Dem Saturn zuwinken?

BLOG: Go for Launch

Raumfahrt aus der Froschperspektive
Go for Launch

Das Cassini-Projekt bei der NASA-Niederlassung JPL wird einen bevorstanden Durchgang der Saturnsonde Cassini durch den Schattenkegel des Ringplaneten nutzen, um das Mondsystem im Gegenlicht aufzunehmen. Die empfindliche Kameraelektronik darf normalerweise niemals in Richtung zur Sonne gedreht werden. Es sei denn, der Saturn ist im Weg, wie bereits bei diesem berühmten Bild aus dem Jahr 2006.

Das ist von einiger wissenschaftlicher Wichtigkeit, da es die Untersuchung der Dichte und Zusammensetzung gerade der diffuseren Ringe zulässt. Zudem kommt diesmal, wie schon 2006, die Erde ins Blickfeld. Das hat nun keinerlei wissenschaftliche Bedeutung, aber die NASA wäre nicht die NASA, wenn sie diese geometrische Eigenheit der Planetenstellungen nicht für eine PR-Aktion nutzen würde.

Die Serie von Gegenlichtaufnahmen wird am 19. Juli 2013 von 23:27 bis 23:42 MESZ gemacht werden. Alle, die zu dieser Zeit von ihrem Aufenthaltsort aus den Saturn sehen können (also auch wir), sollen um die Zeit mal nach draußen gehen und winken, grinsen oder beides. Darum bittet dieser Aufruf “Wave at Saturn”, den die Projektwissenschaftlerin Linda Spilker vom JPL am 18.6. auf der Webseite der Mission publizierte.

Na gut, das ist jetzt etwas albern. Die Narrow Angle Camera (NAC) des Imaging Subsystem (ISS) auf Cassini hat ein Sichtfeld von 0.35 Grad, ihr CCD eine Auflösung von 1024 x 1024 Pixel. Das macht pro Pixel also ein Blickfeld von 6 Mikrorad. Der Saturn ist dann aber 1.44 Milliarden km von der Erde entfernt. Das heißt, die Erde mit ihrem Durchmesser von 12750 km erscheint unter einer Winkelgröße von knapp 9 Mikrorad. Die Erde erscheint also zumindest schon einmal (etwas) zu groß, um in nur ein Pixel zu passen, es werden mindestens 4, vielleicht sogar bis zu 9 Pixel beleuchtet, knackscharfe Abbildung vorausgesetzt. Sollte die Erde durch Ringstaub etwas verschwommen abgebildet werde, sind es vielleicht sogar ein paar Pixel mehr.

Das sind dann ganz besonders ausdrucksstarke Pixel. Es steckt das Leben, Hoffen, Streben, Freud und Leid von 7 Milliarden Menschen darin. Aber es sind am Ende eben doch nur ein paar Pixel, die sich als verwaschener kleiner blauer Fleck im fertigen Bild niederschlagen werden.

Das heißt im Klartext, Winken schadet zwar nichts, nützt aber auch nichts, bis auf einen gewissen Feelgood-Effekt beim einen oder anderen. (Hm, da muss ich gleich wieder an ein anderes Thema denken  …. aber keine Angst, davon fange ich hier nicht wieder an!)

Das wissen die Leute bei der NASA auch. Die nutzen nur die günstige Gelegenheit, die Allgemeinheit dazu zu bringen, sich für Astronomie und Weltraumforschung zu interessieren. Wenn man sich dabei gegenseitig fotografiert und alle gut drauf sind, warum nicht? Solange man beim Fotografieren nicht gerade einen Blitz einsetzt.

Der 19.7. ist allerdings nicht wirklich ein optimaler Termin für die Saturnbeobachtung, jedenfalls nicht bei uns, so weit im Norden. Gegen 23:30 steht der Saturn schon reichlich tief über dem Horizont. Anfang Juni war das noch deutlich günstiger. Zudem stört der helle Mond, nur 3 Tage vor Vollmond. Die NASA-Einladung enthält einen Link zu einer Aufsuchhilfe für alle, die sich am Nachthimmel weniger gut auskennen. Aber Sie können sich bei Bedarf auch anhand der folgenden Abbildungen orientieren, die ich mit Stellarium erzeugt habe.

