Wenn Kinder an Migräne erkranken

Frühe Diagnose und Einblick in eine tragisch endende Lebensgeschichte.

Schon Kinder und Jungendliche können an Migräne erkranken. Die Erkrankung wird zwar aufgrund derselben Kriterien diagnostiziert wie bei Erwachsenen. Doch zeigt das klinische Bild auch Besonderheiten. Kinder neigen beispielsweise dazu, die Wahrnehmung von Schmerzen jeglicher Art auf den Bauch zu projizieren, so dass häufig Begleitsymptome, die Magen und Darm betreffen, im Vordergrund stehen. Es existieren auch wiederkehrende Symptome, die als Vorstufen einer zukünftigen Erkrankung an Migräne interpretiert werden. Gleichzeitig ist bekannt, dass selbst Jugendlichen oft noch außerstande sind, ihre Kopfschmerzen mit Worten genau genug zu beschreiben (siehe dazu vorangegangen Blogbeitrag).

Nun zeigt eine neue Veröffentlichung, dass Zeichnungen ein nützliches zusätzliches Instrument zur Unterscheidung der Diagnosen Migräne und Spannungskopfschmerz sein können.

Silvia Mazzotta et al., Children’s Headache: Drawings in the Diagnostic Work Up, Neuropediatrics

Dem zweiten Thema dieser Woche muss ich dies voranstellen:

[Triggerwarnung: Der folgende Text kann ungewollte Erinnerung hervorrufen. Vor allem für Menschen, die durch ihre Krankheit selbst in einer belastenden Situation waren oder sind oder durch Erkrankung ihnen nachstehender Personen.]

Ein Vater aus Kanada bekennt sich mutmaßlich zu einen grausamen Mord an seiner Familie. Er begründet dies mit der Ausweglosigkeit aus der Migräneerkrankung seiner Tochter Emily. Der Fall wird noch untersucht. Die Beschreibung, die wahrscheinlich vom Vater auf Facebook veröffentlicht wurde, geben einen Einblick in die Lebensgeschichte. Es ist diese Lebensgeschichte, die ich für berichtenswert halte.

Emily brillierte in so vielen Dingen, doch musste sie allmählich fast alles abbrechen wegen Migräne. (Als es ihren geliebten Gesangs beeinträchtigte, nahm dies einen Teil ihrer Seele). Sie war sehr schwer an Migräne erkrankt, von der sie seit der Grundschule geplagt wurde. Dies hat dazu geführt, dass sie zwei Jahre an der UBC [University of British Columbia] verpasste, was ihr Herz völlig brach. Ich glaube, niemand wusste wirklich, wie viel Schmerzen Emily täglich hatte und von der schweren Depression, die diese Migräne verursachte. Emily sah ihr Freunde aus der High School mit ihren Leben fortfahren, während sie ihrs für Stunden gebeugt über einen Kotzeimer in der Notaufnahme verbrachte. Seit Okt/Nov ist ihre Migräne wieder quälend eskaliert und ich konnte einfach nicht für eine Sekunde länger hinsehen, wie mein kleines Mädchen litt. Sie hatte unvorstellbare Kraft über die ganzen Jahre ihres Migräneschmerzes gezeigt und schien es immer zu versuchen und auf die Sonnenseite zu sehen und liebte es immer, über Dinge zu reden “Wenn es mir besser geht, lass uns dies und das tun”. Ich wünschte, Schatz :(. Emily hatte alles versucht, um gesund zu werden, aber nichts schien ihr zu helfen.

Für die Tragödie, die der Vater dann weiter beschreibt, wird man keine Erklärung finden. Klar scheint zumindest, dass auch seine Ehefrau, die ebenfalls mutmaßlich ermordet wurde, völlig verzweifelt war.

Markus A. Dahlem

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin und am Massachusetts General Hospital. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

1 Kommentar

  1. Um Himmels willen. Ich bin schon völlig ausgeknockt, wenn ich mal einen Tag Migräne habe (was zum Glück auch nur selten der Fall ist). Aber 515 Tage?! Das arme Mädchen. Unfassbar, dass da so überhaupt nichts hilft.

    Eine Frage hätte ich als Nichtneurologin zum Zusammenhang zwischen Migräne und viszeralem Nervensystem allgemein (bin gerade in Oliver Sacks’ Autobiographie darauf gestoßen, dass er für seine “Migräne ohne Kopfschmerzen” ziemlich verlacht wurde). Ich finde es in Anbetracht der vielen Nerven im Darm ja eigentlich nur plausibel, dass Migräne auch dort lokalisiert sein könnte – wie ist denn da der aktuelle Stand der Forschung, weißt Du da zufällig was? Danke 🙂

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