Noch ein Versuch zur Klärung in 3 Teilen – Teil 1: Medizin und Kultur

BLOG: Indische Medizin im Wandel

Der Forschungsblog
Indische Medizin im Wandel

Vergangenen November fand auf diesem Blog eine lange und teils hitzige Diskussion statt, die einige grundlegende Probleme der Verwendung von Begriffen deutlich machte. Sie entzündete sich an voneinander abweichenden Auffassungen darüber, was unter „Medizin“ zu verstehen sei, beinhaltete aber auch die Streitpunkte, was „Esoterik“ bedeutet, ob dieser Begriff auf die hier vorgestellte und untersuchte „Unani Medicine“ anwendbar sei und ob die Autorinnen dieses Blogs die „Unani Medicine“ propagieren. Mir erscheint diese Diskussion so grundlegend, daß ich hier noch einen Versuch zur endgültigen Klärung unserer Position unternehmen möchte. Denn ohne eine solche Klärung besteht die Gefahr, daß die Diskussion bei fast jedem Beitrag wieder von vorne beginnt, ohne je ein Ende zu finden oder mehr zu bewirken als eine Vertiefung der Gräben.

Bei rückblickender Betrachtung bin ich zu dem Schluß gekommen, daß sich die wichtigsten Unklarheiten unter folgenden Schwerpunkten zusammenfassen lassen:

1. Das Verhältnis von Medizin und Kultur

2. Wie wir den Begriff „Medizin“ verstehen und warum (und worüber wir arbeiten)

3. Was „Esoterik“ bedeutet und weshalb wir diesen Begriff nicht als eine geeignete wissenschaftliche Beschreibungskategorie für die „Unani Medicine“ betrachten

 

Das Verhältnis von Medizin und Kultur

Es gibt natürlich eine ebenso ausführliche wie kontroverse Diskussion über die Definition von „Kultur“, wie jeder Kulturwissenschaftler weiß. Hier soll diese Diskussion nicht aufgerollt werden. Wer sich dafür interessiert, dem sei Klaus P. Hansens Buch „Kultur und Kulturwissenschaft“ empfohlen (in der UTB-Reihe 2011 in mittlerweile 4. Auflage erschienen).

Für den hier verfolgten Zweck ist es sicher sinnvoller, eine allgemeinsprachliche Bedeutung von „Kultur“ heranzuziehen, um das Verständnis unseres Standpunktes zu erleichtern und uns auf der Ebene allgemein akzeptierter Sprachkonventionen zu bewegen. So finden wir z.B. im DUDEN folgende Bedeutung von „Kultur“:

„1. a. Gesamtheit der geistigen, künstlerischen, gestaltenden Leistungen einer Gemeinschaft als Ausdruck menschlicher Höherentwicklung“ (http://www.duden.de/rechtschreibung/Kultur, zuletzt eingesehen am 10.02.2013)

Für die weitere Argumentation setze ich voraus, daß niemand widersprechen wird, wenn ich sowohl das Hervorbringen von Wissenschaften als auch alle wissenschaftlichen Leistungen als geistige Leistungen bezeichne, die ein Ausdruck menschlicher Höherentwicklung sind.

Wenn wir also davon ausgehen (und das tun zumindest die Autorinnen dieses Blogs), daß Wissenschaften und das von ihnen produzierte Wissen als spezifisch menschliche geistige Leistungen zu betrachten sind, so sind sie Teil von Kultur im oben angeführten Verständnis. Alles, was Teil von Kultur ist, kann wiederum grundsätzlich ein Untersuchungsgegenstand für Kulturwissenschaftler sein.

Ich unterstelle weiter Einigkeit darüber, daß Medizin gemeinhin zu den Wissenschaften gezählt wird. Damit ist Medizin Teil von Kultur und ein möglicher Untersuchungsgegenstand für Kulturwissenschaftler.

Das gilt für die moderne Schulmedizin/evidenzbasierte Medizin ebenso wie für jede frühere Form von Medizin (auf den Medizinbegriff komme ich im nächsten Beitrag zurück). Man kann Kulturwissenschaft nämlich auch historisch, also mit Blick auf die Geschichte betreiben.

