Was stresst Kinder und Jugendliche im digitalen Zeitalter?

Net Generation oder auch Digital Natives – so wird die Generation bezeichnet, die mit digitalen Technologien und Medien aufwächst oder aufgewachsen ist. Ein Leben ohne digitale Technologien und Medien wird vermutlich eine Vielzahl an Kindern und Jugendlichen nicht kennen. Doch sind sie deswegen automatisch kompetent im Umgang mit digitalen Technologien und Medien? Empfinden sie dadurch weniger digitalen Stress als Erwachsene?

Seit den letzten Jahrzehnten wurde vermehrt zum Konstrukt Medienkompetenz geforscht. Nach Potter (1998) bedeutet Medienkompetenz, dass eine Person über soziale, emotionale, kognitive und ästhetische Fertigkeiten verfügt, die für den Umgang mit digitalen Technologien und Medien wichtig sind. An der Professur Entwicklungspsychologie der Universität Würzburg wurde ein Modell entwickelt und evaluiert, wonach Medienkompetenz folgende Aspekte umfasst (Braun, Gralke & Nieding, 2018):

  • die Fähigkeit, Zeichen, Bilder und filmische Editierregeln in Medien zu verstehen (mediale Zeichenkompetenz),
  • die Fähigkeit, Realität und Fiktion zu unterscheiden,
  • das Wissen über die Wirkung von Medien sowie
  • das Wissen, welche Rechte in Medien gelten.

Es konnte u.a. gezeigt werden, dass Medienkompetenz bei Jugendlichen und Erwachsenen mit akademischen Leistungen positiv korrespondiert. Weitere Studien zeigten, dass bereits medienkompetente Vorschulkinder bessere Startbedingungen in der Schule haben (Nieding et al., 2017). Doch schützt Medienkompetenz auch vor digitalem Stress?

Um dies zu untersuchen, erweitern wir an der Professur für Entwicklungspsychologie der Universität Würzburg bestehende Theorien der Medienkompetenz. Wir gehen davon aus, dass für den Umgang mit digitalem Stress die Selbstregulation des Medienkonsums, das Wissen um eigene Denkprozesse oder die Steuerung des eigenen Denkens und Handelns in Bezug auf digitale Technologien und Medien helfen können.

Doch wie und warum löst der Umgang mit digitalen Technologien und Medien bei Kindern und Jugendlichen überhaupt Stress aus? Sind die Stressfaktoren, die für Erwachsene gefunden wurden, vergleichbar mit den Stressfaktoren für Kinder und Jugendliche? Um dies im Rahmen des Verbundprojekts ForDigitHealth herauszufinden, führen wir im Moment Interviews mit Kindern und Jugendlichen durch. Die Ergebnisse sollen uns dabei helfen einen ersten Einblick zu bekommen und darauf aufbauend, Experimente und einen Leistungstest kreieren zu können.

Erste Interviews liefern bereits Hinweise darauf, dass Stressoren wie Overload, Social Pressure oder auch Personal Assault, die für Erwachsene relevant sind, auch von Kindern und Jugendlichen als belastend empfunden werden. Vor allem das soziale Umfeld scheint bei Jugendlichen eine Rolle zu spielen. Demnach gäbe es Trends, die von Freunden verfolgt und bedient werden, die eine Anhäufung von Nachrichten zur Folge habe (Overload). Zum Beispiel erscheint auf der Plattform Snapchat eine Flamme im Chat, wenn man täglich mit einer Person schreibt. Jugendliche würden an diese Person dann ggfs. auch nur inhaltslose Bilder schicken, um die Flamme zu erhalten. Weiterhin wurde berichtet, dass eine andere Plattform namens TikTok im Freundeskreis dazu genutzt werden würde, um andere Personen zu filmen, wie sie eine Liebeserklärung machen. Dies wurde ebenfalls als Eingriff in die Privatsphäre beschrieben. Darüber hinaus scheint in sozialen Netzwerken teilweise ein sehr rauer Umgangston zu herrschen (Personal Assault). Auch private Treffen mit Freunden werden von digitalen Technologien und Medien überschattet. Freunde, die sich während eines Treffens nur mit ihrem Handy beschäftigen würden oder sich nur darüber unterhalten, sind ebenfalls Aspekte, über die sich Jugendliche ärgern.

Ein weiterer Aspekt ist die Unzuverlässigkeit digitaler Technologien und Medien. Kinder und Jugendliche ärgern sich über leere Batterien und Akkus oder auch das WLAN, das nicht funktioniere. Die Unzuverlässigkeit des WLANs sei besonders bei Plattformen wie YouTube oder Switch lästig, wo diese eine niedrige Bildqualität oder Verzögerung beim Abspielen mit sich bringe. Dies stresst Jugendliche vor allem, wenn ihnen nur eine gewisse Zeit an dem technischen Gerät zur Verfügung steht. Weiterhin beschrieb eine Person Probleme bei der Nutzung von Online-Diensten im Schulkontext, da diese nicht immer zuverlässig funktionieren würden. Die Unzuverlässigkeit oder auch Unreliabilität stellt einen weiteren aus der Literatur bekannten Stressor dar.

Zusammengefasst zeigen die ersten Erkenntnisse, dass die Generation der Digital Natives ebenfalls mit den Tücken digitaler Technologien und Medien zu kämpfen hat. Die berichteten Stressoren decken sich mit den Stressoren, die für Erwachsene untersucht wurden. Es zeigt sich aber auch, dass bisher nicht jeder Stressor, der für Erwachsene relevant ist, auch bereits für Kinder und Jugendliche eine Rolle spielt (zum Beispiel die Angst, durch voranschreitende Digitalisierung in Zukunft keinen Job zu bekommen – Insecurity).

