Theologie als Wissenschaft Teil 3

Antwort von T. Moos auf meinen zweiten Brief:

 

Lieber Herr Trepl,

 

haben Sie herzlichen Dank für Ihren zweiten Brief! Wir haben da ein paar klassische theologische „Einleitungs“-Themen am Wickel, zu denen ich gerne etwas sagen möchte.

1. Zur Rolle der Bibel: Die Bibel hat für den christlichen Glauben eine kaum zu überschätzende Funktion. An jedem ihrer Verse haben sich in einem über die Jahrtausende gehenden Dialog Auslegungen angelagert zu dem, worum es dem christlichen Glauben geht. Diese sind in keiner Weise homogen oder auch nur konvergent; gleichwohl ist der Rückbezug religiöser Geltungsansprüche auf die Bibel insbesondere für den Protestantismus immer ein wesentliches Charakteristikum seiner religiösen Kommunikation (und seiner rituellen Praxis!) gewesen. Das heißt jedoch nicht, dass eine Begründung von religiösen Überzeugungen aus dem Text der Bibel als solche Geltung beanspruchen könnte. Immer geht es um Auslegung von Texten im Horizont von Zeitsituation und persönlicher Lebens- und Glaubenserfahrung, und diese haben immer ein kontingentes Moment.

2. Das führt zum Thema des Glaubens. Christlicher Glaube ist nicht im erkenntnistheoretischen Sinne geltungsreduziertes Wissen. Glauben ist keine Schwundform von irgendetwas (also: keine theologische Bescheidenheit!). Das woran ich glaube, bindet mich in einer Weise, die nicht anderweitig übertroffen werden kann (außer natürlich durch das „Schauen“ im himmlischen Thronsaal, aber so weit sind wir ja noch nicht). Glaube hat neben kognitiven auch voluntative und emotive Aspekte. Die Bindekraft des Glaubens ist auch eine der Überzeugung, erschöpft sich darin aber gerade nicht. Die Inhalte des Glaubens sind nicht zu trennen von der religiösen Praxis. Die Frage, ob Gott eine Person „ist“ oder nicht, lässt sich nicht unabhängig von der Praxis des Gebetes, das Gott als „Du“ anspricht, explizieren. Und was sollte „Unsere Sünden sind uns vergeben“ als allgemeine Behauptung über Sachverhalte (analog zu: „Die Protonenmasse ist 1000 MeV“) heißen? Der christliche Glaube ist nicht nur der context of discovery solcher Aussagen, sondern kommt in ihnen zum Ausdruck. (Franz Marc hat auch nicht behauptet, es gäbe blaue Pferde.) Es ist das Dumme an der deutschen Sprache, dass sie Glauben im religiösen und Glauben im erkenntnistheoretischen Sinne nur ein Wort hat.

3. Vernunft: Ich teile Ihr Interesse an demjenigen Objektivitätsmoment von Vernunft, das als Bedingung der Möglichkeit praktischen Streitens vorausgesetzt werden muss. Wir nehmen es schon in unserem Dialog in Anspruch, sonst würden wir uns nicht widersprechen. (Ich würde hier allerdings den transzendentalpragmatischen Wahrheitsbegriff im Anschluss an Apel und Habermas vorziehen.) Nur wehre ich mich dagegen, diese transzendentalpragmatische Voraussetzung des Streitens zu identifizieren mit einem von einer bestimmten Wissenschaftsdisziplin verwalteten Vernunftbegriff. Nicht nur „die“ Philosophen, sondern alle sind zuständig dafür, was „vernünftig“ ist, auch wenn Philosophie über Bedingungen, Strukturgesetze und den Geltungsstatus logischen Schließens, hermeneutischen Lesens, naturwissenschaftlichen Erkennens u.a. nachdenkt. (Wenn Sie jeden, der in diesem Sinne Vernunft beansprucht, einen Philosophen nennen, meinetwegen…)

 

