Harry Potter ist nicht da und trotzdem präsent

Erster Eindruck von einer virtuellen Wirklichkeit: Der neue Roman von Joanne K. Rowling. 

Einige Leser dieses Blogs werden sich vielleicht wundern, in diesem aktuellen Post Inhalte wiederzufinden, die sie an anderer Stelle bereits gelesen haben: Im vorangehenden Artikel über die Virtuelle Schreib-Werkstatt. Ich entschuldige mich für diese Doublette. Am Vortag erschien es mir noch sinnvoll, beides – quasi verbunden durch das Thema Virtualität – gemeinsam zu behandeln. Aber in der Nacht arbeitete mein Gehirn offenbar weiter, und als ich am Morgen aufwachte, war mir klar, dass mein Interesse am neuen Werk der Rowling mein Beurteilungsvermögen über die eigenen Tätigkeit als Schreibender etwas eingetrübt hatte*.
* Es war nicht etwa das Bier vom Oktoberfest, denn weder frönte ich dem einen noch dem anderen – jedenfalls nicht am Vortag.

Gestern am Vormittag hatte ich in der Zeitung gelesen, dass der neue Roman von Joanne K. Rowling erschienen sei, zeitgleich auf Englisch und auf Deutsch. Dieses Vergnügen wollte ich mir nicht entgehen lassen. Gleich am gestrigen Abend tauchte ich ein in diese virtuelle Welt. Ich muss jedoch vorab gestehen, dass ich mir den Roman niemals gekauft hätte – wäre ich nicht so neugierig gewesen auf das, was die weltbekannte und supererfolgreiche Autorin nach “Harry Potter” kreïert hat. “Ein Roman für Erwachsene”, hieß es in den Vorabmeldungen. Da war ich sehr gespannt, weil ich die HP-Serie nicht zuletzt wegen des großen handwerklichen Könnens seiner Verfasserin schätze. Wie sie mit drei, vier Sätzen eine Figur hinstellt, einen Schauplatz entwirft, eine Stimmung erzeugt – meisterhaft! Da kann man als Autor noch einiges lernen.

 

Von null €uro zu einer Milliarde

Was für einen langen, steinigen und dann plötzlich sensationell erfolgreichen Weg hat diese Autorin hinter sich gebracht:
° von “null €uro” einer alleinerziehenden Ex-Lehrerin, die von der Fürsorge lebt und im Café jenen Roman schreibt, den erst niemand haben will: “Harry Potter and the Philosopher´s Stone” (1997)
° bis zu der vollendeten siebenteiligen Serie und einem Vermögen von inzwischen schätzungsweise “einer Milliarde €uro” in diesen Tagen. Eine Autorenkarriere, wie die Welt sie noch nie gesehen hat.

Und nun, mit diesem gigantischen Erfolg und einer Milliarde im Rücken, legt sie einen völlig neuen Typ Roman vor. Nicht für die Kids, sondern für ein erwachsenes Publikum (das ihre Kinder-Bücher allerdings längst ebenfalls verschlungen hat): “The Casual Vacancy”. Am 27. September sollte der Roman erscheinen. Ich ging also zu meiner Buchhandlung. Und schon wurde es schwierig. Nicht, dass der Roman ausverkauft gewesen wäre, keine Rede davon; auch wenn da nicht eine ganze Palette mit 500 Exemplaren auf Käufer wartete (wie bei den “Harry Potter”-Bänden, oder bei Frank Schätzings “Limit” vor Weihnachten 2010). Aber es galt zunächst die schwierige Frage zu klären: englisches Original (24,99 €) – oder deutsche Übersetzung (24,90 €)? An den neun Cent sollte es ja nicht liegen. Aber das größere Vergnügen würde, für der ersten Durchlauf, doch die Übersetzung bieten. Das englische Original kaufe ich mir dann irgendwann als Taschenbuch. Wenn mir der Roman gefällt.

Aber halt, was soll das: “A Casual Vacancy” kann man doch nicht mit “Ein plötzlicher Todesfall” übersetzen! Wo doch die Autorin gleich auf der ersten Seite drei Varianten an Bedeutung des Titels anbietet:

(Laut “Gemeindeordnung” spricht man von einer plötzlichen Vakanz🙂
(a) wenn ein Ratsmitglied nicht rechtzeitig die Annahme des Amtes bekannt gibt,
(b) wenn seine Kündigung eingeht oder
(c) am Tage seines Todes.

