Hochbegabte: eine besondere Minderheit?

Als Angehörige/r einer Minderheit hat man es nicht immer leicht. Vorurteile der Gesellschaft sind an sich schon anstrengend; zusätzlich können diese auch das Selbstbild beeinflussen, und dann wird das Ganze noch einmal stressiger. Bis man sich damit angefreundet hat, einer bestimmten Minderheit anzugehören, kann unter Umständen viel Zeit vergehen; und dass dieser Weg nicht immer leicht ist, zeigen Forschungen zu stigmatisierten Minderheiten. Sind solche Befunde auf Hochbegabte zu übertragen?

Minderheiten unter Stress

Forschung funktioniert oft so, dass man von einem bestimmten Phänomen erfährt und sich denkt, „ach, schau an – das könnte man vielleicht übertragen!“ So war es auch, als ich zum ersten Mal von Meyers „Minoritätenstressmodell“ [1] hörte. Was Minoritätenstress ist, ist relativ schnell erklärt: Minderheiten, die ein negatives Image haben, erleben zusätzlich zu dem Stress, den jeder Mensch erfährt, außerdem noch Stress aufgrund der Tatsache, dass sie dieser Minderheit angehören. Sie werden beispielsweise diskriminiert, erfahren unter Umständen sogar Gewalt – und verschärft wird das Ganze dadurch, dass sie sich den Schuh unter Umständen auch selbst anziehen und sich selbst eher in einem negativen Licht sehen. Gute Bewältigungsstrategien und insbesondere der Kontakt zu anderen Personen, die derselben Minderheit angehören und somit die Erfahrung teilen, können dagegen dazu beitragen, dass sich der Stress weniger stark in Stresserleben manifestiert.

Untersucht wurde dieses Phänomen insbesondere bei Menschen mit abweichender sexueller Orientierung, die immer noch eine stigmatisierte Minderheit darstellen. Könnte man das Modell auf Hochbegabte übertragen? Schließlich gibt es auch über diese Gruppe zahlreiche Negativklischees, etwa, dass Hochbegabte weniger sozial kompetent seien (die „Disharmoniehypothese“, der zufolge hohes intellektuelles Potenzial mit Defiziten in anderen Bereichen einhergeht) – aber eben auch positive Stereotype, wie etwa das „Überflieger“-Image, das in unserer leistungsorientierten Gesellschaft eher etwas Positives darstellt (und das sich der „Harmoniehypothese“ zuordnen ließe, die Hochbegabten keine anderweitigen Defizite oder im Gegenteil sogar eher eine generelle Überlegenheit zuschreibt; zu den Vorurteilen gegenüber Hochbegabten habe ich mich schon mal in einem anderen Artikel ausgelassen). Die Ambivalenz des Konstrukts „Hochbegabung“ machte es also noch einmal besonders spannend, diese Frage zu untersuchen!

Identitätsentwicklung bei Minderheiten

Hinzu kommt, dass man sich nicht unbedingt von jetzt auf gleich damit anfreundet, einer Minderheit anzugehören. Die amerikanische Forscherin Vivian Cass [2] untersuchte dies am Beispiel Homosexueller und stellte auf dieser Grundlage ein Entwicklungsmodell auf, das sich in verschiedene Phasen gliedert:

  1. die Verwirrung: Man ist sich seiner Identität unsicher und überlegt, ob man nicht möglicherweise eigentlich der Minderheit angehört – ein verwirrendes Gefühl! Im Verhalten ändert sich jedoch nichts.
  2. der Vergleich: Das Gefühl, zur Minderheit zu gehören, wird immer sicherer; man fühlt sich anders und entfremdet, verhält sich jedoch nach wie vor, als gehöre man der Mehrheit an.
  3. die Toleranz: Man nimmt nun hin, dass man wohl wirklich der Minderheit angehört, aber nach wie vor lebt man dies noch nicht aus.
  4. die Akzeptanz: So langsam folgt das Verhalten nun dem Gefühl – aber erst mal nur im vertrauten Kreis.
  5. der Stolz: In dieser Phase erfolgt eine Art „Überidentifikation“ mit der Minderheit, in der man offensiv zeigt, dass man zu dieser gehört, teilweise auch der Mehrheit deutlich zu verstehen gibt, wie ungerecht sie einen früher behandelt hat, und dieser eher ablehnend gegenübersteht.
  6. die Integration: Nun ist man sich seiner Identität sicher – man fühlt sich der Minderheit sicher zugehörig, zeigt das auch, aber man hat auch gelernt, die anderen zu akzeptieren, mit denen man ja durchaus auch einiges gemeinsam hat.

