Julian Nida-Rümelin: Bedroht die Hirnforschung womöglich unsere humanistischen Ideale?

BLOG: GUTE STUBE

Salon der zwei Kulturen
GUTE STUBE

Julian Nida-Rümelin ist heute mein Gast in der Guten Stube. Vor einigen Wochen hatte ich das Vergnügen, mit ihm und anderen Experten im Rahmen der Münchner Wissenschaftstage eine Podiumsdiskussion zum Thema "Bewusstsein und Willensfreiheit" zu führen. Der renommierte Philosoph und Wissenschaftstheoretiker, einer breiten Öffentlichkeit auch als Kulturstaatsminister im 1. Kabinett Schröder bekannt, vertrat in der zum Bersten gefüllten Aula der LMU die Ansicht, ein reduktionistisches Menschenbild, wie es derzeit von manchen Biologen und Hirnforschern propagiert wird, berge Gefahren für unsere Demokratie und unsere humanistischen Ideale. Ich bat ihn, diesen brisanten Gedanken in der Guten Stube ein wenig zu vertiefen, und freue mich, dass er heute mein Gast ist. Herzlich willkommen im Salon der zwei Kulturen!

Bedroht die Hirnforschung womöglich unsere humanistischen Ideale?

Prof. Dr. Julian Nida-RümelinZunächst stellt sich die Frage: Haben wir humanistische Ideale? Und, wenn ja, was ist ihr Inhalt? Ich bin in der Tat davon überzeugt, dass die Demokratie als Staats- und Gesellschaftsform, auch der Rechtsstaat ohne ein Fundament in humanistischen Normen, Werten, einer humanistischen Kultur des Umgangs miteinander auf Dauer nicht lebensfähig ist. Ohne die Überzeugung, dass Menschen ihr Leben in eigener Verantwortung gestalten, dass sie dabei sich selbst auch beschädigen dürfen, weil sie den Anspruch haben für sich zu entscheiden, ohne die Einschränkung paternalistischer Gesinnung auf Kinder und Entmündigte, ist kein demokratischer Staat zu machen. Das Zivil- und Strafrecht beruht auf der Prämisse selbstverantwortlicher Akteure.

Wir können uns vertraglich verpflichten, auch wenn dies eigene Schädigung nach sich zieht. Art. 1-19 unseres Grundgesetzes formuliert individuelle Menschen- und Bürgerrechte, die eine autonome, nach eigenen Vorstellungen gelebte individuelle und bürgerliche Existenz ermöglichen sollen. Unter Humanismus verstehe ich die Auffassung, dass wir Menschen zumuten, aus Gründen zu handeln, dass sie ihre Gründe vorbringen, sich rechtfertigen können und dass wir sie daher auch verantwortlich machen dürfen. Dieser theoretische Humanismus bedarf einer ethischen Komplettierung: Wir müssen uns wechselseitig als Personen ernstnehmen, uns wechselseitig den hinreichenden Respekt entgegenbringen, die Würde des Einzelnen achten, sicherstellen, dass auch in existentiellen Notlagen diese Würde des Einzelnen nicht beschädigt wird.

Wenn es nun zuträfe, dass die Hirnforschung gezeigt hätte oder in naher Zukunft zeigen wird, dass individuelle Verantwortung eine Chimäre ist, dass wir in Wirklichkeit nur determiniert durch unsere genetische und epigenetische Ausstattung und den sensorischen Stimuli, die auf uns einwirken, handeln, dass das Abwägen von Gründen nur eine nachträgliche Rationalisierung schon vorab festgelegter Verhaltensweisen wäre, dann in der Tat wäre dieser Befund mit der humanistischen Substanz einer demokratischen Staats-, Rechts- und Gesellschaftsordnung unvereinbar. Es ist gut zu wissen, dass es sich so nicht verhält. Es gibt keinerlei neurowissenschaftliche Befunde, die diese weitreichende These, dass unser Deliberieren, das Abwägen des Pro und Contra, unsere moralischen Überzeugungen keine Rolle spielen für das, was wir tun. Es gibt keinerlei empirische Evidenz für die These, dass persönliche Verantwortung eine Chimäre sei und daher die alltägliche moralische Praxis, wie die Rechtspraxis, auf einer Illusion beruht.

