Termiten

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Intelligenz, Sonntagskinder und Schulversager
Hochbegabung

Was haben hochbegabte Kinder und Termiten eigentlich gemeinsam? Bezieht man sich auf die Häufung in der Google Ngrams-Grafik meiner Kollegin Frau Baudson, so erinnert zwar das Aussehen je nach Vergrößerung an einen Termitenhügel, doch ist das Wort Giftedness wohl eher mit einer berühmten Person der Begabungsforschung verbunden: Lewis Terman.

Der Amerikaner Terman rückte vor etwa 100 Jahren das Thema Hochbegabung ins Zentrum einer einzigartigen Langzeitstudie. Im frühen 20.Jahrhundert nahmen etwa 1500 Kinder aus Kalifornien an dieser Studie teil, die allesamt mindestens einen IQ von 130 hatten sowie zwischen 1903 und 1917 geboren waren. Sie wurden umfassend hinsichtlich kognitiver, sozioökonomischer und psychologischer Merkmale untersucht. Liebevoll wurden und werden diese Kinder „Termiten“ genannt, denn bis dato hält die Erforschung der mittlerweile nicht nur Hochbegabten, sondern auch Hochbetagten an.

Terman und seine Mitarbeiter beschäftigte nicht nur die Frage, wie Hochbegabung und akademischer Erfolg miteinander verbunden sind, sondern darüber hinaus war die Entwicklung der hochbegabten Kinder über die Jahre ein besonderer Bestandteil der Forschung. Terman konnte diverse Zusammenhänge und auch Unterschiede zur Norm eruieren: Eine Vielzahl der Hochbegabten absolvierte das College, was damals eine Besonderheit war; auch deckte er einen Zusammenhang zwischen körperlicher und seelischer Gesundheit und der intellektuellen Hochbegabung auf. Allerdings sind seine Ergebnisse aufgrund methodischer Mängel und Schwierigkeiten kaum haltbar.

Terman bereinigte mit seiner Studie das damals vorherrschende Mythos von „Genie und Wahnsinn“ auf und zählt als Initiator für den Aufschwung in der Begabungsforschung. Ob seine Ergebnisse nicht aber auch Grundlage für das Mythos vom privilegierten hochbegabten Kind geworden sind, mag dahingestellt sein.

Im Original nachzulesen:

Terman, L.M. (1925). Genetic Studies of Genius. Vol. 1. Mental and Physical Traits of a Thousand Gifted Children. Stanford: Stanford University Press.

Veröffentlicht von

Götz Müller ist Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut und Leiter des Instituts für Kognitive Verhaltenstherapie (IKVT). Er arbeitet beratend und diagnostisch mit Familien hoch begabter Kinder und Jugendlicher. In der psychotherapeutischen Arbeit beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit dem Underachievement bei Hochbegabten, hier insbesondere bei Jugendlichen.

13 Kommentare

  1. Neupositionierung:

    Hier ist ein neuer Artikel zur allgemeinen Hirnschrumpfung. Vielleicht sind wir gar nicht der “Homo Sapiens Sapiens”? Sooo eine große Überraschung wäre das ja nicht…

  2. @ T: Hirnvolumen

    Ich habe da was aus der Wicht’schen Dichtung in Erinnerung: Dicke Fische, dicke Hirne …

  3. @Götz Müller:

    Das dies nicht als Erklärung ausreicht, wird in dem verlinkten Artikel angesprochen. Natürlich bin ich auf die Publikation von Hawks’ Studie besonders neugierig, denn ich hatte mich schon vor Jahren mal mit ihm zu dem Thema ausgetauscht und wir kamen auf solche Daten als noch zu füllende Lücke. Hier hab ich noch ein bischen mehr zum Thema herumgesponnen.

  4. @ “T” und Hirnschrumpfung

    Ich bin diesem “Cro-Magnon”-Link nachgegangen, kam aber nicht weiter als bis zu den div. Pressemeldungen – kennen Sie das Originalpaper? Das würd’ ich mir gerne ansehen…

    Den Pressemeldungen zu folgen, beruht die “Schrumpfungshypothese” auf EINEM Cro-Magnon Schädel — wäre das wirklich alles, wäre es mächtig dünn. Wir wissen, dass bei rezenten Homines sapientes das Hirnvolumen zwischen (etwa) 1100 und 2000ccm schwankt: Was soll ich da aus EINEM Individuum an Trends herauslesen?

  5. @Helmut Wicht:

    Am besten wartet man einfach auf Hwk’s Veröffentlichung seiner Daten (sowas dauert in der (Paläo)anthropologie wie üblich ca. ein Jahr, denn Preprintserver nutzen wohl nur Mathematiker und Physiker). John Hawks betreibt auch eine paläoanthropologische Artikeldatenbank:
    http://johnhawks.net/biblio

    Das mit der Hirnschrumpfung ist allerdings seit langem Konsens, etwa Hawks: “The reduction in brain size during the last 10,000 years is a really well-known fact in anthropology, it is not at all controversial. It is, for example, discussed in the introductory-level textbook that I assign my students.” Ich erfuhr davon auch aus allen möglichen Publikationen, z.B. aus der Neurologie, und bei früheren Kommunikationen mit diversen MPI’s (zu anderen Themen, aber ich bin halt allgemein neugierig). Einer der Gründe für das bisherige Verweilen des Themas im Hintergrund ist natürlich, dass man in der Paläoanthropologen zwischen, etwa, dem Homo Erectus und dem modernen Menschen und den verschiedenen Varianten dazwischen nicht groß unterscheidet. In ein paar Tagen kann man sich vielleicht selbst ein Bild machen, denn dann startet Werner Herzog’s 3D-Film über die Chauvet-Höhle, deren Nutzung ca. 30.000 Jahre zurückliegt. Wenn man dann den Eindruck gewinnt, unter heutigen Menschen könnten nur Ausnahmegenies wie Picasso o.ä. solche Darstellungen produzieren, ist der Fall eigentlich schon erledigt, angesichts der sehr niedrigen Populationsdichten damals.

