Das Spiegelkabinett als Sonderfall

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Die Suche nach dem roten Faden
Labyrinth des Schreibens

Es wird Zeit, einen Begriff zu präzisieren, den die meisten wohl nur vom Jahrmarkt kennen: das Spiegelkabinett (s. auch die beiden vorangehenden Einträge).

Im Barock begannen die Herrscher, in ihren Schlössern Spiegelsäle einzurichten, damit sich die eitlen Herrschaften bei Audienzen und beim Tanz auch ordentlich vervielfältigen und bewundern konnten. Kleine solcher verspie(ge)lter Räume bezeichnete man als Spiegelkabinett. Später machte der Begriff einen Bedeutungswandel durch: Auf Rummelplätzen wurden und werden noch immer irrgartenähnliche Räume vorgeführt, in denen die darin Herumlaufenden sich schwer tun, den Ausgang wiederzufinden. Ein Effekt, der genau dem entspricht, was in einem Irrgarten geschieht.

Friedrich Dürrenmatt hat das von ihm geschilderte Yrrinthos in seiner Ballade vom Minotaurus vermutlich deshalb mit Spiegeln ausgestattet, um den Effekt der Verwirrung noch zu erhöhen:

Der Minotaurus keuchte, daß der Dampf seiner Nüstern den Spiegel beschlug, dem er sich entgegenschob, worauf er sein Spiegelbild nicht mehr sah, strich, den Nebel zu verscheuchen, unwillkürlich mit der Hand über die Nässe, und überrascht, als hinter der glatten kalten Fläche das riesige Stiergesicht des Verräters unvermittelt auftauchte, schmetterte er mit der Stirn instinktiv zu . . .

Das Spiegelkabinett ist übrigens eine interessante (moderne) Variante des Labyrinths als Irrgarten, die bei Hermann Kern nicht vorkommt – jedenfalls konnte ich sie im Sachregister nicht finden und bei Kerns akribischem Vorgehen kann dies nur heißen, dass er Spiegelkabinette nicht berücksichtigt hat. Man muss aber nur mal durch das Labyrinth auf dem Oktoberfest (s. Bild) geirrt sein, um zu begreifen, dass diese ganz spezielle Abart durchaus in die Thematik einbezogen werden muss.

Jemand, der (die?) überflüssige Bücher loswerden wollte, legte in meiner Nachbarschaft in München-Altschwabing einen ganzen Stapel ebenerdig aufs Fensterbrett. Eines, das ich mir mitnahm, reizte mich als passionierten Film-Fan: Kino von Willi Winkler, einem der Feuilletonredakteure der Süddeutschen Zeitung. Ich las es erst Monate später, weil es auf meinem Stapel ungelesener Bücher allmählich nach oben gerutscht war. Eine angenehme Plauderei, mit vielen Déjà-vus, die mir in Filmen ähnlich begegnet sind (sowas liest man ja besonders gerne). Und dann, auf S. 115, unvermutet dies:

Rita Hayworth . . . Orson Welles drehte einen ganzen Film über diese Verführerin und inszenierte sich als ihr Opfer im Spiegelkabinett, Die Lady von Shanghai (1948).

Die einfachste Möglichkeit ein Spiegelkabinett selbst mal zu besichtigen und seine Wirkung auszuprobieren, bietet sich auf dem Oktoberfest in München. Passenderweise heißt es Labyrinth (der Magie) (s. Photo).

Abb.: Eine "Abenteuerliche Reise ins Labyrinth der Phantasie" verheißt ein Besuch im Spiegelkabinett auf dem Oktoberfest (Photo: jvs)

Mehr zum Thema finden Sie in der Wikipedia, im StichwortSpiegelkabinett .

Einen sehr schönen, wunderbar erhaltenen Spiegelsaal aus der Renaissance finden Sie übrigens in "Schloß Puchberg" bei Wels – s. meine Beiträge vom 26.- bis 28. Feb 2008.

Literatur
Dürrenmatt, Friedrich: Minotauros. Eine Ballade. Zürich 1985 (Diogenes)
Kern, Hermann: Labyrinthe. Erscheinungsformen und Deutungen – 5000 Jahre Gegenwart eines Urbilds. München 1982 (Prestel)
Winkler, Willi: Kino. München März 2002 (dtv: Kleine Philosophie der Passionen)

Schauen Sie bitte gelegentlich auch mal in die früheren Beiträge dieses Blog rein! Hilfreich könnten vor allem die Vorbemerkung zu diesem Labyrinth-Blog und die Zeittafel sein.

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"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

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