 


Homepage von Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin

Carsten Könneker

Veröffentlicht von

Carsten Könneker Zu meiner Person: Ich habe Physik (Diplom 1998) sowie parallel Literaturwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte (Master of Arts 1997) studiert – und erinnere mich noch lebhaft, wie sich Übungen in Elektrodynamik oder Hauptseminare über Literaturtheorie anfühlen. Das spannendste interdisziplinäre Projekt, das ich initiiert und mit meinen Kollegen von Spektrum der Wissenschaft aus der Taufe gehoben habe, sind die SciLogs, auf deren Seiten Sie gerade unterwegs sind.

17 Kommentare

  1. Die Erpressung mit der falschen Alternative

    Julian Nida-Rümelins Argumentation erinnert an den beliebten apologetischen Kunstgriff der Theologen, den Hans Albert einmal treffend als eine “Erpressung mit der falschen Alternative” bezeichnet hat. Theologen zitieren gerne Dostojewskij, der einmal gesagt haben soll: “Wenn es Gott nicht gibt, ist alles erlaubt!” Nach ihrer Ansicht beruht die Moral auf der Religion. Wer die Existenz Gottes in Zweifel zieht, untergräbt daher auch die Moral. Wenn wir nicht wollen, dass sich die Menschen zum alleinigen Herrn über Gut und Böse erklären und eine Umwertung aller Werte vornehmen, müssen wir daher an unserem Glauben an Gott festhalten.

    Sowenig Gott die Grundlage der Moral ist, sowenig ist die Willensfreiheit die Grundlage des Rechtsstaates. Der Rechtsstaat hat die Aufgabe, ein friedliches Zusammenleben der Menschen zu ermöglichen. Um ein friedliches Miteinander zu garantieren, ist es erforderlich, dass jedem Menschen individuelle Rechte zuerkannt werden, die weder von anderen Menschen noch vom Staat verletzt werden dürfen. Ob die Handlungen der Menschen determiniert sind oder nicht, ist hierfür vollkommen belanglos. Das friedliche Zusammenleben der Menschen erfordert, dass Rechtsverletzungen geahndet und Rechtsbrecher zur Verantwortung gezogen werden.

    Ob es nun “Gott, Freiheit und Unsterblichkeit” gibt oder nicht, unsere moralische Praxis des Lobens und Tadelns und unsere rechtliche Praxis des Anklagens und Bestrafens sind sinnvoll und gerechtfertigt, weil sie für ein friedliches Miteinander unerlässlich sind. Wir sollten uns daher auch nicht erpressen und uns weismachen lassen, dass der durchaus berechtigte Zweifel an der Existenz Gottes und der Willensfreiheit der Anfang vom Ende sind.

  2. @ Edgar Dahl @ Fischer

    @ E. Dahl: ..auf den Punkt gebracht …danke ! Ich lese immer sehr gerne Ihre Beiträge 😉

    @ Fischer: ..ja – wäre schön, wenn die Fläche dafür ausreichte.. …hätten Sie schon eine Abnehmerin ;-))

  3. Freier Wille pro/contra Verantwortung

    Alle Aussagen von Hr. Nida-Rümelin bzgl. der Notwendigkeit von Eigenverantwortung des Menschen in der Gesellschaft kann ich nur unterstreichen.
    Die Aussage bzgl. der Notwendigkeit eines freien Willens zur Verantwortung kann ich nicht nachvollziehen.
    Zur Fähigkeit Verantwortung zu tragen ist freier Wille keine Voraussetzung.
    Unsere gesamten ethischen und moralischen Strukturen stammen im wesentlichen aus der christlichen Lehre.
    Das Christentum aber verlangt vom Menschen eine Lebensführung, von der alle, auch der Klerus, genau wissen, dass die Natur des Menschen ein solches Leben eigentlich unmöglich macht.
    Trotzdem werden wir irgendwann (beim jüngsten Gericht) dafür zur Verantwortung gezogen, die Regeln nicht eingehalten zu haben.
    Schon die Kirche als Ursprung unserer Moral und Ethik also trennt (nicht vorhandenen) freien Willen und Verantwortung.
    Ebenfalls fragwürdig ist die Annahme, dass ein Verhalten, das nominell determiniert ist, auch tatsächlich vorausberechnet werden kann. Man sollte hier streng zwischen theoretischer Vorbestimmung und tatsächlicher Möglichkeit unterscheiden. Der Mensch wird per Definition nie alle Parameter die ihn selbst, und damit sein Handeln, bestimmen nachvollziehen können, weil zumindest die Handlungen, die zur gerade durchgeführten Analyse gehören hier nicht inbegriffen sein können (Das ist das Prinzip der Unmöglichkeit eines geschlossenen Systems in der Natur).
    Das heisst es ist nicht wesentlich, ob die Wissenschaft Möglichkeiten aufzeigt, den Menschen und seine Handlungen zu berechnen, da mit der Steigerung der Komplexität der durchgeführten Analyse auch das zu analysierende Objekt immer komplexer wird. Damit wird eine Berechnung zukünftiger Handlungen eines Menschen per Definition genau so unmöglich wie das Erreichen der Lichtgeschwindigkeit mit einer Ruhemasse ungleich Null.

