Unsichtbare Gefahren

Meine vorläufig letzte Sendung zum Themenpaket Plastikmüll befasst sich mit einer zunehmend an Bedeutung gewinnenden Problematik. Denn eine der Gefahren im Wasser wächst für uns ganz unsichtbar: Mikroplastik. Wie Müll ganz generell steigt auch das Mikroplastik in den Weltmeeren immer mehr. Er kommt auf zwei ganz unterschiedlichen Wegen dort hin. Mikroplastik, darauf hat sich die internationale Community inzwischen verständigt, ist kleiner  als 5 Millimeter. An der Uni Wien befasst sich die Arbeitsgruppe von  Thilo Hofmann mit solchen Plastikpartikeln und ihren Wechselwirkungen in der Natur.

Es gibt neben der Verwitterung von großen Plastikteilen noch einen ganz anderen Weg, über den Mikroplastik in die Umwelt kommt: über schon mikroskopisch klein produzierte Kunststoff-Partikel, die etwa Kosmetika oder  Zahnpastas beigemischt werden. Mikroplastik  erreicht die Umwelt aber auch durch das Waschen von Kunststoffen, bei dem mikroskopisch kleiner Abrieb von Fasern seinen Weg in die Wasserwelt nimmt.

Durch Mikroplastik kann tierisches Planckton verhungern, sie kann aber auch durch die Umwelt in die menschliche Nahrungsmittelkette zurückkommen.

Thilo Hofmann war Teilnehmer eines großen Symposiums zum Thema Nano- und Mikroplastik, auf dem sich – eingeladen von der ETH Zürich – im Herbst 2018 führende Köpfe aus der Wissenschaft über das zunehmend in den Mittelpunkt rückende Thema ausgetauscht haben. Der Augenzeuge berichtet in meiner Sendung, welche doch bemerkenswerte Conclusio dort zu hören war: Es brauche keine weiteren zeitraubenden und teuren Forschungen, man solle sofort nach konkreten Lösungen suchen, die Zuführung von Mikroplastik in die Umwelt zu verhindern, denn „sie gehört dort einfach nicht hin“. Wenn schon die Wissenschaft damit beginnt, auf Forschungsgelder freiwillig zu verzichten, dann weiß man, dass die Hütte ziemlich brennen muss!

Bei der Mikroplastik sind die sogenannten Additive, unterschiedliche Beimischungen für spezifische Produkteigenschaften, das größte Umweltproblem. Die beigemischten Additive sind für die Kunststoff produzierende Industrie ein schwieriges Thema. Denn ohne sie ist die Vielfalt der Produkte nicht herstellbar und zudem werden die unerwünschten Nebenwirkungen oft erst nach Jahren offensichtlich, so geschehen bei Additiven von PVC oder Styropor. Hier sucht die Industrie inzwischen nach Ersatz-Additiven und hat einige Additive bereits ersetzt.

Der Partikelforscher Hofmann sagt uns in der Sendung auch, wie wir einen Teil des Problems um unachtsam weg geworfenen Plastikmüll zumindest in Europa eindämmen könnten. Denn in Ballungsräumen wird unachtsam weg geworfener Plastikmüll durch Regenfälle in die Abwasser-Kanalisation geschwemmt und kommt von dort in die Kläranlage. Moderne Anlagen wären in der Lage einen größeren Teil der Mikroplastik zu entsorgen – wenn, ja, wenn das Wörtlichen wenn nicht wäre. Denn bei Starkregen  wird das Wasser oft gar nicht durch die Kläranlagen geschleust, sondern ungefiltert gleich wieder in den Wasserkreislauf geführt. Streitpunkt in der Wissenschaft ist derzeit allerdings noch, wie viel vom Anteil der Mikroplastik heute in gut funktionierenden Kläranlagen tatsächlich abgefangen werden kann.

Bei diesem Text handelt es sich um eine bearbeitete Fassung des Moderationstextes des hier vorgestellten Videos.

