich. Vernunft wird mit Nutzen (für den Einzelnen) identifiziert. Nutzen erlangt man durch Unterwerfung der Natur unter die eigenen Zwecke. Dazu ist die Kenntnis der Naturgesetze notwendig. Wenn sie erkannt sind, können sie nutzbringend eingesetzt werden. „Natur“ ist nichts als ein Mittel zum Überleben und zum besseren Leben, das heißt, Natur ist Ressource.

Natur als Landschaft hat hier aber noch eine andere Bedeutung: Sie ist Freiheitssymbol. Freiheit bedeutet im Liberalismus die Möglichkeit, im individuellen Streben nach Glück (bzw. Nutzen) nicht eingeschränkt zu werden, vor allem nicht durch unvernünftige Traditionen, etwa überkommene Privilegien, und Zwänge seitens des Staates, die über das hinausgehen, was zur Sicherheit des aufs jeweils eigene Wohlbefinden gerichteten Handelns der Einzelnen notwendig ist. Landschaft – man kommt ja in die „freie“ Landschaft, wenn man die Stadt verläßt – symbolisiert diese Freiheit. Freiheit bedeutet hier Ungezwungenheit. Der Landschaftsgarten, der Englische Garten, den man auch den Garten des Liberalismus genannt hat, ist entstanden in Opposition gegen den „Französischen“ Garten, d. h. den Garten des Absolutismus mit seinen zurechtgestutzten Pflanzen, worin man die freie Entfaltung der Natur vergewaltigt sah.

Man wird vielleicht denken: So zu denken ist doch ganz selbstverständlich, etwa im Hinblick auf die Frage, was die Rolle des Staates ist, was Freiheit bedeutet oder hinsichtlich der Identifizierung von vernünftig und nützlich. Aber wir werden gleich sehen, daß man das alles auch ganz anders sehen kann, und daß die meisten Menschen das zwar heute so sehen, wie ich es eben für die liberale Weltanschauung skizziert habe, aber zugleich – wenn sie nicht liberale Extremisten sind – auch ganz anders.

 

Mit der Aufklärung – insbesondere ihrer liberalen Variante – kam Kritik an ihr auf. Deren Kern war: Die Welt erscheint seit der Aufklärung als (a) sinnlos und (b) als entzaubert.

Denn wenn alles sich um die Selbsterhaltung und das Glück des Menschen dreht: Wofür wäre das denn sinnvoll, wenn es nicht sinnvoll wäre, daß es überhaupt Menschen gibt? Wenn es nichts über dem (einzelnen) Menschen gibt, in dessen Rahmen er, der Mensch, seinerseits sinnvoll ist? Man kann sich leicht vorstellen, daß dieser Gedanke – was denn all unser Streben überhaupt soll – in einem Denkmilieu, in dem sich allmählich die Erkenntnis durchsetzte, daß die Erde nur ein Stäubchen im Universum ist, das nach einer Ewigkeitssekunde wieder verschwinden wird, für beträchtliche Irritation sorgte.

Für die Menschen der vor-aufklärerischen Gesellschaft waren, nach Meinung der Aufklärungskritiker, Welt und Leben selbstverständlich sinnvoll. Das Leben jedes Einzelnen war sinnvoll, weil er Teil von Gottes Schöpfung war, und dem Leben Sinn geben hieß: in der und für die Gemeinschaft zu leben, so wie Gott es gewollt hat. Da konnte es keinen Zweifel am Sinn des Lebens und der Welt geben. An Gott zu glauben ist identisch damit, an den Sinn der Welt zu glauben.

Die Welt war nicht nur sinnlos geworden, sondern auch „entzaubert“, sagte ich. Vor der Aufklärung war alle Natur zugleich mehr als Natur. Wenn die Natur göttliche Schöpfung ist, dann ist sie definitionsgemäß zugleich mehr als bloße Natur. Als solche erscheint sie nur in der Perspektive der modernen Naturwissenschaft, sie ist hier etwas ohne Bedeutung, ohne Wert, wenn die Menschen ihr nicht Wert (für die Menschen) geben. Mehr als nur Natur waren die Naturdinge vor der Aufklärung aber auch, weil die alten mythisch-magischen Vorstellungen noch in Kraft waren. Die Naturdinge waren zugleich übernatürliche Wesen, der Wald war voll von Elfen und Geistern und jeder Baum konnte, vor allem nachts, zum Geist werden. Wenn aber Natur nichts ist als Gegenstand der Naturwissenschaften, dann ist es damit vorbei. Die Natur ist entzaubert und kalt geworden. (Wem das alles zu abstrakt ist, der möge sich nur bewußt machen, mit welchen Gefühlen er sich an seine eigene Kindheit erinnert.)

Dagegen entstanden zwei Hauptströmungen der Kritik: Die Romantik und der Konservativismus. Man unterscheidet sie oft nicht so strikt, vor allem wird die Romantik oft als ein Teil des Konservativismus gesehen. Ich will hier die Unterschiede betonen.