  4. Freiheit und Verantwortung

    Wäre schade, wenn die Diskussion hier abbrechen würde, denn es scheint mir nach wie vor eine offene Frage zu sein, worin denn nun die tatsächlichen Konsequenzen des Determinismus bestehen.

  5. Determinismus

    “Wissen, das allein durch Denken entstanden und als solches nicht durch Tatsachenerfahrungen gedeckt ist, aber als Ausgangspunkt zu weiteren Erkenntnissen unumgänglich ist, heißt apriorisches Wissen, a priori gesetztes Wissen oder einfach vorausgesetztes Wissen.”

    Dieser Satz steht in Wikipedia unter dem Begriff a priori, den auch Kant für seine Definition einer ‘Erkenntnis a priori’ verwendete.
    Kant benutzte diese idealisierte Vorstellung eines Gedanken aus dem Nichts, dem Göttlichen, um einerseits den Idealen seiner Zeit nicht zu widersprechen, andererseits, um den, für jeden ordentlichen Philosophen damals wie heute ganz wichtigen Ansatz eines Gottesbeweises zu erbringen, für ihn war diese Erkenntnis a priori das Göttliche im Menschen.
    Bei näherer Betrachtung sieht man, dass gerade diese Vorstellung einer Wirkung (Erkenntnis) ohne Ursache (a priori) in unserem wissenschaflichen Weltbild eigentlich keinen Platz mehr hat.
    Determinismus bedingt aber das Vorhandensein einer letztendlichen Ursache, da wir als Menschen eben nicht fähig sind Ursachen bis ins Unendliche zu verfolgen und damit zu determinieren.
    In der Quantenmechanik ist Determinismus durch die Heisenbergsche Unschärferelation unmöglich gemacht worden (Ort und Impuls eines Teilchens lassen sich nicht gleichzeitig mit beliebiger Genauigkeit feststellen).
    Genau die Definition der kleinsten Teilchen wäre aber nötig, um auch determinierte Zustände im makroskopischen Bereich zu ermöglichen, da jeder makroskopische Zustand ja eine Aufsummierung von Teilchenzuständen ist.

    Auf Grund dieser Gedanken wird die hundertprozentige Analyse eines Menschen und seines Verhaltens aber prinzipiell unmöglich, auch wenn uns die Wissenschaft immer bessere Instrumente zur Analyse gibt. Letzte Gewissheit werden wir niemals bekommen.

    Fazit: nicht der Geist ist unerforschlich, wir scheitern bereits an der Physis.

  6. Empirische Evidenz für Willensfreiheit

    “Es gibt keinerlei neurowissenschaftliche Befunde, die diese weitreichende These, dass unser Deliberieren, das Abwägen des Pro und Contra, unsere moralischen Überzeugungen keine Rolle spielen für das, was wir tun. Es gibt keinerlei empirische Evidenz für die These, dass persönliche Verantwortung eine Chimäre sei[…].”

    Es sei die Frage erlaubt, ob es denn für die von Ihnen vertretene Position der Willensfreiheit irgendwelche empirische Evidenz gibt? Sind Ihnen neurowissenschaftliche Untersuchungen bekannt, die unser Denken ausserhalb von Nervenzellen und ihrem überaus komplexen Zusammenspiel ansiedeln? Meines Wissens arbeitet alle Welt in der Neurowissenschaft daran, Denken und Entscheiden als Funktionen des Gehirns zu erklären – ohne Zuhilfenahme eines “Reichs der Freiheit”. Sollten morgen Forscher hieb- und stichfest zeigen können, wie unser Gehirn Selbstbewußtsein, moralisches Denken, “freies” Entscheiden etc. rein materiell oder “monistisch” (also ohne Zuhilfenahme eines immateriellen “Reichs der Freiheit”)erzeugt – meinen Sie wirklich, dass wir dann unsere humanistischen Normen und unseren demokratischen Rechtsstaat über Bord werfen müssten? Dass wir die Gefängsnistore öffnen müssten, weil es “Schuld” dann strenggenommen nicht mehr geben kann, da sich nunmal dann bei gleichen Naturgesetzen und gleichen Rand- und Anfangsbedingungen niemand anders verhalten kann, als er es tut?
    Müssten nicht vielmehr schlicht die bisherigen philosophischen Begründungen und Argumente für unseren Rechtsstaat etc. der neuen empirischen Situation der Hirnforschung angepasst und entsprechend überarbeitet werden?

    Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie “in die Bütt” steigen würden und sich zu den Einwänden der Kommentatoren äußern würden!

  7. Konsequenzen des Determinismus

    Ich bin erstaunt, wie gleichmütig die Kommentatoren ein deterministisches Weltbild akzeptieren (würden). Anscheinend haben sie nicht zu ende gedacht. Sicherlich wäre es auch in einer deterministischen Welt von allgemeinem Interesse einen Serienkiller wegzuschließen. (Da ja alles automatisch abläuft, hat jedoch niemand mehr Einfluss darauf, ob dies auch geschieht!) Aber welchen Sinn hat es noch jemanden zu loben, zu tadeln oder gar zu bestrafen, wenn er ein Spielball der Naturgesetze ist? Strafen impliziert die Absicht ein unerwünschtes Verhalten zu verändern. Der Übeltäter kann dies aber nicht willentlich tun. Daher wäre »Strafen« in solch einer Welt eine sinnlose Schikane. Mir persönlich ist die Vorstellung am unangenehmsten, nicht mehr Herr meiner eigenen Gedanken zu sein: Alles, was ich gerade denke, läuft wie ein Computerprogramm ab. Ein »Ich« gibt es nicht mehr. Ich bin zum machtlosen Zuschauer meines eigenen Lebens degradiert.
    Dies war nur eine kleine Andeutung der Konsequenzen. Zum Glück ist der »Laplacesche Dämon« jedoch bereits in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts – hauptsächlich durch die Quantentheorie – beerdigt worden.

  8. Gleichgültigkeit

    @Thorsten Amrhein
    Meine Gleichgültigkeit dem Determinismus, die so groß gar nicht ist, nährt sich hauptsächlich aus der Tatsache, dass dieser einfache, nur das Objekt erschliessende Determinismus sowieso nie zum Tragen kommen kann.
    Wenn Sie sagen, Lob oder Tadel wäre bei einem determinierten Lebewesen sinnlos, so stimmt das einfach nicht, denn auch das sind Formen des interagierens, der betroffene Mensch nimmt Signale aus seiner Umgebung auf und verarbeitet sie, kurz, ob er will oder nicht, er verändert damit sein Verhalten.
    Ich habe das in einem früheren Beitrag bereits geschrieben, dass die Summe der kognitiven Erfahrungen von uns nicht komplett in einem deterministischen System aufgelöst werden kann, und daher Determinismus, auch, wenn er formal möglich wäre, in der Realität nie zum Tragen käme.

  9. Dämonen @Amrhein

    “Aber welchen Sinn hat es noch jemanden zu loben, zu tadeln oder gar zu bestrafen, wenn er ein Spielball der Naturgesetze ist? “

    Um diesen Punkt noch etwas zu vertiefen: Als Determinist bin ich der Ansicht, dass sich bei gleichen Naturgesetzen und GLEICHEN RAND- UND ANFANGSBEDINGUNGEN niemand anders verhalten kann, als er sich verhält. Lob, Tadel, Strafandrohung etc. sind ein entscheidender Teil dieser Rand- und Anfangsbedingungen – und daher auch für einen Vertreter dieser Position alles andere als sinnlos!!

    “Alles, was ich gerade denke, läuft wie ein Computerprogramm ab. Ein »Ich« gibt es nicht mehr. Ich bin zum machtlosen Zuschauer meines eigenen Lebens degradiert.”