Ein Weg voller Schlaglöcher, könnte man sagen – und es liegt nahe, dass der Minoritätenstress je nach Phase auch nicht immer gleich stark ausgeprägt ist. Was läge also näher, als die beiden Modelle zu kombinieren? Und sie dann auch noch auf Hochbegabte zu übertragen? [3] Dass sich auch Hochbegabte stigmatisiert fühlen können, haben die amerikanischen Forscher Lawrence Coleman und Tracy Cross in ihren Untersuchungen hochbegabter Jugendlicher herausgefunden [4]. Das Jugendalter ist ja eine ganz zentrale Phase der Identitätsentwicklung – und hochbegabte Jugendliche, die von anderen negative Reaktionen erwarteten, verhielten sich auch prompt anders, etwa, indem sie versuchten, ihre Begabung zu verstecken, sich im Unterricht nicht mehr meldeten oder sagten, sie hätten eine schlechtere Note geschrieben, als dies tatsächlich der Fall war; die dazugehörige Forschung ist unter dem Oberbegriff „stigma of giftedness“ in die wissenschaftliche Literatur eingegangen.

Minoritätenstress und der holprige Weg zur integrierten Identität: auch bei Hochbegabten?

Gemeinsam mit meiner Masterkandidatin Johanna Ziemes ging ich also an die Umsetzung der Studie. Cass hatte die verschiedenen Phasen der Identitätsentwicklung bei Homosexuellen durch gezielte Fragen erfasst; diese übertrugen wir nun, so weit möglich, auf das Phänomen Hochbegabung. Für die Phase „Akzeptanz“ wäre es beispielsweise typisch, dass man die „geistigen Zügel“ schießen lässt, wenn man mit anderen Hochbegabten zusammen ist, sonst aber nicht jedem auf die Nase binden muss, dass man hochbegabt ist; ähnlich funktionierte das für die anderen Phasen.

Dann ging es ans Eingemachte an die Befragung: Insgesamt 742 Mitglieder des Hochbegabtenvereins Mensa in Deutschland füllten den Online-Fragebogen aus. Das ist natürlich eine selektive Stichprobe – Menschen, die sich aufgrund ihrer hohen Begabung mit anderen zusammentun, sind vermutlich nicht repräsentativ für Hochbegabte insgesamt, sondern haben vielleicht einfach mehr Freude daran, unter ihresgleichen zu sein, sind in ihrem Berufsleben unterfordert und brauchen daher den Kontakt mit ähnlich intelligenten Menschen – viele Gründe sind denkbar. So ähnlich hatte Cass allerdings auch begonnen; und als erster Schritt erschien es uns nicht als die schlechteste Lösung, Hochbegabte da anzusprechen, wo sie zusammenkommen.

Mit den Daten untersuchten wir zunächst, ob unser adaptierter Fragebogen die sechs Phasen von Cass‘ Modell abbildete. Dies kann man prüfen, indem man jede Phase als einen sogenannten „Faktor“ konzipiert, dem diejenigen Fragen im statistischen Modell zugeordnet werden, die theoretisch zu ihm gehören sollen. Wenn das Ganze so passt wie geplant, zeigt sich das in bestimmten „Passungsindizes“, statistischen Kennwerten, die einem zeigen, ob das theoretische Modell und die empirischen Daten einigermaßen übereinstimmen oder ob man Anpassungen vornehmen sollte (etwa, weil eine Frage besser zu einem anderen Faktor passt). Weil es hier darum geht, das vorgefasste Faktorenmodell (hoffentlich) zu bestätigen, nennt man dieses Vorgehen „konfirmatorische Faktorenanalyse“. In unserem Fall passte das Ganze einigermaßen gut, wir mussten nur minimale Änderungen vornehmen.

Hochbegabt sein ist anstrengend – aber keineswegs immer!

Die zweite Frage war die des Minoritätenstresses in Abhängigkeit von der Identitätsentwicklungsphase. Hierzu überprüften wir die statistischen Zusammenhänge zwischen der Phase (= dem Mittelwert aller Fragen, die zu dieser gehören) und verschiedenen Indikatoren des psychosozialen Wohlbefindens, etwa der allgemeinen Lebenszufriedenheit, einer negativen Einstellung zu Hochbegabung, Stresserleben, Depression, Einsamkeit, Selbstwert und Glück. Außerdem schauten wir, ob in den verschiedenen Phasen eher günstige („adaptive“) oder ungünstige („maladaptive“) Bewältigungsstrategien vorherrschten. Günstig sind Strategien wie soziale Unterstützung zu suchen oder eine Erfahrung positiv umzudeuten, zu den ungünstigen Strategien gehört beispielsweise, sich selbst Vorwürfe zu machen oder sich zurückzuziehen. Das Muster, das sich zeigte, war relativ deutlich: Irgendwann zwischen der Phase der „Akzeptanz“ und der „Integration“ wendet sich das Blatt zum Guten! Hohe Werte in der Phase „Integration“, die anzeigen, dass man mit seiner hohen Begabung gut klarkommt, gehen einher mit höherer Lebenszufriedenheit und einem höheren Selbstwert, weniger Depressionen, Stress und Einsamkeit und einer positiveren Einstellung zur eigenen Hochbegabung. Adaptive Bewältigungsstrategien sind stärker ausgeprägt, maladaptive dagegen schwächer als in den früheren Phasen. Ein erfreuliches Ergebnis für diejenigen, die sich mit ihrer Begabung bereits gut arrangiert haben