Wo bleibt da der – als Titel sicher lockendere – “plötzliche Todesfall”? Eigentlich müsste das doch übersetzt werden mit “Eine Stelle wird plötzlich frei”, oder ähnlich harmlos. Nun denn, Übersetzung und Original hin oder her: So beginnt jedenfalls der Roman (s.U.). Und ich überlasse mich nun dem Fluss der Gedanken und Phantasien der Kreativität von Frau Rowling, mache sie zu meiner eigenen, baue ihre Welt in meinem lesenden Bewusstsein neu auf, ganz für mich und aus mir:

Barry Fairbrother wäre lieber zu Hause geblieben. Er hatte schon das ganze Wochenende Kopfschmerzen und wollte auf keinen Fall den Redaktionsschluss der Lokalzeitung verpassen.
Doch seine Frau war während des Mittagessens etwas wortkarg gewesen, woraus Barry schloss, dass er mit seiner Karte zum Hochzeitstag das Vergehen nicht wettmachen konnte, sich den ganzen Morgen im Arbeitszimmer verkrochen zu haben. Und dabei auch noch über Krystal zu schreiben, die Mary nicht leiden konnte, was sie jedoch abstritt.
»Ich möchte dich heute Abend zum Essen ausführen, Mary«, hatte er gelogen, um das Eis zu brechen. »Neunzehn Jahre, Kinder! Neunzehn Jahre, und eure Mutter hat nie besser ausgesehen.«
Mary war besänftigt und hatte gelächelt, woraufhin Barry im Golfclub angerufen hatte, weil der in der Nähe lag und man immer einen Tisch bekam…

Holla – das liest sich ja wirklich ganz anders als “Harry Potter”! Aber nun muss ich mich zur Ordnung rufen und nicht weiter den neuen Roman von der Rowling lesen, so gerne ich das täte. Denn ich will ja in meinem Blog über das Oktoberfest berichten und auch sonst steht noch einiges andere auf meiner Agenda. Da kann ich mich doch nicht auf die virtuelle Roman-Welt einlassen, in die mich Frau Rowling lockt, diese phantasievolle Sirene. Immerhin habe ich heute die ersten 80 Seiten gelesen und bin recht angetan von ihnen. Gleich das erste Kapitel ist ein ziemlicher Hammer, der einen in eine Geschichte hineinzieht, von der man allerdings auch nach 80 Seiten nicht so recht weiß, wo sie hinlaufen wird. In der Süddeutschen Zeitung raunte man, an sehr prominenter Stelle (nämlich auf Seite 2 im “Tagesthema”), dass es

um Prostitution, Pädophilie und Drogenmissbrauch geht. (Menden).

 

Harry Potter “Band null”?

Deswegen würde ich keinen Roman lesen, egal von wem. Aber keine Bange: Joanne K. Rowling macht etwas viel Perfideres, und das gefällt mir wirklich gut, als Autor ebenso wie als Psychologe: Sie entzerrt nach und nach das sehr komplexe Geflecht der liebe- wie hassvollen Beziehungen einer Kleinstadt. Vielleicht gefällt mir das deshalb so gut, weil ich meine Kindheit und Jugend in einer – wenngleich typisch oberfränkischen – Kleinstadt verbracht habe und mir das soziale Geflecht des Rehau der 1940er und 1950er Jahre (1942-1956) plötzlich wieder sehr lebendig in der Erinnerung aufstieg, als ich die Schilderungen des englischen Pendants las?

Während ich dies tippe, wird mir bewusst, dass die Rowling in diesem neuen Roman eigentlich nichts anderes macht, als das ausführlicher darzustellen, was sie in ihrer “Harry Potter”-Septologie nur mit wenigen Pinselstrichen angedeutet hat: die kleinbürgerlich spießige Welt der Zieheltern von Harry, dieses dröge, missgünstige, teils bösartige Muggle-Paar der Dursleys mit ihrem gleichermaßen öden Sohn. Genau so einer wäre wohl Harry geworden – hätte ihn der Roman nicht in die Welt er Zauberer katapultiert. Wenn man den Roman so gegen “den Strich” liest und versteht – wird er wundersamerweise zu so etwas wie “Band null” der ganzen HP-Reihe, den sie vortrefflich komplettiert.
Die Schule, die hier gleich zu Beginn sehr lebendig vorgestellt wird, mit ihrer sehr einprägsamen Schülern und vor allem sehr eindrucksvollen Schülerinnen (Krystal und Gaia allen voran) – diese Schule ist nun wirklich eine ganz andere Institution als das Zauberschüler-Internat Hogwarts. Sie ist eher ein sozialer Brennpunkt, wie man das heutzutage euphemistisch umschreibt, wenn man andeuten will, dass es drüber und drunter geht.