Saturn seen from Darmstadt on 19. July 2012 around 23:35 CEST, source Michael Khan via Stellarium

Saturn (close-up) seen from Darmstadt on 19. July 2012 around 23:35 CEST, source Michael Khan via Stellarium

Ich bin Luft- und Raumfahrtingenieur und arbeite bei einer Raumfahrtagentur als Missionsanalytiker. Alle in meinen Artikeln geäußerten Meinungen sind aber meine eigenen und geben nicht notwendigerweise die Sichtweise meines Arbeitgebers wieder.

5 Kommentare

  1. Allen anderen scheint’s zu gefallen …

    Das Echo gerade unter Amateurastronomen auf die “Wave at Saturn”-Aktion, das ich bisher gehört habe, ist zu 100% positiv und manchmal geradezu überschwänglich – und vielerorts sind bereits öffentliche Saturnbeobachtungen an diesem Abend in Vorbereitung. Wie ich sogleich ausgerechnet hatte, steht der Planet zur Zeit der Aktion selbst zwar nur wenig mehr als 10° hoch, aber in der Dämmerung davor kann man ihn durchaus noch 20° hoch vorführen. Ach ja, die Cassini-Aufnahmen werden natürlich nicht um 23:30 Uhr sondern 80 Minuten später gemacht: Die Lichtlaufzeit in bei dem Aufruf bereits berücksichtigt, wie mir die “Kamera-Frau” Cassinis bestätigt hat. Nämliche 80 Minuten halte ich übrigens für einen bedeutenden ‘teachable moment’ bei der ganzen Aktion, aus dem sich viel machen lässt.

  2. Drücke ich mich so unklar aus?

    @Daniel Fischer: “Allen anderen scheint es zu gefallen”. Habe ich denn geschrieben, dass es mir nicht gefällt? Wo?

    Wie es aussieht, wird auch hier eine öffentliche Beobachtung organisiert, und ich werde natürlich mitwirken. Das allerdings ist erst einmal noch nichst Besonderes – es ist nicht so, dass man mich groß zum Spechteln drängen müsste. Aber Winken werde ich wahrscheinlich eher nicht.

    Eins stößt mir allerdings schon etwas sauer auf, das gebe ich unumwunden zu. Ich habe in den vergangenen 1 Monaten bestimmt mindestens 10 Mal Jupiter oder Saturn beobachtet und oft auch darüber berichtet oder es vorher angekündigt. Keiner kann mir nachsage, ich widmete dem äußeren Sonnensystem zuwenig Aufmerksamkeit. Wirkliche Resonanz gab es dabei aber immer eher wenig. Wenn aber die NASA zu diesem – naja, objektiv gesehen doch etwas an den Haaren herbeigezogenen – Winkewinke aufruft, dann, ja dann sind sofort alle Feuer und Flamme. Kommt ja auch von der NASA.

  3. Hmm, und was wenn “ESA” drauf stände?

    Völlig richtig, “die NASA” sagt irgendwas, und alle – die sonst unentwegt auf eine Behörde auf dem Weg ins Nirvana schimpfen – stehen stramm. Das alte Four Letter Acronomym zieht immer noch enorm, auch weit jenseits der USA (wie man zuletzt erst exemplarisch bei dem ‘Mir-Schrott in den USA’-Märchen sehen konnte, wo ein angeblicher Brief von der NASA einer wirren Story Glaubwürdigkeit rund um den Globus verschaffte).

    Nun gibt’s die ESA aber auch schon 38 Jahre lang (der Gründungsbeschluss jährt sich kommenden Monat zum 40. Mal), und sie hat – etwa mit Giotto, Huygens und dem Mars Express – auch beachtliche Fußstapfen im Sonnenystem hinterlassen: Warum wird nicht mal in Paris (oder Noordwijk – oder Darmstadt?) eine derartige Aktion lanciert? Ein ESA-PR-Mann hat mir kürzlich versichert, die öffentliche Wahrnehmung der ESA habe in letzter Zeit spürbar zugenommen – macht doch mal was Originelles draus! 🙂

