Eine Tasse Kaffee

Tag des Kaffees – ein Tag mit oder ohne Kopfschmerzen?

Heute ist Tag des Kaffees. Wer denkt sich sowas eigentlich aus? Wer auch immer, Grund genug, sich mal des Themas Migräne und Kaffee aus der Forschungsperspektive anzunehmen.

Koffein hat neben seiner belebenden Wirkung angeblich auch positive Effekte gegen Kopfschmerzen – sowohl bei Migräne wie auch bei Spannungskopfschmerzen. Es gibt sogar Medikamente, die eine Kombination aus Schmerzmitteln und Koffein enthalten.

Jeden Tag fünf Tassen Kaffee?

Jeden Tag fünf Tassen Kaffee? Wäre das eine vorbeugende Maßnahme? So leicht ist es nicht. Unser Gehirn gewöhnt sich nämlich schon innerhalb von zwei Wochen an zu viel Koffein. Zuviel heißt mehr als 200 mg Koffein. Fünf Tassen beinhalten schon doppelt soviel, nämlich ca. 400 mg Koffein. (Am Schluss nochmal etwas mehr zu dem Koffeingehalt in verschiedenen Getränken.) Koffein wirkt deswegen umso weniger, je mehr man davon zu sich nimmt. Wie so oft: viel hilft nicht viel.

Eine Koffein-Pause zu machen, um einer Gewöhnung zu entgehen, hat auch seine Tücken in Bezug auf Kopfschmerzen. Gerade Migräneerkrankte kennen das. Treten Migräneattacken am Wochenende auf – und das tun sie überdurchschnittlich häufig – stellt sich nämlich eine interessante Frage. Wie verändert sich eigentlich in dieser Zeit der Koffeinkonsum? Fallen vielleicht nur die drei Tassen bei der Arbeit weg und der Kopfschmerz entsteht aufgrund des Entzugs? Oder ist es der sogenannte “Let-Down Effect”, der Rückgang des Stresslevels, der die Migräne verursachte? Oder eine Kombination aus Abwesenheit von Kaffee und Stress [1]?

Erwartungshaltung nicht der Koffeinentzug Migräneauslöser?

Man kann eine Migräne meist gut von anderen Kopfschmerzen unterscheiden. Aber dieses Problem geht auch tiefer als diese noch einfache Frage. Es ist gar nicht so leicht, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag, objektiv zu testen, ob man echte Migräneattacken auch als indirekte Entzugserscheinung interpretieren kann. Gleiches gilt für andere Faktoren. Wir haben deswegen eine App entwickelt, die sich dieser Frage (und vielen weiteren Fragen) wissenschaftlich annimmt und Betroffenen Antworten gibt und sie auch weiter begleitet im persönlichen Behandlungsverlauf der Erkrankung. Am Anfang der Behandlung steht nämlich oft folgende Frage: Stellen Betroffene vielleicht falsche Zusammenhänge her, sogenannte Bestätigungsfehler, indem sie beispielsweise den täglichen Kaffee als schützenden Faktor interpretieren und dann den Entzug als Auslöser immer so ermitteln, dass ihre eigene, längst gefällte Erwartung erfüllt wird?

Wird der Kaffee mal reduziert, ohne dass es zu Kopfschmerzen kommt, wird das einfach übersehen. Wird der Kaffee reduziert und eine Migräne setzt rein zufällig ein, stellt man sofort einen vermeintlichen Zusammenhang her. Das heißt anfangs gibt es diesen Zusammenhang gar nicht. Doch mit der Zeit könnte etwas Neues passieren. Der Zusammenhang wird quasi erlernt. Kaffee-Entzug oder andere Auslöser könnten wie die Glocke bei Pawlows Hunden wirken – ein Phänomen, das unter den Placebo-Effekt fällt und lang anhält: Die Tasse Kaffee (oder deren Fehlen) wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung im Sinne einer klassischen Konditionierung. Experten rechnen die eigne Erwartungshaltung zu den wichtigsten Migräneauslösern [2]. Diese Konditionierung funktioniert noch besser mit einem sogenannten “novel-tasting drink” (originell schmeckenden Getränk) – man denke an aromatisierte Kaffees [3].

Zum Abschluss noch ein wenig Wissenswertes zum Koffeingehalt. Der variiert nämlich bei Kaffee je nach Zubereitung und Kaffeesorte. Eine Tasse gebrühter Bohnenkaffee enthält ca. 80 mg Koffein, ein Espresso etwas weniger, vielleicht 50 oder 60 mg Koffein. Ein stark zubereiteter Tee kann dieselbe Menge Koffein wie Espresso oder auch Kaffee enthalten. Bei anderen Getränken sind oft gar keine Informationen über die Menge zu finden. Der Koffeingehalt muss leider erst ab einer Konzentration von 15 mg pro 100 ml ausgewiesen werden. Koffein ist unter anderem auch in Cola, Mate, Guaraná und Energy-Drinks. Einen Tag der Cola hat aber bisher noch niemand erfunden (denke ich).

 

Literatur

[1] Couturier, E. G. M., R. Hering, and T. J. Steiner. “Weekend attacks in migraine patients: caused by caffeine withdrawal?” Cephalalgia 12.2 (1992): 99-100.

[2] Kropp, Peter, Regine Klinger, and Thomas Dresler. “Die Erwartungshaltung–Migräneauslöser Nummer 1?” MMW-Fortschr. Med 157.2 (2015).

[3] Benedetti, Fabrizio, Elisa Carlino, and Antonella Pollo. “How placebos change the patient’s brain.” Neuropsychopharmacology 36.1 (2011): 339-354.

Weitere Literatur:

Hering-Hanit, R., and N. Gadoth. “Caffeine-induced headache in children and adolescents.” Cephalalgia 23.5 (2003): 332-335.

Lipton, Richard B., et al. “Efficacy and safety of acetaminophen, aspirin, and caffeine in alleviating migraine headache pain: three double-blind, randomized, placebo-controlled trials.” Archives of neurology 55.2 (1998): 210-217.

 

 

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By Julius SchorzmanOwn work, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=107645

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin und am Massachusetts General Hospital. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Ich bezweifele ernsthaft dass die eigene Erwartungshaltung zu den wichtigsten Migräneauslösern gehören kann. Wer viel Migräne hat, rechnet auch ständig damit und wie oft habe ich dann keine Migräne? Wie oft schon ging es mir prima, habe an nichts Böses gedacht und Migräne bekommen? Es spielt keine Rolle.

    Ich mag den Artikel trotzdem! Ich liebe Kaffee. Kaffee kann eine aufkommende Migräne aufschieben und eine abklingende Migräne beenden. In solchen Fällen hilft mir Kaffee mit richtig viel Zucker. Als Kind hatte ein Kaffee bei Migräne beinahe die Qualität eines Schmerzmittels. Heutzutage bin ich ein Kaffeejunkie und wahrscheinlich hilft er deshalb nicht mehr so gut gegen Migräne, aber Kaffee bringt mir immer noch Erleichterung.

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