Felix Baumgartners Supersprung 1: Werbung

BLOG: Labyrinth des Schreibens

Die Suche nach dem roten Faden
Labyrinth des Schreibens

Jetzt, wo der Rummel einigermaßen vorbei ist, soll dieses Spektakel genauer betrachtet werden. Ein moderner Held wird ausgerechnet mit dem Bambi ausgezeichnet – was für eine Ironie! Und warum berichte ich überhaupt über dieses Werbespektakel? Weil es eben mehr ist als nur dies: Werbespektakel und PR-Aktion. Weil es einen interessanten Touch hat von “Science fiction coming true”. Und dann ist da noch der Ikaros-Effekt.

Während ich an diesem Beitrag arbeitete, bereitete ich mich auf ein Seminar für Studenten der Grafikdesign-Akademie U5 in München-Haidhausen vor. Dabei ging es vor allem darum, „Geschichten zu erzählen“ – als Essenz jeder Werbung. Und diese Geschichten müssen schließlich erst einmal kreativ geschrieben werden. Werbung muss überhaupt geschrieben werden, lange bevor man eine Skizze oder ein Bild aufs Papier oder den Bildschirm zaubert.

Abb.: So hätte es mit Felix Baumgartner auch gehen können: Ikaros stürzt ab (Bild: Alfred Hertrich, 1990) [Ein aktuelles Foto von Baumgartner war von Red Bull leider nicht zu erhalten. Man findet jedoch Bilder und Filme auf der entsprechenden Website.]

 

Auch Werbung will geschrieben werden

Der spektakuläre Sprung von Baumgartner aus einer Höhe, wo man die Erde verblüffenderweise schon als Kugel unter sich sieht* – das war zudem nicht zuletzt auch ein Film. Ein Werbefilm, wenn man so will, für den Energy Drink Red Bull. Wie für jeden abendfüllenden Spielfilm braucht man zur Vorbereitung eines Werbefilms – und sei er noch zu kurz** – ein Drehbuch. Aber ein Treatment und ein detailliertes Skript sind nicht alles, was Werber schreiben müssen. Dazu kommen schon im Vorfeld Projektbeschreibungen, Exposees, Briefe oder E-Mails für die Aquise, Rechnungen und und und.
Doch die besten Werbetexte sind jene, welche “das Leben schreibt” – und seien so noch so inszeniert wie das Spektakel um den mehrfachen Weltrekord-Sprung von Felix Baumgartner am Sonntag, den 14. Oktober. Es sind jene Werbetexte, nach denen sich der Pressedienst jeder Firma und jede PR-Agentur die Finger schlecken – denn sie sind von ganz normalen Journalisten und Redakteuren in ihren Medien verfasst. Ziehen solche Spektakel doch so viel Aufmerksamkeit auf sich, das auch seriöse Zeitungen und Magazine wie Süddeutsche Zeitung, Stern und Spiegel gar nicht anders können, als darüber zu berichten, getreu dem Leitsatz “All the News that´s fit to print”. Und was könnte bessere “News fit to print” sein, als so ein wagemutiges Abenteuer, das ein moderner Held nahezu an der Grenze zum Weltraum*** besteht – bei dem er (und das ist nun der – sic! – springende Punkt) auch desaströs hätte scheitern können.
Ein wahrer Ikaros also in diesem negativen Fall. Doch es gibt ja zum Glück von der Mythe um Ikaros**** auch noch eine zweite, optimistische Variante, die freilich kaum bekannt ist. In dieser stürzt der kühne Höhenflieger zwar auch ab – aber er fällt ins Meer und wird gerettet.
Ein Schelm, wer Böses denkt und meint, dass das doch alles nur als PR-Gag von jenem Unternehmen inzeniert worden sei, das ein gewöhnungsbedürftiges, aber gerade unter jungen Leuten sehr beliebtes Gesöff mit dem einprägsamen Namen Red Bull herstellt und vertreibt. Der Werbeeffekt dieser Heldenreise, die immerhin 50 Millionen €uro gekostet haben soll (Hutt, S. 45), wird von Experten auf eine Milliarde (ja: Milliarde!) €uro geschätzt, wenn nicht auf mehr. Egal, welche Motivation hinter Baumgartners Sprung stecken mag: Er hat sich sehr gut vorbereitet:
° Er hat den tollkühnen Sprung trainiert,
° hat ihn gewagt
° und er hat gewonnen.
Er hat sein Leben riskiert an jener tödlichen Grenze zwischen Erde und Universum, dort wo “Luft” nur noch sehr dünn ist. Gute Werbung erzählt einprägsame Geschichten. Dies ist eine mehr als einprägsame Story. Ebenfalls war dieses ganze Unternehmen eine echte moderne Heldenreise.

