Gottesbilder denken – Leben gestalten. H. von Hentig zur Gottesfrage

BLOG: Hinter-Gründe

Denk-Geschichte(n) des Glaubens
Hinter-Gründe

Vollkommen außerhalb der derzeitigen Diskussionen um Theismus-Atheismus, um den „Glauben“ an die Existenz von Gott oder Göttern – auch völlig außerhalb aller möglichen oder eher unmöglichen rechthaberischen Versuche, die jeweilige Gegenposition nur „niederzumachen“ – fiel mir in diesem Sommer wieder eine kleine Schrift in die Hände: Hartmut von Hentig, Du fragst mich was Gott ist und ich will dir antworten was er für mich ist. Diese „Rede an einen Konfirmanden“ kam 1977 heraus. Das Heft mit nur 32 Seiten ist anscheinend vergriffen, kann aber noch antiquarisch bezogen werden. Selbstverständlich nimmt es die gegenwärtigen wissenschaftlichen Fragen nicht auf, auch nicht die religionswissenschaftlichen. Und, was mich zögern ließ, es zeichnet von Darwin ein ziemlich schiefes, zumindest überholtes, Bild: Hentig skizziert u.a. den Sozialdarwinismus – als Bespiel einer der uns begegnenden Lebenseinstellungen – und führt ihn zu direkt auf Darwin selbst zurück. Doch davon später. Was dieses Jahr durch von Hentig nicht erklärt und deshalb über ihn gesagt oder vermutet wurde – das ließ mich zwar auch zögern. Aber das ist hier nicht mein Thema.

Heft-Cover vHentig

 

Das Büchlein ist also nicht einfach aktuell. Aber dessen Gesichtspunkte könnten doch manchen in den aktuellen Diskussionen zumindest von ihrem hohen Streitross herunterholen, die Diskussion etwas auflockern.

Die Fragestellung

Schon wie Hentig einsetzt, ist interessant: Nicht beim Gegensatz zwischen Wissen und Glauben, Religion und Wissenschaft… und nicht bei diffizilen philosophischen oder kosmologischen Fragen, die mit der Physik (oder auch der) Biologie ins Gespräch zu kommen versuchen. Auch nicht damit, dass der vorwissenschaftliche Mensch Fragen, die heute durch Wissenschaft geklärt werden können, etwa aus Erklärungsnotstand religiös beantwortet habe. Sondern, ohne dies als Begründung zu nennen, so wie Religionen wohl wirklich als kulturelle Äußerung des Menschen entstanden sind: bei Fragen, die zu allen Zeiten sich Menschen aufdrängen können. Es geht um Glück oder Furcht oder Neid oder Schuld, um Forderungen anderen oder sich selbst gegenüber; und vieles mehr, das Menschen veranlasst, nach einem inneren Wirkgesetz des Lebens zu fragen.
Anschaulich macht er die Struktur solcher Fragestellungen mit einem angenehm zeitgemäßen und zugleich überzeitlichen „Gleichnis“: „Stell dir vor, ein ‚Marsmensch’ käme auf die Erde“ – ein Lebewesen gleich wie wir, aber ohne Kenntnis dessen, was Autoverkehr und seine Regeln bedeuten. Dies muss er an einer belebten Straßenkreuzung erst erforschen, um einigermaßen sicher auf die andere Straßenseite zu gelangen. Weil er die Sprache der Erdenmenschen nicht beherrscht, muss er selbst beobachten und abschätzen, wie es diese machen, dass sie unbeschadet hinüber kommen. Und wenn es doch einen Schaden gibt, woran das liegen könnte. Er wird sich daraus eine Theorie bilden, die ihm das Überqueren dieser Kreuzung und das Überleben auf dieser Erde möglich macht. Er wird sich zurechtlegen, was das (für ihn bislang noch) geheime Gesetz dieser Straßenkreuzung ist.
Genau so suchen Menschen immer nach dem „Gesetz der Welt“, nach den Grundregeln dieses Lebens und nach dessen möglichen Spielregeln und ihren Ausnahmen: „Die Menschen haben also das Leben beobachtet – ihr eigenes, das in ihrer Umgebung, in ihrer eigenen Zeit und auch das früherer Menschen – um dadurch zu einer Formel zu kommen: Was passiert wenn? Was meint das Leben eigentlich mit mir?“ Er legt dafür fünf Schneisen, fünf Antworten.

Fünf Antworten 
Religions-SymboleDie nebenstehenden Symbole verschiedner Religionen beziehen sich nicht auf die "fünf Antworten". Hentig wählt andere aus; dabei, wohl absichtlich,  auch zwei nicht direkt religiöse.

