Schnell, schneller, am schnellsten – Entwicklungsvorsprung

BLOG: Hochbegabung

Intelligenz, Sonntagskinder und Schulversager
Hochbegabung

Was ist eigentlich ein Entwicklungsvorsprung? Bei einem Kind, das deutlich früher als seine Altersgenossen zu sprechen beginnt, früher motorische Meilensteine wie das Krabbeln, Laufen oder den Pinzettengriff erreicht oder auch früher Aufmerksamkeit auf Tätigkeiten richten und länger halten kann, spricht man gerne von einem Entwicklungsvorsprung. So nennt es dann meist die Erzieherin im Kindergarten.

Entwicklungsvorsprünge deuten an, dass ein Kind über besondere Fähigkeiten (und auch Umweltanreize) verfügt, die den Entwicklungsprozess beschleunigt haben. An sich sind es ja mehrere Vorsprünge aus verschiedenen Bereichen, die zusammen kommen und sich zu einem komplexen Bild fügen. Und darauf könnte sich eine Hochbegabung aufbauen.

Aber aufgepasst: Je jünger Kinder sind, desto größer dürfen Abweichungen von der Entwicklungsnorm sein. Stabil müssen diese Vorsprünge also nicht bleiben, tun sie es trotzdem, so ist von einer wirklichen Hochbegabung auszugehen. Man kann hieraus schließen, dass Hochbegabung nichts anderes als ein kognitiver Entwicklungsvorsprung ist, der sich über die schwierigen Zeiten der Entwicklung hinweg als stabil erweist. So galt frühes Lesen vor einigen Jahren als recht stabiler Indikator für eine höhere Begabung, heute aber muss hierfür eine besondere Lesequalität vorliegen, da die mediale Welt als Umweltanreiz Kinder viel früher mit Buchstaben konfrontiert als vor 20 Jahren.

Somit ist Hochbegabung in dieser Betrachtungsweise eine quantitive Abweichung von der Entwicklungs- und Altersnorm, nicht mehr und nicht weniger. Für ein entwicklungsschnelles Kind, welches im Alter von 5 Jahren bereits 17 und 8 zügig zu 25 aufsummiert (ohne seine Finger zu nutzen), müsste dann gelten, dass es einfach nur den typischen Ablauf des Addierens schneller gelernt hat. “Anderes” Denken scheint nicht vorzuliegen.

Götz Müller

Veröffentlicht von

Götz Müller ist Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut und Leiter des Instituts für Kognitive Verhaltenstherapie (IKVT). Er arbeitet beratend und diagnostisch mit Familien hoch begabter Kinder und Jugendlicher. In der psychotherapeutischen Arbeit beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit dem Underachievement bei Hochbegabten, hier insbesondere bei Jugendlichen.

8 Kommentare

  1. Treffend definiert 😉

    und…was in der Wissenschaft ja selten der Fall ist…diese Umschreibung lässt sich schwer, nein eigentlich überhaupt nicht widerlegen …..

    Herzlich willkommen im Scilogger-Club…
    Bin gespannt was da noch über Schulversager und Sonntagskinder kommt ;-)….

  2. Frühes Lesenlernen

    Ich halte das “frühe Lesen lernen” nach wie vor für den besten Hinweis auf Hochbegabung, insbesondere, wenn das Kind von sich aus danach strebt, nicht nur Buchstaben aus dem – heute sicher überall vorhandenen – Angebot zusammenzustopseln, sondern “verstehen” will, worum es geht. Es ist eine deutliche Demonstration von zielgerichteter Neugier, mit der sich das Kind sehr geschickt aus der Abhängigkeit von den Erwachsenen als Informationsquelle abkoppeln möchte – vor allem, wenn diese Erwachsenen rasch genervt sind von der unstillbaren Neugier des Kindes.
    Wer mal mitbekommen hat, wie ein Kind sich anhand der “Micky Maus”-Comics selbst das Lesen beibringt und sich dann durch jedes nur greifbare Buch durchfrisst und keine Scheu vor einer kompletten Bibliothek hat – vow!
    Rasche Vernetzung von Informationen, auch komplexerer Art – was sonst ist Lesen?
    Aber Hochbegabung ist ja nicht nur das Meistern intellektueller Aufgaben – insofern sind die gern zitierten “130 aufwärts” beim IQ nur bedingt zur Messung von HB geeignet. In unserer akademisch geprägten Bildungsbürgerwelt sind sie es allerdings. Und was würde diese besser charakterisieren als Lesen?
    Doch: da ist noch etwas: Schreiben.
    Willkommen im SciLogs-Club, Götz Müller, mit hoffentlich vielen interessant geschriebenen Beiträgen!

