Buchbesprechung: Post-Truth von Lee McIntyre

Das Onlinelexikon Oxford Dictionaries wählte den Ausdruck zum internationalen Wort des Jahres 2016, die Gesellschaft für deutsche Sprache bestimmte im gleichen Jahr die deutsche Übersetzung zum Wort des Jahres. Die Rede ist von „Post-Truth“ oder zu deutsch „postfaktisch“. Aber was versteht man darunter eigentlich genau, und warum ist das Phänomen gerade jetzt so virulent? Der amerikanische Philosoph und Buchautor Lee McIntyre versucht sich in seinem Buch „Post-Truth“ (erschienen im Februar 2018) an einer Erklärung.

Nicht wenige Menschen sehen die heutige Welt nur als ein trauriges Überbleibsel einer glorreichen Vergangenheit. Die verbreitete Vorsilbe „post“, abgeleitet von dem lateinischen Wort für „später, danach“ weist darauf hin, dass viele gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklungen nur als negatives Abziehbild einer früheren Zeitströmung betrachtet werden.

Die Postmoderne bezeichnet politische und künstlerische Richtungen, die der Moderne nachfolgen und sie ablehnen, aber ansonsten weit auseinanderdriften.

Die Postdemokratie ist nur mehr die Vorspiegelung einer Demokratie. Nach diesem vom britischen Soziologen Colin Crouch verbreiteten Begriff sind westliche Demokratien auf dem Weg in eine Herrschaftsform, in der sich die Eliten gegenseitig die Herrschaft zuschieben, ohne dass die weiterhin stattfindenden Wahlen dem Volk nennenswerten Einfluss geben würden.

Fast könnte man den Eindruck haben, die heutige Zeit sei lediglich der Abglanz einer besseren Epoche, eines Höhepunkts von Moderne und Demokratie.

Und selbst die Wahrheit scheint immer mehr abhandenzukommen, denn sonst wäre das Wort „postfaktisch“ oder „post-truth“ kaum zu solcher Berühmtheit gelangt. Die Washington Post hat vor einigen Tagen fünf Bücher vorgestellt, die sich mit dem Thema befassen. Das Buch „Post-Truth“ von Lee McIntyre bezeichnete sie als „perhaps the most thoughtful [das vielleicht durchdachteste]“. Ein guter Grund, sich das Buch näher anzusehen. Der Autor ist Philosophiedozent an der Boston University und hat bereits mehrere Bücher veröffentlicht, die sich mit ähnlichen Themen befassen. Bisher ist kein Buch von ihm deutscher Sprache verfügbar.

Das Buch

„Post-Truth“ gliedert sich in sieben Kapitel. Das erste definiert den Begriff, die nächsten fünf beschreiben grundsätzliche und konkrete Aspekte der Entstehung des Phänomens. Das letzte Kapitel diskutiert, wie man sich dagegen wehren kann.

McIntyre beschreibt postfaktische Politik als den Versuch, unbestreitbare Fakten zugunsten der eigenen Ideologie zu ignorieren, verdrehen oder verleugnen. Er warnt davor, die Bezeichnung nur auf Donald Trump zu münzen. „In einer Zeit, in der Politiker Fakten bestreiten können, und dafür keinerlei politischen Preis zahlen, ist die postfaktische Politik [„Post-Truth“] größer als eine einzelne Person“.

Analyse: Strategien und Ansatzpunkte postfaktischer Politik

Im nächsten Kapitel untersucht McIntyre den Einfluss der Kampagne der amerikanischen Tabakindustrie, der es gelang, wissenschaftliche Erkenntnisse über die Schädlichkeit des Rauchens jahrzehntelang zu unterdrücken. Später nutzten die Ölfirmen die gleichen Strategien, um die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Klimawandel unglaubwürdig zu machen. „Warum soll man nach einer wissenschaftlichen Kontroverse suchen, wenn man sie vortäuschen kann?“ fragt McIntyre und kommt zu dem Schluss, dass die Tabak- und Ölindustrie den heutigen populistischen Politikern die Blaupause für ihre Agitation gegen die Wissenschaft geliefert haben.