    Wenn ich als Determinist, salopp formuliert, der Meinung bin, dass es in unserem Gehirn nur mit natürlichen Dingen vorsichgeht, heisst dies noch lange nicht, dass dort ein Computerprogramm abläuft. So wie es aus prinzipellen Gründen unmöglich ist, selbst bei Kenntnis von Position, Bewegungszustand etc. sämtlicher Atome des Universums die Zukunft vorauszusagen, ist auch der “Output” unseres Gehirns nicht vorhersagbar wie die Reaktion eines Computerprogramms. Es können ja in Regionen, in denen Entscheidungen getroffen werden (im “Bauch”), u. a. auch Zufallsmechanismen integriert sein – so wie wir alle wissen, dass ein besonderer Duft in der Luft, eine Assoziation an ein Kindheitserlebnis, eine plötzliche “Laune” unsere Entscheidung für oder gegen etwas beeinflussen können.

    Warum es kein “Ich” geben soll, wenn in meinem Gehirn keine Blitze aus dem “Reich der Freiheit” einschlagen und dadurch Einfluss auf den Aktivitätszustand meiner Neuronen nehmen (oder wie soll ich mir das Funktionieren unseres Gehirns in einer nicht-deterministischen Welt vorstellen?), ist mir unklar.

  10. @ Weilguny @ Poweronoff

    @ Weilguny:
    Ihre Unterscheidung zwischen »formalem« (bzw. »nominalem«) und »realem« Determinismus finde ich etwas irritierend. Der Determinismus kann real sein, auch wenn wir niemals in der Lage sein werden die Zukunft zu berechnen. Die Frage der möglichen Vorausberechnung finde ich daher nicht so entscheidend. Die Frage ist, ob unser Verhalten kausal determiniert ist oder nicht.

    @ Weilguny + Poweronoff:
    Ich stimme mit Ihnen darin überein, dass auch ein determiniertes Lebewesen sein Verhalten durch Lob oder Tadel ändern kann. Nur wofür soll ich jemanden loben, der unwillentlich etwas getan hat? Sie müssen dann zumindest den Sinn von »loben« uminterpretieren als einen rein funktionalen oder instrumentalen Begriff, der die Bedeutung von »Anerkennung« eingebüßt hat. Noch heikler wird es im Rechtswesen: Sie müssten beispielsweise jemanden, der bei einem Autounfall einen anderen Menschen getötet hat, mit jemandem, der einen Mord begangen hat – also planvoll vorgegangen ist –, gleichsetzen. Die Schwere einer Tat könnte nicht mehr danach beurteilt werden, ob der Verursacher mit Vorsatz gehandelt hat oder nicht. Vorsatz setzt nämlich einen freien Willen voraus.

    @Poweronoff:
    Sie widersprechen sich gleich zweimal: Sie sagen Sie seien Determinist, lassen aber Zufallsereignisse zu und bestätigen außerdem, dass der Laplacesche Dämon aus prinzipiellen Gründen nicht möglich ist. Das sind zwei starke Argumente gegen das deterministische Weltbild. Ich vermute Sie verwechseln Determinismus mit Materialismus.

  11. Determinismus @ Amrhein

    Ich denke nicht, dass man Unfallverursacher und Mörder gleichsetzen und behandeln müsste. Wie sie selbst sagen: “Strafen impliziert die Absicht ein unerwünschtes Verhalten zu verändern”. Von meiner Position aus (wie immer sie heisst) würde man Mord (und nicht versehentliche Unfallverursachung) mit Strafandrohung versehen, damit diese Strafe gewissermaßen in die Kosten-Nutzen-Rechnung des potentiellen Täters eingeht und ihn hoffentlich davon abhält, zu morden. Wenn er trotzdem gemordet hat, muss er bestraft werden, damit sein Gehirn (hoffentlich) beim nächsten Mal die Lektion gelernt hat.

    Dass mich meine Position mit einem falschen Etikett versehen habe, mag sein. Determinismus hatte ich als Gegenposition zum freien Willen aufgefasst. Da ich aber in der Tat die Physiker so verstanden habe, dass es den absoluten Zufall (Ereignisse ohne Ursache) in der Welt der Atome gibt, und zudem die Quantenmechanik ja wohl Indeterminiertheit impliziert, scheint mir der Begriff für meine Position in der Tat etwas irreführend. Alles, was ich sagen will, ist, dass Denken, Entscheiden, etc. ein reines Produkt unseres Gehirns ist, und dass dieses Gehirn den Naturgesetzen unterworfen ist. Der Ausgang dieses Denkens etc. mag nicht vorherbestimmt sein, aber es ist meiner Ansicht nach mitnichten frei.