  4. Beobachtungen

    Ich hab die Ankündigungen wohl gesehen. Allein das Wetter ist in diesem Jahr sowas von Bescheiden, dass ich bisher erst einmal den Frühlingshimmel in Natura betrachten konnte. Und da hatte ich sogar noch Glück, weil im Westen schon wieder ein Wolkenfeld im anmarsch war, das die Sterne ein paar Stunden später wieder komplett verdeckt hat.
    Vom Wechsel Winterhimmel -> Frühlingshimmel kann ich jetzt nicht gross sagen, davon viel gesehen zu haben, zumindest nicht in diesem Jahr. Also lange Rede kurzer Sinn: ich kann nicht wirklich mitreden, ausser ich guck mir die Szene mit Stellarium an…

    Und was die ESA angeht: Etwas mehr PR, die Astronomie und Raumfahrt stärker ins Blickfeld der Öffentlichkeit rückt, kann wirklich nicht schaden. Man muss ja nicht versuchen, der NASA konkurenz zu machen, denn das wäre vorläufig eh erfolglos. (Ausser vielleicht, wenn Europa es schaft, eine Schwerlastrakete zu entwickeln, die so etwa 100 Tonnen in den Leo befördern kann und damit innerhalb von 5 Jahren eine Raumstation baut, die die ISS irgendwie übertrift. Aber das ist derzeit mindestens so unrealistisch, wie die Annahme, das die Welt bald einen neuen Space Shuttle sehen wird.)

  5. Selber kümmern

    Dass die ESA in punkto aktive Öffentlichkeitsarbeit noch einige Hausaufgaben zu erledigen hat, steht außer Frage, aber ich denke, gerade hier ist das nicht unbedingt das Thema. Gelegenheiten zu einem “Tag des Saturn”, ob nun mit oder ohne Winkewinke, dafür aber mit viel gemeinsamer Beobachtung, bieten sich doch nun wirklich, wenn man das will.

    Falls der helle Mond nichts ausmacht, sondern sogar als zusätzliches Anschauungsobjekt erwünscht ist, beispielsweise die Nacht vom 25. auf den 26. April. Für Saturn allen Anfang des Monats Juni, da stand er schon bei Sonnenunterghang hoch am Himmel und war sogar etwa 100 Millionen km dichter an der Erde als er es am 19.7. sein wird. Zu beiden Tage habe ich übrigens aufgerufen.

    Wohlgemerkt: Ich habe nichts gegen die NASA-Aktion und werde mich auch an Beobachtungen an diesem Tag aktiv beteiligen, wie schon angemerkt. Nur ohne Winken. Ich meine nur, wir hier in Deutschland, und damit meine ich die Amateurastronomencommunity, könnten diesbezüglich etwas proaktiver sein.

    Zurück zur ESA: Dass die Saturn nicht auf ihrem Radarschirm haben, kann ich nachvollziehen. So wie PR in Europa personell und finanziell ausgestattet ist, kann man keine großen Sprünge machen und muss seine Aktivitäten fokussieren.

    Ich erwarte allerdings schon ESA-Aktivitäten zu folgenden anstehenden Anlässen:

    – Beobachtungen von ISON ab Herbst (Zusamenhang zur ESA-Mission Rosetta)
    – Beobachtungskampagne von Komet Siding Spring und Mars im Oktober 2014 (Zusammenhang zu Rosetta, Mars Express und ExoMars)
    – Beobachtung von Jupiter in den kommenden Sichtbarkeitszyklen. (Zusammenhang zu zur ESA-Jupitermission JUICE) Letzen Winter stand Jupiter im Stier, immer in Nähe zu Aldebaran. Kommenden Winter wird Jupiter in den Zwillingen stehen, und damit in einer der interessantesten und bekanntesten Regionen des Sternhimmels. im Frühjahr 2017 wird er in der Jungfrau steht und Spica begeleiten, so wie Saturn das dioeses Jahr tut. 2020 dann werden Saturn und Jupiter nur rund 5 Grad voneinander entfernt im Formationsflug durch den Sommerhimmel ziehzen. Klar, das alles ist noch einige Jahre in der Zukunft, aber wir können uns das schon mal vormerken.

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