Das Kapitel über kognitive Verzerrungen soll zeigen, warum Menschen überhaupt die Verdrehung von offensichtlichen Tatsachen hinnehmen oder sogar verteidigen. In diesem Feld ist McIntyre nicht zu Hause, und das merkt man bei seiner Argumentation. Seit die Erforschung von Wahrnehmungsverzerrungen in Mode gekommen ist, hat sich die Anzahl der berichteten systematischen Fehleinschätzungen unglaublich vermehrt. Die englische Wikipedia listet inzwischen mehrere hundert davon auf, die sich allerdings bei kritischer Betrachtung vielfach überlappen und auf wenige grundlegende geistige Prozesse zurückführen lassen.

So ist beispielsweise der Dunning-Kruger-Effekt, den McIntyre anführt, für die Erklärung der Attraktivität des Phänomens „Post-Truth“ im Grunde nicht notwendig. Er beschreibt die Tendenz von Menschen, ihre fachfremden Fähigkeiten weit zu überschätzen, während Experten eher dazu neigen, ihre Grenzen im eigenen Fach zu kritisch zu sehen. Je weniger jemand weiß oder kann, für desto klüger und fähiger hält er sich. Der Effekt ist gut belegt, aber man muss ihn hier nicht bemühen, um den Erfolg der postfaktischen Politik schlüssig zu erklären.

Weitere Kapitel befassen sich mit dem Niedergang des traditionellen Journalismus und der fatalen Rolle der sozialen Medien bei der explosionsartigen Verbreitung von Gerüchten. Außerdem stellt der Autor die Frage, ob die postmoderne Philosophie zum Erfolg der postfaktischen Politik beigetragen hat. Dazu gehört zum Beispiel die Idee einiger Philosophen, dass naturwissenschaftliche Gesetze lediglich in den Labors der Physiker funktionieren. Die Gesetze der Gravitation oder die Gleichungen des elektrischen Stroms beschreiben demnach keine universellen Wahrheiten, sondern entspringen einen kulturellen Konsens der Forscher. Physik ist demnach nur eine Art Religion der Moderne – und postmodernen Denker haben das durchschaut. Damit liefern die postmodernen Philosophen den postfaktischen Politikern eine Steilvorlage, um naturwissenschaftliche Erkenntnisse zu ignorieren.

„Die Postmoderne ist der Pate der Postfaktizität“, schreibt McIntyre.

Postfaktische Politik bekämpfen

Das letzte Kapitel will Wege für den Kampf gegen postfaktische Politik aufzeigen, aber tatsächlich ist es eher ein Dokument der Hilflosigkeit. Zitat:

„Wir müssen jedem einzelnen Versuch entgegentreten, Tatsachen zu verschleiern, und Falschheiten bekämpfen, bevor sie ihr Zersetzungswerk beginnen können.“

Aber was soll das nutzen, wenn viele Menschen sich um die Wahrheit einfach nicht kümmern? McIntyre warnt ausdrücklich davor, sich auf eine höhere moralischen Position zurückzuziehen. „Wir unterliegen alle den gleichen Wahrnehmungsverzerrungen“, schreibt er. Der Aufstieg der postfaktischen Politik sei deshalb nicht nur den Anderen anzulasten, und nicht nur das Problem von irgendwem anders. Die Wahrheit sei nach wie vor wichtig. Letztlich, so argumentiert er, muss man sich den Weg zur Wahrheit selbst erarbeiten und dabei lernen, seine eigenen Wahrnehmungsverzerrungen zu überwinden.

Das ist gut formuliert, absolut richtig und leider nicht sehr hilfreich. Aber fairerweise muss man sagen, dass bisher niemand ein Rezept gegen Populisten gefunden hat, die ohne jeden Skrupel die Wahrheit verbiegen und auf jeden losgehen, der ihre Lügen richtigstellen will.