Aber der Kern unseres Dissenses scheint mir der Punkt 3. zu sein. Glaubenssätze bringen Glauben im umfassenden Sinne zum Ausdruck und haben nicht nur einen Überzeugungsgehalt. Gleichwohl dienen sie der Kommunikation, aber einer Kommunikation, die von den an ihr Beteiligten als anders strukturiert wahrgenommen wird als eine Diskussion über Protonenmassen oder das richtige Wirtschaftssystem. (Wenn man die Theorie des kommunikativen Handelns zugrundelegen will, dann kommt die Geltung religiöser Aussagen eher der expressiven als der theoretischen oder der moralischen Geltung nahe – unbenommen davon, dass auch die anderen Geltungsansprüche beteiligt sind. Aber diese Verortung hinkt, weil Habermas weder Kunst noch Religion wirklich im Blick hat.) Richard Dawkins und andere verstehen Glauben als Sammlung von Behauptungen über eine szientistisch verstandene Wirklichkeit, die daher auch „vernünftig“, d.h. bei ihnen: naturwissenschaftlich widerlegt werden können. Dann ist man in der Tat beim fliegenden Spaghettimonster. Wenn man diese Voraussetzung nicht teilt (und mir scheint, dass Sie sie nicht teilen, aber vielleicht irre ich mich), dann muss man zugestehen, dass sich der Geltungsstatus von Glaubensaussagen nicht nur im Geltungsgrad („Fürwahrhalten“) von physikalischen unterscheidet.

 

Herzlich,

Ihr

Thorsten Moos

 

Veröffentlicht von

Ich habe von 1969-1973 an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der FU Berlin Biologie studiert. Von 1994 bis zu meiner Emeritierung im Jahre 2011 war ich Inhaber des Lehrstuhls für Landschaftsökologie der Technischen Universität München. Nach meinem Studium war ich zehn Jahre lang ausschließlich in der empirischen Forschung (Geobotanik, Vegetationsökologie) tätig, dann habe ich mich vor allem mit Theorie und Geschichte der Ökologie befaßt, aber auch – besonders im Zusammenhang mit der Ausbildung von Landschaftsplanern und Landschaftsarchitekten – mit der Idee der Landschaft. Ludwig Trepl

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe

    Sie und Herr Moos haben es tatsächlich geschafft, in drei umfangreichen Blogbeiträgen und zahlreichen Kommentaren über Theologie und Glauben zu sprechen, ohne über die Liebe zu sprechen.

    Die christlich-theologische Hermeneutik, der Schlüssel zum Verständnis des Ganzen des christlichen Glaubens, ist am Ende jedoch extrem einfach: es geht immer und ausschließlich um die Liebe.

    Die begegnet Christen allerdings auf eine Weise, die sich fundamental von der Elternliebe, der Freundesliebe und der erotischen Liebe – die wir heute breit kennen und schätze – unterscheidet und von der Person Jesu letztlich nicht getrennt werden kann. Man denkt sich diese Liebe nicht aus, sie begegnet einem in realen Personen (oder eben nicht), in einer realen Gemeinschaft. Sie ist also keine Theorie, kein Ideal.

    Diese Liebe erscheint denen, die sie wählen und sich von ihr erwählen lassen, als die ultimative Lebensmöglichkeit, als die Erfüllung des Wesens der menschlichen Person und der menschlichen Existenz – und dies ohne jeden Widerspruch zur Vernunft.

    Aus einem Lebensvollzug heraus, der von dieser Liebe durch und durch bestimmt ist, kann man auch philosophieren (muss es aber nicht) – und das ist dann Theologie: Nachdenken über das Ganze und seine Möglichkeitsbedingungen aus der Perspektive einer Liebe, die man als ultimative Möglichkeit und als Wesen und Ursprung der Wirklichkeit erkennt und anerkennt. Die Wissenschaftlichkeit dieser Denkbemühung richtet sich nach der internen Widerspruchsfreiheit und der Plausibilität ihrer grundlegenden Axiome.

    Insofern ist nicht das Buch und schon gar nicht der philosophische Traktat das ursprüngliche Medium zur Auslegung des christlichen Glaubens, sondern der lebendige, liebende Mensch mit seiner realen Biographie, in der er sich von bestimmten Möglichkeiten ansprechen und bestimmen lässt und mit ihnen gewinnt oder untergeht. Solche Geschichten finden sie in der Bibel (und auch in der belletristischen Literatur) – und das sind die Geschichten, die uns wirklich bewegen und die unser Handeln grundlegend ändern können, weil sie uns ungeahnte Möglichkeiten vor Augen stellen und Lust machen auf “mehr”.