Ich finde es sehr mutig von der Autorin, dass sie auf das Fantasy-Gedöns völlig verzichtet und sich in die “Niederungen” das ganz normalen Lebens begibt – ohne ihre wuchernde Phantasie und ihre überbordende Kreativität zu verleugnen. Jedenfalls bin ich sehr gepannt darauf, wie es auf den nächsten fast 500 Seiten weitergeht. Dafür nehme ich gerne Prostitution, Pädophilie und Drogenmissbrauch und was auch immer in Kauf.

Doch ein andermal mehr über ” A Casual Vacancy”. Jetzt muss ich mich auf die morgige Sitzung der Virtuellen Schreib-Werkstatt vorbereiten und auf´s Oktoberfest – auch dies natürlich rein virtuell. Denn leibhaftig kriegt mich dieses Jahr dort niemand hin. Mir langt, was ich in den U-Bahnen davon mitbekomme. Lauter Muggles in Dirndl und Lederhose.

Allgegenwart des Labyrinth-Mythos

Ich traue mich wetten, dass auch im neuen Roman von Frau Rowling der Labyrinth-Mythos in irgendeiner Weise eine Rolle spielen wird. Ich werde darüber berichten, wie über den Roman als solchen. Wenn ich ehrlich bin, ist dies – neben Rowlings Prominenz und ihrem Vorbild als Autorin – der dritte Grund, weshalb ich diesen neuen Roman von ihr lese: Ob und wie etwas Labyrinthisches darin vorkommt.

Ersatzweise hier ein Fund aus der Fernseh-Zeitschrift und dem aktuellen Programm: Am 27. September (also gestern abend) lief in 3SAT um 22:30 Uhr der Spielfilm “Im Labyrinth des Lebens”. Eine Familien-Krisen-Geschichte aus den Niederlanden von Regisseur Willem van de Sande Bakhuyzen. Im Originaltitel (“Leef!” – also wohl zu deutsch “Lebe!”) kommt allerdings nichts Labyrinthisches vor – diesen Titel haben sie im Sender für das deutsche Publikum aufgemotzt. Warum wohl? Weil “Labyrinth” neugierig macht, weil das auf interessante Verwirrungen und Schicksalsverschlingungen hinweist und überhaupt ein zuverlässiger Mindcatcher ist.

Mein aktueller Themen-Vorschlag für die nächste Virtuelle Schreib-Werkstatt (also für morgen Samstag, den 29. September 2012) und das 307. gemeinsame Schreiben, wird “Oktoberfest” sein. Ich werde zu diesem Zeitpunkt, also morgen vormittag von 10:00-11:30 Uhr (oder so) passenderweise meinen nächsten Blog-Beitrag verfassen und am Abend prosten – pardon:  posten.
Also dann bis morgen – mit “Oans zwoa gsuffa” und “O´zapft is!”

Quellen
Menden, Alexander: “Wenn die Stille alles sagt”. In: Südd. Zeitung Nr. 225 vom 28. September 2012, S. 2
Rowling, Joanne K.: Ein plötzlicher Todesfall (The Casual Vacancy). London 2012_Little Brown) Hamburg 2012 (Carlsen Verlag) ISBN 978-3-551-58888-3
Sande Bakhuyzen, Willem van de (Regie): Labyrinth des Lebens. Spielfilm – gesendet auf 3. SAT am 27. Sep 2012 um 22:25 Uhr

 

Schauen Sie bitte gelegentlich auch mal in die früheren Beiträge dieses Blogs rein! Hilfreich sein könnten vor allem Willkommen im Labyrinth des Schreibens und die Zeittafel. Die wichtigsten Personen und Begriffe werden erläutert in Fünf Kreise von Figuren sowie im Register dieses Blogs.
Aktuelle Informationen zu meinen Schreib-Seminaren und der KALENDER dazu.

216/#817/1398 – BloXikon: Virtuelle Schreib-Werkstatt

 

"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

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