Daidalos ein Hochbegabter mit Sex?

BLOG: Labyrinth des Schreibens

Die Suche nach dem roten Faden
Labyrinth des Schreibens

Im vorangehenden Text hatte ich eine Brücke zu Twitter geschlagen. Um den Beitrag nicht zu lang werden zu lassen, sparte ich aus, was ich in meinen Beiträgen zusätzlich zum Labyrinth-Thema pflegen möchte: Bezüge zum Thema "Hochbegabung".

Das ist diesmal ganz leicht: Daidalos war fraglos ein Hochbegabter – jedenfalls der Überlieferung resp. der griechischen Mythologie nach. Man könnte ihn sogar mit Fug und Recht der äußerst seltenen Spezies der Genies zurechnen – immer vorausgesetzt, er hätte wirklich all diese sagenhaften Dinge erfunden, die man ihm zuschreibt:
° das Fliegen mit künstlichen Schwingen,
° eine Art Roboter
° und den ersten Klon der Weltgeschichte: den Minotauros, der in einer von Daidalos geschaffenen künstlichen Kuh gezeugt wurde, als ein Stier die liebeswahnsinnige Gattin Pasiphaè des Königs Minos besprang.
(Mit letzterem haben wir etwas Sex in diesen Blog geschmuggelt – was die Zugriffe via Google sicher ins Astronomische klettern lassen wird! Dabei war diese künstliche Befruchtung so aseptisch wie alles, was Wissenschaftler und Ingenieure normalerweise produzieren.)

° Und dann erfand und erbaute Daidalos ja auch noch das Labyrinth, in dem der schreckliche Minotauros gefangengehalten wurde
° und ersann zugleich den Roten Faden, dieses Geschenk der Prinzession und Minos-Tochter Ariadne, mit dessen Hilfe der athenische Prinz Theseus aus dem Labyrinth wieder herausfand.

 

Ausgeburt von Science-Fiction-Phantasie

Natürlich war Daidalos mit seinen Erfindungen eine reine Ausgeburt der Phantasie – Science Fiction, wie man heute sagen würde.

Vorgestern war ich übrigens bei einem Treffen von Veteranen der frühen deutschen Science-Fiction-Szene, die sich passenderweise "SF Oldies" nennen und alle zwei Jahre in Unterwössen im schönsten Oberbayern treffen. Ich wollte dort einen Vortrag über "Hochbegabte in der Science Fiction" halten und diesen mit Daidalos und seinen Erfindungen beginnen – gewissermaßen als erstes Beispiel von "Science Fiction" überhaupt. (Was Brian Aldiss in seiner Geschichte der SF, The Billion Year Dream, allerdings in Abrede stellt: für ihn beginnt SF mit Franksteins Erschaffung SEINES Ungeheuers, in Mary Whollstonecraft Shelleys Roman Frankstein, oder Der moderne Prometeus.)

Sei´s drum. Der Vortrag kam nicht zustande, weil der lebens- und fan-geschichtliche Austausch doch wichtiger war als ein gelehrter Input. (Aber auf diese Weise habe ich wieder mal auch die Science Fiction mit in den Blog eingeschmuggelt, was manche Follower erfreut zur Kenntnis nehmen dürften.)

Was ist mit den anderen Figuren, die ich im vorangehenden Blog-Eintrag erwähnt habe? Sind da noch mehr Hochbegabte?

° König Minos – wahrscheinlich schon. Um König zu werden, brauchte man zumindest früher nicht nur ordentlich Muckis – oder entsprechend ausgerüstete Leibwachen – sondern auch einen ordentlichen Verstand. Meins Erachtens waren die Könige resp. Häuptlinge und die Schamanen ohnehin die einzigen Hochbegabten, die ein Gemeinwesene in den frühen Phasen der Menschheitsgeschichte benötigte. Erst im Verlauf der Stadtzivilisation wurden andere Berufe immer wichtiger, bei denen ein gut ausgestattetes Gehirn von größerem Nutzen war als ein kräftiger Körperbau*.

*Gilgamesch hatte übrigens beides – und "Conan der Barbar" ebenfalls, der vom analphabetischen Gladiatoren-Killer zum lesenden und schreibenden König aufstieg.

° Prinzession Europa? Na klar, Königstochter aus Phönizien – von irgendjemadem musste es Minos, ihr Sohn, ja haben, das schneller und komplexer denkende Gehirn, das ihn zum König und Gesetzgeber befähigte.

° Prinzessin Ariadne – sicher auch. Nicht nur als Tochter des Königs Minos (Hochbegabung wird vererbt – auch wenn es manchen Leuten nicht passt!) dürfte sie eine Hochbegabte sein, sondern auch als Priesterin, die sogar Gott Dionysos zu seiner Geliebten auserkor.

Zeus? Aber ich bitte Sie: ein Gott – und nicht hochbegabt?

 

Der Weg durchs Labyrinth

Doch zurück zu Daidalos: Es mag sonstwer gewesen sein, der das (kretische) Labyrinth-Symbol wirklich erfand. Aber auf jedenfalls ist es eine geniale geometrische Konstruktion, die sehr genau den Weg beschreibt, den der menschliche Geist beim kreativen Denken und Problemlösen beschreibt: Auf ein (oft zunächst nur visionär erahntes) Ziel zusteuernd, iterierend wie beim Lösen einer (mathematischen) Wurzelgleichung, hin- und herpendelnd, probierend, experimentierend – bis der Irrgarten der falschen Lösungen endlich abgelöst von klaren Weg des eingängigen Labyrinths.


