Wirtschaftswunder China

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Die Volksrepublik China hat in den letzten Jahren einen einzigartigen Wachstums- und Entwicklungsprozess durchlaufen. Dr. Tobias Kulka aus dem Institut für Asienwissenschaften aus Duisburg hat am vergangenen Donnerstag im Foyer International in Göttingen die Triebkräfte für diese Entwicklung und die möglichen Auswirkungen für China und die Weltwirtschaft näher durchleuchtet.

Verantwortlich für Chinas Erfolgsgeschichte sind demnach die Systemtransformation Chinas, seine zunehmende Internationalisierung und Industrialisierung. Chinas Übergang von einer Planwirtschaft zu einer Marktwirtschaft verlief relativ unbescholten. Bei anderen Systemtransformationen dieser Art – etwa in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion – war durch den abrupten Übergang ein Einbruch der Wirtschaftsleistung zu verzeichnen, der auf einen Mangel an entsprechendem Know How zurückzuführen war. „Crossing the river stone by stone“ heißt hingegen die Devise Chinas, bei der das neue System Schritt für Schritt und in einzelnen Sektoren eingeführt wird. Die beiden Systeme überschneiden sich somit stellenweise, bis schließlich die Transformation des Landes alle Bereiche erfasst hat. Ein weiterer Punkt ist die Integration Chinas in den Weltmarkt. 2006 rangierte China weltweit auf Platz drei sowohl im Import als auch im Export. Für das folgende Jahr wird damit gerechnet, dass China Deutschland vom ersten Platz in den Exporten überholen wird.

Zurückzuführen ist das starke Wirtschaftswachstum des Landes auf den starken Anstieg der Direktinvestitionen Anfang der 1990er Jahre durch ausländische Investoren. Als dritte Antriebskraft wird die Industrialisierung Chinas angeführt. Mehr als jeder zweite Chinese ist inzwischen im Dienstleistungs- bzw. Lohnsektor beschäftigt. Seit über zehn Jahren wächst Chinas Bruttoinlandsprodukt stetig um etwa 10%. Der Großteil der Produktion findet an der Ostküste, rund um Peking, Shanghai und Hongkong, statt, der weite Westen des Landes entwickelt sich hingegen kaum. Inzwischen ist China der zweitgrößte Akteur in der Weltwirtschaft, hinter den USA (bezieht man die EU als staatsähnliches Gebilde mit ein, rangiert diese auf Platz eins und China nach den U.S.A. auf Platz drei). China hat eine riesige Stahlindustrie erschaffen und ist seit etwa zehn Jahren der größte Stahlproduzent weltweit. Die Industrialisierung hat auch seine Schattenseiten, wie beispielsweise der hohe Ausstoß an Emissionen und daraus resultierende steigende Luft- und Wasserverschmutzung. Soziale Disparitäten nehmen zu, obwohl auch erwähnt sein muss, dass China durch den Wirtschaftsaufschwung die Armut drastisch reduzieren konnte.

War China zu beginn passiv am Aufstieg beteiligt, indem es Finanzkapital durch ausländische Investoren akquirierte, erprobte Technologien und Humankapital ins Land einlud, übernahm es zunehmend eine aktive Rolle. Statt nur Weltfabrik zu sein, steigt inzwischen der Anteil des "Local Content": Wurden vorher Vorprodukte nach China geliefert und dort nur noch zusammengefügt, findet nun ein Großteil der Herstellung und Zusammensetzung vor Ort statt. Die Textilindustrie verliert zunehmend an Bedeutung, stattdessen erobern immer mehr chinesische Marken den Weltmarkt, wie beispielsweise der Computer-Hersteller Lenovo oder der Elektrohersteller Haier. Auch die Qualität der chinesischen Produkte verbessert sich stetig. Inzwischen kann es sich China auch leisten Auflagen an ausländische Unternehmen zu stellen und nur noch die neuesten Technologien zuzulassen und damit das eigene Humankapital aufzubauen und zu verbessern.

Dieser Artikel wurde geschrieben von Mirjam Reisner.

Foto: pixelio.de 

 

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Meine Name ist Stefan Ohm und ich bin Geograph. Vor meinem Studium habe ich eine Ausbildung zum Fachinformatiker absolviert und danach bei Electronic Data Systems (EDS) als Lotus Notes Entwickler gearbeitet. Während meines Studiums in Hannover führte mich mein Weg zur Texas State University in San Marcos (USA) sowie zur University of Bristol (UK). Darüber hinaus absolvierte ich zwei Praktika bei NGO’s in Neu Delhi (Indien), mit dem Ziel Entwicklungsprozesse vor Ort genauer zu betrachten und damit ein besseres Verständnis über diese zu erhalten. Promoviert habe ich über den Strukturwandel im Perlflussdelta und Hongkong (China) an der Justus Liebig Universität in Gießen.

3 Kommentare

  1. Finanzkrise

    Ist Dr. Kulka auch auf die derzeitige Finanzkrise eingegangen? Der Spiegel hat diese Woche ja eher schlechte Aussichten beschrieben?

  2. Die Finanzkrise macht sich in China derzeit stark bemerkbar. Das ist doch auch eine logische Konsequenz, da die größten Abnehmer Chinas, in Form der USA und der EU, wirtschaftlich schwächeln.
    Schlimm scheinen ja die Zustände in einigen Unternehmen zu sein. Der Spiegel berichtete ja von Firmenchefs, die einfach ins Ausland fliehen und die Arbeitnehmer einfach ohne Lohn zurück lassen. Der Zorn über solches Verhalten kann dabei schnell zum Flächenbrand anwachsen.

  3. @Stefan

    In einem solchen Klima kann auch schnell die Systemfrage gestellt werden. Besonders, wenn in einer solchen Situation die Parteikader ihre finanzielle Stellung behalten wollen und noch ungenierter Zugreifen.

    Wollen wir hoffen, dass China die Krise bewältigen kann. Es wäre schade, wenn der Erfolg der letzten Jahre zusammenbrechen würde. Denn, trotz aller Kritik, China hat es geschafft Millionen von Menschen aus der Armut zu holen.

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