  3. Hochbegabung muss nicht notwendigerweise mit »sichtbarem« Entwicklungsvorsprung einhergehen. Denn auch hochbegabte Kinder leben nicht selten völlig normal und unauffällig. Und gerade Eltern, die aufgrund eigener Hochbegabung annehmen, dass auch ihre Kinder hochbegabt sind, lassen ihre Kinder bewusst Kinder sein. Leider hat sich in den letzten Jahren die frühe Beherrschung schultypischer Fähigkeiten als ein vermeidlich sicheres Zeichen für hohe Intelligenz in den Vordergrund gemogelt, sodass manch ein Elternteil sich schnell dazu hinreisen lässt, das eigene »arme« Kind mit allerlei Lernspielzeug auf die Nerven zu gehen.

  4. Entwicklungsvorsprung

    Wenn jemand einen Film schneller entwickelt als ein anderer, dann ist er der schnellere Entwickler, aber keinesfalls zwangsläufig der bessere Photograph oder Filmemacher.

    Wenn jemand etwas schneller entwickelt, dann macht er es deswegen noch lange nicht auch besser als derjenige, der mehr Zeit braucht.

    Ich bin zum Beispiel ein ziemlich langsamer Esser.
    Sind jetzt die Schnelleressenden bessere Esser oder habe ich Vorteile der Langsamkeit in Form von besserer Verdaulichkeit und somit Nutzung der Nährstoffe sowie evtl. sogar mehr Genuss auf meiner Seite?

    Und: Hat der, der um 12:00 Uhr isst (und noch dazu vielleicht wesentlich mehr!) irgendwie “mehr drauf” als einer, der um 14:00 Uhr isst (und weniger)?

    Ich finde, dass in den Beurteilungen von Hochbegabung und dergleichen viel zu viel Quantifizierungsaspekte den Vorrang geniessen.

    In der Natur bestimmen Verhältnismässigkeiten, inwieweit etwas vorteilhaft ist oder eben nicht.
    Schiere Quantität ohne assistierenden Kontext ist die typische “Big. Bigger! Burger-King!!!”-Mentalität.
    Das kann man selbstverständlich so fressen oder aber weniger friktionslastig dinieren, indem man eine Aspektausgewogenheit pflegt.

    Der Mensch ist ja nicht umsonst so “erfolgreich” als Spezies – er besitzt von allen Spezies die beste Ausgewogenheitsbilanz bei grösster Variablenvielfalt.

    Dass er die nicht angemessen nutzt steht auf einem anderen Blatt.

    Ein Entwicklungsvorsprung ist nur dann für den Betroffenen von Vorteil, wenn er dadurch Vorteile für sich generiert. Aber ein Frühleser kann mit seinem Wissen nicht mehr in dem Alter anfangen als ein Nicht-Leser, da deren Erlebniswelt und Handlungsmöglichkeiten eng begrenzt sind (oder möchte jemand behaupten, dass Yanomami-Kinder unglücklicher oder in ihren Verhaltensspielräumen eingeschränkter sind als die Klienten eines Hochglanz-Begabungsmaximierungs-Kindergartens?) .
    Achilles und die Schildkröte in einen Schuhkarton gepackt – wer kommt denn da wo schneller an (Nur so nebenbei: Wer ewig so viel und schnell rennt wie Achilles kriegt erstens vom Leben eindeutig weniger mit und lebt ausserdem deutlich kürzer, von wegen Stoffwechselrate – fragt mal die Schildkröte*g)?

    M.E. wäre es sinnvoller, man würde sich auf alters- und möglichkeitengerechte Entwicklung und Einrichtung von Stimulanz- und Entfaltungsspielräume kaprizieren.