    Um zurück zum leider verstummten Auslöser dieser Diskussion (Prof. Nida-Rümelin) zu kommen:

    Ich glaube wir sind in der Tat “nur determiniert durch unsere genetische und epigenetische Ausstattung und den sensorischen Stimuli, die auf uns einwirken”. Als “epigenetisch” fixiert (also durch Erfahrung hinzugewonnen) darf man, denke ich, unsere moralischen Überzeugungen, Normen, etc. bezeichnen. Unser Abwägen und Argumentieren kann diese epigenetischen Muster modifizieren und ist damit sehr wohl an unseren Entscheidungen beteiligt und alles andere als sinnlos.

    Willensfreiheit sieht aber wohl anders aus…

  12. @Thorsten Amrhein

    Formal determiniert ist, was ich mir determiniert ‘denken’ kann (was anderes machen ja die Naturwissenschaften auch nicht).
    Real determiniert kann nichts sein, da es bedeuten würde, ein nicht auf eine Ursache rückführbarer Anfang sei irgendwann einmal gegeben gewesen.

    Diese Ansicht wird mittlerweile sogar von Anhängern der Urknall-Theorie nicht mehr vorbehaltlos geteilt. Hier wird mittlerweile mit sogenannten Endlosschleifen, ‘Branen’ im höherdimensionalen Raum und anderen Ergänzungen zur Urknall-Theorie gearbeitet, um die Singularität am Anfang und damit die Wirkung ohne Ursache zu vermeiden.
    Das heisst, Determinismus ist eigentlich eine Erfindung der religiös motivierten Geisteswissenschaften, denn die Erschaffung der Welt durch einen Schöpfer bedingt ja eine erste Ursache.
    Descartes hat das nur wissenschaftlich formuliert (in der Tradition der meisten Philosophen, die unbedingt einen Gottesbeweis oder was ähnliches liefern mußten um von der Kirche nicht geschnitten zu werden), erfunden hat er den Determinismus nicht.
    Darüber hinaus empfinde ich eine von der Wissenschaft als wahr angenommene Aussage, die durch die Realität (Berechnung) nicht bewiesen werden kann, durchaus nicht als Bedrohung für unsere ethischen Grundsätze, weil man dann jede beliebige Annahme als Realität werten müsste. Tatsächlich jedoch ist jede wissenschaftliche Beweisführung nur so lange gültig, bis sie falsifiziert wird oder durch die Realität bewiesen ist.
    Gegen diese Argumentation steht natürlich unser Empfinden, das bereits mit der Andeutung eines determinierten Menschen deutlich überfordert ist.
    Schuld daran sind in diesem Fall nach meinem Empfinden die Hirnforscher, die eine Erklärbarkeit von Phänomenen hochtrabend als ‘Determinismus’ hinstellen, obwohl diese Erklärbarkeit auf einer ganz anderen Ebene stattfindet als der Determinismus, der prinzipiell von Gegebenheiten ausgehen muss die mit der Hirnforschung gar nichts zu tun haben, nämlich der Grundlage jeder materiellen Existenz und das ist die Teilchenphysik. Gerade die sagt uns aber ganz klar (spätestens seit der Kopenhagener Deutung), dass es keine determinierten Zustände von Teilchen gibt, bis diese in Wechselwirkung mit anderen Teilchen treten, und auch dann sind diese Zustände nicht beliebig genau messbar. Diese Unfähigkeit der Physiker, Teilchenzustände genau zu messen, ist nicht in der mangelnden Technik oder dem begrenzten Wissen der Physiker begründet, sondern ist eine systemimmanente Eigenheit, die durch fortschreitende Technik ebensowenig aussser Kraft gesetzt werden kann wie die Gesetze der Thermodynamik oder die Relativitästheorie.

  13. @Poweronoff

    “Willensfreiheit sieht aber wohl anders aus…”

    Wenige Begriffe sind so ungenau definiert wie der Begriff Freiheit.
    Jeder kann darunter verstehen was er will.

