1968 – das war weit mehr als nur “linke Ideologie”

Labyrinth des Schreibens

Das Thema "1968" war auf meinem Stapel möglicher Beiträge für diesen Blog schon ganz tief nach unten gewandert. Der "rote Faden", an dem ich es aufknüpfen wollte, erschien mir doch ein wenig dünn.

Aber nun hat der Kommentar von Lutz Huth zu meinem Beitrag über die Gruppe 47 das doch sehr aktuell werden lassen. So ganz im Negativen möchte ich das nicht stehen lassen, was man heutzutage gerne als "68-er Bewegung" glorifiziert oder eben – wie im Kommentar – dämonisiert.

Doch der Reihe nach:

° Anfang 2008 veröffentlichte der Historiker Götz Aly ein sehr polemisches, sehr kritisches Portrait über die Studentenunruhen von "1968", das ähnlich wie Lutz Huth im Kommentar die linken ("roten") Akteure den einstigen "braunen" Horden der Faschisten im Dritten Reich sehr naherückt. Das signalisiert schon der Titel Unser Kampf. 1968 (der auf Hitlers wüste autobiographisch gefärbte Hetz- und Rechtfertigungsschrift Mein Kampf zielt).

° Am 14. Februar 2008 befragte Jens Bisky von der Süddeutschen Zeitung in einem Interview Aly zu diesem Buch. Dort fand ich (als Aussage resp. Antwort von Götz Aly) dieses Zitat:

Aber man kann dieses Zeug [die Schriften der politischen 68er-Akteure, JvS] überhaupt nicht mehr lesen. Ich gewann erst dann einen roten Faden für das Buch, als ich begann, die Hinterlassenschaften unseres damaligen Gegners zu sichten. Ich bin ins Bundesarchiv nach Koblenz, habe dort die Akten der Bundesregierung gelesen, dann die Nachlässe der FU-Professoren Richard Löwenthal und Ernst Fraenkel.
[. . .] haben sich deren Werke als wesentlich haltbarer erwiesen als unsere peinlichen, durchweg in einem hypertrophen Tonfall gehaltenen damaligen Schriften.

Unsere – Götz Aly zählte sich also einstmals selbst zu den 68-ern und polemisiert nun aus der Sicht des Renegaten. Er schießt manchmal über´s Ziel hinaus – aber wo er Recht hat, da hat er Recht. Ich fand etwa die Art und Weise, wie man mit uns Eltern umging, als wir 1975 unsere beiden Kinder im antiautoritäten Universitäts-Kindergarten anmelden wollten, indiskutabel. Das war ja auch eine direkte Folge von 1968. Und was an Schriftlichem oder Mündlichem von Rudi Dutschke und seinesgleichen artikuliert wurde, war mehr als unerträglich, schon von der Ausdrucksweise her. Auch waren die Verhaltensweisen sehr doktrinär und manipulativ – Studenten, die einfach nur studieren wollten, hatten wie den vielen Vorlesungs-Sprengungen keine Chance. Die braunen Schläger-Horden der Nazis waren allerdings ein nochmal anderes Kaliber, da hat Götz Aly eben wieder nicht recht: die Nazis störten nicht nur, sondern schlugen tatsächlich zu und mordeten. (Das hat die RAF dann allerdings auch getan – aber was waren die paar Mörder schon verglichen mit der zigtausendfachen Zahl der Nazi-Mörder!)

Dennoch: Wie anders hätte man gegen den nun wirklich penetranten "Muff von tausend Jahren" mit all diesen "tiefbraunen" Professoren, Juristen, Ärzten angehen können als mit dem "roten groben Klotz auf braunen groben Keil"? Dass aus diesem Schoß dann sowas wie die Mörderbande der RAF kriechen würde, hätte man zwar ahnen können (und manche haben das auch). Wirklich wissen konnte man das jedoch nicht. Soviel den Besserwissern ins Stammbuch.

 

Persönliche Anmerkungen zu "1968"

Was mich als Nicht-Historiker, aber historisch immer sehr interessierten Menschen bei alledem verblüfft, das ist diese Einengung des Themas "1968" auf das linke politische Aufbegehren.