Der Autor schreibt ein verständliches Englisch und entwickelt seine Argumente mit gut nachvollziehbarer Logik. Größere philosophische, historische oder psychologischen Vorkenntnisse setzt er nicht voraus.

Kritik

Es gibt aber trotzdem einige Kritikpunkte. Fast durchgehend begründet McIntyre die gegenwärtigen Probleme der Welt mit nationalen Entwicklungen in den USA oder aktuellen Strömungen der Philosophie, was mehrfach zu einer argumentativen Schieflage führt. So sind die postmodernen Philosophen nicht die ersten, die der Physik das Recht absprechen, die Welt in universelle Formeln zu fassen. Bereits Oswald Spengler bezeichnete in seinem einflussreichen Buch „Der Untergang des Abendlandes“ von 1918 die Physik als „Kunstwerk des Barock“ und prognostizierte ihren baldigen Zerfall als Teil der abendländischen Kultur.

Das gezielte Ausstreuen von Gerüchten ist ebenfalls keine neue Entwicklung. Schon die – höchst unbeliebte – französische Königin Marie Antoinette hatte unter einer massiven anonymen Rufmordkampagne zu leiden, die vor keiner Verleumdung halt machte. Der königlichen Zensur gelang es nicht, die vielen Schriften zu unterdrücken.

McIntyre hätte auch ausführlicher untersuchen sollen, ob die Bildung von Filterblasen in sozialen Netzen die Verleugnung der Wirklichkeit unterstützt und damit populistischen Agitatoren den Weg bereitet. Aber das Wort „filter bubble“ taucht in dem ansonsten sehr ausführlichen Register überhaupt nicht auf.

Fazit

Insgesamt kann ich das Buch empfehlen, aber man sollte sich darüber im Klaren sein, dass es ausschließlich die Verhältnisse in den USA widerspiegelt.

Lee McIntyre: Post-Truth, MIT Press, Cambridge 2018

Veröffentlicht von

www.thomasgrueter.de

Thomas Grüter ist Arzt, Wissenschaftler und Wissenschaftsautor. Er lebt und arbeitet in Münster.

14 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Immerhin geht McIntyre mal einen neuen Schritt, wenn er nicht nur nach rechts zeigt, sondern auch die Rolle der Wirtschaft erwähnt. Allerdings nur in Bezug auf Strategien, zur postfaktischen Gesellschaft gehören auch- und sogar primär- die Mantren neoliberaler Wirtschaftspolitik, wie z.B. die Austerität.
    “Nicht wenige Menschen sehen die heutige Welt nur als ein trauriges Überbleibsel einer glorreichen Vergangenheit. ”
    Das beschränkt sich aber nicht nur auf Wirtschaft und Rechte, es gibt auch so etwas wie eine kulturelle Postfaktizität, die, genauso wie die Rechtspopulisten, in einem Gestern verharrt, das es so nie gegeben hat, eine verblüffende Parallele.
    Die Einen träumen von den 50er Jahren und übersehen, daß es damals bereits massive Widerstände gegen den konservativen Muff gegeben hat.
    Die anderen halten die heutigen Glaubenssätze der “liberalen Demokratie”, vor allem der sogenannten “Korrektheit”, für einen modernen Fortschritt, der aus den Bürgerrechtsbewegungen der 60er bis 90er Jahre hervorgegangen ist, was genauso unsinnig ist.
    Erst das teils miese Niveau der vermeintlichen Vernunft läßt es zu, daß die Postfaktiker stark werden, es gibt heute im wesentlichen einen Wettbewerb darum, wer simpler denkt und mit seinen Dogmen die Gesellschaft beherrscht. Ein Wettbewerb nach unten, bei dem logischerweise diejenigen gewinnen, die die einfachsten Lösungen anbieten.

  2. Das Web macht sozusagen jeden zum Publizisten bis Journalisten (wenn er regelmäßig schreibt, dies ist das Hauptkriterium), so dass auch Meinung hochkommt, die vielen abwegig erscheint bis unappetitlich ist.
    Die Demokratie wird diverser und mehr diversiv(e).