Susanne Päch

Veröffentlicht von

Ich habe viele Jahre journalistisch im Bereich Wissenschaft und Technologie gearbeitet, später dann mit meiner kleinen Beratungsfirma als Medienexpertin. 2010 erfüllte ich mir meinen großen Traum und gründete den Spartensender HYPERRAUM.TV, für den ich eine medienrechtliche Rundfunklizenz erteilt bekam. Seither mache ich als One-Woman-Show mit meinem „alternativen TV-Sender“ gewollt nicht massentaugliches Fernseh-Programm. Als gelernte Wissenschaftshistorikern habe ich mich gänzlich der Zukunft verschrieben: Denn die Vergangenheit können wir nur erkennen, die Zukunft aber ist für uns gestaltbar. Wir sollten versuchen, nicht blind in sie hinein zu stolpern!

13 Kommentare

  1. Zum Thema Mikroplastikquellen ist das Fraunhofer Institut für Deutschland teilweise auf andere primäre Quellen gekommen: “Die Autoren der Konsortialstudie ermittelten insgesamt 51 Mikroplastikquellen und berechneten die Emissionen. Reifenabrieb, Freisetzung bei der Abfallentsorgung, Abrieb von Bitumen in Asphalt, Pelletverluste, Verwehungen von Sport- und Spielplätzen liegen ganz vorne. ”

    https://www.umsicht.fraunhofer.de/de/presse-medien/pressemitteilungen/2018/konsortialstudie-mikroplastik.html
    https://www.bbc.com/news/science-environment-39042655

  2. Plastikmüll im Mittelmeer
    Deutschland erzeugt indirkekt Plastikmüll im Mittelmeer über in die Türkei exportierten Plastikabfall. Dort – in der Türkei soll der Plastik teilweise recycelt werden, landet dann aber teilweise auch im Meer.
    Die drei Mittelmeer-Anrainerstaaten Ägypten, Türkei und Italien erzeugen 2/3 aller Kunststoffabfälle. Allein in Italien werden jeden Tag 32 Millionen Plastikflaschen benutzt – ein europaweiter Rekord.
    Fazit: Auch in Europa gilt: Anstatt dass jeder für sich schaut kann man auch zusammenarbeiten. Deutschland könnte Italien, der Türkei und Ägypten beim Plastikproblem helfen anstatt mit überhöhtem Aufwand den eigenen Plastikabfall der im Meer landet von beispielsweise 0.5% auf 0.4% zu senken.
    Man muss nicht nur lokal, sondern auch regional denken. Wer europäisch denkt ist nicht damit zufrieden, dass Deutschland sauber ist, er möchte auch, dass Eurooa sauber ist.

  3. MH,
    Tatsächlich gibt es in den Supermärkten kaum noch Artikel die nicht in Plastik verpackt sind. Die Ursache ist, dass diese Form am preisgünstigsten ist.
    Sogar Kinderroller werden in Plastik verpackt.
    Wer produziert die Kunsstofffolien ?
    Das ist der Zielkonflikt in dem Europa steckt. Wir wollen keinen Kunstoff, aber wir wollen an ihm verdienen.

  4. @fliegenklatsche: Kunststoff richtig entsorgt und recycelt muss kein Problem sein. Und Deutschland entsorgt im Grossen und Ganzen richtig – ausser dass es wie viele Länder seinen Müll teilweise im Ausland entsorgt.

  5. MH,
    technisch ist die Kunststofftrennung schwierig. Eine Maschine kann nicht unterscheiden zwischen Polyvinylchlorid, Polytetrafluorethylen oder dem relativ harmlosen Polyethylen. Das richtige Recyclen hängt von der vorangegangenen Trennung ab. Und da wir ja die meisten Produkte exportieren, bleiben wir die Ursache für die Kunsstofflawine auf unserer Erde. Ja, Kunststofflawine. Da kann man sich nicht herausreden.
    Diese Problematik ist genauso explosiv wie das Verbrennen von Kohlenwasserstoffen.

