Die Entwicklung der indischen Softwareindustrie in Bangalore

Die Entwicklung des Software-Clusters im indischen Bangalore stellt ein Paradoxon dar, da nur wenige Entwicklungslaender eine, global gesehen, konkurrenzfaehige High-Tech Industrie herausbilden konnten. Selbst Japan konnte auf seinem Entwicklungspfad erst sehr spaet eine aehnlich erfolgreiche High-Tech Industrie herausbilden. Doch ist die Entwicklung der Softwareindustrie in Indien nachhaltig oder basiert diese nur auf arbeitsintensiven Outsourcing Dienstleistungen, ohne Aussicht auf eigene Produkte?

Entwicklungsphasen des Software-Clusters in Bangalore

Die Entstehung der Softwareindustrie in Suedindien reicht bis in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts zurueck. Als Zentrum bildete sich sehr frueh Bangalore heraus, da dort schon Unternehmen und Institutionen, wie Bharat Systems (Militaertechnik) und die indische Telekom angesiedelt waren. Gestuetzt wurde die Entwicklung dieser Keimzellen hauptsaechlich durch militaerische Forschungsauftraege. Hintergrund dieser massiven staatlichen Investitionen war eine nach innen gerichtete Wirtschaftspolitik, die eine wirtschaftliche und politische Unabhaengigkeit Indiens anstrebte.
Eine zweite Welle der Entwicklung erfuhr die Softwareindustrie in Bangalore durch die Wirtschaftspolitik des Premier Ministers Rajiv Gandhi, der ab Mitte der 1980er Jahre Forschungsinstitute in der Region foerderte, mit dem Ziel, internationale Kunkurrenzfaehigkeit zu erlangen. Zu diesem Zweck wurde auch ein Technologiepark fuer Unternehmensgruendungen aus der ortsansaessigen Universitaet heraus errichtet. Ein weiteres wichtiges Ereignis zu dieser Zeit, stellt die Ansiedlung von Texas Instruments dar, das als erstes multinationale Unternehmen einfache Software-Dienstleistungen in die Region verlagerte (Outsourcing). Outsourcing ist allgemein eine Strategie, um Kosten zu senken oder organisatorische Flexibilitaet zu behalten. Diese Strategie war in Bangalore sehr erfolgreich und in den Folgejahren gruendeten viele weitere multinationale Unternehmen hier ihre Niederlassungen.

Einen weiteren Entwicklungsschub erfuhr das Software-Cluster in Bangalore durch das Platzen der Dot.Com Blase im Jahr 2000, in deren Folge mehr als 30.000 hochqualifizierte indische Arbeitskraefte aus den USA und Europa zurueckkehrten. Die Gruende der Rueckkehr liegen sowohl in push- (geringe Beschaeftigungsmoeglichkeiten in den USA und Europa) als auch in pull- (Indien als Ort der Innovation) Faktoren begruendet. Viele dieser Rueckkehrer, ausgebildet an westlichen Universitaeten, gruendeten neue Unternehmen in Bangalore und transferierten ihr erworbenes Wissen ueber Methoden und Technologien in die Region. Ab 2000 bildete sich die von ARMIN und THRIFT beschriebene “institutional thickness” heraus, die ein Zusammenspiel von lokaler Verwaltung, privatwirtschaftlicher und staatlicher Forschung, der Praesenz und der Interaktion multinationaler Unternehmen mit lokalen Unternemen darstellt.

In die Krise geriet die indische Softwareindustrie, und vor allem die Unternehmen in Bangalore, durch die aktuelle weltweite Finanzkrise, da die USA der groesste Kunde von Softwareprodukten und Dienstleistungen aus der Region ist. Diese Entwicklung fuehrt derzeit zu einem starken Beschaeftigungsrueckgang in der Software-Industrie. Selbst Absolventen von Spitzenuniversitaeten koennen nicht mehr auf eine Beschaeftigung im Grossraum Bangalore hoffen. Ich sprach kuerzlich in New Delhi mit indischen Informatikstudenten, die ihre Zukunft in Indien sehr pessimistisch einschaetzen, da die Berufsaussichten in der derzeitigen Situation schlecht sind.

Interessant war in diesem Zusammenhang auch, dass unter Studenten auf einen Wahlsieg von McCain bei der amerikanischen Praesitentschaftswahl im November letzten Jahres gehofft wurde, da er sich im Wahlkampf entschieden gegen Protektionismus und der Foerderung der Informations- und Telekommunikations Wirtschaft ausgesprochen hatte.

Reisenachtrag

Ich befinde mich gerade in Jaisalmer, nahe der Parkistanischen Grenze. Eigentlich ein Ort, der viele Touristen anzieht. Aktuell wirkt Jaisalmer aber wie leergefegt. Fragt man Hotelbesitzer oder Passanten wird auf die Anschlaege in Bombay hingewiesen. Bisher konnte sich keiner an ein solch schlechtes Jahr im Tourismus erinnern. Es ist schon gespenstisch, wenn man an den vielen leeren Restaurants vorbeischreitet. Hinzu kommt eine unglaubliche Militaerpraesenz. Regelmaessig Erkundungsfluege der Kampfjets sind unueberhoerbar. Wir haben uns daher entschlossen, die Region in den naeachsten Tagen wieder zu verlassen.

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Meine Name ist Stefan Ohm und ich bin Geograph. Vor meinem Studium habe ich eine Ausbildung zum Fachinformatiker absolviert und danach bei Electronic Data Systems (EDS) als Lotus Notes Entwickler gearbeitet. Während meines Studiums in Hannover führte mich mein Weg zur Texas State University in San Marcos (USA) sowie zur University of Bristol (UK). Darüber hinaus absolvierte ich zwei Praktika bei NGO’s in Neu Delhi (Indien), mit dem Ziel Entwicklungsprozesse vor Ort genauer zu betrachten und damit ein besseres Verständnis über diese zu erhalten. Promoviert habe ich über den Strukturwandel im Perlflussdelta und Hongkong (China) an der Justus Liebig Universität in Gießen.

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. arabische Emirate

    Hi,
    ich habe hier in bangalore mit einem SOftwareentwickler gesprochen. Von ihm habe ich erfahren, dass viele Programmierer in die arabischen Emirate ziehen um dort mehr Geld zu verdienen, da die indischen Löhne sehr niedrig sind.
    mfg Fabian Knobloch

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