Goldrausch in der Arktis

Es ist schon einige Monate her, da bestätigte der Weltklimarat eine längst bekannte Tatsache: die Temperaturen werden global ansteigen. Alle Modelle zeigen, dass der Klimawandel regional höchst unterschiedlich ausfallen wird. Insbesondere in den nördlichen Polarregionen werden milde Sommer und nicht mehr ganz so kalte Winter die Regel werden. Die Auswirkungen auf die fragilen Ökosysteme im hohen Norden sind nicht abzusehen. Während die medialen Diskussionen noch immer um die Frage kreisen, wie ein Ansteigen der globalen Temperaturen abzuwenden ist, bereiten sich Investoren und Unternehmen bereits auf einen wahren Goldrausch vor. In Canada, Russland, Norwegen, Island und den USA eröffnen sich gerade Möglichkeiten, die sprudelnde Gewinne bedeuten können.
Im vergangenen Sommer habe ich mit großem Interesse die Nachrichtenlage in der Arktis verfolgt. Und die hatten es in sich. Nicht ohne Grund reagierte Russland so heftig auf die Proteste von Greenpeace, die gegen eine Ausweitung der Öl- und Gasförderung in der Barent See protestierten, denn die Industrie hat großes in der Region vor. Eine Bedrohung für die fragilen Ökosysteme sei die Rohstoffförderung, so Greenpeace. Durch höhere Temperaturen tauen die Permafrostböden auf und zahlreiche Rohstoffquellen werden für die Industrie nutzbar.

Aber auch anderen Meldungen hatten zeigen, wie sich die Interessenlage in der Region entwickelt. China und Indien sind beispielsweise dem Arktischen Rat beigetreten und besitzen nun Beobachterstatus. Und dass, obwohl diese Länder ihre Grenzen fern ab der Arktis haben. Dafür bestehen große wirtschaftliche Interessen im Nordpolarmeer. Und als Wirtschaftshandelsmacht des 21. Jahrhundert kann man es sich nicht leisten, diesem Spiel fern zu bleiben.
Auch hat das erste Containerschiff die Nordostpassage von China nach Rotterdam durchquert. Es sind diese vereinzelten Meldungen, die oberflächlich betrachtet nur wenig gemeinsam haben. Doch sie zeigen, dass sich in der Arktis große Veränderungen anbahnen und eine neue Ära beginnt. Höhere Temperaturen drängen Eisschilde und Permafrostböden in großem Maßstab nach Norden. Ungesehen haben sich bereits alle großen politischen und ökonomischen Akteure in Stellung gebracht. Während die ökologischen Folgen durch diesen fundamentalen Wandel noch gar nicht abschätzbar sind, wachsen die wirtschaftlichen Interessen bereits in den Himmel. Schon lange liegen Pläne für die wirtschaftliche Nutzung in den Schubladen der arktischen Anrainerstaaten. Zwei zentrale Themen sind es, die in den nächsten Jahren (Dekaden) die Entwicklung der Region maßgeblich beeinflussen werden: Rohstoffe und Handelsrouten.

Der Schatz im Boden
Unter den Permafrostböden liegen wahre Schätze. Die Menschheit war bisher noch nicht in der Lage, größere Rohstoffvorkommen in der Arktis auszubeuten. Der U.S. Geological Survey schätzt, dass sich fast ein Viertel aller unentdeckten Erdöl- und –gasvorkommen in den Gebieten der Arktis befinden.
Bereits heute produziert die Arktis schon große Mengen an Öl und Gas. Die beiden  Hotspots der Exploration liegen in Westsibirien und in Alaska. Die Arktischen Erdöl- und Gasfelder produzieren aktuell 10,5% der globalen Erdölfördermenge und 25,5% der weltweiten Erdgasproduktion. Doch es liegt noch viel mehr unter den Permafrostböden. Die Arktis könnte sich zu einer zweiten Golfregion entwickeln.
Durch den starken Anstieg der Temperaturen in dieser Region wird es möglich sein, Vorkommen auszubeuten, die vorher nur unter höchsten technischen Einsatz nutzbar waren. Durch geringere Temperaturen und längere Sommer interessieren sich mittlerweile alle großen Rohstoffproduzenten für Lizenzen im hohen Norden.

