Warum Gagarin?

Warum wurde Yuri Alexejewitsch Gagarin ausgewählt, um mit Wostok 1 als erster Mensch ins Weltall zu fliegen? Weil er der Beste unter den 20 Kandidaten war? Vielleicht. Gagarin stach nicht durch Brillianz in einzelnen Punkten hervor, aber er machte, wenn man alles zusammen nimmt, einen guten Eindruck.

 

In ihrem Buch “Starman – The Truth Behind the Legend of Yuri Gagarin” stellen die Autoren Jamie Doran und Piers Bizony eine etwas andere Theorie auf. Doran, ein britischer Journalist, durchreiste 1998 das Gebiet der ehemaligen UdSSR und interviewte viele Menschen, die mit dem Beginn des sowjetischen Raumfahrtprogramms zu tun hatten.Sein Buch, das er zusammen mit dem Co-Autor Piers Bizony veröffentlichte und das nun zurm 50sten Jahrestag neu verlegt wurde, bietet trotz mancher kleiner Schwächen einen interessanten und gut recherchierten Einblick.

Doran und Bizony berufen sich auf die Memoiren Kamanins. Nikolai Petrowitsch Kamanin war von 1960 – 1971 Leiter der Kosmonautenausbildung. Er kannte die junge Kosmonautengarde besser als jeder andere. Wenn auch die positive Meinung von Männern wie Koroljow Gewicht hatte, Kamanins Entscheidungen galten.

Dass Gagarin brandheißer Kandidat für den ersten Flug war, steht nicht zur Debatte. Zur  Spitzengruppe, aus der der Pilot für den historischen ersten Weltraumflug ausgewählt werden sollte, gehörten neben Gagarin nur noch zwei andere Männer: German Stepanowitsch Titow und Grigori Grigorjewitsch Neljubow.

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Neljubow war anscheinend auf die Backup-Rolle abonniert, bis er schließlich 1963 wirklich flog …. allerdings nicht ins Weltall, sondern wegen eines Trunkenheitsdelikts aus dem Kosmonautencorps. Bleibt also Titow, im August 1961 mit Wostok 2 der zweite Mensch im Orbit und der erste, der einen ganzen Tag im Weltraum verbrachte. Titow war bereits der Ersatzmann für Gagarin auf Wostok 1 gewesen – hätte irgendetwas Gagarin daran gehindert, am 12. April 1961 zu starten, wäre Titow dran gewesen.

Laut Doran und Bizony hatte Kamanin Titow für den längeren Flug ausgewählt, da er ihn für den geeigneteren Kosmonauten hielt. Demnach wäre also Gagarin zwar gut genug für die Rolle als bessere Nutzlast im automatisch gesteuerten Wostok 1-Raumschiff gewesen, für Wostok 2, wo es mehr darauf ankam, wer flog, sollte es lieber Titow sein.

Selbst wenn dies so war, das allein wird es nicht gewesen sein. Allen Beteiligten war sehr wohl bewusst, dass der Kosmonaut, der den ersten Flug absolvierte, weltberühmt werden würde, auch wenn wahrscheinlich niemand einen derartigen Star-Ruhm erwartet hätte, wie er Gagarin entgegenschlug. Auf jeden Fall war es wichtig, wer der Mann war, dem dieser Ruhm auf den Schultern lasten würde, und nicht nur, was er bei der Ausbildung geleistet hatte. Gagarin hatte eine solide proletarische Herkunft vorzuweisen, was ihm hier einen Vorteil gegenüber Titow verschaffte, der in eher kleinbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen war. Auch achtete man sicher auf Eigenschaften wie Verbindlichkeit und Freundlichkeit, die auf einem Einmannflug weniger wichtig waren, für einen Repräsentanten des sowjetischen Volks gegenüber der Weltöffentlichkeit dagegen sehr. Auch hier punktete Gagarin.

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Auch Titow wurde ein Star, aber er war eben nicht der Erste, und in dieser Welt zählt es, wenn man der Erste ist. Nach seinem Flug in Wostok 2 ruinierte er sich Reputation und Karrierechancen mit Disziplinar- und Trunkenheitsvergehen.

Auch Gagarin war beileibe kein Heiliger. Er hatte Alkoholprobleme, da gab es Frauengeschichten und dann gab es auch noch das Foros-Ereignis, das ihn das Leben hätte kosten können, wenn er nicht Glück gehabt hätte. Er hatte sich jedoch besser im Griff und man konnte die Dinge vertuschen, die das Bild des perfekten sowjetischen Vorzeige-Übermenschen verunziert hätten. Gagarin lehnte sich zudem auch gegen die Obrigkeit auf, dies aber in konstruktiverer und überlegterer Weise als Titow.