Als drittes schauten wir uns an, ob sich die Befragten auch als „Typen“ gruppieren ließen. Der Ansatz ist hier ein etwas anderer: Während wir bei den vorangegangenen Analysen alle Daten zusammenpackten und uns Zusammenhänge zwischen Variablen über die ganze Gruppe anschauten, geht es bei der „latenten Profilanalyse“, die wir in diesem Schritt durchführten, darum, Teilgruppen zu bilden, die möglichst unähnliche Profile aufweisen, wobei sich jedoch die Personen innerhalb einer Gruppe möglichst ähnlich sein sollen. Auch dies lässt sich über verschiedene Passungsindikatoren statistisch absichern. Perfekt aus theoretischer Sicht wäre es gewesen, wenn wir für jede Phase einen eigenen „Typus“ gefunden hätten – etwa die Gruppe der „Toleranten“, die der „Integrierten“ oder die der „Verwirrten“; das war jedoch allein schon deshalb nicht zu erwarten, weil „unsere“ Hochbegabten ja allesamt schon wussten, dass sie hochbegabt waren, die frühen Phasen also vermutlich unterrepräsentiert sein würden.

Die Ergebnisse legten vier Teilgruppen nah. Die erste zeichnete sich durch durchweg hohe Werte in den ersten vier Phasen und niedrige Werte in Phase 5 („Stolz“) und 6 („Integration“) aus. Bei der zweiten Gruppe zeigte sich dann bei etwas niedrigerem Ausgangswert in der ersten Phase ein kontinuierlicher Anstieg bis zur vierten Phase bei ebenfalls niedrigeren Werten in der fünften und sechsten Phase. Die dritte Gruppe wies ein ausgeprägtes „Akzeptanz“-Profil (ein „Gipfel“ bei Phase vier) auf, die Werte in allen anderen Phasen waren eher niedrig. Die vierte Gruppe konnte schließlich als die „integrierte“ bezeichnet werden: Hier gab es ein klares Maximum in Phase 6. Interessanterweise zeigte keine der Gruppen ein irgendwie geartetes Maximum in Phase 5 – die „Stolzen“ scheint es also als Gruppe nicht zu geben! Möglicherweise lässt sich das genau mit der Ambivalenz des Konstrukts „Hochbegabung“ erklären: Dadurch, dass Hochbegabung auch sehr positive Seiten hat, empfinden Hochbegabte möglicherweise gar nicht so sehr die Notwendigkeit, sich mit ihrer Hochbegabung zu überidentifizieren und das Merkmal somit aufzuwerten – denn es genießt an sich ja schon einen gewissen gesellschaftlichen Wert.

It’s getting better (man!)

Da wir die Personen nur einmal befragt hatten, lagen nur querschnittliche Daten vor; dennoch legten die verschiedenen Teilgruppen nah, dass es sich dabei um eine zeitliche Abfolge handeln könnte. Die erste Gruppe wäre beispielsweise noch relativ wenig weit in ihrer Identitätsentwicklung fortgeschritten, weil sie den Aussagen der frühen Phasen noch stark zustimmt, denen der späteren jedoch nicht. Die vierte Gruppe dagegen ist mit ihrer Hochbegabung ziemlich im Reinen und wäre somit schon weit fortgeschritten. Ein statistischer Test zeigte, dass man eine solche „Reihenfolge“ von Gruppe 1 hin zu Gruppe 4 annehmen könnte. Das war ein wichtiges Ergebnis – denn nun konnten wir uns anschauen, ob die Zeit seit dem ersten „Verdacht auf Hochbegabung“ und die Zeit seit dem tatsächlichen Intelligenztestergebnis die Wahrscheinlichkeit, in welcher Gruppe jemand ist, beeinflussen.

