“Objekt der Begierde” (Dritter Preis/2 des Wettbewerbs)

BLOG: Labyrinth des Schreibens

Die Suche nach dem roten Faden
Labyrinth des Schreibens

Birgit Kautz lädt uns ein zu einem Spaziergang über den Flohmarkt, wo sie etwas entdeckt, das sie unbedingt haben will. Die Begebenheit ist witzig und gut beobachtet erzählt und verdient einen der beiden Dritten Preise. Hier ist sie:

Objekt der Begierde

Flohmarkt an der Heffauerstraße und ich mittendrin. Wie bin ich nur hierher gekommen? Ausgerechnet ich, wo ich allein den Gedanken abstoßend finde, Dinge zu kaufen die nicht neu sind? Hätte ich mich nicht besser gegen Amanda wehren können? Es ist doch sonst nicht meine Art, mich mitschleifen zu lassen. So was Blödes aber auch.

Jetzt stand ich hier zwischen Fremden und Talmi und Amanda war verschwunden. Gutes Wetter war auch noch. Diese Stadt wusste nicht einmal, wie ein anständiger Februar auszusehen hatte. Trüb hatte er zu sein oder wenigstens kalt! Doch hier am Faschingsdienstag strahlte die Sonne von einem azurblauen Himmel und die Menschen öffneten ihre Jacken, nahmen die Wollmützen ab und hielten die winterblassen Gesichter in die Sonne.

Frustriert kramte ich in meiner Jackentasche nach einem Päckchen Zigaretten. Wenigstens Rauchen durfte man hier. Was waren das für schöne Zeiten, als man noch in eine Kneipe gehen konnte, ein Bier bestellte und sich in Ruhe eine ansteckte. Vorbei, vorbei,  seid gut vier Wochen vorbei! Wenn das so weiter ging mit der Volkserziehung, dann würde man in ein paar Jahren nicht einmal mehr auf einem Frischluftflohmarkt rauchen dürfen.

Während mein Blick versuchte in der Menge einen Hauch Amanda zu erspähen, traf mich der strafende Blick einer Mittvierzigerin. In ihren Augen las ich Krieg! Vermutlich waren wir Raucher für sie auch an der Klimaerwärmung und den gestiegenen Milchpreisen schuld. Nie hatte ich mir als Faschingsmuffel so sehr eine quietschrote Plastiknase gewünscht.

Was würde die Alte Schachtel schnauben, wenn ich sie damit anpiepen würde. Vielleicht würde es mir sogar gelingen, ein wenig Rauch aus beiden Nasenlöchern zu blasen.

Mein Blick ging suchend über die Tapeziertische mit dem Ramsch. Sollte hier nicht irgendwo eine Pappnase käuflich zu erwerben sein?

Was war das? Wie interessant! An einem versilberten Kerzenleuchter, der eindeutig bessere Tage gesehen hatte, hing munter im warmen Wind schaukelnd ein Labyrinth. Ich liebe Labyrinthe! Ich streckte meine Fingern der bronzenen Schönheit mit dem aparten Muster entgegen. Fast hätte ich den runden Anhänger in der Hand gehabt, doch da traf mich heftig und unerwartet ein Rempler von rechts. Natürlich die alte Schachtel! Ausgerechnet auf meinen Anhänger hatte sie es abgesehen! Gut, dass ich bewaffnet war! Ein herzhafter Zug aus meiner Lucky Strike, der mir fast die Sinne raubte, und ab mit der ekelhaften Wolke in das Gesicht der Alten. Während die Gute mit Husten und Böse gucken vollauf beschäftigt war, zupften meine flinken Finger den Anhänger samt Lederband vom Silberleuchter.

Diesen Moment wählte Amanda, um wieder aus der Menge aufzutauchen. Ohne Rücksicht auf die noch immer keuchende Alte drängte sie sich an meine Seite und stach ihr dabei einen ihrer spitzen Ellbogen in die Leiste. Gutes Mädchen! Für ihre Ellbogen hätte Amanda einen Waffenschein gebraucht. Ich spreche da aus Erfahrung.

"Das gibt es ja nicht", platzte sie heraus, "Kurt der Coole kauft etwas auf einem Flohmarkt!"

"Was redest du da", antwortete ich, während ich meinen Schatz sorgfältig in der Innentasche meiner Jacke verstaute. "Warum sollte ich denn nichts kaufen? Dazu sind Flohmärkte doch schließlich da."

Noch immer kopfschüttelnd hakte sie sich bei mir ein und war vollends verblüfft, als ich kurz vor dem Ausgang auch noch eine feuerrote Plastiknase mit Gummizug erstand. Man konnte ja nie wissen, wann man so etwas gebrauchen konnte.

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"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

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