Was war los mit Titow? War es wirklich eine Charakterschwäche oder zeigte er Symptome des Buzz-Aldrin-Syndroms? Auch der zweite Mann auf dem Mond konnte es bekanntlich nicht verwinden, dass der Ruhm des Ersten so dicht an ihm vorbeigerauscht war und kämpfte einen langen und am Ende erfolgreichen Kampf gegen Depression und Alkoholismus. Was auch immer die psychologische Ursache war, Titow  hatte sich nicht im Griff und Kamanin war sicher überzeugt, die richtige Entscheidung gefällt zu haben.

Zu dieser Einschätzung rang sich viele Jahre später im Interview mit Jamie Doran übrigens Titow selbst durch – er wird in dem Buch mit der Aussage zitiert, dass Kamanins Entscheidung die Richtige war. Jeder liebte Gagarin, mit Titow hätte das nicht geklappt. Titow war einfach nicht der Typ, den jeder auf Anhieb mochte, Gagarin schon.

Was den Mythos Gagarin ausmacht, beschreiben Doran und Bizony am Ende ihres Buchs, das ich hier zitieren möchte:

[…] Gagarins Leben war voller Widersprüche. Er war ein ehrgeiziges Individuum, das den Wettkampf suchte, und dennoch war ihm jederzeit bewusst, dass er die zentrale Leistung seines Lebens den Anstrengungen unzähliger Anderer verdankte, deren Namen wir nicht kennen dürfen und die von seinem Ruhm nichts abbekamen. Er war ein Bauernjunge, und dennoch war er mit komplexen Ingenieursberechnungen vertraut. Er war ein programmierter Techniker, und dennoch handelte er selbständig. Er war ein loyales Mitglied einer konformistischen Gesellschaft, und dennoch lehnte er sich gegen das System auf. Er war stürmisch, manchmal rücksichtslos, und dennoch von tiefer Disziplin in seiner Arbeit und von hohem Verantwortungsgefühl gegen andere, was manchmal mit hohem persönlichen Risiko verbunden war. Er verstand wenig von Politik und dennoch hatte er ein bemerkenswertes diplomatisches Talent, sowohl in seiner Heimat als auch im Ausland. Er war ein Ehebrecher, und dennoch hielt er seiner Frau und seiner Familie am Ende die Treue. Alle diese Widersprüche vereinen sich zu einem grundanständigen und mutigen Mann, der unter außergewöhnlichen Umständen sein Bestes gab. Er war im besten und ehrlichsten Wortsinn ein Held.

Es ist die Gesamtheit der Eigenschaften, Stärken wie Schwächen, die einen Menschen ausmacht. Die Überhöhung zu einer Art Übermensch, die von der Sowjetpropaganda versucht wurde, machte ihn nicht so populär wie die Art, wie Gagarin selbst seinen Mitmenschen gegenübertrat.


PS: Dass Gagarin mit Alkoholproblemen zu kämpfen hatte, ist kaum verwunderlich und kann ihm eigentlich nicht vorgeworfen werden. Das soziale Leben in Russland ist selbst heute noch viel stärker mit Alkohol verbunden als wir das kennen – und wenn ich “Alkohol” sage, dann meine ich nicht Bier und Wein, sondern hochprozentigen Wodka. Ich kann mich auf Dienstreisen nach Russland erinnern, wo selbst auf dem Mittagstisch Wodkaflaschen standen, und zwar nicht nur zur Dekoration. In den 60ern war das noch schlimmer. Erst gegen Ende des Jahrhunderts begann man den alltäglichen Alkoholmissbrauch zu bekämpfen.

Gagarin wurde von Veranstaltung zu Veranstaltung herumgereicht und hatte sich dort von lokalen Parteigranden bewirten zu lassen, die versuchten, auf diese Art an seinem Renommée teilzuhaben. Jedes Mal floss der Wodka in Strömen, und Ablehnen war keine Option. Er wurde gar nicht gefragt, und es kostete ihn Jahre, sich von dieser Art von Zwangsverpflichtung zu befreien, um sich seinem Ingenieursstudium, seinen Flugstunden und seiner Arbeit zu widmen.

Die Sowjetführung mag sich Sorgen gemacht haben, dass Gagarins menschliche Schwächen ihr geschaden hätten, wenn sie publik geworden wären. Was aber der sowjetischen Führung wirklich geschadet hätte, wäre, wenn bekannt geworden wäre, wie sie Gagarin behandelte.

Weitere Information      

 

In diesem Artikel stellt Eugen Reichl die 20 Kandidaten vor, as denen die Kosmonautengruppe 1 rekrutiert wurde

Ich bin Luft- und Raumfahrtingenieur und arbeite bei einer Raumfahrtagentur als Missionsanalytiker. Alle in meinen Artikeln geäußerten Meinungen sind aber meine eigenen und geben nicht notwendigerweise die Sichtweise meines Arbeitgebers wieder.

4 Kommentare

  1. Auswahlverfahren?

    Wer heutzutage Astronaut werden will, hat ja denkbar schlechte Chancen. Zigtausend Leute bewerben sich zum Beispiel bei der ESA auf eine Handvoll freie Stellen im Ausbildungskader, nur die Allerbesten werden genommen. Immerhin, heute hält man primär nach Wissenschaftlern und Ingenieuren mit Sprachkenntnissen Ausschau, während in der Anfangszeit alle Raumfahrer (auch in den USA) Piloten im Dienste des Militärs waren.

