Tiger-Mommy gegen Terman – Wie viel Begabung braucht der Erfolg?

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Intelligenz, Sonntagskinder und Schulversager
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Aus dem Tierreich haben wir ja in letzter Zeit so einiges erfahren. Der geschätzte Kollege Müller erwähnte unlängst die “Termiten”, Lewis Termans handverlesene Hochbegabtengruppe, deren Begabung sie – so seine Lesart – zu Erfolgen in vielerlei Hinsicht prädestinierte. In der Tat ist Intelligenz nachgewiesenermaßen der Faktor, der schulischen und beruflichen Erfolg und sogar das spätere Einkommen besser vorhersagt als irgendeine andere Variable. (Darüber, dass Terman zwei spätere Nobelpreisträger als “nicht intelligent genug” aus seiner Stichprobe ausschloss, sei an dieser Stelle mal vornehm der Mantel des Schweigens ausgebreitet.) Wer begabt ist, hat Erfolg – so einfach ist das also?

Aber mitnichten. Alle Begabungsmodelle, die sowohl die Begabung (das Potenzial) als auch die Leistung (das umgesetzte Potenzial) in ihrem Konzept berücksichtigen, erkennen an, dass bei der Umsetzung doch so einiges schief gehen kann – jeder Underachiever kann vermutlich nicht nur ein Lied, sondern gleich eine ganze Oper davon singen. Das Glück ist mit den Tüchtigen, und Übung macht den Meister, weiß der Volksmund; wenn man etwas wirklich beherrschen will, kommt man also nicht drum herum, Arbeit zu investieren. Von Picasso wird kolportiert, er habe ein Bild in drei Sekunden gemalt und dafür – gemessen am Aufwand – eine Unsumme verlangt. Der interessierte Kunstkäufer reagierte eher verschnupft: “Sie haben das Bild in drei Sekunden gemalt, wie können Sie eine so unverschämte Summe dafür verlangen?!” Picasso lehnte sich lächelnd zurück: “Es hat mich ja auch 30 Jahre gekostet, bis ich in der Lage war, ein solches Bild in drei Sekunden zu malen …”

Recht hat er. Das Blut, den Schweiß und die Tränen, die geflossen sind, bis man mal so weit ist, sieht man dem fertigen Werk nicht an; und dabei sind diese doch unabdingbar, wenn man richtig gut werden will. 10000 Stunden oder zehn Jahre gelten als Faustregel dafür, was den Experten vom Neuling unterscheidet. Um ein Spitzenmusiker zu werden, reicht es aber nicht, 10000 Stunden einfach nur zu spielen. “Deliberate practice” heißt das Zauberwort, das man etwa mit “gezieltes Üben” übersetzen kann: Die Stellen, an denen es hakt, werden geübt, bis sie sitzen. Zehn Mal. Hundert Mal. Tausend Mal, wenn es sein muss.

Das sagt sich auch Amy Chua, die mit ihrem Buch “Die Mutter des Erfolgs. Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte” unlängst als “Tiger Mom” Schlagzeilen machte. Mit harter Disziplin trimmt sie ihre beiden Töchter auf Erfolgskurs. Die Mädels schreiben Spitzennoten, spielen virtuos Klavier und Violine (keineswegs aber so etwas Kulturloses wie E-Gitarre oder Schlagzeug!) und erwecken den Anschein, als gäbe es nichts, was sie nicht könnten. (Außer Spaß haben vielleicht.) Viele asiatischstämmige Eltern haben Presseberichten zufolge das Buch mit offenen Armen aufgenommen, bestätigt es doch den strengen “asiatischen” Erziehungsstil, der von den Kindern das Äußerste abverlangt. (Früh fordern und fördern spielt dort in der Tat eine ganz wichtige Rolle. Bei einem Besuch in Taiwan war ich doch sehr erstaunt, dass es in Buchhandlungen ganze CD-Abteilungen gab, die sich mit der vorgeburtlichen (!) Intelligenzförderung von Kindern befassten!) In Frage stellte Tiger Mommy ihre Erziehungsmethoden auch erst, als ihre jüngste Tochter den Aufstand probte; ein bisschen sollte man die Persönlichkeit und die Begabungen, die das Kind mitbringt, vielleicht doch berücksichtigen …