    Weder Postmodernes, noch Postfaktisches würde Dr. Webbaer in diesem Zusammenhang feststellen bis beklagen wollen, Standardmeinungen sozusagen sind nicht mehr medial-politisch bestimmend, auch nonkonforme Meinung wird wichtig und viele fangen an zu klagen, suchen für ihre Klage Begrifflichkeit (‘Postmoderne’, ‘Post Truth’ & ‘Populismus’ vielleicht die besten Beispiele).

    Sehr interessant auch, wie sich fast die gesamten sog. Standard- oder Qualitätsmedien gegen Donald J. Trump stellten, auch in den USA, und “unser Mann” hier hauptsächlich im Eigenbau und bei den Social Media erfolgreich gegen hielt.

    MFG
    Dr. Webbaer (der allerdings als Konsequenz, auch als Konsequenz aus der Immigrationsproblematik, wie sie in den meisten “westlichen” Ländern vorliegt, hier letztlich auch viel Schlechtes erwartet, Segregation, Sezession etc.)

  3. @ Kommentatorekollege ‘DH’ :

    Die global tätige Wirtschaft, mit großen, sehr großen Unternehmen, ist anscheinend an einer Schwächung der Nationalstaaten interessiert, auch im Sinne der Steuervermeidung und im Sinne des stetigen, teils auch wilden Wachstums, ungesteuerte Immigration wird anscheinend auch deshalb beworben, auch im Sinne der länderübergreifenden günstigen Anwerbung von Mehrsprachlern, Dr. Webbaer kennt sich hier ein wenig aus, weiß eigene Erfahrung beizubringen, so dass sich die liberale und politisch konservative Politik nicht auf das regressive Kulturmarxistische (sog. Politische Richtigkeit etc.) beschränken kann, korrekt.

    MFG
    Dr. Webbaer

  4. Warum ist Post Truth (Kontrafaktizität), gerade jetzt so im Schwang? Weil ein Aufstand gegen die Wahrheitsbesitzer stattfindet. Dieser Aufstand wird sowohl von postmodernen Kritikern aus dem geisteswissenschaftlichen Lager angeführt, welche sich nicht mehr von den Naturwissenschaftlern in ihrem Denken beschränken lassen wollen , als auch von antiglobalistischen, national orientierten Kreisen, welche eine absolute, letztlich globale Wahrheit ablehnen und auf der Wahrheit ihrer Empfindung, ihrer eigenen Wahrnehmung beharren.
    Wie im Artikel von Thomas Grüter schon zu Beginn gesagt, waren ja schon die ersten Post-Truth Manifestationen mit dem Anspruch verbunden, man könne doch die Wahrheit selber konstruieren, die Realität selber schaffen. Bestimmte US-Administrationen machten das noch aus einer Hybris heraus, heute aber wird das von Wutbürgern und den Intellektuellen der neuen Rechten, die für sie sprechen, als Auflehnung gegen das (Wissens-)Establishment ausgetragen.

  5. Warum kann man überhaupt ein Weltbild mit kontrafaktischen Elementen aufbauen? Weil ein Weltbild ein in sich (einigermassen) konsistentes, logisches Konstrukt ist, die Realität aber gerade mehr oder etwas anderes ist als ein nur logisches Gebilde. Letztlich sind auch die Formeln und Theorien der Naturwissenschaftler nicht die Realität. Entscheidend aber ist, dass sich die Formeln und Theorien der Naturwissenschaftler in der Realtiät bewähren müssen.
    Was aber Politiker und Meinungsführer dahersagen, dass muss vor allem überzeugen. Es muss sich nur selten an der Realität messen.

  6. Religionen waren schon immer “Post Truth”, es wurde oft nur nicht so festgestellt, einerseits, weil dies jeder verständige Bär oder Mensch wusste, andererseits, weil derartige Feststellung nicht gut ankommen konnte.