    Per Definition leben wir in einer freien Gesellschaft. Denoch sind die Grenzen des Einzelnen in dieser Gesellschaft wesentlich enger als z.B. noch vor zweihundert Jahren. Das ist bedingt durch die wesentlich dichtere Bevölkerung (weniger Raum) und die komplexe Gesellschaftsstruktur die zwar nicht unsere Freiheit, aber unseren Wohlstand garantiert.
    Natürlich empfinden wir die Gesellschaft vor zweihundert Jahren nicht als frei, trotzdem hatte der Einzelne damals mehr Entscheidungsfreiheit in vielen Bereichen als das heute der Fall ist.
    So unterschiedlich kann unsere Auffassung von Freiheit sein.
    Genau genommen müsste man zuerst einmal definieren: frei von was?
    Frei von Zwang? Wir unterliegen einer Unmenge von Zwängen, gesetzlicher, gesellschaftlicher aber auch persönlicher Natur. Also sind wir nicht frei von Zwang und werden es auch nie sein.
    Frei von Fremdbestimmung? Wir lechzen geradezu danach, immer mehr Aufgaben an den Staat und die Gesellschaft abzugeben, um die eigene Bequemlichkeit nicht zu gefährden. Diese bestimmen im Gegenzug natürlich wesentlich stärker unser Leben. Also sind wir (freiwillig …?) fremdbestimmt.
    Wir haben nicht die Freiheit zu gehen wohin wir wollen, da es Staats- und vor allem Kulturgrenzen gibt. Wir haben keine freie Berufswahl, da wir hier den Zwängen der Marktwirtschaft unterliegen. Wir können noch nicht einmal frei entscheiden, welche Güter wir konsumieren, denn das sagt uns die Werbung (haben Sie schon einmal versucht, ein Produkt zu erhalten, für das nicht ausdrücklich geworben wird?).

    Was also bleibt vom Begriff der Freiheit?
    Religionsfreiheit? Hat sich der Durchschnittsbürger seine Religion ausgesucht? Nein er wurde hineingeboren. Aber theoretisch könnten wir diese Religion wechseln. Der kulturelle und gesetzliche Hintergrund, der von der dominanten Religion gestaltet wird, bleibt trotzdem erhalten (Das Problem Islam besteht hauptsächlich darin, dass wir christlich motivierte Moral- und Ethikgrundlagen in Form unserer Gesetzgebung auch auf Andersgläubige anwenden – müssen – und mittlerweile diese Gesetze auch in die Heimatländer des Islam tragen – wollen).

    Stellen wir die Frage einmal anders:
    Der Durchschittsbürger in der EU – strebt er überhaupt nach Freiheit?
    Ich erlebe nur Forderungen nach besserer Versorgung, weniger Arbeit, mehr Ressourcen, schlicht weniger Kopfweh für den Einzelnen. Das Element der Freiheit ist in der heutigen (gesellschafts)-politischen Diskussion keine echte Kategorie. Manchmal werden leere Satzhülsen gedroschen, von Politikern und Wissenschaftlern gleichermaßen, aber echtes Engegement in Sachen Freiheit? Da wäre man rasch am Rand der saturierten Gesellschaft und ausgegrenzt.
    Versuchen wir also, den ideellen Begiff der Freiheit ein wenig von der harten (unfreien) Realität abzugrenzen, dann empfinden wir vielleicht auch einen (theoretisch) determinierten Menschen nicht mehr so angsteinflößend.

  14. @ Poweronoff @ Weilguny

    @ Poweronoff
    Der Punkt ist, dass Sie zwischen Mord und fahrlässiger Tötung einfach nicht mehr unterscheiden können. Sie können Mord ja nur mit Hilfe eines intentionalen Begriffes wie »Vorsatz« definieren. Dieser Begriff steht Ihnen jedoch in einer deterministischen Welt nicht zur Verfügung.

    @ Weilguny
    Dann stimmen wir ja fast aus denselben Gründen darin überein, dass wir in keiner determinierten Welt leben. Damit erübrigt sich auch die Diskussion um die Folgen eines Determinismus.

    Ihre Position gegenüber der Philosophie würde ich jedoch noch mal überdenken. Die Philosophie entstand im antiken Griechenland gerade aus einer Kritik an den überlieferten Mythen (Die Götter hätten doch seltsamer Weise allzu menschliche Eigenschaften). Sie war der Versuch alles mit natürlichen Vorgängen zu erklären und ohne direkte Eingriffe der Götter auszukommen. Damit war sie der Anfang vom Ende der Religion und der Beginn der Wissenschaft. Für das Mittelalter mögen sie recht haben: Dort galt die Philosophie als »Magd der Theologie«. Aber mit Beginn der Neuzeit, gerade mit Descartes, besann sich die Philosophie wieder auf ihre alten Tugenden und wurde zu einer Gefahr für die Kirche – weshalb Descartes auch in Holland untertauchen musste. Und Kant nahm sich alle bis dahin geführten »Gottesbeweise« vor und wies ihre Fehlerhaftigkeit nach. Schließlich zeigte er sogar, dass ein Gottesbeweis – ebenso wie der Beweis der Nicht-Existenz Gottes – grundsätzlich unmöglich ist.

