Grippe grübelt Lebens-Metapher

BLOG: Labyrinth des Schreibens

Die Suche nach dem roten Faden
Labyrinth des Schreibens

Wenn man wegen einer Grippe einige Tage an der Matratze horchen muss, vernimmt man von dort seltsame Dinge.

Vernehmet nun, was ich vernommen:

Das Labyrinth, gleich ob eingängig oder mehrwegig, ist eine recht handliche Metapher für den Weg, den man durchs eigene Leben zurücklegt:

1. In der ersten Hälfte unserer Existenz bauen wir diese labyrinthische Struktur fleißig auf, legen ihre Strukturen fest und machen wohl auch ein recht stabiles Gebäude daraus – zugleich ein veritables Gefängnis, mit allerlei Einschränkungen (eben so, wie es weiland der Sage nach Daidalos für den Minotauros errichten musste).

2. Wir setzen ein Monster hinein – eben den Minotauros – der nichts anderes ist als ein Sinnbild für unseren Schatten, also unsere abgelehnten, oder auch noch nicht gelebten Anteile.

3. Männlich mutig gehen wir immer wieder mal hinein in diese Struktur und stellen uns dem Ungeheuer – wie einst Held Theseus.

4. Wir besorgen uns, wenn wir gut beraten sind, von einer holden Ariadne den passenden roten Faden, der uns sicher wieder ins Freie führt.

5. Wir geleiten die uns anvertrauten athenischen Geiseln gerettet nach Hause (vielleicht ein Sinnbild für die eigenen Kinder, Enkel?)

6. Immer wieder wagen wir uns hinein ins Labyrinth, das sich ja, ergänzt um immer neue Winkel und Wege, ständig verändert und deshalb nie ganz zu erforschen und ergründen ist – Aufgabe vor allem der zweiten Lebenshälfte (Sinnbild für die lebenslange Suche nach dem Sinn).

7. Und wenn alles okay war, dann werden wir am Ende unserer Existenz aus dem Labyrinth auf Dauer befreit (das wir ja, wohlgemerkt, weitgehend selbst gebastelt haben). Und wer weiß: vielleicht werden wir – wie einst Ariadne am Ende ihres Lebens ins Sternbild Diadem– ebenfalls in ein Sternbild verwandelt, oder wenigstens in einen Stern? Gibt ja genug davon dort oben (wie man bei den Blogger-Kollegen von den Kosmologs erfährt).

All dies ist natürlich nur sinnbildlich zu verstehen.

Sehen Sie es dem Matratzenhorcher und seinen grippeinfizierten neuronalen Netzen nach, dass er im obigen Bild mal im Labyrinth gefangen ist und sich dann wieder frei hinein und hinaus bewegt. So ist das eben mit bildhaften Vergleichen. Oder ist das die reale Realität? Die wir vielleicht nur in solchen Bildern ein wenig genauer erahnen?

Naja, morgen bin ich hoffentlich wieder gesund. Bald hat der dritte Enkel seinen ersten Geburtstag. Muss ich wieder fit sein.

Avatar-Foto

"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

1 Kommentar

  1. Grippe

    Na dann wünsche ich vor allem erst einmal gute Besserung, damit der Enkel etwas von seinem Opa hat.
    Und wo kommen dann die nächsten Erfahrungen über Labyrinthisches her, wenn Sie nicht mehr an der Matratze lauschen können?

Schreibe einen Kommentar