Inwieweit sich die genannten Stressoren auf den empfundenen Stress im Vergleich zu allgemeinen aus der Literatur bekannten Stressoren für Kinder und Jugendliche (wie zum Beispiel Beziehung zu den Eltern, Probleme in der Schule und allgemeine Veränderungen) auswirkt, wird von uns im Laufe des nächsten Jahres untersucht. Vor allem aber werden wir erforschen, welche Kompetenzen Kinder und Jugendliche benötigen, um sich durch digitale Technologien und Medien nicht stressen zu lassen.

Bitte zitierien als: Scholze, Tamara, Wannagat, Wienke und Nieding, Gerhild (2019). Was stresst Kinder und Jugendliche im digitalen Zeitalter. 13. Dezember 2019. Online verfügbar unter: https://scilogs.spektrum.de/gesund-digital-leben/was-stresst-kinder-und-jugendliche-im-digitalen-zeitalter/

Bildquelle: natureaddict auf Pixabay

Quellen:
Braun C., Gralke V.M. & Nieding G. (2018). Medien und gesellschaftlicher Wandel. In M. Karidi, M. Schneider & R. Gutwald (Hrsg.), Resilienz (S. 177-202). Wiesbaden: Springer.
Nieding, G., Ohler, P., Diergarten, A.K., Möckel, T., Rey, G.D. & Schneider, W. (2017). The Development of Media Sign Literacy – A Longitudinal Study With 4-Year-Old Children, Media Psychologie, 20, 401-421.
Potter, W.J. (1998). Media literacy. Thousand Oaks, CA: Sage Publications.

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Tamara Scholze

Veröffentlicht von

Tamara Scholze ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Entwicklungspsychologie der Universität Würzburg. Sie forscht und bloggt zum Thema „Digitaler Stress bei Kindern und Jugendlichen“ im Rahmen des bayerischen Verbundprojekts „Gesunder Umgang mit digitalen Technologien und Medien“ (ForDigitHealth).

3 Kommentare

  1. TV und auch Videospiele werden von den Eltern eingesetzt , um die Kinder zu unterhalten. TV und Videospiele gehören damit zur Realität der Kinder.
    Ob die Kinder gestresst werden, das hängt von dem Videospiel ab und nicht von dem Medium . Die Kontrolle muss sich auf das Videospiel richten.

  2. Snapchat (Images+Video-Messages) und TikTok (Video-Sharing + Music)) haben ein junges, sehr aktives bis süchtiges Publikum.

    Der durchschnittliche Snapchat-User benützt Snapchat 20 Mal pro Tag.
    12% der Snapchat-User sind Mädchen zwischen 13 und 17 Jahren (bei Jungen sind es 6.6%).
    Bei TikTok sind in den USA 60% zwischen 16 und 24 Jahre alt , 60% sind weiblich und der durchschnittliche User nutzt es 52 Minuten pro Tag. 29% der TikTok-User benützt TikTok täglich. Wer im Internet nach TikTok sucht stösst relativ bald auf die WebSite Parents’ Ultimate Guide to TikTok, eben weil es bei Kindern so beliebt ist.

    Wenn hier im Zusammenhang mit der Nutzung von Apps wie Snapchat oder TikTok durch Kinder von Medienkompetenz gesprochen wird, so ist das in meinen Augen irreführend. Die meisten Kinder, die solche Apps nutzen sind nicht medienkompetent sondern nur Snapchat- oder TikTok-kompetent. Die meisten dieser Kinder haben sich mit Medien überhaupt nie auseinandergesetzt und sie kennen auch gar nicht so viele Medien. Vielmehr lernen sie die Welt oder mindestens für sie wichtige Aspekte der Welt über diese Apps kennen.

  3. Vor allem aber werden wir erforschen, welche Kompetenzen Kinder und Jugendliche benötigen, um sich durch digitale Technologien und Medien nicht stressen zu lassen.

    Hört sich gut an,
    ‘Stressoren’ sind womöglich aber hinzunehmen, ‘erste Erkenntnisse’ meinend, Dr. Webbaer sieht hier das Gegenteil des seinerzeit, insbes. in den Siebzigern so hervorgehobenen Bildungsmangels, der auch sozusagen Herrschaftswissen meinte, das angeblich nur mühsam durch die Bereitstellung von Lektüre und TV-Show natürlich ebenfalls, Stichwort : Bildungsfernsehen, kompensiert werden konnte.
    Wobei es Bibliotheken, auch öffentlich zugängliche, schon lange gibt.

    Nun, da sich aus diesseitiger Sicht alles umdreht, Bildung meinend, angeblich seinerzeit nicht verfügbare, und insofern angeblich über die Bereitstellung von Inhalt des Webs sozusagen Stress entsteht, rät Dr. Webbaer wie folgt :

    1.) Auch mal abstellen können, im Sinne von Peter Lustig

    2.) Im Web, alles ist sozusagen Web heutzutage, gerade auch das Smartphone oder Inhalt wie dieser hier, selektiv zur Kenntnis nehmen

    3.) Das Übermaß an Input / Information kritisch annehmen, auf jeden Fall breitgefächert im Web zur Kenntnis nehmen, sich nie fixieren, nie sog. Blasen entstehen lassen

    4.) Das Web nicht als grundsätzlich dem gewohnten Verkehr, dem “face to face”, als überlegen betrachten

    5.) Nie dull werden

    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. Webbaer

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