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BLOG: Labyrinth des Schreibens

Die Suche nach dem roten Faden
Labyrinth des Schreibens

Wenn ich besser verstehen will, warum mich das Labyrinth-Motiv seit meiner Jugend beschäftigt und was seine tiefere Bedeutung sein könnte, muss ich eigentlich nur die Zeitschrift EPOC lesen. In der neuesten Ausgabe vom April, die ich eben fertig durchgearbeitet* habe, fand ich folgende sechs (!) Bezüge zum Labyrinth und seinem Umfeld:
* Arbeit ist das in der Tat – aber eine sehr angenehme und unterhaltsame

1. Der Artikel "Auf den Spuren von Medeas Gold" von Olaf Tarmas schlägt zunächst eine Brücke von der Argonauten-Sage zur Labyrinth-Sage über die Person der Medea: Sie war die Stiefmutter von Theseus, den sie gerne als Konkurrenten ihres eigenen Sohnes in der athenischen Thronfolge mit einem Giftbecher aus dem Weg geräumt hätte. (Mehr zu Medea und ihrer Stellung innerhalb der LABYRINTHIADE : s. Personal der Labyrinthiade). Aber erfreulicherweise schenkt mir der Olaf Tarmas auch noch ein direktes Zitat (epoc April 2008, S. 64):

Das sind die alten Erzadern unter Tage [. . .] Das Bergwerk unter Tage müsse man sich so ähnlich vorstellen: keine Stollen, sondern ein labyrinthisches System aus schmalen, gewundenen Gängen, oft weniger als mannsbreit. Die Goldschürfer folgten fast ausschließlich den Erz führenden Gesteinsadern . . .

2. Ein paar Seiten weiter (man muss also wirklich genau hinschauen und alles lesen) finde ich in der linken Randleiste unter "ZEITGLEICH ENTDECKT . . ." diese Notiz (S. 72), welche den Artikel über das Forscher-Rennen zum Nordpol von Thomas Häusler flankiert:

27. Januar 1908: Der britische Astronom Philibert Jacques Melotte entdeckt den Jupitermond Pasiphae.

Pasiphae ist die unglückselige Gattin von König Minos, die den Minotauros gebiert. Für mich war neu, dass man auch sie am Himmel verweigt hat, wenn auch erst in der Neuzeit. (Mehr über Beziehungen zwischen Labyrinthiade und Astronomie ein andermal.)

3. Weiter geht es auf S. 82 mit "Picassos ´Les Demoiselles d´Avignon" von Carsten Könneker:

Mit den "Demoiselles d´Avignon" verabschiedete sich Picasso von der perspektivischen Malerei, welche die europäische Kunst seit der Renaissance wie ein roter Faden durchzogen hatte. Das Aufgeben der einheitlichen Perspektive ist das Markenzeichen des Kubismus.

Wer diesen Blog regelmäßig liest, weiss es längst: der Rote Faden ist das wundersame Garn, auch Ariadnefaden genannt, welches Theseus den Weg durch das Labyrinth und in die Freiheit weist, nachdem er den Minotauros erschlagen hat. 

4. In der Rubrik MYTHOPOLIS folgt "Wer hoch hinaus will" (S. 90/91). Darin erzählt uns Ernst F. Grillinski die Geschichte von Daidalos und Ikaros und ihrer zunächst glücklichen Flucht aus dem Labyrinth, die dann so tragisch mit dem Absturz und Tod des Ikaros endet. Die müsste ich im Grunde komplett zitieren – aber man kann sie ja auch in EPOC nachlesen. Dass es auch eine Variante gibt, die gut ausgeht, in der Ikaros also seinen Absturz überlebt, kann man auf meiner Website "hyperwriting.de" in der kompletten Darstellung der LABYRINTHIADE finden.

5. Auf S. 92 schließlich kommt in der Besprechung einer Biographie von Martin Hose über den griechischen Dramatiker Euripides noch einmal die Sprache auf Medea:

Nicht Heroen galt sein Interesse, [ . . .] vielmehr der seelischen Zerrissenheit von Personen in extremen Situationen. Elektra mordete, um Mord zu rächen, Medea tötete, um Verrat zu sühnen.

6. (Nachtrag vom 27. Mai 2008) Beim Schmökern in der 2. Ausgabe 2008 von EPOC stieß ich zufällig noch auf einen weiteren Hinweis auf die Labyrinth-Geschichte: Das Logo für die Serie "DIE EPOCHEN EUROPAS" (auf S. 46, oben links). Es zeigt sinnigerweise die Prinzessin Europa, die von Zeus in Gestalt eines Stiers nach Kreta getragen wird. Aus dieser Liäson entstand bekanntlich der Sage nach Kretas erster Herrscher Minos – der das Labyrinth bauen ließ.

Nun werden sich diese sechs Autoren ja kaum verabredet haben, mir diese Entdeckerfreude zu bereiten. Vielmehr nehme ich es als einen weiteren Beleg für meine These, dass die Labyrinthgeschichte mit ihren vielfältigen Strängen, Motiven und Figuren aus unserer modernen Vorstellungswelt gar nicht wegzudenken ist und dadurch ihren Weg in diese sechs Beiträge von EPOC gefunden hat.

Schauen Sie bitte gelegentlich auch mal in die früheren Beiträge dieses Blog rein! Hilfreich könnten vor allem die Vorbemerkung zu diesem Labyrinth-Blog und die Zeittafel sein.

 

  • Veröffentlicht in: Zeus
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"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

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