Und dem war auch so. Mit jedem Jahr, das seit dem „Erstverdacht“ bzw. seit der „Diagnose“ vergangen war, stieg die Wahrscheinlichkeit, einer „späteren“ Gruppe anzugehören, um ca. 2 bis 3 Prozent. Das scheint auf den ersten Blick nicht riesig viel, über die Jahre kommt da jedoch einiges zusammen. Auch wenn die Zeit allein also vielleicht nicht alle Wunden heilen kann, die im Laufe der Identitätsentwicklung geschlagen werden, ist die Botschaft also durchaus ermutigend: Es wird im Lauf der Zeit besser. Welche Faktoren außerdem dazu beitragen, den Weg zur „integrierten“ Identität zu ebnen, wollen wir in zukünftigen Studien weiter erkunden. Wenn Sie Ideen dazu haben, schreiben Sie gern etwas ins Kommentarfeld!

Eingeschränkt werden die Ergebnisse natürlich dadurch, dass unsere Stichprobe nicht repräsentativ für alle Hochbegabten ist. Spannend sind sie aber trotzdem, finde ich – und zeigen außerdem, dass auch die Untersuchung spezieller Teilgruppen interessante Erkenntnisse liefern kann. Begabtenförderprojekte basieren ebenfalls in der Regel nicht auf Repräsentativstichproben; dennoch ist es sinnvoll, sie zu untersuchen. Möglicherweise kann man die Zugehörigkeit zu einem Hochbegabtenverein ja auch als eine Art „sozioemotionales Begabtenförderprojekt“ betrachten? Diese Frage wird uns auf jeden Fall weiterhin umtreiben, denke ich.

Wer gerne den wissenschaftlichen Artikel dazu lesen mag: Der obige Blogbeitrag basiert auf Baudson, T. G., & Ziemes, J. F. (2016). The importance of being gifted: Stages of gifted identity development, their correlates and predictors. Gifted and Talented International, 31, 19–32.

Fußnoten und Literatur

[1] Meyer, I. H. (2003). Prejudice, social stress, and mental health in lesbian, gay, and bisexual populations: Conceptual issues and research evidence. Psychological Bulletin, 129, 674–697.
[2] Cass, V. C. (1979). Homosexuality identity formation. Journal of Homosexuality, 4, 219–235.
[3] Nun ja, so unmittelbar erschließt sich der Zusammenhang vielleicht nicht jedem … zumindest einer der Gutachter des Manuskripts, das letzten Endes daraus entstand, fand die Analogie ein wenig weit hergeholt. Letzten Endes konnten wir ihn jedoch zum Glück davon überzeugen, dass die Idee nicht ganz abwegig ist!
[4] Coleman, L., & Cross, T. (1988). Is being gifted a social handicap? Journal for the Education of the Gifted, 11, 41–56.

Veröffentlicht von

Dr. rer. nat. Tanja Gabriele Baudson ist Diplom-Psychologin und Literaturwissenschaftlerin. Seit Oktober 2016 vertritt sie die W3-Professur für Methoden der Empirischen Bildungsforschung an der Technischen Universität Dortmund. Davor hatte sie zwei Jahre lang die Vertretung des Lehrstuhls für Pädagogisch-psychologische Diagnostik an der Universität Duisburg-Essen inne. Ihre Forschung befasst sich mit der Identifikation von Begabung und der Frage, warum das gar nicht so einfach ist. Vorurteile gegenüber Hochbegabten spielen hierbei eine besondere Rolle - nicht zuletzt deshalb, weil sie sich auf das Selbstbild Hochbegabter auswirken. Hierzu hat sie eine Reihe von Studien in internationalen Fachzeitschriften publiziert. Sie ist außerdem Entwicklerin zweier Intelligenztests. Im April 2016 erhielt sie den SciLogs-Preis 2016.

13 Kommentare zu »Hochbegabte: eine besondere Minderheit?«

  1. Nicolas Wolff Antworten | Permalink

    Hallo Frau Dr Baudson,

    Danke für diesen aufschlussreich en Artikel.

    Mich persönlich würde die spezielle Gruppe der psychisch erkrankten Hochbegabten interessieren, weil ich selbst als Betroffener den Eindruck nicht los werde, dass ich auch eine Sonderstellung unter hbs einnehme.

    Ich konnte zwar einiges im Netz finden, aber hier wünsche ich mir persönlich viel mehr Klarheit.

  2. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Lieber Herr Wolff, vielen Dank für Ihren Kommentar! Das ließe sich möglicherweise unter die "twice-exceptionals" (2e) subsumieren. Glaube, dass die Kombination von hohem Potenzial und einem Faktor, der die Umsetzung des Potenzials behindert (psychische Erkrankungen, Aufmerksamkeitsdefizite, Körperbehinderungen, Teilleistungsstörungen ?), eine große Herausforderung ist ? einerseits natürlich für die Betroffenen selbst, andererseits aber auch konzeptuell für das Umfeld, das diesen scheinbaren Widerspruch oft genug nicht aufgelöst bekommt. Die Frage habe ich auf dem Schirm ? aus der Datenerhebung, aus der die Studie entstanden ist, haben wir auch noch einige qualitative Angaben, die man unter dieser Fragestellung mal anschauen könnte! Vielen Dank für die Idee.