° Damals begann zum Beispiel die Globalisierung so richtig Tritt zu fassen – und keiner hat´s gemerkt
° Und dass eine ganze Reihe Leute dem Drogen-Guru und einstigen Psychologen Timothy Leary folgten ("High Priest nannte er größenwahnsinnig seine 1968 erschienen Autobiographie) in LSD und Haschisch-Welten abtauchten, also das totale Gegenteil von politisch wurden, wird da auch ziemlich übersehen.
° Robert Kennedy und Martin Luther King wurden ermordet.
° Und was war da in der Welt der Technik nicht alles los: ARPAnet, der Vorläufer des Internet, wurde 1969 für das amerikanische Militär gebastelt. Gleich darauf gelang die erste Mondlandung der Amerikaner (1968 gelang bereits die erste Umkreisung des Mondes!). Und das spukt meine Datenbank auch noch aus:

° Zusammen mit Internet und Mondlandung bildet der Computer die Trias der technologischen Grundlagen des Dritten Jahrtausends.

° "Seine erste Begegnung mit der Programmiererei hatte [Bill] Gates 1968 an der überkandidelten Lakeside-Schule, .. In diesem Sommer verdienten der 12jährige Bill und sein Freund Paul Allen, der zwei Jahre älter war, 1.200 Dollar, indem sie für die Schule den Stundenplan schrieben." (Cringely S. 111)

° "Raymond Schoolfield, der am 23. September 1968 nackt vor dem IBM-Gebäude in Atlanta stand – mit einem Schild mit der Aufschrift ´Computer sind obszön.´" (Gantz, S. 10)

° "Der erste Mikroprozessor (auch Computer auf einem Chip genannt)… wurde 1970 entwickelt." 1983 gab es bereits mehr Mikroprozessoren auf der Welt als Menschen. (Rochester und Gantz, S.24).

° 1968 verabschiedete die Volkskammer [der DDR] eine neue Verfassung, in der die DDR zum ´sozialistischen Staat deutscher Nation´ deklariert wurde." (Schulte, S. 51)

° Der Club of Rome, ein informeller Zusammenschluss von etwa 70 Mitgliedern (Wissenschaftler der verschiedensten Provenienz, Industrielle, Wirtschaftler, Humanisten) aus 25 über die ganze Erde verteilten Staaten, wurde 1968 in der Accademia dei Lincei in Rom gegründet, um die Ursachen und inneren Zusammenhänge der sich immer stärker abzeichnenden kritischen Menschheitsprobleme zu ergründen. Mit seiner öffentlichen Tätigkeit verfolgt der Club of Rome die Absicht, die politischen Entscheidungsträger in aller Welt zur Reflexion über die globale Problematik der Menschheit anzuregen.“ (Eduard Pestel, 1968, in Meadows 1972, S. 9)

° 1968 erschien auch – passenderweise – in der Psyche der exzellente Aufsatz des Psychoanalytikers K.R. Eissler "Zur Notlage unserer Zeit", der besser den Titel trüge: "Zur Notlage der Menschheit anno 1968".

° Und 1968 veröffentlichte, last but not least, der Desch-Verlag in München, herausgegeben von Robert Jungk und Hans Josef Mundt, die futurologische Reihe Modelle für eine neue Welt, mit Nigel Calders Bänden Unsere Welt 1985 (bestehend aus Beiträgen von 100 Wissenschaftlern in "Science" und Vor uns das Paradies?. Dazu passt, dass Ossip Flechtheim um 1968 sein Buch Futurologie schrieb (1970 publiziert), das diese neue Wissenschaft in Deutschland begründete (den Begriff prägte Flechtheim allerdings schon 1943).

° 1968 erschien schließlich auch Rachel Carsons Der stumme Frühling in deutscher Sprache (USA: 1962), diese frühe Warnung vor dem Umwelt-Desaster, in dem wir jetzt wirklich mittendrin stecken.