    Nun, im Zeitalter des importierten “Das, was aus Sicht einiger zu Doitschland (vs. Deutschland) gehört”, muss schlicht Derartiges, im Sinne des kulturellen und letztlich auch körperlichen, Bestandserhalt aufgezeigt und öffentlich thematisiert werden.

    Aufjaulen tun nun auch nachvollziehbarerweise Christen, die es nicht gewohnt sind, derart aufgelöst zu werden, natürlich auch andere.
    Dass diese sich ebenfalls über “Post Truth” beklagen, deutet auf Schlechtes hin, insbesondere bei den bdfsw. Kreuz ablegenden Kräften, die nun auch anders können oder wie oder bspw. durch “Welt”-Kommentator Lucas Wiegelmann anders können (“Salafistenniveau) lassen.


    Das Schlimme sozusagen, und hier geht der Schreiber dieser Zeilen konform mit der Kritik am sich Ändernden, ist natürlich, dass wenn sich ‘Weltbilder’ ändern, nicht zwingend ‘überzeugt’ (Herr Holzherr) wird, sondern die ‘Überredung’ reicht.

    Insofern muss gerade heutzutage, im Zeitalter der Veränderung sozusagen, dies nur auf “westliche”, aufklärerische Gesellschaften bezogen, woanders ändert sich wenig, mehr geredet werden, um mehr zu überzeugen, um zu verteidigen.

    MFG
    Dr. Webbaer (der bekanntlich ein Schwätzer ist, oder vielleicht besser sich so sieht und so annimmt, an sich hält er auch schon mehrere Jahre die Schnauze und war politisch auch lange sehr ruhig, hat sich im Web schlimmstenfalls fachlich ausgemärt)

  7. *
    im Sinne des kulturellen und letztlich auch körperlichen[] Bestandserhalt[s,]

    **
    (“Salafistenniveau[“])

    (Ja, auch Webbaeren können sich aufregen und zu Rechschreibfehlerchen verleitet werden.)

  8. Zur Sprache an sich verweist Dr. W gerne wie folgt :

    -> https://www.urbandictionary.com

    -> https://www.duden.de

    -> https://www.etymonline.com (der Schreiber dieser Zeilen mag diese Zusammenfassung, vielleicht hat sie irgendwelche Mängel, die er nicht kennt, die Bitte um Benachrichtigung bleibt hinterlegt; Dr. Webbaer ist per mail.com erreichbar, ohne Leerzeichen)

    -> https://de.wiktionary.org/wiki/Wiktionary:Hauptseite

    MFG
    Dr. Webbaer (der sich gerne ergänzen lässt, auch ergänzen könnte, allerdings wäre dann das Ergänzte womöglich “böse”, so dass er selbst hier auf besondere Ergänzung verzichtet hat)

  9. Realitätsleugner sind im allgemeinen von einer Ideologie, einer falschen Lehre “benebelt” – und das ist nicht erst in der Neuzeit so, sondern schon im Mittelalter, wohl sogar schon im Altertum. Oft kennen die Realitätsleugner die Wahrheit sogar oder sie spüren, was wahr und was falsch ist, dennoch leugnen sie sie.
    Ein gutes Beispiel dafür scheint mir der Umgang mit der Pest im mittelalterlichen Venedig wie man es im SPON-Artikel Die ganze Stadt ein Grab nachlesen kann.
    Kurz zusammengefasst: Im Februar oder anfangs März 1348 brach in Venedig die Pest aus, nachdem Galeeren aus der Hafenstadt Kaffa im Schwarzen Meer in Venedig anlegten. Die Schulmediziner Venedigs kannten die Pest bereits, machten aber “schlechte” Luft dafür verantwortlich und wussten nichts von Ansteckung. Doch trotz dieses offiziellen Unwissens über die Ursachen und die Verbreitung der Pest hatte die Regierung von Venedig bereits am 30. März 1384 (einen Monat nach Ausbruch der Seuche) einen absolut rationalen und wirksamen Plan für die Eindämmung der Seuche ausgearbeitet (Zitat): Bereits am 30. März, binnen eines Monats nach Ausbruch, berief der Große Rat drei Männer in eine Kommission, genannt “Savi” (Weise). Er beauftragte sie, einen Notfallplan zu erarbeiten. Sie empfahlen, alle todkranken und sterbenden Obdachlosen und Armen auf die Inseln San Marco in Boccalama und San Leonardo Fossamala, später noch auf zwei weitere Inseln bringen zu lassen und dort zu isolieren.
    Mit anderen Worten: Die “Savi” (Weisen), aber wohl auch viele Nicht-Weisen wussten, dass die Krankheit über Ansteckung verbreitet wurde, aber die Mediziner leugneten dies – obwohl auch viele Mediziner wohl innerlich wussten, dass die Krankheit ansteckend war.