Einmal die Antwort der „alten Juden“: Das Gesetz dieser Welt ist die Gerechtigkeit. Du musst Gutes tun, damit dir Gutes widerfährt. „Das Prinzip dieser Welt ist wie eine große Buchhaltung oder auch wie eine richterliche Person… ‚Jahwe’ nannten sie ihn, ihren Gott, und versuchten, seinen Zorn zu vermeiden“: die Strafe für versäumte Gerechtigkeit. Und „sie haben alles aufgeschrieben, was in ihrer Erfahrung diese Erkenntnis bestätigte.“
Eine zweite Antwort – die der „alten Griechen“: „Es geht sehr launisch in dieser Welt zu; niemand kann seinem Glück wirklich trauen“. Die Natur ist „selbstsüchtig, unberechenbar… Die vielfältigen Eigenschaften der Welt konnte man sich sehr gut als eine Vielzahl von sehr eigenartigen Personen vorstellen… ‚Götter’ nannte man sie – und versuchte, sich gut mit ihnen zu stellen… Wie sie einen treffen, ist nicht vorhersehbar: wir erfahren es als ‚Schicksal’ – Getroffensein“. Am besten: „… man macht sich klein, wer nicht zu hoch steigt, kann nicht zu tief fallen…“
Dritte Antwort, dagegen – die Antwort der „Philosophen unter den alten Griechen“: Nichts ist zufällig. Die Welt ist ein geordnetes Ganzes, eben ein „Kosmos“. Alles herrscht nach dem „Gesetz der Vernünftigkeit“. Der Mensch muss nur das Maß aller Dinge finden. Dazu befähigt ihn die Philosophie.
Aber ist das nicht zu „konstruiert“? zu schön, um wahr zu sein? So kommt von Hentig auf die vierte Antwort, die Antwort Darwins: Das Leben ist ein Kampf, in dem nur die Tüchtigsten überleben und sich fortpflanzen – oder die, die eine Nische finden. „Das Recht des Stärkeren oder des Schlaueren“ setzt sich durch. „Das Prinzip dieser Welt ist also ziemlich grausam“.
Wie schon angekündigt: Hier sieht Hentig Darwin durch die Brille des Sozialdarwinismus und tut der Person und den aus seinen Forschungen heute gezogenen Folgerungen Unrecht. Ich hätte hier lieber nicht Darwin genannt sondern eher den Raubtierkapitalismus. Aber Darwin hat ja anscheinend manches im Begriffshorizont dieses sich ausbreitenden Kapitalismus formuliert. Und das hatte von ihm so nicht beabsichtigte aber auch nicht wegretuschierbare Folgen. In die Reihe der uns vorliegenden Antworten nach dem „Gesetz der Welt“ gehört dieses „Recht des Stärkeren“ durchaus, leider.
Eine fünfte Antwort versucht von Hentig mit der Skizzierung der Antwort Buddhas: Macht euch frei von den Illusionen dieser Welt – nehmt Abstand von allem, was euch in diesem Leben gefangen hält. Ihr werdet nur im Leben bestehen, wenn ihr dieses Leben verneint.

Diese „fünf Antworten“ sind idealtypisch – manches nur unscharf skizziert, manches überzeichnet. Manche möglichen Entwürfe wurden auch ausgelassen. Ich könnte mir z.B. eine Skizze des Islam vorstellen: Gerechtigkeit und Barmherzigkeit sind Lernprogramme fürs Leben. Mach deine Hausaufgaben, sie sind schwer, aber sie sind lösbar.

Es gibt sicher auch verschiedene Mischungsverhältnisse zwischen diesen Lebens-Entwürfen, fließende Übergänge. Und keiner von diesen hat insgesamt nur Recht gegen die andern. Aber in allen verbleiben auch Fragen: „Bei jeder Antwort bleibt ein Rest“. Z.B. wird der jüdische Gläubige immer wieder beklagen müssen, dass Gerechtigkeit eben doch sehr oft nicht zur Erfüllung kommt. Und der griechische Philosoph wird merken müssen, dass das Leben etwas komplizierter ist als die Regeln der idealen Vollkommenheit…