    PS.: Bei mir zuhause wurden auf 5 Spielplätzen alle(!) Geräte abgebaut und aus Kostengründen nicht ersetzt.
    Bei meinen Kindern wurden und werden laufend Stunden in sportlicher, künstlerischer und musikalischer Entfaltung ersatzlos gestrichen.

    Fazit: Homer´s Odysse mit 5 im Original auswendig rezitieren zu können ist sicherlich bemerkenswert, aber im Zweifelsfalle, so behaupte ich, wäre dem Kind ein intakter Abenteurspielplatz und ausreichend Zeit für soziales Kontakttraining wichtiger.

    Und mir ist einer lieber, der soziale Kompetenz hat, als dass er noch so “schlau” sei…

  5. genial

    ich kenne mich in ihre Branche nicht so aus, aber mit Finanzen und ich finde dass “Entwicklungsvorsprung” würde genial passen zu unsere aktuelle Situation, Krise usw. , also ich wünsche mir, dass einen “Kind”, also ein Mensch, erkennt die Chancen der krise und früher als sein “Altersgenossen” zu sprechen beginnt,krabbelnt sich weiter, und hilft uns weiter zu kommen, sowas wie obama, er ist so ein Kind, in positivem Sinne.

  6. ist es typisch, dass kinder mit ihrem “können” warten, weil sie annehmen, dann würde es ja schneller weitergehen?
    Mein Sohn, mit 7 eingeschult…hat vorher nicht gezeigt, dass er im zahlenraum bis 500 addieren und subtrahieren kann, im normalen Raum bis 20 hat er “vor uns gerechnet”…nach 4 wochen schule…fing er an zu stören…und ständig schimpfwörter vor sich her zu sprechen…dafür wurde er in der schule bestraft…dann ist er richtig auffällig geworden..

  7. ZITAT:
    “Ich halte das “frühe Lesen lernen” nach wie vor für den besten Hinweis auf Hochbegabung, insbesondere, wenn das Kind von sich aus danach strebt, nicht nur Buchstaben aus dem – heute sicher überall vorhandenen – Angebot zusammenzustopseln, sondern “verstehen” will, worum es geht…”

    Welche Ehre, einem solchen Experten einmal widersprechen zu dürfen :-)))
    Zwar stimme ich Ihnen zu, dass sehr früher Leseerwerb (zwischen 2 und 4 Jahren?) sehr auf eine Hochbegabung hindeutet.
    Es gibt allerdings auch nicht wenige hochbegabte Kinder, die durch einen einzigen dahingesagten Satz von Eltern oder Erziehern (“Das lernt man in der Schule, da musst du noch warten!”)das Vorhaben Lesen lernen spontan aufgeben.
    Kinder, die großen Wert darauf legen, sozial angepasst zu sein (oftmals Mädchen), verkneifen sich das Streben nach Schulfertigkeiten, zum Schaden ihrer eigenen Entwicklung.
    Leider sehen auch viele Erzieher, Lehrer und Eltern später dieses fehlende Können als Gegenargument für eine Hochbegabung: Das Kind kann gar nicht hochbegabt sein, denn es hat erst in der Schule lesen gelernt!

    Aber wo ich Ihnen unbedingt beipflichte: diese verflixte Zahl 130 ist wirklich nur bedingt geeignet, eine komplexe Sache wie eine Hochbegabung zu beschreiben. Um so länger ich in der Hochbegabtenberatung bin, um so weniger kann ich mich mit dieser strikten Einteilung (130 ja – 129 nein?) anfreunden.

  8. FrühleserInnen / FrühschreiberInnen

    Nicht alle Kinder, die früh lesen oder schreiben, sind deshalb gleich hochbegabt. Einige weitere Merkmale müssen dazukommen: Sie müssen es sich selbst beigebracht haben, sie sollten auch außer dem Lesen einige Dinge früher können und weitere Indizien mehr. Wie man mit frühlesenden Kindern umgeht – ob hochbegabt oder nicht – habe ich in einem Beitrag auf der unten angegebenen Website zusammenzutragen versucht.

Schreibe einen Kommentar