Klar, vielen Kindern täte die Erfahrung gut, sich für den Erfolg anstrengen zu müssen – vielleicht gerade den Hochbegabten, denen vieles einfach so zufliegt, sodass sie den Kausalzusammenhang zwischen Einsatz und Belohnung gar nicht aus eigener Anschauung kennen. Die Erfahrung, ein Ziel zu erreichen, das man sich gar nicht zugetraut hätte, weil man sich so richtig reingehängt hat, der “Produktstolz”, ist etwas so Wichtiges, das man keinem Kind vorenthalten sollte. Aber auch hier liegt die Wahrheit vermutlich in der Mitte: Anstrengung und Übung ja, aber nicht auf Kosten aller anderer Aktivitäten. Kinder brauchen Zeit, mit Freunden und außerhalb der Kontrolle von Erwachsenen; und nicht zuletzt brauchen sie Zeit zum Nichtstun, zum scheinbar ziellosen Erkunden ihrer Welt und auch einfach mal zum Löcher-in-die-Luft-Gucken. Dem Kind eine Begabung aufzuzwingen, an der es keine Freude hat, und es zum Üben zu drillen, ist meines Erachtens doch zweifelhaft. Sinnvoller wäre es – und damit schlage ich wieder den Bogen zum Anfang –, erst einmal zu schauen, wo denn die Stärken und Begabungen des Kindes liegen, bevor man beginnt, diese auszubilden. Kinder sind nun mal kein Lehmklumpen, den man nach Belieben formen könnte.

Und nicht zuletzt: Wer ständig unter einem so massiven Perfektionsdruck steht, wird vermutlich auch keine herausragenden kreativen Leistungen erbringen. Fehler sind nichts Negatives, sondern eine hervorragende Gelegenheit, um zu lernen – und vielleicht auch mal über Alternativen nachzudenken, wenn die althergebrachten Wege nicht zum Erfolg führen. Auch Edison war nach eigenen Angaben nicht gescheitert, sondern hatte 10000 Wege gefunden, die nicht funktionieren. Und auf dem 10001. dann doch die Glühbirne erfunden.

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Dr. rer. nat. Tanja Gabriele Baudson ist Diplom-Psychologin und Literaturwissenschaftlerin. Seit Oktober 2017 vertritt sie die Professur für Entwicklungspsychologie an der Universität Luxemburg und ist als freie Wissenschaftlerin mit dem Institute for Globally Distributed Open Research and Education (IGDORE) assoziiert. Ihre Forschung befasst sich mit der Identifikation von Begabung und der Frage, warum das gar nicht so einfach ist. Vorurteile gegenüber Hochbegabten spielen hierbei eine besondere Rolle - nicht zuletzt deshalb, weil sie sich auf das Selbstbild Hochbegabter auswirken. Zu diesen Themen hat sie eine Reihe von Studien in internationalen Fachzeitschriften publiziert. Sie ist außerdem Entwicklerin zweier Intelligenztests. Als Initiatorin und Koordinatorin der deutschen „Marches for Science“ wurde sie vom Deutschen Hochschulverband als Hochschullehrerin des Jahres ausgezeichnet. Im April 2016 erhielt sie außerdem den SciLogs-Preis "Wissenschaftsblog des Jahres".

5 Kommentare

  1. Talententfaltung – nicht fürs Präkariat

    “Wer begabt ist, hat Erfolg – so einfach ist das also?”

    Sie sagen es, so einfach ist das nicht. Das beginnt zuerst bei den sozialen Voraussetzungen, die es einem Talent möglich machen, sein Talent auch zu entfalten.

    “Das Glück ist mit den Tüchtigen, und Übung macht den Meister..”

    Dazu muß aber der (potentiell) Tüchtige überhaupt die Gelegenheit bekommen, seine Tüchtigkeit an einem Subjekt Gestalt werden zu lassen.

    Viele Kinder stehen aufgrund sozialer Benachteiligung weniger unter einem Perfektionsdruck (was insofern ein Luxusproblem darstellt, bleibt es auch unbedingt ein Problem) als vielmehr unter dem Druck, aufgrund ihrer Herkunft benachteiligt zu sein. Die Tendenz geht dahin, daß arme Bevökerungsschichten von der Möglichkeit der Tüchtigkeit ausgeschlossen werden, weil man sich Bildung heute leisten können muß.

    Das ist das (politische) Kernproblem und eine gesellschaftliche Bankrotterklärung – in erster Linie.

  2. Zusehen reicht nicht…

    Ich habe einmal gesagt, dass einfach nur zusehen, wie die Kinder aufwachsen nicht reicht.
    Das konnte ich nur so sagen, weil ich das überall, wo ich mich herumtieb, so gesehen habe. Eine Überbeschäftigung (also überforderung) ist natürlich nicht erstrebenswert – die ja sicher auch von Gewohnheit abhängig ist.
    Den Kindern nur einfach irgendwelches Spiezeug zu geben, damit sie sich die zeit vertreiben können, während die Eltern von ihnen verschont sind… ist halt eher nach dem Prinzip zusehen… was nicht reicht. Denn so “sinnvol” kann kein Spiezeug ausgewählt sein.

  3. Interview zum Thema

    Dies Interview eines Leiters des Forschungszentrums für Individuelle Entwicklung und Lernförderung diskutiert das Thema und berichtet über deren Erfahrungen.

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