Pro Geisteswissenschaften III

BLOG: GUTE STUBE

Salon der zwei Kulturen
GUTE STUBE

Public understandig of science sei "eine Art Leistungsshow analog zur Industriemesse". Mit diesem Vergleich kritisierte Michael Hagner bei der Berliner "Pro Geisteswissenschaften"-Konferenz ein in den Naturwissenschaften weit verbreitetes Selbstverständnis. Die hinter so manchen Institutsmauern schwelenden Auseinandersetzungen müssten endlich auch ehrlich nach außen getragen werden, forderte der renommierte Wissenschaftshistoriker von der ETH. Wenn ich an Posts wie diesen hier von Stefan Rahmsdorf und die zugehörige Diskussion denke, meine ich, dass auch Wissenschaftsblogs ein probates Medium sind, die Debatten aus den Instituten in den öffentlichen Raum zu tragen. Doch erst einmal der O-Ton Hagner: 

"Das Denkmuster des public understanding of science ist anders gestrickt. Es geht um öffentliche Akzeptanz für die Naturwissenschaften, die auf Affirmation baut. Die dem zugrundeliegende Logik ist einfach: man geht von einer Sicherheit und Vollkommenheit des Wissens aus, die eine kritische Beurteilung oder Diskussionsoffenheit gar nicht erst zulässt. Das Wissen, das im öffentlichen Raum präsentiert wird, ist – rühmliche Ausnahmen bestätigen die Regel – eine Art Leistungsshow analog zur Industriemesse […].
Keiner sozialen Gruppe oder Institution ist das Recht verwehrt, für sich selbst Werbung zu machen. Nur entspricht sie nicht ganz der Realität der Naturwissenschaften. Ihre zum teil heftigen Auseinandersetzungen führen Naturwissenschaftler nach wie vor zu oft hinter verschlossenen Türen. Dadurch gewinnt die Öffentlichkeit fälschlicherweise den Eindruck, als würden sie etwa in Fragen der Gentechnologie, der Anwendung von Stammzellen oder der kognitiven Neurowissenschaften in geschlossener Front sprechen. Anstatt die Unterschiede zu thematisieren und auszutragen, werden öffentliche Diskussionsforen veranstaltet, die entlang der Linie der zwei Kulturen funktionieren, als ob sich die Naturwissenschaftler im gegensatz zum rest der intellektuelklen Welt, insbesondere Juristen, Philosophen und Theologen, befänden. […] Erst wenn die Kontroversen und kontingenzen innerhalb der Naturwisensczfaten vermehrt in der Öffentlichkeit stattfinden, werden die Hoffnungen, die sich an ein allgemeines Verständnis knüpfen, auch Früchte tragen. Erst dann, wenn die Naturwissenschaften bereit sind, bei der EInschätzung der wissenschaftlichen und außerwissenschaftlichen Konsequenzen der eigenen Forscungen das breite Feld zwischen optimistischen Verheißungen und nüchtern abwehrender Entzauberungsrhetorik genauer zu erkunden, werden sie das Gehör finden, das sie bisweilen so bitter vermissen. Der Preis dafür wird sein, dass die Naturwissenschfaten nicht mehr so gefestigt und unantastbar dastehen, was möglicherweise zu einer Revision bestimmter Deutungsansprüche führen wird, doch wirkt sie vielleicht auch weniger monolithisch und bedrohlich."

(Michael Hagner, Professor für Wissenschaftsforschung an der ETH Zürich) 

 

Carsten Könneker

Veröffentlicht von

Carsten Könneker Zu meiner Person: Ich habe Physik (Diplom 1998) sowie parallel Literaturwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte (Master of Arts 1997) studiert – und erinnere mich noch lebhaft, wie sich Übungen in Elektrodynamik oder Hauptseminare über Literaturtheorie anfühlen. Das spannendste interdisziplinäre Projekt, das ich initiiert und mit meinen Kollegen von Spektrum der Wissenschaft aus der Taufe gehoben habe, sind die SciLogs, auf deren Seiten Sie gerade unterwegs sind.

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