    Ohne Weiteres könnte ein Naturwissenschaftler seine Arbeit als Dienst an dieser Gemeinschaft der (potentiell) Liebenden und als Erforschung einer Welt verstehen, deren letzter Grund und letztes Ziel die Liebe ist.

  2. @ Jordanus

    @ Jordanus. Sie zitieren diesen Satz von Herrn Moos: “Das heißt jedoch nicht, dass eine Begründung von religiösen Überzeugungen aus dem Text der Bibel als solche Geltung beanspruchen könnte“ und sagen dann: „für mich ist doch eher das Gegenteil der Fall. Meine Überzeugungen kommen aus der Bibel.“

    Was Herr Moos dazu sagen würde, kann ich nur vermuten. Ich hätte jedenfalls eine Frage: Warum überzeugt Sie denn die Bibel? Es kann doch nicht so sein, daß Sie sagen: Meine Überzeugungen kommen aus dieser heiligen Schrift – die heilig ist, weil sie in unserer Kultur nun einmal seit langem dafür gilt. Sie sagen vielleicht: weil darin Gottes Wort steht. Aber wieso meinen Sie das denn?

    Es kann doch nur umgekehrt sein: Diese Schrift nennen Sie die heilige, weil in ihr die Wahrheit steht. Die erkennen Sie oder meinen Sie zu erkennen durch Ihre Vernunft. Anders geht es nun einmal nicht. Sie überzeugt ein Gedanke wie der von der Nächstenliebe. Den finden Sie in der Bibel, und weil Sie ihn für einen Gedanken von ganz außerordentlicher Bedeutung halten, für eine höchste Wahrheit sozusagen, und weil Sie ihn sich nicht selbst ausgedacht haben, sondern ihn in der Bibel gefunden haben, nennen Sie diese die heilige Schrift. Aber wenn dieser Gedanke nun nicht in der Bibel stünde, sondern im Koran oder bei einem antiken Philosophen oder ganz aus Ihrem eigenen Kopf: Wäre er dann weniger wahr und bedeutend?

    Sie schreiben zustimmend: „In letzter Instanz basiert ihr Denken [das der Theologie, die sich an die Bibel hält] dann nämlich doch nicht auf der Vernunft.“ Aber daß diese Theologie sich an die Bibel hält, muß auf Vernunft beruhen, sonst wäre es dummer Fundamentalismus.

    Und vor allem: dann wäre der Glaube nichts wert, weil er nicht der eigene wäre, sondern ein Nachplappern von Unverstandenem. Man kann nicht das glauben, was man nicht versteht oder was der eigenen Vernunft widerspricht (“credo quia absurdum”), sonst belügt man sich selbst; das aber soll man nicht, und daß man das nicht soll, das kann man mit Sicherheit wissen, dazu braucht man keine heilige Schrift. Verstehen kann man mit nichts anderem als mit der eigenen Vernunft – auch wenn man Grund hat, denen dankbar zu sein, die einem diese Einsichten vermittelt haben, falls es solche sind, auf die man für sich alleine nie gekommen wäre.

  3. Expressive Sprechakte

    @ Moos:
    Noch eine Anmerkung zu diesen Sätzen:
    „Wenn man die Theorie des kommunikativen Handelns zugrundelegen will, dann kommt die Geltung religiöser Aussagen eher der expressiven als der theoretischen oder der moralischen Geltung nahe … . Aber diese Verortung hinkt, weil Habermas weder Kunst noch Religion wirklich im Blick hat.“

    Egal ob sie hinkt, das scheint mir wesentlich. Das Spezifische der religiösen Aussagen (was nicht das Wichtigste an ihnen sein muß!) liegt vielleicht genau hier. Zur Begründung von Moral braucht man Religion nicht, das ist allein eine Sache der praktischen Vernunft. Nicht nur die Geltung religiöser Aussagen wird sich eher an dem messen müssen, worauf es bei expressiven Sprechhandlungen ankommt (Wahrhaftigkeit), auch die Sprechhandlungen im Leben, an die Religion, sagen wir mal, „anschließt“, sind vorwiegend expressiven Charakters.