Es war also mächtig was los in und um 1968 herum. Das links-politische Gedöns von Rudi Dutschke & Co war nur ein kleiner Teil davon. Aber man sollte ihn nicht vernachlässigen und schon gar nicht verteufeln. Dass der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder 2003 ein deutliches, weltweit zu vernehmendes "NEIN" zu einer Beteiligung Deutschlands am Irak-Abenteuer von George W. Bush äußerte, ehrt m.E. nicht nur Schröder, sondern auch den Anti-Kriegs-Reflex, der Schröder durch die Anti-Vietnam-Proteste der 68-er vermittelt wurde. Und das zählt für mich als 1940 geborenem Kriegskind weit mehr, als das faschistoide Gehabe, das man den politisch Aktiven jener Tage um 1968 gerne (und sicher nicht zu unrecht) auch attestiert, die Mordbande der RAF nicht ausgeklammert.

Und welchen roten Faden ziehe ich aus dieser komplexen Gemengelage 1968, wahrhaftig einem Themen-Irrgarten von globalen Ausmaßen, für mich heraus? Ich will es mit einem kühnen Sprung von damals ins Heute verständlich machen: Dass ein Barack Hussein Obama genau heute, an diesem 4. November 2008 recht gute Chancen hat, als Afroamerikaner Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika zu werden, scheint mir in vielerlei Hinsichten eben auch eine Resultat des Change zu sein, der damals, 1968, den Muff von tausend Jahren in vielen Ländern der Welt hinwegfegte. Bis die Restauration ihren erstickenden Staub wieder Schicht um Schicht darüberlegte – mit George W. Bush´s Demontage vieler demokratischer Rechte und scheinbaren Gewissheiten als einen üblen Höhepunkt.

Barack Obama wurde am 4. August 1961 in Honolulu auf Hawaii geboren, war 1968 also gerade mal sieben Jahre alt. Das ist das Alter, in dem man in die Schule kommt und – vor allem wenn man so ein aufgewecktes hochbegabtes Kind ist – die ersten politischen Prägungen bekommt. Als Kind dreier Kontinente (Vater Afrikaner, Mutter Amerikanerin, er selbst aufgewachsen in Asien) hat er unglaublich gute Voraussetzungen, wirklich den von ihm beschworenen Change herbeizuführen – nicht nur für die USA, sondern weltweit.

Morgen wissen wir mehr darüber.

Ergänzung 5. Nov 2008/10.39

He made it. Congratulations!  

Quellen
Aly, Götz:: Unser Kampf. 1968 – ein irritierter Blick zurück. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2008. 253 Seiten
Bisky, Jens: "Der große Kater" (Interview mit Götz Aly). In: Südd. Zeitung vom 14. Feb 2008
Carson, Rachel: Der stumme Frühling (1962). Dt. 1968

Cringely, Robert X.: Wie die Jungs vom Silicon Valley die Milliarden scheffeln, die Konkurrenz bekriegen und trotzdem keine Frau bekommen. (1992) Düsseldorf 1993 (Econ TB)
Frei, Norbert: 1968. Jugendrevolte und globaler Protest. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2008. 280 Seiten
Gilcher-Holtey, Ingrid: Die 68er Bewegung. Deutschland – Westeuropa – USA. München 2001 (C.H. Beck)
Leary, Timothy: Highpriest. New York 1968
Meadows, Dennis (Hrsg.): Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. (1972). Stuttgart 1972 (dva informativ Paperback)
Mosler, Peter: Was wir wollten, was wir wurden. Reinbek 1977-05 (rowohlt aktuell)
Rochester, Jack B. und John Gantz: Der nackte Computer. (1983) Köln 1984 (DuMont) 

Schauen Sie bitte gelegentlich auch mal in die früheren Beiträge dieses Blogs rein! Hilfreich sein könnten vor allem die Vorbemerkung zu diesem Labyrinth-Blog und die Zeittafel. Die wichtigsten Personen und Begriffe werden erläutert in Fünf Kreise von Figuren sowie im Register dieses Blogs.

"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

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