Was uns Mumien erzählen


Wer beim Thema Mumienforschung vor allem Bilder im Kopf hat, wie einbalsamierte Mumien in prachtvollen Gräbern oder auch draußen im Feld entdeckt werden, der sieht nur die halbe Wahrheit. Denn zwar müssen Mumien zuerst einmal gefunden werden, aber der wesentlich länger andauernde Teil der wissenschaftlichen Arbeit ereignet sich später in sterilen Umgebungen von wissenschaftlichen Labors. Dort ist heute High Tech angesagt, mit der Mumien, abhängig vom jeweiligen Zustand, nach allen Regeln der gerichtsmedizinischen Kunst untersucht werden können. Fachleute sprechen heute deshalb auch von der „forensischen Archäologie“. Natürlich haben Mumien ihre speziellen Anforderungen, Untersuchungen des Bluts können nicht vorgenommen werden, da es nicht erhalten bleibt. Aber trotzdem ist das mögliche Spektrum weit und reicht heute von DNA-Untersuchungen über toxikologische oder biomolekulare Analysen bis zum Einsatz von Computertomographen – und neuerdings sogar 3D-Druckern.

Das klingt zuerst einmal erstaunlich. Ein 3D-Drucker für die Mumienforschung? Welchen Beitrag könnte er da leisten? Nun, eine kleine Geschichte dazu sei erzählt, die auch in meiner Reportage ausführlich behandelt wird: Es geht um eine Frauenmumie aus Peru, die heute im Besitz des Reiss-Enghorn-Museums in Mannheim ist. Mit Hilfe eines Computertomographen konnten die Forscher nicht-invasiv, also ohne Eingriff in den Körper, in ihr Inneres blicken. Mit neuesten Bildauswertungsverfahren sahen sie, dass die Hände der über fünfhundert Jahre alten Leiche etwas umschlossen hielten. Um was genau es sich dabei handelte, ließ sich allerdings nicht klären. Doch der Forschergeist ist bekanntlich neugierig, das Rätsel musste gelöst werden – und das, ohne dabei die Mumie zu öffnen. Da kamen die Beteiligten auf die Idee, die aus dem CT gewonnenen Daten dafür zu nutzen, einen 3D-Drucker zu steuern. Das so gefertigte Objekt brachte finalen Aufschluss: Die einen Zentimeter großen Objekte waren nichts anderes als menschliche Milchzähne! Ihr „Entdecker“, der Mumienforscher Prof. Wilfried Rosendahl, Chef des German Mummy Project, berichtet mir in der Sendung auch, dass die Mumienforschung heute extrem interdisziplinär aufgestellt, gleichzeitig aber auch hochgradige Spezialisierung erforderlich ist. So hat sich inzwischen eine weltweite Mumienforschungs-Community gebildet, und mit ihr Institute ganz spezieller Expertise, die bei Projekten über den ganzen Erdball hinzu gezogen werden.

Mumienforschung
© German Mummy Project

Das German Mummy Project am Reiss-Engelhorn-Museum gehört beispielsweise weltweit zu den renommiertesten Instituten für die grundlegende Altersbestimmung von Mumien mit der C14-Methode sowie für nicht-invasive Analysen mit Computertomographen. Demgegenüber hat sich das Bozener Institut für Mumienforschung bei Eurac Research auf DNA- und biomolekulare Untersuchungen als international führende Forschungseinrichtung spezialisiert. Grundstein für dieses Know How legte der Sensationsfund von Ötzi, die 5300 Jahre alte und damit weltweit bisher älteste jemals gefundene Eismumie auf dem Globus. Das war 1991, ist also schon mehr als 25 Jahre her. Doch Ötzi, wie praktisch alle anderen Mumien auch, bleiben für die Forscher lange interessant. Das zeige ich in meiner Reportage auch an neuesten Forschungen über den Mann aus dem Eis, der bis heute immer wieder mit neuen Fakten Aufsehen erregt. Im Gespräch mit dem Leiter des Instituts für Mumienforschung, Professor Albert Zink, habe ich einige interessante Details über Ötzis Krankenakte erfahren, unter anderem das: Erstaunlicherweise war dieser zweifellos körperlich trainierte Mann der Berge offenbar durch eine Arterienverkalkung stark Herzinfakt-gefährdet, möglicherweise ist diese Krankheit also weit weniger typisch für die moderne Zivilisation als gedacht. Paläopathologen können aus der mikrobiologischen und genetischen Erforschung von Miniatur-Gewebeproben alle möglichen Erkenntnisse ziehen, die nicht nur Zeitkolorit vergangener Epochen vermitteln, sondern auch für die globale Entwicklungsgeschichte von Krankheiten höchst aufschlussreich sein können. So bringen uns Mumien also nicht nur kulturelle Aufschlüsse, sondern können durchaus auch evolutionäre Kenntnisse aus deren Lebenszeit bis ins Jetzt fördern.