  6. @Fliegenklatsche: interessante Infos. (Und übrigens: auffälliger Alias)

    @ Herrn Holzherr: Die Sache mit dem Autoabrieb etc. ist natürlich richtig, es ist nicht “etwas anderes”, sondern eben auch Kunststoff, und wichtiger Anteil für Mikroplastik.

  7. Susanne Päch,
    Das zunehmende Unwissen über Kunststoffe hat strukturelle Ursachen. Noch vor 20 Jahren war in den Lehrplänen der Schulen die Herstellung von Kunststoffen durch die Schüler vorgesehen. Nylon/Perlon oder Bakelit lassen sich leicht herstellen. Und die dazugehörigen Testmethoden, um welchen Kunststoff es sich handelt. Das ist weggefallen.
    Was den Alias betrifft, der ist teilweise Programm. Bei weltanschaulichen Themen weht hier ein rauher Wind, was die meisten Frauen abschreckt mitzubloggen.
    Ab Windstärke 7 hole ich dann die Fliegenklatsche heraus.

  8. Herrn Walther und Herrn Holzherr: Sorry, meine Aussage wegen des Autoabriebs bezog sich natürlich auch einen Kommentar von Ihnen, Herr Walther….

  9. @ Fliegenklatsche: Ich denke, es hat nicht nur strukturelle Probleme, es hängt sicher auch damit zusammen, dass das Thema wirklich ziemlich komplex ist. Ich glaube, dass das Wissen über Chemie noch nie sonderlich ausgepägt war. Zudem gilt: Der Mensch befasst sich generell ungern mit Details, wenn’s nicht unbedingt sein muss, und schwimmt lieber im seichten Fahrwasser populistischer Betrachtung. A propos: Die Tendenz dazu wächst, leider bei gleichzeitig steigender Komplexität in der Analyse zur Lösung von Problemen. Das Phänomen – vielleicht gerade weil alles immer komplizierter wird? Mein Verdacht jedenfalls: Anzeichen zunehmender Überforderung …

    Und übrigens, Sturm hin oder her: Als antikes Exemplar der Menschheit, das die konstruktive Kontroverse liebt und das sich deshalb gern auf die andere Seite verlegt – nur des Widerspruchs wegen! – stört mich beim Bloggen sehr, dass ich dem Gegenüber nicht in die Augen sehen kann. Die Anonymität ist für mich voll unbefriedigend. Aber, naja, das scheint eben der Gang der Dinge zu sein. Gewaltige Steigerung der Quantität (sprich: Reichweite) bei gleichzeitigem Verlust bei der Qualität der Kommunikation als Vorgang mit allen Sinnen. Bevor ich am Freitag morgen gänzlich in Schwadronieren abgleite: Ich wende mich jetzt wieder dem Jetstream zu …

  10. Susanne Päch,
    die zunehmende Überforderung ist auch gewollt, wenn man mal die Zusatzstoffe in den Lebensmitteln anschaut.
    Die stellen auch eine unsichtbare Gefahr, dar, noch existenzieller als die Kunststoffe.
    Man vermutet auch, dass die Anzahl der Spermien beim Manne zurückgeht, weil im Trinkwasser noch Reste von Weichmachern der Kunststoffe zu finden sind und auch von der Antibabypille.
    Wenn Sie mein Nick abschreckt, ich habe auch einen bürgerlichen Namen mit Kindern und Enkelkindern.

  11. Das ist wirklich interessant, ich wage mal eine steile These: Geburtenrückgang dank Weichmachern … die Evolution schlägt schon zurück, das Ende der menschlichen Rasse schon eingeläutet – wir haben es nur noch nicht richtig mitgekriegt …
    Und abgeschreckt bin ich nicht, eher ein bisschen erheitert darüber, worauf man so kommen kann. Also: alles gut.

  12. Zu Fliegenklatsche:
    Dass mit den Spermien scheint mir nicht einleuchtend, da auch Länder der sogenannten Dritten Welt mit Plastikmüll (Weichmachern) eingemüllt sind. Betrachte ich die dortigen hohen Geburtenraten-siehe Indien, Nigeria etc. – , so sehe ich eher das Gegenteil.

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