Die Antwort der Liebe
Wie nun mit den doch in jedem Lebensentwurf nicht ganz lösbaren Fragen umgehen? Man mag es als pädagogischen Trick ansehen, dass Hentig da erst Jesu Antwort nennt auf die „Frage nach dem Gesetz, das in dieser Welt herrscht … und das nicht zu kennen und zu befolgen … dazu führen kann, daß man das Leben verfehlt.“ Es ist die Liebe: „eine ungeheuer machtvolle, rätselhafte, scheinbar widersprüchliche und doch ganz unverwechselbare Erfahrung. Sie bewirkt, daß wir glücklich sind und voll Angst, daß wir schenken und an uns reißen, daß wir vertrauen und zweifeln zugleich…“ Liebende erkennen die geheime Grundregel der Welt. Das lässt sich nicht in richtigen Sätzen darstellen, sondern „vor allem auch durch die Analogie seiner [Jesu] Lebensweise zur Liebe“. Das kann unter Umständen einiges kosten, „aber das Leben ist richtig gelebt, und ihr werdet das spüren“ – indem die Liebestat „mit sich und dem Ganzen in Einklang sein wird und sich selber lohnt, wie die Liebe sich selber lohnt.“  Ja, und in dem, wie Jesus dies vorgelebt hat, kann man „ ‚Gott’ sehen“.

Gott – Person oder Prinzip? Oder kein Oder? 

Aber auch damit – das vermindert den Verdacht, dass Jesus nur pädagogisch trickreich als letztgültige passende Antwort eingeführt wird – entstehen neue Fragen. Was auch mit dem „Prinzip der Liebe“ nicht so richtig lösbar ist und hauptsächlich die in der Kirchengeschichte entstandenen moralischen Katastrophen, das benennt von Hentig durchaus. Doch er zielt auf etwas anderes:
„Ist ‚Gott’ also keine Person, fragst du mich. – Ich weiß es nicht. Das kann man nicht wissen.“
Nun, das Zaudern kann man als merkwürdigen Kompromiss gegenüber den traditionellen Gottes-Erklärungen ansehen. Ist es vielleicht auch. Aber er verschweigt deren Schwierigkeiten nicht, allen voran die der Theodizee. Und führt doch auch Gründe an für diese personale Vorstellung: Je persönlicher das Prinzip der Welt als Liebe gedacht ist, umso sinnvoller könne es erscheinen, sich „Gott als Person“ vorzustellen. Vielleicht aber entspreche die personale Vorstellung von einem vollkommenen Gott nur unserer unvollkommenen Denkweise?
Dialektisch gegeneinander gestellte Gesichtspunkte, die dann zu einem für mich sehr entscheidenden Satz führen:
„Alle diese Fragen … haben zu den Konstruktionen der Gottesgelehrten geführt, die die Widersprüche vereinbar, … die überlieferte theo-mythische Sprache theo-logisch machen. Und eben diese theologische Sprache verliert die Macht über unsere Gemüter … Sie macht Gott zu etwas, was man
nur noch oder kaum noch denken kann.“

Hentig will also genau in diesen Verkrampfungen des Denkens nicht hängen bleiben, sondern darüber hinaus führen. Denn er sieht die  Irrelevanz des nur Gedachten oder kaum noch Denkbaren – wenn etwa (im besten Fall!) „Gott“ verortet werden soll in subtilen Unterscheidungen des Seins und des Seienden oder der Transzendenz in der Immanenz… Und er kann auch Winke geben, die aus mancher Sackgasse führen, wenn man dem Gesamt-Duktus seiner Darstellung folgt:
Das Durchdringen von gelebten Erfahrungen führt zu Gottesbildern, die als Bilder für sich selber keine ontologisch Wirklichkeit haben müssen, aber eben die gelebte Wirklichkeit abbilden und diese menschlich, menschengemäß, ansprechbar machen. Oder anders gesagt: Mit diesen Bildern erfinden Menschen nicht Gott, aber finden etwas vor: Wirkzusammenhänge des Lebens; und nennen diese – auf menschliche Weise – „Gott“.
Ich könnte mir auch vorstellen, dass man dabei entdeckt:
Religion ist wie ein Spiel, in dem Menschen die Spielregeln des Lebens entdecken und entwickeln. Und dabei wahrnehmen, dass es in dem, was sie da „spielen“, um die ganze Bandbreite des Lebens geht, mit seinen Höhen und seinen Abgründen. Doch wer es recht, menschengerecht, zu spielen weiß…

Veröffentlicht von

Hermann Aichele Jahrgang 1945. Studium evang. Theologie in Tübingen, Göttingen und Marburg (1964-70), Pfarrer in Württemberg, jetzt im Ruhestand. Hinter die Kulissen der Religion allgemein und besonders des in den christlichen Kirchen verkündeten Glaubens zu sehen, das war bereits schon in der Zeit vor dem Studium mein Interesse: Ich möchte klären, was gemeint ist mit den Vorstellungen des Glaubens, deren Grundmaterialien vor Jahrtausenden geformt wurden - mit deren Über-Setzung für uns Heutige man es sich keinesfalls zu leicht machen darf und denen gegenüber auch Menschen von heute nicht zu leicht fertig sein sollten.