Speziell die moderne Schulmedizin/evidenzbasierte Medizin ist aber nicht Teil irgendeiner Kultur, sondern sie ist in der europäischen Kultur entstanden und geprägt durch das Verständnis von Wissenschaft, das sich in der europäischen Moderne herausgebildet hat. Sie ist nicht vom Himmel gefallen oder aus dem Nichts entstanden, sondern hat sich wie jede andere Wissenschaft entwickelt. Das ist auf der Grundlage älterer Traditionen geschehen, die zum Teil auch in anderen Kulturen entwickelt wurden und mit denen sich Mediziner auseinandersetzen mußten. Diese Entwicklung hat in Europa stattgefunden. Die moderne Schulmedizin/evidenzbasierte Medizin hat sich also auf der Grundlage der Art und Weise entwickelt, wie man zu ihrer Entstehungszeit und während ihrer weiteren Entwicklung in Europa gedacht hat, auf der Grundlage der herrschenden Vorstellungen über die Welt und ihre Erforschung, auf den philosophischen Grundlagen der europäischen Moderne. Damit ist die moderne Schulmedizin/evidenzbasierte Medizin, wie wir sie heute kennen, zunächst einmal Teil der europäischen Kultur.

Die Vertreter dieser modernen Schulmedizin/evidenzbasierten Medizin erheben wie alle Naturwissenschaftler den Anspruch, durch methodisch kontrollierten Zugriff auf Bereiche einer objektiv vorliegenden Wirklichkeit allgemeingültige wahre Erkenntnisse hervorzubringen. Zusätzlich besitzt die moderne Schulmedizin/evidenzbasierte Medizin heute durch ihre wissenschaftlich begründeten Ergebnisse (schnelle und durchschlagende Heilerfolge) weltweit große Überzeugungskraft und wird daher in sehr vielen Regionen der Erde akzeptiert und praktiziert.

Beides führt aber nicht dazu, daß sie irgendwo außerhalb der menschlichen Kultur zu verorten wäre – denn wo sollte das sein? Und es nimmt ihr auch nicht ihre europäische Prägung, sondern exportiert diese lediglich in die ganze Welt und universalisiert sie dadurch  oberflächlich betrachtet (Beispiel regionaler Anpassungen werden sicher in zukünftigen ethnologischen Blogbeiträgen zur Sprache kommen).

Andererseits sagt diese Feststellung europäischer Prägung allein noch überhaupt nichts darüber aus, ob der Anspruch der Vertreter der modernen Schulmedizin/evidenzbasierten Medizin auf die Erzeugung allgemeingültiger wahrer Erkenntnisse berechtigt ist.

Das heißt im Klartext: Wenn wir sagen, die moderne Schulmedizin/evidenzbasierte Medizin ist ein Teil der europäischen Kultur, dann ziehen wir damit NICHT die Berechtigung ihrer Methoden oder die Existenz ihrer Ergebnisse in Zweifel und bestreiten auch NICHT, daß sie in den meisten Weltregionen aus guten Gründen akzeptiert und praktiziert wird.

Dafür sind wir nämlich nicht zuständig, und darum geht es uns deshalb auch gar nicht. Wir werden daher auch nicht weiter darüber diskutieren. Was uns aber tatsächlich interessiert, sind die Ansichten der Vertreter der „Unani Medicine“ und die ihrer Patienten. Wenn eine von uns darüber berichtet, stellt sie aber nicht ihre EIGENE persönliche Ansicht dar, sondern gibt die Ansicht von ANDEREN wieder.

Veröffentlicht von

Dr. Susanne Kurz hat in Tübingen Islamwissenschaft und Religionswissenschaft studiert und beschäftigt sich vor allem mit der Geschichte und Kultur des persischsprachigen Raumes vom 11. bis 19. Jahrhundert. Sie interessiert sich besonders für humoristische Literatur und Geschichtsschreibung und hat sich seit 2008 auch der medizinischen Literatur in persischer Sprache zugewandt.

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