Es drängt sich auf, sich so den spektakulären Einstieg in den nächsten James Bond-Film vorzustellen: Der Geheimagent seinen Majestät stürzt sich aus 40 Kilometern Höhe über Nordkorea oder einem anderen Schurkenstaat in die Tiefe, um eine neue Mission anzugehen. Das wäre natürlich plotmäßig ein ziemlicher Unsinn – aber es würde toll wirken, vor allem in 3D!
Und ist das nicht eine seltsame, sicher nicht geplante Koinzidenz, dass der aktuelle James Bond den Titel Skyfall (zu deutsch: Himmelssturz) trug – wenngleich dies im Film etwas völlig anderes bedeutet, nämlich das Gutshaus, in dem der Agent geboren ist und aufwuchs, bevor er – buchstäblich – zum Waisenknaben wurde und in der Agentenwelt des MI6 landete.

Hingegen kann ich mir so einen Sprung, in entsprechendem Schutzanzug, gut als ernsthafte Möglichkeiten vorstellen, bei einer Havarie der Raumstation ISS oder eines der kommenden Touristenraumschiffe die Überlebenden zu bergen.

Kaum zufällig sieht übrigens der Raumanzug Baumgartners wie der des Heftserienhelden Perry Rhodan aus und rückt schon deshalb sein Abenteuer in die Nähe von Science fiction – nur dass dies eben Science fact geworden ist.

 

Ray Bradburys Kurzgeschichte “Wish upon a Star”

Apropos SF: Ray Bradbury schrieb vor einem halben Jahrhundert die Kurzgeschichte “Das Kaleidaskop” (“Wish upon a star”). Darin wartet unten auf der Erde ein kleiner Junge sehnsüchtig auf seinen Vater, der irgendwo draußen im Weltraum unterwegs ist. Wir Leser wissen schon sehr früh, dass dieser Astronaut aufgrund einer Havarie hilflos erdwärts stürzt und bald in der Atmosphäre verglühen wird. Der kleine Junge aber verleiht seiner Sehnsucht besondere Kraft, indem er sich beim Anblick einer aufflammenden Sternschnuppe wünscht, dass der Papa heil nachhause kommen möge. Was nur wir Leser wissen: Eben diese Sternschnuppe ist der zu Tode stürzende Vater. Ein Ikaros – der es nicht geschafft hat, zu überleben.

 

Heldenreise mit Mentor

Wie der Zufall es wollte, habe ich in den Tagen, als Baumgartner sein Abenteuer absolvierte, ein Schreib-Seminar zum Thema “Den Inneren Mentor finden” durchgeführt. Es war, wie jedes Jahr, das vorletzte Seminar (von zehn) des Minotauros-Projekts, bei dem es ums Schreiben von Romanen geht. Dieser Innere Mentor ist eine Figur, die den angehenden Schriftsteller auf seiner Heldenreise als Autor begleitet. Und was lese ich in der Titelgeschichte des Stern-Magazins über Baumgartners Himmelssturz: Dass auch er einen Mentor hatte, der diesen Sprung ähnlich spektakulär schon vor ihm machte und Baumgartner unterstützend zur Seite stand. Der heute 84jährige Joe Kittinger, einst Kampfflieger, hielt bis zum 14. Oktober die Rekorde, die Baumgartner fast alle brach:

° höchster bemannter Ballonflug in 39.045 m Höhe,
° höchster Fallschirmsprung (aus eben dieser Höhe),
° Durchbrechen der Schallmauer mit der Höchsgeschwindigkeit von 1340 km/h.

Nur einen weiteren, vierten Rekord hat der Abenteurer nicht überboten: den Rekord seines Mentors Kittinger, der 4:36 Minuten lang im freien Fall zu Boden gerast war. Ob Baumgartner dies aus Dankbarkeit unterlassen hat? Man wird es wahrscheinlich nie erfahren. Eine schöne Geste wäre dies allemal gewesen.

 

Zur Allgegenwart des Labyrinth-Mythos…

… in Zusammenhang mit Baumgartners tollem Sprung mehr im nächsten Beitrag.

 

Fazit

Red Bull verleiht Flügel” – hier ist ein flotter Werbespruch mal den anderen Weg herum zu einer spannenden Geschichte in der Realität geworden. Die Filme zum Flug findet man übrigens hier: Felix Baumgartner Rekordsprung.