    Herzliche Grüße und alles Gute,

    Tanja Gabriele Baudson

  3. denkfix Antworten | Permalink

    Hochbegabung

    Frau Baudson,

    Ist Hochbegabung allgemein oder bezieht sie sich auf "Begabung".

    Ich selbst halte mich für mittelmäßig begabt und kann nur bestätigen, was sie vermuten. Stolz ist eine Eigenschaft der Unterbegabten. "Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz".

    Dass es Hochbegabte schwerer haben , bezeugt eine weiterer Spruch: "Dumm sein und ein Amt haben " als Garant für ein sorgenfreies Leben.

  4. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Hallo denkfix, meinen Sie mit "allgemein", dass es um eine bereichsübergreifende Begabung (allgemeine Intelligenz o.ä.) vs. bereichsspezifische Begabungen (und diese möglicherweise auch im nichtintellektuellen Bereich) geht?

    Sie dürfen allerdings nicht den Denkfehler machen, aus dem Befund, die "Stolz"-Phase gebe es bei Hochbegabten nicht, zu folgern, es gäbe sie am Gegenpol. Wir hatten nur Hochbegabte befragt, deshalb können wir über den Rest keine Aussage machen.

    Liebe Grüße

    Tanja Gabriele Baudson

  5. Heiner Prahm Antworten | Permalink

    Eine schöne Analyse, ein sehr guter Ansatz, nur leider wenig hilfreich für jene Hochbegabten die sich tatsächlich im Konfliktfeld eines Minoritätenstressmodells befinden.

    Als hochbegabter Vater einer 8 jährigen hochbegabten Tochter (HAWIK IV IQ 140) ist es eine ganz besondere Herausforderung auf der einen Seite die Umwelt zu 'modellieren' und auf der anderen Seite seinem hochverständigem, in vielen Bereichen den meisten Erwachsenen intellektuell weit überlegenem Kind (Sprachverständnis Testalteräquivalent 16;10) beizubringen, dass es zu einer extremen Minorität gehört und klar zu machen was das für das Leben bedeutet (besser bedeuten kann), denn ich ertappe mich ständig dabei mich selbst zu sehen und es ist leider, genauso wie ich es schon vor der Geburt unseres Kindes befürchtet hatte. ES HAT SICH IN DER GESELLSCHAFT NULL KOMMA NULL GEÄNDERT. (PUNKT). Ich kann die Erfahrungen die ich als Kind gemacht habe tatsächlich 1 zu 1 übertragen und ich bin 100% Realist und bin immer bestrebt mich und meine eigene Geschichte auszunehmen; aber bei rein objektiver und wirklich knallharter sachlicher Analyse muss ich feststellen, dass sich seit 1978 rein GARNICHTS geändert hat.

    Lehrer/innen (vor allem in den Grundschulen) wissen in der Regel NICHTS über Hochbegabung, das Schlimmste ist, dass selbst in Schulen die Hochbegabtenförderung auf der Agenda haben, nicht mal die Schulleitung irgendwelche rudimentäre Ahnung hat. Ich bin im Falle meiner Tochter sehr bewusst einen extrem harten Weg gegangen und habe als die ersten Probleme (extrem Langeweile, Schulphobie) eintraten kompromisslos, bis hoch zur Kultusministerin alles 'eingeschaltet' was das Schulsystem hergab, Schuldezernentinnen, Fachberaterinnen, Schulpsychologen, wir saßen am Ende mit 12 Personen am runden Tisch und dann kam der Schlüsselspruch der Schulleiterin (der Grund warum ich hier schreibe)

    "Ihre Tochter ist doch ein normales Kind, Sie können doch nicht alles am Thema Hochbegabung festmachen!"

    Und da sind wir dann bei Thema 'Minoritäten'!

    Lässt sich irgendein Aspekt des Lebens eines Hochbegabten Menschen, zu irgendeinem Zeitpunkt seines Lebens, vom Thema Hochbegabung lösen?

    Ich habe der Schulleiterin versucht zu erklären, das Hochbegabung etwas ist, dass sich im Wesen des Menschen befindet und sich nicht trennen lässt und ich habe sogar den Transgender Vergleich gebracht.

    Um solche Sachverhalte zu verstehen und daraus adäquate Schlüsse zu ziehen, benötigt es viel Wissen, Lebenserfahrung, Umsetzungsvermögen und (nicht zuletzt) viel Intellekt. All das habe ich leider nicht angetroffen, mit einer Ausnahme, ein wirklich hochmotivierter, sehr fähiger, junger Schulpsychologe, der letztlich, aber auch an der Realität scheitert (und scheitern muss)

    Was wollte ich eigentlich sagen?

