Diese Woche: Angst vor Schmerzen und Infodemiologie

Zwei Fachveröffentlichungen über Migräne beschäftigen sich mit den Fragen, ob die Angst vor Kopfschmerzen die Erkrankung verstärkt und ob online Schlagzeilen zu mehr Internetsuchen über neurologische Krankheiten führen. 

angstvorschmerz

Wer an wiederkehrenden Kopfschmerzen leidet, hat oft auch Angst vor Schmerzen. Das stört nicht nur den Alltag, sondern kann durch falsches Vermeidungsverhalten die Situation negativen verstärken. Diese Studie zeigt nun, dass Angst vor Schmerzen deutlich die Stärke und Häufigkeit von Kopfschmerzen vorhersagt. Die Autoren schließen, dass Angst eine bedeutende Rolle in der durch Kopfschmerzen bedingten Invalidität spielt.*

Black, A. K., Fulwiler, J. C., & Smitherman, T. A. (2015). The Role of Fear of Pain in Headache. Headache: The Journal of Head and Face Pain. (Link)

 

wikineurologie

Die zweite Studie fragt, welche Faktoren bestimmen die Anzahl der Besuche der Seiten in Wikipedia zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen. Neben Migräne wurden Seiten über die Alzheimer-Krankheit, Amyotrophe Lateralsklerose (besser unter der Abkürzung ALS bekannt), Demenz, Epilepsie, Multiple Sklerose, Parkinson-Krankheit, Schlaganfall und Hirntrauma untersucht.

Für solche Untersuchgen wurde extra der Begriff Infodemiologie geprägt, der natürlich auch schon eine Seite in Wikipedia bekam (nur auf Englisch). Infodemiologie soll eine neue wissenschaftliche Disziplin bezeichnen, die sich mit der Verteilung sowie den Ursachen und Folgen von digitalen Informationen über die Gesundheit der Bevölkerung beschäftigt.

Bestimmt wurden die höchsten Suchvolumen, um dann einen möglichen Zusammenhang dieser Spitzen mit online Schlagzeilen in den Nachrichten zu identifizieren. Schlagzeilen in der Presse, insbesondere solche über prominente Menschen, könnten nützlich sein – so die Vermutung –, um mehr öffentliches Interesse an bestimmten Krankheiten zu wecken. Keine auf diese Spitzen bezogenen Schlagzeilen wurden für Migräne, Alzheimer-Krankheit und ALS gefunden. Mit anderen Worten, die Suche auf Wikipedia nach Migräne wird nicht primär durch Schlagzeilen über Migräne bestimmt.*

Brigo, F., Igwe, S. C., Nardone, R., Lochner, P., Tezzon, F., & Otte, W. M. (2015). Wikipedia and neurological disorders. Journal of Clinical Neuroscience. (Link)

Fußnote

*Beide Veröffentlichungen finde ich interessant genug, um sie kurz hier vorzustellen. Ich kann mir aber kein unabhängiges Urteil über die wissenschaftliche Qualität des Studiendesign und die Aussagekraft erlauben.

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin und am Massachusetts General Hospital. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

3 Kommentare

  1. Unser Gehirn reaktiviert als Reaktion auf einen aktuellen Reiz immer sofort vergleichbares Wissen (einschließlich Körperreaktion). Siehe DOI: 10.5281/zenodo.15525 D.h. wer Schmerz erwartet, wird für diese Erwartungshaltung ´belohnt´.

    Wer aber an was Nettes bzw. gute Erfahrungen denkt, wird auch ´belohnt´. [add nature, art and religion to life´s best anti-inflammatories´ http://www.sciencedaily.com/releases/2015/02/150203133237.htm Diese Arbeit zeigt sehr schön, wie sich eine positive Lebenseinstellung real auf die Gesundheit auswirkt

  2. Zu Veröffentlichung 1.)

    Zu den quantitativen Zahlen kann und will ich nichts sagen, aber die qualitative Aussage an sich kann ich nur bestätigen. Ständig wiederkehrende Schmerzen sorgen zweifelsfrei für eine Traumatisierung. In der multimodalen Schmerztherapie wird ja bei der Behandlung auch schon genau auf diesen Aspekt reagiert. Der Haken ist und bleibt der große Aktive Part des Betroffenen. Hier ist viel Einsicht und eigenes Handeln erforderich, oder zumindest Hilfreich.

    Zu Veröffentlichung 2.)
    Interessiert mich fast nicht.
    Trotzdem mag ich eine Beobachtung zum Thema Clusterkopfschmerz mitteilen.
    Ohne das jedoch empirisch nachgehalten zu haben lässt sich in Facebook-Gruppen immer stärkerer Zulauf feststellen, wenn ein Reichweitenstarkes Medium eine Reportage zu dem Thema bringt.
    Bedeutet: Artikel in der Zeit – Nix passiert. Sendung auf arte – nix passiert. Reportage auf RTL – Die Vermeintlich Betroffenen stapeln sich vor der Tür.
    Dabei sind tatsächlich Schaulustige. Gaffer gibt es nicht nur bei Unfällen. Dies war eine durchaus erschreckende Erkenntnis.
    Dabei sind aber eben auch bislang nicht diagnostizierte Patienten, welche in der Reportage ihre eigenes Krankheitsbild wiedererkannten.
    Vermuntlich ist die Wikipedia einfach der falsche Ort um die Zahl der Zugriffe über bestimmte Suchbegriffe zu zählen. Das Internet des Volkes spielt sich inzwischen woanders ab.

    • Mitglieder von Facebook-Gruppen sind aber eine besonders Spezies, deren ethisch-kritischer Verstand umständehalber verkümmert ist, wie Studien zeigen (allegorisch hierzu: “Mäh ist frei” v. Hubsi Kramer).

      Wenn man nun gerade das Verhalten von Facebook-Gruppen zu Betrachtungen der Reichweite heranzieht, um damit Relevanz zu meinen (!), dann ist es, mag auch alles richtig sein, arg übel um uns bestellt.

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