    Es sind „Ausdrücke“ von Erlebnissen, die einer subjektiven Welt zugehören und zu der nur der Erlebende selbst unmittelbar Zugang hat, die er aber vor einem „Publikum“ „enthüllen“ (Habermas) möchte. Und die religiös relevanten expressiven Sprechhandlungen sind nicht nur, aber doch insbesondere solche von größter Verzweiflung und komplementär größter Hoffnung. Es sind Aussagen expressiver Art, deren Grund man weder mit der moralischen noch mit der theoretischen Vernunft aus der Welt schaffen kann. Darum ist Religion wohl auch nicht aus der Welt zu schaffen. In der Welt wird man ja die größte Verzweiflung nicht los und die größte Hoffnung kann sich nicht erfüllen.

    Die Theologie mag die Aufgabe haben, Worte zu finden, damit man damit leben kann. Aber: Ob sie sich dabei von der Psychotherapie unterscheidet, die ja auch in Situationen hilft, die sich durch bestimmte „expressive Aussagen“ anzeigen und die man nicht heilen kann wie einen Knochenbruch, hängt von der Geltung von Aussagen ab, die die Theologie macht und die moralischer und theoretischer Art sind.

    Die Psychotherapie hat die Aufgabe, Leiden zu mindern. Geht man davon aus, daß diese Aufgabe ihre einzige ist, dann darf sie dazu auch lügen, wenn es nur hilft. Darf die Seelsorge – eine Praxis, der die Theologie zuarbeitet – das auch? Ist für das, was in jenem Begriff mit „Seele“ gemeint ist, mit einer barmherzigen Lüge „gesorgt“? Egal wie die Antwort ausfällt: Man sieht hier jedenfalls deutlich, daß das, was die Christen Glauben nennen, ganz und gar von seiner Wahrheit abhängt (wobei sich dieser Begriff selbstredend nicht auf das beschränkt, was man szientifisch Wahrheit nennt). Die Begriffe, die die Theologie in diesem Zusammenhang einsetzt, dürfen nicht „leer“ sein; einem Begriff wie „ewiges Leben“ muß sich irgendeine Art von Sinn geben lassen. (Herr @Aichele, da wittern Sie sicher wieder die „Sonder-Ontologie“; das kann, muß aber nicht gemeint sein, ich denk’ mir dazu noch was aus.) Damit hängt das, was die Theologie zu tun hat, von der Vernunft ab. Die Frage „was dürfen wir hoffen“ – die sich ja systematisch an die moralische Frage anschließt und die lebensweltlich mit dem Ausdruck der äußersten Verzweiflung unausweichlich verbunden ist – diese Frage zu beantworten ist eine Aufgabe der Philosophie, dabei bleibe ich.
    Wenn Sie, Herr Moos, nun darauf bestehen, daß es im Glauben um mehr geht als das, wofür die Vernunft zuständig ist, wenn Sie etwa schreiben: „Glaube hat neben kognitiven auch voluntative und emotive Aspekte“, was ja als Einwand gegen meine Behauptung gedacht ist, die Theologie habe der Philosophie eingeordnet zu werden: sind denn „voluntative und emotive Aspekte“ ein Thema der Theologie und nicht ebenso der Philosophie? Und ist denn in der Philosophie das Denken darüber weniger als in der Theologie verbunden mit dem Anspruch, das wirkliche Leben zu führen und zu verändern?

  4. Hä?

    Mir raucht etwas der Kopf von den vielen Begriffen. Auf dem Abstraktionsniveau kann ich das meiste nicht nachvollziehen. Ich muss aber doch sagen, dass hier ein angenehm hohes Niveau und ein sehr freundlicher TOn vorgegeben wird. Schön, dass es Seiten gibt, wo so diskutiert wird.
    Mich als evangelisch-lutherischer Christ irritiert diese Passage von Herrn Moos:

    “Das heißt jedoch nicht, dass eine Begründung von religiösen Überzeugungen aus dem Text der Bibel als solche Geltung beanspruchen könnte. Immer geht es um Auslegung von Texten im Horizont von Zeitsituation und persönlicher Lebens- und Glaubenserfahrung, und diese haben immer ein kontingentes Moment.”

    Vielleicht habe ich nicht die ganze Diskussion verstanden, aber für mich ist doch eher das Gegenteil der Fall. Meine Überzeugungen kommen aus der Bibel. woher sonst. Was die Auslegung angeht, spielen natürlich immer Zeitsituation und Horizont eine Rolle, aber vielleicht eher in dem Sinne, dass die Bibel u n s auslegt.