 

Zur Romantik[5] nur ein paar Andeutungen. Sie war weniger (allerdings auch) eine Kritik am Sinnloswerden der Welt durch das Verschwinden der Kraft der Religion, als eine Kritik an der Entzauberung. Eine Rückkehr zum alten Lebensgefühl war für die Romantiker nicht möglich. Die Zerstörung von Mythen und Religion durch die Vernunft ist endgültig. Es ist unmöglich, gegen die eigene Vernunft zu glauben. Möglich erschien aber eine „Wiederverzauberung der Welt“ mit den Mitteln der Kunst, eine „Kunstreligion“. Die Naturdinge werden beseelt durch den künstlerischen Blick, der aber zur Voraussetzung hat, daß der Mensch sich nicht als Herrscher über die Natur sieht (wie der moderne Naturwissenschaftler und Ingenieur), sondern bereit ist, sich sozusagen in die Natur aufzulösen, selbst Natur zu werden. So werden alle Naturdinge zu einem Du, zu dem man sprechen kann. Der Blick des Künstlers haucht den Dingen Leben und Geist ein. Ein Naturwesen, das ein Du ist, ist zugleich etwas Übernatürliches, ist selbst ein Subjekt, das auf die Welt und auf uns blickt. Die Natur ist wieder natürlich und übernatürlich in einem; sie ist wieder verzaubert. Das Immanente (die Natur) und das Transzendente (das Jenseitige) verschmelzen. Ziel ist nicht mehr die „Auffahrt in ein himmlisches Reich, sondern so etwas wie Erlösung durch Differenzlosigkeit von Himmel und Erde“.[6]

Sicher findet man darin vieles, was als Motivation in der Naturschutzbewegung wirksam ist. Aber die Romantik ist (a) anders als diese Bewegung eine unpolitische Geistesrichtung und (b) es ist keinerlei Verbindung zur Ökologie darin enthalten.

Zu (a) Ich sagte schon, daß für die Romantik die alte Welt der Mythen und der Religion unwiederbringlich verloren war. Für sie war aber auch die Vorstellung abwegig, man könnte die alten politischen Verhältnisse bewahren oder wiederherstellen. Der Ausweg aus der öde gewordenen Welt war die Kunst. Jeder sollte mit dem Blick des Künstlers in die Natur sehen. Die Utopie der Romantik war also unpolitisch; der Romantiker betrauert die gesellschaftlichen Verhältnisse, aber er verändert sie nicht. Die typische Figur der Romantik ist nicht der Reformer oder der Revolutionär oder der Konterrevolutionär, sondern der ziellos umherschweifende Wanderer.

Zu (b) Die Vernunft, vor allem die Objekte abgrenzende und rechnende Rationalität der modernen Naturwissenschaft, war die Quelle allen Übles, sie vor allem entzauberte die Welt. Statt der Vernunft sollte für die Romantiker die grenzenlose Phantasie herrschen. Idealnatur war darum die, in der die Vernunft zu versagen schien: Die ferne Natur, in der alle Konturen verschwimmen und die Phantasie freies Spiel hat, und die schreckliche, vor allem schaurige Wildnis, in der unsere Vernunft zu versagen scheint. Natur als Forschungsobjekt, wie es ja für die Ökologie essentiell ist, hat hier keinen Platz.

(Fortsetzung folgt)


[1] Was ich hier ausführe, habe ich mir nicht alleine ausgedacht. Eine ganze Reihe von Kollegen war beteiligt. Besonders erwähnen möchte ich Ulrich Eisel (Berlin/Mainz), Stefan Körner (Kassel), Thomas Kirchhoff (Heidelberg), Annette Voigt (Salzburg), Andrea Siegmund (München) und Vera Vicenzotti (Newcastle).

[2] Das Folgende ist ausführlicher dargestellt in Ludwig Trepl, Die Idee der Landschaft, transcript-Verlag: Bielefeld, Kapitel 4-6.

[3] Ich folge damit Greiffenhagen, Martin (1986): Das Dilemma des Konservatismus in Deutschland, Frankfurt am Main: Suhrkamp.

[4] Ausführlich zum Folgenden: Voigt, Annette 2009: Theorien synökologischer Einheiten – Ein Beitrag zur Erklärung der Uneindeutigkeit des Ökosystembegriffs, Stuttgart: Franz Steiner Verlag [= Diss. TU München]; Vicenzotti, Vera 2011: Der »Zwischenstadt«-Diskurs. Eine Analyse zwischen Wildnis, Kulturlandschaft und Stadt, Bielefeld: Transcript; Siegmund, Andrea 2011: Der Landschaftsgarten als Gegenwelt: Ein Beitrag zur Theorie der Landschaft im Spannungsfeld von Aufklärung, Empfindsamkeit, Romantik und Gegenaufklärung. Würzburg: Königshausen & Neumann.

[5] Die reale Vorlage für diesen Idealtyp liefert die Frühromantik.

[6] Koschorke, Albrecht 1990: Die Geschichte des Horizonts. Grenze und Grenzüberschreitung in literarischen Landschaftsbildern. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 193.

 

Ludwig Trepl

Veröffentlicht von

Ich habe von 1969-1973 an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der FU Berlin Biologie studiert. Von 1994 bis zu meiner Emeritierung im Jahre 2011 war ich Inhaber des Lehrstuhls für Landschaftsökologie der Technischen Universität München. Nach meinem Studium war ich zehn Jahre lang ausschließlich in der empirischen Forschung (Geobotanik, Vegetationsökologie) tätig, dann habe ich mich vor allem mit Theorie und Geschichte der Ökologie befaßt, aber auch – besonders im Zusammenhang mit der Ausbildung von Landschaftsplanern und Landschaftsarchitekten – mit der Idee der Landschaft. Ludwig Trepl