Shell hat bereits 5 Milliarden US $ in Explorationsvorhaben in der Chukchi See (Alaska) investiert, während die schottische Firma Cairn Energy mehr als 1 Milliarde in Grönland ausgibt. In Russland stehen bereits Gazprom und Rosneft davor, Milliardenschwere Investitionen zu tätigen, um schwer erreichbare Öl- und Gasfelder auszubeuten. Als Partner dienen ConocoPhillips, ExxonMobile, Eni, Statoil und andere. Es sind bereits alle wichtigen Player vor Ort und teilen sich diesen Schatz untereinander auf.
Aber nicht nur die traditionelle Erdöl- und Gasförderung ist in der Arktis zu beobachten. In Sibirien, Alaska und Canada werden derzeit neue Fracking-Methoden im großen Stil getestet. Großer Gegenwind aus der Bevölkerung ist nicht zu erwarten, denn diese Regionen sind zumeist nur spärlich besiedelt.
Ein regelrechter Goldrausch nach wertvollen Mineralien und Erzen ist derzeit von Alaska bis Russland im Gange. Die weltweit produktivste Zink-Mine befindet sich bereits in Nordalaska und die produktivste Nickelmine in Nordrussland. Die aktuellen Rohstoffförderzahlen sind beeindruckend. Bereits heute produziert die Arktis 40% des globalen Palladiums, 20% aller Diamanten, 15% des Platins und 11% des Cobalts. In Alaska sind schon mehr als 100 Lagerstätten seltener Erden entdeckt worden, deren Nutzung aktuell vorbereitet werden. Steigen die Temperauren in der Region weiter an, werden mit der Zeit immer mehr Lagerstätten ökonomisch und technisch nutzbar. Sollte der nächste Sommer so warm werden wie der vergangene, werden wir 2014 von zahlreichen Investitionsvorhaben großer Rohstoffunternehmen in der Arktis hören.
Gleichzeitig spielt sich aber auch eine ökologische Katastrophe ab. Die borealen Nadelwälder, die aktuell noch 8% der globalen Waldfläche ausmachen, wandern nach Norden. Da irgendwann das Land endet, bedeutet dies, dass große Waldflächen einfach verschwinden. Und mit ihnen zahlreiche Tier- und Pflanzenarten. Dass die Unternehmen nicht gerade zimperlich im Umgang mit unberührten Waldgebieten sind, zeigt die Ölschieferförderung in Canada. Für die Förderung dieser Ölsande werden große Waldflächen unberührten Waldes gerodet. Rücksicht auf die empfindlichen Ökosysteme wird selten genommen.

Handelsrouten
Die Schifffahrtsroute durch das Nordpolarmeer beflügelt schon sehr lange den Welthandel. Durch eine eisfreie Nordostpassage sinkt die Transportzeit zwischen Shanghai und Rotterdam von derzeit 48 auf 35 Tage. Für den globalen Handel eine enorme Kostenersparnis. Die schwierige politische Situation in Somalia und in Ägypten könnte so wenigstens im Sommer umgangen werden, da die arktischen Anrainerstaaten derzeit politisch und finanziell noch relativ sicher sind. Bei dieser Gelegenheit möchte ich den sehenswerten Film Captain Phillips empfehlen, der die Piraterie am Horn von Afrika eindrucksvoll darstellt.
Bereits 2010 sind zum ersten Mal in der Geschichte vier kommerzielle Schiffe durch die Nordwestpassage der kanadischen Arktis gefahren. 2011 waren es bereits 34 Schiffe und im arktischen Sommer 2012 schon 46. Ähnliche Beobachten lassen sich auf der Nordostpassage machen. Russland bereitet sich derzeit intensiv auf einen anwachsenden Seeverkehr vor. Das russische Ministerium für Transport hat eine Behörde in Moskau geschaffen, die die Wasserwege vor den Küsten Nordrusslands überwachen soll. Aktuell stellt die Behörde zwar nur wenige Genehmigungen aus und versorgt Schiffe mit aktuellen Wetterinformationen, doch es wird aufgerüstet. Vor den Küsten Russlands entsteht ein engmaschiges Netz modernen Wetter- und Navigationsbojen.

Das vollkommende Abschmelzen der Polkappen liegt zwar noch in weiter Ferne, doch es scheint bei anhaltendem Trend möglich, dass die Arktis ab 2035 in den Sommermonaten relativ eisfrei sein wird. 2012 war bereits der wärmste Sommer seit Aufzeichnungsbeginn in Grönland, Nordkanada und Alaska. Aufgrund der geographischen Lage, könnten sich Städte wie Reykjavik und Anchorage in globale Rohstoffhandels- und Finanzplätze verwandeln. Die Dubai‘s und Singapore’s des 21. Jahrhundert.