Das Wissen, das wir aus der Untersuchung von Mumien schöpfen können, ist also breit, und mit neuen Verfahren und Methoden kann die Wissenschaft auch mit immer kleineren Eingriffen laufend neue Erkenntnisse gewinnen. Die alten Mumien sind gewissermaßen ein Evergreen für die Forschung! Dazu gibt es noch mehr Informationen in meiner Sendung.

Und den Sprechertext der Reportage gibt’s wie immer bei HYPERRAUM.TV.

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Ich habe viele Jahre journalistisch im Bereich Wissenschaft und Technologie gearbeitet, später dann mit meiner kleinen Beratungsfirma als Medienexpertin. 2010 erfüllte ich mir meinen großen Traum und gründete den Spartensender HYPERRAUM.TV, für den ich eine medienrechtliche Rundfunklizenz erteilt bekam. Seither mache ich als One-Woman-Show mit meinem „alternativen TV-Sender“ gewollt nicht massentaugliches Fernseh-Programm. Als gelernte Wissenschaftshistorikern habe ich mich gänzlich der Zukunft verschrieben: Denn die Vergangenheit können wir nur erkennen, die Zukunft aber ist für uns gestaltbar. Wir sollten versuchen, nicht blind in sie hinein zu stolpern!

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Zitat: die 5300 Jahre alte und damit weltweit bisher älteste jemals gefundene Eismumie auf dem Globus.
    Eigentlich erstaunlich. 5300 Jahre ist nicht sehr alt. Im Eis eingeschlossen könnte ein Körper auch nach 10’000 Jahren noch gut erhalten sein und Eis gibt/gab es ja en masse. Beispielsweise in Sibirien. Dort fand man sehr viele eingefrorende Mammuts , aber bisher noch keinen eingefrorenen Menschen. Nun, wahrscheinlich liegt das einfach daran, dass Sibirien vor 10’000 Jahren völlig unbewohnt war – von Menschen unbewohnt, nicht von Mammuts. Und selbst wenn es vor 10’000 Jahren ein paar 100 Hundert Menschen in Sibirien gab und einer oder zwei pro Jahr im Eis starben, dann muss man die Eismummien auch noch finden. Keine leichte Aufgabe – ausser die Erderwärmung hilft uns dabei.

  2. @MH: .. ha, das könnte gut sein! Dann hätte wenigstens die Mumienforschung was davon … Nächstes Monat gibt’s zum Thema Klima bei mir auch wieder was Aktuelles.

  3. @Susanne Päch
    Mal nur nebenbei eine etwas ketzerische Frage an die verehrte Blogbetreiberein und Medienunternehmerin:
    Wie kommt es, dass ich, obwohl schon fast immer an “Populärwissenschaft” interessiert, bisher noch nie etwas von HYPERRAUM.TV gehört habe. Oder es, falls ich irgend wann mal doch etwas gehört oder gesehen haben sollte, bei mir fast vollständig “vom Schirm verschwinden” konnte?
    Aber sagen Sie jetzt nicht, der Grund könnte eine beginnende Demenz sein.

    Sie wissen schon: Das wäre der Beginn von hetzerischer Diskriminierung altachtundsechziger Pensionisten. Und so was geht gar nicht. Heutzutage.

  4. @ Little Louis:
    Stichwort Kanzlerin – ja! Wer hätte geglaubt, dass sich Angie mal so lange auf dem Stuhl festhalten kann. Allerdings: Wer es schafft, das – in jeder Beziehung – “Schwergewicht” Helmut Kohl vom Stuhl zu schieben, der muss schon ganz schön Kraft fürs Festhalten haben!

    Stichwort: no name HYPERRAUM.TV: Der Hyperraum ist halt virtuell überall und auch doch nirgends! Spaß beiseite: Ich mache ja alles selbst und manches eben nicht richtig, z.B. Marketing und vor allem Vertrieb, am allerliebsten mache ich einfach nur Programm … ich nehme an Distribution, was sich mir direkt in den Weg stellt, beispielsweise die Möglichkeit, mit Spektrum zu kooperieren.

  5. @ Susanne Päch.
    O.K. Danke für die Antwort. Es gibt aber auch die Theorie von “Kohls Mädchen” . Und als Verschwörungstheoretiker weiß ich natürlich, dass alles geplant war. Von wem auch immer. Nur ich wars nicht. Hatte damals noch nicht ganz so viel Durchblick wie ich heute (immer noch nicht?) hab. (-:

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