    Ich denke, gerade als Elternteil ist es wichtig seinem hochbegabtes Kind reinen Wein einzuschenken und von Anfang an klar zu machen, wie die Welt ist (oder besser sein kann) für Hochbegabte.

    Meine Tochter und ich haben nach dem ganzen Stress in der Schule, jetzt richtig viel Spaß, denn der Druck ist weg und ist jetzt woanders und meine Tochter darf leben und die Probleme haben jetzt andere.

    Liebe Grüße

    Heiner

  6. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Freut mich auf jeden Fall zu lesen, dass Ihre Tochter wieder Spaß hat (und Sie auch)! Ich glaube, den Intellekt haben Sie schon ganz richtig als Ressource identifiziert. Auch das ist etwas, was man auch Kindern schon vermitteln kann ? dass der "Ferrari im Kopf" schon echt toll und durchaus sehr nützlich sein kann.

    In der Tat fehlt da noch sehr viel an Wissen, welches in der Lehrkräfteausbildung nur unzureichend vermittelt wird (oder zumindest wurde ? es wird aus meiner Sicht langsam besser). Dass dies selbst in Schulen vorkommt, die besonders Begabte fördern wollen, finde ich erschreckend. Wobei ich zumindest den Teil der Aussage, Ihre Tochter sei ein "normales Kind", gar nicht dumm fand. Ich selbst finde den Begriff der "Normalität", wie er häufig gebraucht wird ? als Trennung zwischen akzeptabel und behandlungsbedürftig ? eher wenig zielführend, weil er immer eine Verengung der komplexen Realität darstellt. Jeder Jeck ist anders, sagt man in Köln, und das ist ja im Grunde sogar die Idee hinter der Inklusionsdebatte (aus der die Hochbegabten aus mir unerfindlichen Gründen ja nach wie vor weitgehend ausgeklammert werden): dass jedes Kind so sein darf, wie es ist, mit all seinen individuellen Besonderheiten. (Über die Umsetzung lasse ich mich hier jetzt nicht aus ;))

    Aus meiner Sicht wäre es ? gerade im Zuge der Inklusion ? sinnvoll, an Schulen Expertensysteme einzurichten, sodass man für die spezifischen Herausforderungen jeweils mindestens eine/n Ansprechpartner/in hat, der/die sowohl Ahnung von als auch Interesse an der Materie hat und sich mit Diagnostik und mit Förderung auskennt. Es gibt ja durchaus Lehrkräfte, die sich für das Thema Hochbegabung interessieren, ebenso, wie es Lehrkräfte gibt, die sich für sozio-emotionale Behinderungen, ADHS, Lese-Rechtschreib-Störungen etc. interessieren ? alles Aspekte, die gezielter Förderung bedürfen. (Bei kleinen Schulen könnte man das ja auch in Kooperation lösen.) Zentral fände ich allerdings, dass die Lehrkraft für das Thema intrinsisch motiviert sind und es nicht "von oben" aufgedrückt bekommen.

    Interessant fand ich Ihren Satz, ob man irgendeinen Aspekt im Leben von der Hochbegabung trennen könnte. Ich würde sagen, insofern nein, als durch die größere "Bandbreite" aufgrund der höheren Informationsverarbeitungskapazität ja permanent mehr an Informationen aufgenommen wird als bei durchschnittlich Begabten (wobei man vermutlich auch als Hochbegabter lernen muss, sich nicht von Irrelevantem ablenken zu lassen ? beim Lernen solcher Strategien haben Hochbegabte, die ja ein großes Potenzial zum Lernen haben, aber möglicherweise dann auch wieder einen Vorteil). Aber die Frage ist, wie wichtig einem selbst die eigene Hochbegabung ist, welche Rolle sie für die Identität und das Selbstverständnis spielt ? ob sie also gerade sehr wichtig für einen ist, auch, um sich von anderen abzugrenzen (das ist ja die ewige Balance: einzigartig sein und gleichzeitig dazugehören zu wollen), oder ob sie lediglich ein Merkmal von vielen ist, die einen als Person ausmachen, und man mit anderen eigentlich doch einiges gemein hat. Für letzteres ist aus meiner Sicht das Gefühl, von anderen verstanden zu werden, eine ganz zentrale Voraussetzung. Insofern beglückwünsche ich Sie ganz herzlich, dass Sie Ihrer Tochter so den Rücken stärken. (Und falls Sie es nicht ohnehin schon getan haben, sagen Sie ruhig auch mal dem Schulpsychologen, wie sehr Sie seinen Einsatz schätzen. A jeder Mensch braucht des ;))

