“Harry Potter”-Analytikerin sucht roten Faden – und findet Ikaros

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Die Suche nach dem roten Faden
Labyrinth des Schreibens

Das kleine Taschenbuch lag in meiner Buchhandlung auf der Treppe, die nach oben zur Abteilung für "Bestellte Bücher" führt. Das Reizwort war Harry Potter, den ich mit großem Genuss (als Leser) und noch größerem Gewinn (als Autor) geschmökert habe.

Auch Sekundärliteratur zu HP interessiert mich sehr. Karin Nitzschmann ist Psychologin und hat sich in ihrem Büchlein Die phantastische Welt des Harry Potter mit Hilfe ihres psychoanalytischen Instrumentariums und Vokabulars mit dem Weltbestseller befasst. Anders als mir, der ich ständig von diesen Abenteuern gefesselt war (vielleicht weil der Held männlichen Geschlechts ist?), war Frau Nitzschmann mal interessiert – und dann wieder eher gelangweilt. Mehrmals (S. 9, 40, 42) betont sie, wie schwer es ihr fiel, den roten Faden durch das siebenbändige Werk zu finden. Aber dann kam ihr so etwas wie eine Erleuchtung:

Im ersten Band, Harry Potter und der Stein der Weisen, lässt ein gewisser Dädalus Diggel vor Freude über die Rettung des einjährigen Harry nach dem tödlichen Attentat auf seine Eltern am nächtlichen Himmel Sternschnuppen regnen. Von hier schlägt die Analytikerin (S. 45), was bei entsprechender Vorbildung naheliegt, den Bogen in die Antike:

Der mythische Daidalos hingegen hatte den Tod seines Sohnes Ikaros zu beklagen, als dieser sich während ihrer Flucht von Kreta mit seinen wächsernen Flügeln zu sehr der Sonne nähert. Der informierte Leser könnte erahnen, dass Harrys Rettung noch keineswegs gesichert ist . . .  

Ich muss gestehen, dass mir solche Querverbindungen überhaupt nicht auffielen, als ich den Stein der Weisen vor zehn Jahren las. Damals war meine Labyrinthomania noch nicht so ausgeprägt wie heute. Erst als ich mir bei der Lektüre vom Abschlussband Harry Potter and the Deathly Hallows  auch die vorangehenden Bände wieder vornahm, sah ich die Bezüge.

Literatur:
Nitzschmann, Karin: Die phantastische Welt des Harry Potter. Frankfurt am Main 2007 (Brandes & Apsel)
Rowling, Joanne K.: Harry Potter and the Philosopher´s Stone plus sechs weitere HP-Bände. London 1997-2007 (Bloomsbury); deutsche Versionen bei Carlsen, Hamburg

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"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

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