  15. @Thorsten Amrhein

    Zwei Bemerkungenen zu Ihrer Antwort:

    Mord bedingt so etwas wie Vorsatz nicht unbedingt, es gibt ja auch Mord im Affekt.
    Aber gerade den Vorsatz kann ich in einem Computerprogramm unterbringen, für den Affekt brauch ich dann schon ein Betriebssytem aus Redmond.

    Zu den Philosophen: alle sind mir lieb und wert, jeder hat seinen Beitrag zu unserer Kultur geleistet aber die Hörigkeit beschränkt sich nicht nur aufs Mittelalter, man denke da an Augustinus, der war viel früher.
    Es ist schon richtig, Descartes hat keinen Gottesbeweis geliefert und Kant hat ihn unmöglich gemacht. Dennoch hatten beide Elemente in ihrer Philosophie, die den Menschen zu etwas besonderem in der Natur machte, und das ist für mich immer religiös motiviert. Wie es Leuten ging, die diese Mindestanforderung nicht erfüllten, sieht man an Giordano Bruno, der hat den Menschen auf seine natürlichen Wurzeln zurückgeführt und bezahlte dies mit seinem Leben.
    Das ist aber eine sehr subjektive Sicht, das ist mir durchaus bewusst. Ich sehe den Menschen und seine Entwicklung vor allem im Kontext der kosmischen Evolution, die vor allem Muster und Strukturen hervorbringt und diese dann mit Energie versorgt. Der Mensch ist für mich nur ein kosmisches Prinzip und damit ein unteilbarer, aber auch nicht hervorstechender Teil des Kosmos. Die Religionen mit Heilslehre, also alle Weltreligionen mit Ausnahme der fernöstlichen, betreiben im besten Fall eine Überhöhung des Menschen, im schlimmsten Fall eine Überhöhung einer Rasse oder eines Volkes. Alle Macht auf Erden geht von diesen Prinzipien aus, und das meine ich im schlechtesten Sinn. Egal ob wir von Rassismus oder von Tiertransporten reden, alles lässt sich auf diese religiösen Grundsätze zurückführen. Daher fallen mir Versuche von Philosophen, dem Menschen irgendwelche absoluten Merkmale (die es in der Natur, im ganzen Kosmos nicht gibt) unterzuschieben, immer sehr deutlich auf.

  16. Letzter Abschnitt

    Es geht mir um den letzten Abschnitt der Argumentation von Nida-Rümelin und da insbesondere um den Satz “Es gibt keinerlei neurowissenschaftliche Befunde, die diese weitreichende These, dass unser Deliberieren, das Abwägen des Pro und Contra, unsere moralischen Überzeugungen keine Rolle spielen für das, was wir tun.”:
    Woher weiß man denn, daß z. B. unsere moralischen Überzeugungen nicht schon von vorher determiniert sind? Es kommt ja nicht nur auf den Moment an, in dem Entscheidungen getroffen werden. Ich bin Christ und diese Frage treibt mich schon sehr lange um, wie Sie sich vielleicht vorstellen können. Für mich ist diese Frage auch nicht erst durch die neuesten Erkenntnisse der Hirnforschung akut geworden. Ich habe schon seit Jahrzehnten subjektiv das Gefühl, daß alle meine Entscheidungen das Ergebnis aller Kräfte sind, die in dem Moment in mir wirken. Dazu zählt natürlich auch das früher Erlebte, welches nun wiederum z. B. meine Moral determiniert. Deshalb habe ich z. B. große Probleme mit dem Schuldbegriff. Konsequent weitergedacht bedeutet dies, dass Gott als der Ursprung aller Dinge die Verantwortung für alles trägt. Ich kann bestenfalls den Begriff der Sünde akzeptieren als Zustand der Gottesferne, den es zu verlassen gilt.
    Andererseits bekommt für mich z. B. der Glaube, von Schleiermacher definiert als “die Abhängigkeit von Gott” eine neue Bedeutung.

Schreibe einen Kommentar