  7. Eva Martin Antworten | Permalink

    Hochbegabung und Autismusspektrum

    Ein stark überproportionaler Anteil an Hochbegabten sind auf dem Autismusspektrums (s.a. Asperger-Syndrom). Die Identitäts- oder Persönlichkeitsentwicklung, die bei neurotypischen Kindern im wesentlichen im Vorschulalter stattfindet und vom Rollenspiel mit anderen getrieben wird, findet bei Leuten auf dem Autismusspektrum später und anders statt. Auch ist das Gefühl des Fremdseins unter den Menschen bei vielen stark ausgeprägt ("Der Junge vom Saturn", "Wrongplanet", die Fee, die so tut, als sei sie wie die anderen Menschen etc.).

    Es kommt einem vor, als würde das zentrale Thema Autismusspektrumsstörung bei der Hochbegabtenforschung oder - förderung weitgehend unterschlagen. Gibt es Forscher oder Pädagogen, die sich speziell damit beschäftigen?

  8. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Nein, unterschlagen wird da nichts ;) Die Diagnostik ist auch nicht ganz trivial. Es gibt da nämlich zwei Probleme: (1) die Fehldiagnosen ? dass "hochbegabtes" Verhalten als "autistisch" interpretiert wird, und (2) die Doppeldiagnosen ? dass ein Kind sowohl hochbegabt als auch autistisch ist. Beides wird in den USA intensiv untersucht; 2015 kam die Übersetzung eines sehr guten Buchs von James T. Webb zu dem Thema heraus, "Fehldiagnosen und Doppeldiagnosen bei Hochbegabung", wenn ich den Titel richtig im Kopf habe. Im ersten Fall, den Fehldiagnosen, muss man genau die Ursache für das Verhalten erkunden und beobachten, ob es in allen Kontexten auftritt; die Idee dahinter ist, ob tatsächlich die Kompetenzen fehlen (Können) oder ob der Kontext verhindert, dass diese umgesetzt werden (Wollen). Im zweiten Fall, den Doppeldiagnosen, kommt erschwerend dazu, dass das eine das andere maskieren kann. Die hohe Begabung ermöglicht einem, den "kognitiven Umweg" des Schlussfolgerns aus zahlreichen Informationen zu gehen, wo Neurotypische ihr Gegenüber intuitiv verstehen. Das Ergebnis ist phänotypisch annähernd dasselbe; gefördert wird aber dadurch in keinem Bereich, weil die Person ja keine manifesten Probleme hat. Die Differentialdiagnostik ist auch bei anderen Problemen (z.B. Aufmerksamkeitsdefiziten) eine ziemliche Herausforderung; dazu finden Sie bei Webb bei Interesse auch einiges.

  9. Georg Obermayer Antworten | Permalink

    Studie repräsentativ - wirklich?

    In der Mensa sind nicht alle Hochbegabte, sondern selektiv nur diejenigen, die sich gern dort sehen/mit anderen austauschen wollen. Insofern ist die Studie überhaupt nicht repräsentativ. Aus eigener Erfahrung - hochbegabt, getestet - sehen sich nicht viele in der Mensa auf Grund des "elitären" Umfelds dort. Fragen Sie einmal in den FB-Foren, ergänzend.

  10. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Lesen Sie den Beitrag vielleicht ganz bis zum Ende ;)

    Im übrigen finde ich, dass auch nicht repräsentative Teilgruppen es durchaus wert sind, beforscht zu werden. (Strenggenommen ist das ja eher die Regel als die Ausnahme.)

  11. Susan Antworten | Permalink

    Autismus und Hochbegabung

    @ Frau Martin

    Worauf beruht denn ihr Interesse an einer Verbindung beider Themen? Privat? Beruflich? Oder einfach so; weil spannend?

    Ich habe 20 Jahre mit Kindern gearbeitet, auch mit Kindern die eine tiefgreifende Entwicklungsstörung hatten, welche nicht heilbar ist, ich verwende absichtlich mal nicht das Wort Autismus, da dieser Begriff in Zeiten des Internets auch leider so eine Art Unterhaltungswert, bzw. den Touch des Besonderen/ Ausseralltäglichen/ "Habenswerten" bekommen hat, vorallem in Verbindung mit Begabung.

    Was haben sie denn schon gelesen an Fachlektüre? ( Kann man ja auch aus reiner Neugierde tun, ohne dass man beruflich damit konfrontiert ist).

  12. Desillusiosa Antworten | Permalink

    Titel *

    Vielen Dank für den Artikel. Er ist absolut nachvollziehbar.

    Mir kommt es jedoch teilweise so vor, als ob da Luxusprobleme aufgezeichnet werden.