    Trotzdem wäre es mal interessant zu wissen, wie man damals unter den Unmengen von Kampfpiloten, die es dank Kaltem Krieg ja gegeben haben muß, überhaupt die passenden Kandidaten ausgewählt hat, sprich wie kam man überhaupt in das Kosmonautenkorps? Hat Gagarin sich damals besonders hervorgetan? Eigentlich soll er ja nur wenig Flugerfahrung gehabt haben, und auch später bei dem Unglück, das zu seinem Tode führte, nur Flugschüler gewesen sein.

  2. Auswahl & Alkohol

    Wie schon hier beschrieben: http://tinyurl.com/44mzo7r (Absatz 6) war Gagarin keineswegs der Beste unter den Kosmonauten. Aber in der Bewertung seiner Gesamtpersönlichkeit der letztendlich am Besten geeignete.

    Hier http://tinyurl.com/3cmd7sd (Absatz 5) die Grundkriterien der Auswahl. Danach bleiben aus dem gesamten Pilotenbestand der Luftwaffe nur noch einige hundert potentielle Kandidaten übrig, die man zum Screening einlud. Nach eingehenden medizinischen Untersuchungen und Einzelgesprächen (manche hatten ja keineswegs die Absicht, Kosmonaut zu werden) blieben dann die 20 Kandidaten der ersten Gruppe übrig.

    Zur Flugerfahrung von Gagarin ebenfalls hier: http://tinyurl.com/3cmd7sd, einen Absatz tiefer. Zum Zeitpunkt seines Todes hatte Gagarin noch keine 300 Flugstunden auf dem Konto, davon nur 75 auf Jets. Seine US-Kollegen hatten im Schnitt die zehnfache Menge an Flugstunden, und davon die Hälfte bis zwei Drittel auf Hochleistungs-Kampfflugzeugen (Ausnahme Scott Carpenter, der als einziger bei seiner Aufnahme in das Mercury-Astronautencorps weniger als 2000 Flugstunden auf dem Konto hatte).

    Die Story, dass German Titow undiszipliniert und der Trunksucht verfallen war, wird bis zum heutigen Tag kolportiert. Er galt wohl tatsächlich ein wenig als der „James Dean“ unter den Kosmonauten (bei seinem Flug im Herbst 1961 war er erst 25 Jahre alt). Liebte schnelle Autos, die er auch gelegentlich in den Graben fuhr, und schlug auch wohl da und dort etwas über die Stränge. Diese Berichte müssen angesichts seiner späteren steilen Militärkarriere relativiert werden. Tatsächlich stieg er bald nach seinem Flug bei den Kosmonauten aus, allerdings um eine Ausbildung zum Testpiloten durchzuführen und kletterte dann in der Militärhierarchie bis zum Rang eines Generalobersten (einen Dienstgrad, den es im Westen nicht gibt, aber in etwa einem Vier-Sterne General entspricht). Dies ist der höchste Dienstgrad, den je ein Kosmonaut in der sowjetischen Militärhierarchie erreichte. Und alleine das spricht gegen den psycholabilen Suffnickel.

  3. Alkoholprobleme

    Die Story, dass German Titow undiszipliniert und der Trunksucht verfallen war, wird bis zum heutigen Tag kolportiert. […] Dies ist der höchste Dienstgrad, den je ein Kosmonaut in der sowjetischen Militärhierarchie erreichte. Und alleine das spricht gegen den psycholabilen Suffnickel.

    Ein psycholabiler Mensch wäre nicht in die engere Auswahl für den ersten bemannten Raumflug gekommen. “Trunksucht” ist erst einmal ein weiter Begriff. Richtiger ist, dass er Alkoholprobleme hatte. Wer immer wieder durch Trunkenheit auffällt und Autounfälle hinlegt, der hat ein Problem, das kann man nicht wegwischen.

    Die Frage ist, wie es zu den Alkoholproblemen kam. Ein Punkt ist der von der Umgebung ausgeübte Zwang zum “sozialen Trinken”, dem auch Gagarin sich ausgesetzt sah. Ein anderer Punkt ist das Syndrom, mit dem sich “der Zweite” konfrontiert sieht.

    Titow bekam sich in den Griff und seine Karriere kam wieder in den Fahrt. Aber erst außerhalb des Kosmonautencorps. Sein Status wird da sicher nicht geschadet haben, aber der Status allein erklärt auch nicht alles.

  4. Juri Gagarin, Sigmund Jähn,

    Waleri Bykowski,und natürlich Laika waren die Stars meiner (Ost) Generation. Ich kann mich noch an den Jähn Flug erinnern, wir standen auf den Straßen und schauten nach oben, ein irrer Moment den man nie vergisst.

    Möge Juri Gagarin endlich seine Ruhe finden…

    Sabbelcafe

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