4 Kommentare

  1. Ein Blogpost, bei dem…

    …ich bedauere, nie einen Konfirmandenunterricht besucht zu haben. Über SO spannende Themen hätte ich mich damals sicher gerne mit interessanten Leuten ausgetauscht! 🙂

    Ernsthaft: Gibt es schon so etwas wie einen zeitgenössischen Hentig? Und wenn nicht, wäre es dann nicht Zeit dafür? Solche Fragen dürften sich doch inzwischen in vielen Jugend- und Konfirmandengruppen sowie im Religionsunterricht stellen, oder!?

  2. Existenz von Gott oder Göttern

    Das ist schon differenziert zu sehen. Die Götter der Vergangenheit waren die Anunnaki-Götter vom Nibiru, wie die ausgewerteten Ausgrabungsergebnisse belegen. Sie fühlten sich im Auftrag eines Höheren – den wir wohl heute als Gott kennen – zu ihren Taten veranlasst. Die Anunnaki-Götter sind gegenüber den Menschen als Götter/Gott aufgetreten.
    1928 hat Sir L. Woolley u. a. ein komplettes Grab geöffnet und fand eine herrliche Ausstattung und das Skelett einer NIN (sumerisch Göttin). Da es wissenschaftlich natürlich (noch) keine Götter gibt und schon gar nicht tot und auf der Erde, wurde sie als Königin bezeichnet http://www.newworldencyclopedia.org/…ard_Woolley .
    Gott – Person oder Prinzip?
    Gott – Urgottvater als Person – Beten zu Gott, wir stellen uns eine Person vor, der Einfachheit halber? Aber von Gott reden – kann auch das allgemeine Verständnis sein.
    Die Liebe Jesu ist ja immer wieder genannt – der Gegensatz(?) ist ein Zitat im Konferenz-Blog von Michael Blume: “The fear of the Lord is a fountain of Life – Die Furcht vor dem Herrn ist eine Quelle des Lebens.”
    Religionsunterricht
    Bei uns gab es Religionsunterricht und ich habe sogar die Glocke geläutet und die Luft für die Orgel gepumpt – am Sonntag „zur Kirche“. Die Pfarrer haben es aber nicht verstanden, in den Religionsschülern ein Verständnis zu hinterlassen. Heute sehe ich viele Parallelen der Heiligen Schriften mit den Ausgrabungsergebnissen, bekannt ist das Gilgamesch Epos mit der Sintflut. Das hat G. Smith schon 1872 beeindruckt, als er begann die Keilschriften zu übersetzen.

  3. NIN

    bedeutet Herrin / Gebieterin nicht Göttin.

    Eine Göttin wird das erst mit dem Götterdeterminativ (*) davor.

  4. @ Sascha Bohnenkamp

    Nin Puabi: Ninsun war ihre Mutter, die wiederum Tochter von Ninurta (Sohn Enlils) und Bau (Tochter von Anu) ist. Vater von Nin Puabi war Lugalbanda (Sohn von Ischtar als Halbgott). In dieser Verbindung war Nin Puabi eine Göttin. Nin Puabi war auch die jüngere Schwester von König Gilgamesch, der nun wiederum als Halbgott bei gleichen Eltern gilt (im Detail Dreiviertel-Gott). Bei den Frauen wird das mt-Gen übertragen – das gilt hier. Es sind Anunnaki NIN – Göttin, EN – Gott vom Nibiru.
    700 Jahre nach Gilgamesch bekam Ninsun Urmammu, seinen Halbdruder, auch Halbgott, den er aber nicht mehr kennengelernt haben kann.
    Puabi trug den Titel NIN (oder EREŠ), der nicht wirklich als Königin übersetzt werden kann, so dass ihr einstiger Status offen bleiben muss: http://de.wikipedia.org/wiki/Puabi http://www.arthistory.upenn.edu/522/puabi/headdress.html
    Several cylinder seals in her tomb identify her by the title “nin”: http://en.wikipedia.org/wiki/Puabi .
    Ist doch eindeutig!
    3. Anfrage: Sie wollten doch mal Bilder haben – wo ist die E-m-Adresse dafür?

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