    Es gibt Menschen, die kommen aus einfachen Arbeiterhaushalten und bekommen heutzutage selbst mit hervorragenden Schulnoten das Abitur versagt, weil Eltern völlig vernagelt sind. Diese Kinder werden im Elternhaus teilweise wie Aussätzige behandelt, sobald es um ihr Anderssein, ihren Bildungshunger, andere Schullaufbahn (ja selbst nur das Abi machen wollen reicht aus, das Kind zu ignorieren oder fertig zu machen), oder Studienwunsch allgemein geht. Das ist selbst so, wenn die Schule die Eltern berät.

    Die Kinder bekommen solche großen Konflikte mit den Eltern und mit sich selbst, dass sie dann erst recht auffällig werden. Denn sie sind ja abhängig von den Eltern. Die Schwierigkeiten reichen dann bis zur Depression und offener Aggression.

    Und der Kopf ist permanent damit beschäftigt, sich selbst zu beschwichtigen, aufrechtzuerhalten, motivieren, trösten. In einem solchen Umfeld fühlt man sich wie vom anderen Stern, was einem auch noch auf höchst unangenehme Weise gespiegelt wird.

    Man lernt so weder Selbstbewusstsein noch das Positive in sich und den zwischenmenschlichen Beziehungen zu sehen.

    Weiter geht es damit, dass dann selbst bei sehr erfolgreich abgeschlossenem Studium, sobald man aus Notwendigkeiten heraus Hilfsarbeiten macht und dann psychisch krank wird (oder auch nur eine Krise hat?) in der Fachwelt das Thema genauso unbekannt ist. Viele Jahre Therapien nutzen rein gar nichts. Erstens weil die Fachwelt einen nicht versteht, zweitens weil auch berufliche Chancen abgefahren sind, mangels finanzieller Fördermöglichkeiten.

    Wohin soll man integriert werden? In Hilfsarbeiten oder eine Werkstatt für Behinderte?

    Es ist insgesamt oft genug einfach nur "die Hölle", die man einfach nur überstehen muss.

    Dann fühlt man sich sehr dumm:

    weil man das Leben nicht auf die Reihe bekommt,

    weil man nicht mal Therapie auf die Reihe bekommt,

    weil viel Dümmere einen fünffach überholen in allen Lebensbereichen.,

    weil man am Ende erwerbsunfähig ist und Sozialhilfe bekommt.

    weil alle Bemühungen (scheinbar) doch nichts nutzten.

    Es wird in 25 Jahren Behandlung kein Test gemacht.

    Und es wird nicht vermutet, dass man hochbegabt sein könnte:

    weil man aus der "Unterschicht" kommt,

    weil man Hilfsarbeiten macht (sofern man die überhaupt noch schafft),

    weil man aus einer anderen Kultur kommt (ja aus der DDR zu stammen reicht leider aus),

    weil man Psychodiagnosen hat,

    weil man kein Kind mehr ist (denn da wird gesucht),

    weil man Frau ist,

    weil man doch halbwegs normal tickt.

    Es ist verdammt viel Aufklärungsarbeit nötig.

    Und die Menschen brauchen verdammt viel Unterstützung, vor allem die aus den unteren gesellschaftlichen Schichten, die aus anderen Kulturen und die mit stigmatisierenden Diagnosen.

    Den Eltern sollte man zur Pflicht machen, sich anzuhören, welche außerordentlich negativen Konsequenzen es haben kann, ein solch schlaues Kind dermaßen auszubremsen (langfristig und aktuell), damit sie anfangen zu überlegen.

    Es geht nicht nur um Förderung, Glück, Laufbahn. Es geht sogar um sehr große gesundheitliche und soziale Probleme, die durch Nichterkennen von Hochbegabung erst entstehen können, bzw. sich trotz (oder wegen ;-) ) Behandlung langfristig stark verschlimmern können, bis hin zur dauerhaften Erwerbsunfähigkeit und Sozialhilfebezug, und das Abschieben dieser Menschen in Einrichtungen für psychisch Kranke, die einen ebenfalls nicht bezüglich Hochbegabung aufklären.

    Viele Grüße

    Desillusiosa

  13. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Ich sehe das genauso wie Sie. Und ich denke schon, dass Negativstereotype und deren Verinnerlichung eine ganz wichtige Rolle dabei spielen, ob Begabung erkannt (und dann auch gefördert) wird oder nicht ? in letzterem Fall oft genug mit den Konsequenzen, die Sie beschreiben. Ob das Modell sich auf Hochbegabte insgesamt verallgemeinern lässt, müssen natürlich die Daten zeigen (ich könnte es mir vorstellen, aber das ist nicht das Kriterium). Ein "Luxusproblem" würde ich das nicht nennen.

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