  6. @T.: “…ist der Fall eigentlich schon erledigt…” – Er wäre es vielleicht, wenn Hirngröße und kognitive Kompetenz eng genug korrelierten. Tun sie innerhalb unsere Spezies jedenfalls nicht, soweit ich (Kangol-Kappengröße S) das verstehe.

    @Helmut Wicht: Danke bei der Gelegenheit für die Empfehlung von Goulds ‘The Mismeasure of Man’. Wirklich lohnend: kompetent, kritisch, gut lesbar, überraschende Informationen, richtiges Engagement gegen ethnische oder soziale Diskriminierung. Dennoch bin ich nicht letztlich überzeugt von seiner These, daß sowohl angeborene als auch allgemeine Intelligenz Artefakte der Testmethode sind und sogar auf rassistischen oder klassistischen Vorurteilen ihrer Befürworter gründen. Da scheint mir Pinkers Beobachtung zutreffender: “I find it truly surreal to read academics denying the existence of intelligence. Academics are obsessed with intelligence. They discuss it endlessly in considering student admissions, in hiring faculty and staff, and especially in their gossip about one another. Ideological denials aside, academics probably have a similar relationship to intelligence that professional athletes have to innate athletic talent.”

  7. @ “T” und @ Bolt und Hirnschrumpfung

    @ “T”
    Hm.
    Muss ich mir wohl mal ein Anthropologielehrbuch neueren Datums beschaffen. Das Netz gibt mir auf die Schnelle nichts weiter her als das:

    http://www.hopkinsmedicine.org/FAE/CBRETTWH1997Nature.pdf

    Ist aber schon alt (1997), behauptet aber das, was auch mir noch im Kopfe war – Stasis, aber kein Regress.

    @ Bolt
    Dem Pinkert’schen Zitat würde ich zustimmen, weil es “Talent” (nature) und “Training” (nurture) zusammenbringt.

    Was ich – wenn ich es recht bedenke – an der “Schrumpfungshypothese” reizvoll finde (womöglich sollt’ ich sie mir doch zu eigen machen…), ist, dass man damit womöglich am Stuhlbein des “encephalozentrischen Thrones” sägen kann, auf den sich manche Hirnforscher so gerne setzen, wenn sie dem publico vorzumachen versuchen, dass der Mensch zuletzt auf sein Hirn reduzibel sei. Womöglich – wenn es wirklich schrumpelt – ist der Erfolg des Sapiens ja gar nicht dem Einzelhirn geschuldet – sondern der Masse aller Hirne, dei da miteinander kommunizieren. So nach Mao Tse Tung etwa: “Viele Menschen sind viele gute Ideen”. Und summa (Einzelhirnmasse x Populationsstärke) gab’s sicher noch nie so viel Menschenhirn wie heutzutag.

  8. @Helmut Wicht: Mao

    Lustiger Gedanke, daß die Schrumpfhirnhypothese den Maoismus rehabilitieren könnte. Leider hat der ja die globale Intelligenz und den menschlichen Ideenreichtum reduziert, indem er die Populationsgröße drastisch verkleinerte. Aber auch das hat der Große Vorsitzende durchschaut: “Fehler liegen immer an der Führung. Und der größte Feind sitzt im eigenen Hauptquartier.”

  9. @ Bolt

    Mao – oh!
    Hat er sich (Massenmördereien aussen vor gelassen) nicht mit genau DIESEM Spruch gegen die Geburtenkontrolle gewandt? Oder lieg’ ich da ganz daneben?

  10. @Wicht

    “Oder lieg’ ich da ganz daneben?” – Da bin ich überfragt. Ich hatte vor 30 Jahren mal einen Chef, der fand, er müsse mich nicht nur in Klavier- und Cembalobau sondern auch in Maoismus ausbilden. Von dem habe ich alles gelernt, was ich darüber weiß. Und es ist nicht viel.

    Ich war damals schon eher humanistisch (“humboldtscher Virus” in seinen Worten) und bin es geblieben. Muß wohl in den Genen liegen.

  11. @ Bolt

    …grmpf.

    Wo ist meine Mao-Bibel?
    Ich hatte mal eine.
    Wie wir alle.
    Rot.
    Plastikeinband.
    Dünndruck.
    Um die Eltern mit dem Besitz zu erschrecken.
    Reingelesen.
    Dünnpfiff.
    Damals noch für schlau gehalten.
    Womöglich bin ich aber jetzt, wo ich dies schreibe, obstipiert.

    Rote Bibel von Mao irgendwann verloren.
    Gut so, sage ich jetzt.

    “Condemnatio memoriae”.

    Ob ich die gerade über seine Spruchweisheiten oder über meine Jugend ausspreche – wer weiss.

  12. @Götz Müller

    Die Gehirngröße wird überwiegend durch die Körpergröße bestimmt. Allerdings nimmt bei Vergrößerung des Körpers die Gehirngröße nicht im gleichen Verhältnis zu. Eine proportionale Zunahme würde mathematisch eine Steigung der Regressionsgeraden von 1 ergeben; es liegt jedoch eine Steigung von 0,7 vor. Das bedeutet: Bei Vergrößerung des Körpers nimmt die Größe des Gehirns zwar absolut zu, aber relativ ab; man nennt das negative Hirnallometrie. So haben Spitzmäuse Gehirne, die bis zu 10% ihres Körpergewichts ausmachen, während beim Blauwal das Gehirn nur 0.01% der Körpermasse bildet. Beim Menschen sind es 2%.

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