Abb. 1: Fahren Sie ruhig mit dem Finger mal hindurch – und stellen Sie sich vor, Sie hätten ein schwieriges Problem zu lösen – dessen Ergebnis im Kern dieses Labyrinths verborgen ist. 


Abb. 2: Wenn man einen roten Punkt durch das Labyrinth von Abb. 1 wandern lässt, dann wird daraus der sprichwörtliche rote Faden oder Ariadnefaden.

Ich bin nicht so fit mit Photoshop – aber vielleicht kriegt jemand es hin, diesen Roten Faden = Ariadnefaden so über das Labyrinth in Abb. 1 zu platzieren – dass man – in einer Abb. 3 – den sich rot hin- und her durch den Gang schlängelnden Pfad der Erkenntnis als genau dies erkennen kann: den Roten Faden.

(fehlt noch: Abb. 3: Der rote Faden-Weg durch ein kretisches Labyrinth. Über diesen Link findet man eine Abbildung, wie ich mir das vorstelle: Roter Faden durchs Labyrinth)


Abb. 4: Und hier zur Erinnerung eine Abbildung dessen, was meistens und fälschlich als "Labyrinth" bezeichnet wird und in Wahrheit ein Irrgarten ist.

Danke für´s Zuhören resp. Mitlesen!

Und wie komprimiere ich das alles jetzt für Twitter (Sie erinnern sich: ich will dort einen parallelen Mikro-Blog führen.)

Das Erfindergenie Daidalos, König Minos, Prinzessin Euorpa und Göttervater Zeus waren wohl allesamt das, was man als "hochbegabt" bezeichnen könnte: Mehr (Link hierher zum Blog)

Ne, das kann ich vergessen, das bringt nix: Die Links der SciLogs sind so lang, dass für den eigentlichen Tweet nur ein paar Buchstaben übrigbleiben:

Daidalos war "hochbegabt": Mehr unter (Link zum Bloog)

Vergessen wir dieses Experiment. Ich bin kein Genie. War nur so eine Idee, die das Säurebad der realen Welt nicht überstanden hat.

Quellen:
Aldiss, Brian und David Wingrove: Billion Year Spree. (1973) London 1975 (Corgi) – dt. Der Milliarden-Jahr-Traum. Bergisch-Gladbach 1990 (Bastei Lübbe)
Shelley, Mary Wollstonecraft: Frankenstein, oder: Der neue Prometheus. (London 1818). München 1972-06 / 2. Aufl. Mü 1980-05 (dtv Phantastica TB).

Schauen Sie bitte gelegentlich auch mal in die früheren Beiträge dieses Blogs rein! Hilfreich sein könnten vor allem die Vorbemerkung zu diesem Labyrinth-Blog und die Zeittafel. Die wichtigsten Personen und Begriffe werden erläutert in Fünf Kreise von Figuren sowie im Register dieses Blogs.

  • Veröffentlicht in: Zeus

"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

5 Kommentare

  1. Labyrinth-Bilder mit Ariadnefaden:

    Labyrinth-Bilder mit Ariadnefaden:
    (Mit Microsoft Paint bearbeitet.)

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    Ist es nicht so, dass das Lösen eines Labyrinths viel weniger Intelligenz erfordert, als das Lösen eines Irrgartens?

    Einfach die rechte Hand an die rechte Wand halten, und dann immer an der Wand entlang gehen.

    Nur die Irrgärten benötigen Ariadnefäden.

    Wasser ist intelligent, denn es findet immer den richtigen Weg, ganz gleich ob im Labyrinth oder im Irrgarten.

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    Bei Egoshootern gibt es auch Schlauchlevel (z. B. in Dead Space) und Flächenlevel (z. B. in Mercenaries 2).

    Anstelle des Ariadnefadens dienen dort die Leichen der Gegner, und die Einschusslöcher in den Wänden.

    In Mercenaries 2 (Xbox 360) gibt es einen sehr schönen Garten-Hecken-Irrgarten voller Gegner.

    Zumindest so lange, bis man mit einem erbeuteten LKW hindurchdonnert.

  2. @ Karl Bednarik

    Danke für die guten Hinweise.
    Das mit “sich immer an der rechten Wand halten” brauht man im kretischen Labyrinth nicht – es gibt ja nur einen Gang und man kann sich überhaupt nicht verirren: Gang bzw. Labyrinth und Ariadenfaden sind identisch (was ich mit der noch fehlenden Abb. 3 ja zeigen will. Aber das “rechts halten” funktioniert prächtig im Irrgarten. Hab´s vor kurzen ausprobiert – im Irrgarten vom Wiener Schloss Schönbrunn. Funktioniert bestens.
    Intelligenz wird eigentlich erst nötig, wenn man auf einen Gegner wie den MINOTAUROS trifft. Soll man ihn killen? Oder ist eine “Verbrüderung” und Integration der fremden Anteile nicht sinnvoller? Schon Gilgamesch hat das vorexerziert, als er den – im Kampf ebenbürtigen – Gegner Enkidu nicht tötete, sondern zum Freund gewann. So intelligent war man also schon vor 5000 Jahren. Gutes Vorbild. Nicht nur für Labyrinth-Gänger und -Gegner.

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