 

Fußnoten
*
Dies lag zum Teil, aber eben nicht nur, an der Optik der Kamera- denn eigentlich sieht man die Erde als richtige Kugel erst in ungefähr 40.000 km Höhe – also dem Tausendfachen der Höhe, die Baumgartner erreicht hat.
** Die professionellen Begleitfilme zu Bamgartners Sprung sind sehr lang – drei Minuten und mehr. Das dürfte jeden Werbefilmer vor Neid erblassen lassen – sind doch 45 Sekunden ein typisches Zeitvolumen für diese Branche.
*** Naja, 39 km sind noch nicht 800 km, wo es wirklich “kosmisch” wird – aber die “gefühlte” Höhe kommt dem schon nahe, was man als “Grenze zum Weltraum” nennt.
**** Ich verwende hier im Blog die griechische Schreibweise “Ikaros” – während in den Medien vorzugsweise “Ikarus” geschrieben wird. Sei´s drum.

Quellen
Bisky. Jens: “Ikarus stellt die Flügel in die Ecke”.: In: Südd. Zeitung Nr.243 vom 20. Okt 2012, S. 17
Bradbury, Ray: “Wish upon a star” (Kurzgeschichte – dt. “Das Kaleidoskop”) – ca. 1956
Hertreiter, Laura: “Angekommen”. In: Südd. Zeitung Nr.239 vom 16. Okt 2012, S. 09
Hofmann, Rene: “Das Prinzip Mateschitz”. In: Südd. Zeitung Nr.239 vom 16. Okt 2012, S. 09
Hutt, Felix: u.a. “Ich komm jetzt nach Hause”. (Titelgeschichte) in: Stern Magazin Nr.43 vom 18. Okt 2012, S.30-45
Mattheuer, Wolfgang: “Sturz des Ikarus II” (Gemälde) – zit. nach Bisky, Jens
Maus, Stephan: “Citizen Kane aus Fuschl” (Interview mit Dietrich Maschitz von Red Bull). In: Stern Magazin Nr.43 vom 18. Okt 2012, S.42
Serrao; Marc Felix: “Der Fall aus dem All”. In: Südd. Zeitung Nr.239 vom 16. Okt 2012, S. 04
Stöhr, Hannes (Regie): Berlin Calling. TV-Sendung auf Eins Festival am 19. Okt 2012 um 21:55

Schauen Sie bitte gelegentlich auch mal in die früheren Beiträge dieses Blogs rein! Hilfreich sein könnten vor allem Willkommen im Labyrinth des Schreibens und die Zeittafel. Die wichtigsten Personen und Begriffe werden erläutert in Fünf Kreise von Figuren sowie im Register dieses Blogs.

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"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

4 Kommentare

  1. Warum?

    Ich lese die Artikel auf dieser Seite sehr gerne und freue mich über die intellektuelle Abwechslung in der “Wie backe ich die größte Pizza?”-verseuchten Doku-Medienwelt.

    Allerdings läßt mich dieser Artikel nur verwundert fragen: Warum? Warum wurde er geschrieben? Ich weiß nun, dass der Autor offensichtlich sehr belesen ist und wilde Assoziationen zwischen Baumgartners Sprung und Mythen, Kurzgeschichten und Kinofilmen herstellen kann. Ansonsten war der Informationsgehalt sehr gering.

    Schade.

  2. Hingegen kann ich mir so einen Sprung, in entsprechendem Schutzanzug, gut als ernsthafte Möglichkeiten vorstellen, bei einer Havarie der Raumstation ISS oder eines der kommenden Touristenraumschiffe die Überlebenden zu bergen.

    Dann sollten Sie mal “nebenan” bei Michael Khan nachsehen. Da steht nämlich im 8. Kommentar, dass das nicht geht.

    (Der Beitrag selbst dreht sich um die Frage, ob Baumgartner bei dem Sprung auch Überschallgeschwindigkeit erreicht, bzw. warum er sie erreicht hat. Denn darum ging es ihm (Baumgartner) ja.)

  3. Also kein “Rettungssprung”

    Danke, Michael Khan, für die Aufklärung: dass man Baumgartners “Himmelssprung” nicht als Modell für die Rettung havarierter Astronauten etc. einsetzen kann.
    Ich dachte auch nicht an Rettung von der Raumstation ISS, sondern an eher erdnahe Havarien.

  4. Ist wahrscheinlich eine Frage der Definition, aber in Raumfahrerkreisen gilt alles bis 1000 km Höhe (bzw. Abstand) als Erdnah. Also ist die rund 400km hohe Umlaufbahn der ISS auch Erdnah.
    Wäre also die Frage, an was für maximale Höhen Sie dachten, wenn es um Erdnähe geht?

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