    Ist das nicht auch der Grund, warum Theologen bei solchen Veranstaltungen dabei sind? es geht auch darum, von der Bibel her zu hören, was zu diesen und jenen Zusammenhängen gesagt wird. Eine Theologie, die nicht von der Bibel her redet, hängt eigentlich hilflos zappelnd in der Luft.

    Man macht sich gar nicht klar, wieviel von unserem Denken von dieser Sprache durchdrungen ist. Auch der, der damit nichts anfangen kann, könnte die Theologie zur Hilfe nehmen, um sich endgültig davon zu befreien. Die Theologie kann also eine Hilfe sein, wenn man sich auf Symposien usw. darüber klar werden will, an welcher Stelle man noch in diesem alten Denken verharrt.

    Natürlich finde ich das nicht unbedingt wünschenswert, aber man sollte da schon fair sein:-)

    Ich glaube, dieser Rekurs auf die Bibel ist auch immer wieder der Punkt, an dem die Theologie den anderen Wissenschaften zweifelhaft und zwielichtig erscheint. In letzter Instanz basiert ihr Denken dann nämlich doch nicht auf der Vernunft. Es ist eher umgekehrt – erst durch den Glauben an Gottes Wort kommt die Vernunft zur vollen Entfaltung.

    So weit meine provokative Einlassung, danke für die freundliche Umgebung.

  5. Religion und Moral

    Lieber Herr Moos,

    Sie schreiben: „Richard Dawkins und andere verstehen Glauben als Sammlung von Behauptungen über eine szientistisch verstandene Wirklichkeit …“

    Daß die Theologie mit den Naturwissenschaften überhaupt streiten kann, vermag ich nicht zu sehen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß es irgendeine naturwissenschaftliche Entdeckung geben könnte, die das, was die Theologie Glauben nennt, auch nur tangiert. – Die Vorläufer der Dawkins-Atheisten sind seinerzeit, als der Atheismus noch ein anderes Niveau hatte, als „Vulgärmaterialisten“ und als „Abspülicht vom Aufkläricht“ bezeichnet worden, nämlich von Marx. Da hatte er recht.

    Nun nennen Sie aber mit den theoretischen die moralisch-praktischen Aussagen in einem Atemzug und meinen, Religion gehöre beiden gegenüber eher auf die Seite der expressiven („…dann kommt die Geltung religiöser Aussagen eher der expressiven als der theoretischen oder der moralischen Geltung nahe“). Mit der Zuordnung zum Expressiven haben Sie wohl recht und auch mit der (relativen? völligen?) Irrelevanz der theoretischen Aussagen, jedenfalls wenn man die auf naturwissenschaftliche reduziert. Aber ich meine: Von der Moral sollte man die Religion nicht zu weit abrücken. In gewissem Sinn ist die Moral, auch wenn sie nicht das Spezifikum der Religion ist und diese sich schon gar nicht auf sie reduzieren läßt (da hatten Aufklärungskritiker wie Schleiermacher recht) und Moral ganz unabhängig von Religion ist, doch der Kern der Religion.

    In religiöser Sprache (säkularisieren ließen sich diese Sätze leicht): Man wird am Ende aller Tage nicht danach gefragt, ob man denn auch in Schleiermachers Sinn Religion hatte, also Sinn und Geschmack fürs Unendliche. Es ist sicher schön für einen, wenn er das hat, aber nicht wesentlich. Gefragt wird man vielmehr nach seinen Sünden. Mit der Religion wird es Ernst nicht da, wo es um Gefühle der Geborgenheit, des Gehaltenseins oder auch des Geschmacks fürs Unendliche geht, sondern wo es um Sünde und Schuld und das unbedingte Sollen geht. Und diejenigen unvermeidlichen expressiven Aussagen, aus denen die Religion, wenn Sie recht haben (und ich Sie richtig verstehe), ihre Existenz(notwendigkeit) zieht, entstammen primär der moralischen Seite des Lebens, sie entstammen der Gewissensnot.

    Viele Grüße
    Ludwig Trepl

  6. Aus meiner Sicht…

    …eine sehr gute Antwort, in der ich auch den Unterschied zwischen Theolgie(n) und Religionswissenschaft wiederfinde. Nochmal danke für diesen Briefdialog, den ich gerne von meinem Blog her verlinkt habe.