Der Managing Director of CargoMetrics und Mitbegründer der Nichtregierungsorganisation ArcticCircle hat im letzten Jahr einen vielbeachteten Artikel in der Foreign Affairs geschrieben. Eine seiner Grundaussagen lautete: „Like it or not, the Arctic is open for business, and governments and investors have every reason to get in on the ground floor“.

  • Veröffentlicht in: WiGeo

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www.geographieblog.de

Meine Name ist Stefan Ohm und ich bin Geograph. Vor meinem Studium habe ich eine Ausbildung zum Fachinformatiker absolviert und danach bei Electronic Data Systems (EDS) als Lotus Notes Entwickler gearbeitet. Während meines Studiums in Hannover führte mich mein Weg zur Texas State University in San Marcos (USA) sowie zur University of Bristol (UK). Darüber hinaus absolvierte ich zwei Praktika bei NGO’s in Neu Delhi (Indien), mit dem Ziel Entwicklungsprozesse vor Ort genauer zu betrachten und damit ein besseres Verständnis über diese zu erhalten. Promoviert habe ich über den Strukturwandel im Perlflussdelta und Hongkong (China) an der Justus Liebig Universität in Gießen.

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  1. Manchmal hilft das Zurückfinden zur Sachlichkeit, dieser Artikel scheint dementsprechend geprägt, wenn es zulünftige Entwicklung zu bearbeiten gilt, ein Dank dem Geographen.

    Es bleibt zu hoffen, dass die prädizierte Entwicklung, bis zu acht Grad Celsius mehr in der Arktis, nicht eintreten wird.

    MFG
    Dr. W

  2. (Ökonomisch) blühende Lanschaften in der Arktis also schon heute, nicht erst im Jahr 2050 wie im Buch The New North: Our World in 2050 vorausgesagt. Tatsächlich hat der nordische Rat seinen Sitz  kürzlich ins 300 km nördlich des Polarkreises gelegene Tromsø verlegt  wie auch  das norwegische Polarforschungsinstitut von Oslo nach Tromsø umgezogen ist. In Tromsø sollen auch die olympischen Winterspiele 2018 ausgetragen werden. 
    Auch in Grönland sind grosse Zukunftserwartungen überall spürbar wie mir ein Bekannter, der es kürzlich besuchte, mitteilte. Grönland besitzt Rohstoffvorräte  und ein Wasserkraftpotenzial, das, wenn voll ausgeschöpft und gerecht verteilt, jeden Grönländer 10 Mal so reich machen kònnte wie heute einen Katarer. 
    Ja, das ist wohl das Wichtigste überhaupt: In den Gebieten, die die Arktis umgeben – Nordkanada, Alaska, Nordsibirien Grönland, Nordskandinavien -, leben zusammengenommen weniger Menschen als in ganz Deutschland, das aber auf einer Fläche, die mehr als 100 Mal so gross ist wie Deutschland. In der Arktis im engeren Sinn – also dem Gebiet nördlich des Polarkreises -, leben sogar nur 1/10 soviel Menschen wie in Deutschland und die Bevölkerungsdichte beispielsweise in Grönland liegt bei sagenhaft tiefen 0,026 Einwohner pro km².
    Erwärmt sich das Klima wie erwartet, wird die eigentliche Kernzone der Arktis zum neuen Rohstoffeldorado und zum Zentrum wichtiger Handelsrouten während des Sommers.
    Doch auch die an die Arktis anschliessenden Gebiete könnten viel attraktiver werden als sie heute sind. Schon jetzt sind in Kanada und Russland wegen der Erwärmung grosse Gebiete erstmals landwirtschaftlich nutzbar geworden. Kanada könnte gar zu einem neuen Anziehungspunkt für Migranten aus aller Welt werden (ist es zwar heute schon, lässt aber fast niemanden hinein) und seine Bevölkerung innert kurzer Zeit verdoppeln. 
    Was aber passiert, wenn die Menschheit plötzlich (in den nächsten 5 Jahren) Ernst macht mit der Klimapolitik und sie ihre Treibhausgasemissionen radikal herunterfährt? Auf die Klimaentwicklung der nächsten 30 Jahre hätte das keinen Einfluss und im Jahre 2050 könnte sich “The New North” immer noch des  neu erworbenen Reichtums erfreuen. Frühestens  gegen Ende diese Jahrhunderts würden sich die Temperaturen wieder den heutigen annähern. Dass das passiert wird aber immer weniger wahrscheinlich.

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