    Solches Realitätsleugnen wegen einer falschen Lehre/Ideologie gibt es heute noch genauso wie 1348

  10. Der Begriff „Post-Truth“ lädt zu einer Periodisierung der jüngeren Menschheitsgeschichte ein:
    1. Periode: Prae-Truth: zu deutsch: “finsteres Mittelalter”
    2. Periode: Truth: Die Aufklärung (Das Mündel will Vormund sein) und danach
    3. Periode: Post-Truth: “Ich lass mich von der Wahrheit nicht länger terrorisieren”

    Es gibt viele Gründe warum wir jetzt bei Post-Truth angelangt sind. Unter anderem:
    1) Die Realität/Wahrheit und Zukunft sieht für saturierte Staaten wie die USA oder Deutschland nicht rosig aus. Nein, die Zukunft wird nicht (mehr) automatisch besser, das Rentenniveau kann nicht erhöht werden, die Qualifikation der Arbeiter kaum noch gesteigert werden und Schwellenländer wie China können bald schon alles besser und erst noch billiger.
    2) Global verfügbare Medien ermöglichen eine virtuelle lokale Realität zu erzeugen, indem die Stimmen aus diesem Medium scheinbar auf den Einzelnen zugeschnitten sind und sich der Einzelne plötzlich in einem Haufen von gleichgesinnten Buddies findet: Diese virtuelle lokale Realität ist für viele weit besser als die kalte Realität da draussen
    3) Eine Post-Truth Welt entsteht nicht allein durch die Lüge, sondern auch durch die Auswahl. Wenn ein Internet-Nutzer in eine bestimmte Meinungsrichtung gestossen werden soll, dann sind wahre, aber nicht repräsentative Nachrichten/Posts bei sich selbst als kritisch einstufenden Geistern noch weit wirkungsvoller als Lügen.

  11. Die Aufklärung bedeutet im Sinne des Sapere Aude ebenfalls zu erkennen, dass es keine losgelöste Wahrheit gibt und sich im Rahmen der Erkenntnis zusammen bemüht wird Sache wie Sachverhalt ausschnittsartig, näherungsweise und an Interesse (!) gebunden zu erfassen, Herr des Holzes; es wird insofern theoretisiert.
    Wer Wahrheit sagt, will außer-tautologisch idR lügen,
    MFG
    Dr. Webbaer

  12. Dunning-Kruger-Effekt

    Mal davon abgesehen, dass Schlechtere oft mit diesem Verweis abbügeln wollen, ist es so, dass der Fachfremde, der Dilettant, eine manchmal hilfreiche Erweiterung der Fach-Spezialisierung ist.

    Dies liegt daran, dass sozusagen Alles mit Allem zusammenhängt, dass die Suche nach Erkenntnis nicht isoliert betrachtet werden kann, auch wenn es stets Sinn gemacht hat aus der Philosophie die Fachdisziplinen herauszulösen.

    Dr. W meint über die Jahre i.p. Dilettantismus festgestellt zu haben, dass derjenige der weiß, in Wahrheit macht, zuvörderst mit seinen Meinungen abzulehnen ist.
    Offenheit und Bereitschaft zur Diversität sind vom Dilettanten zu verlangen, witzigerweise deutlich weniger von der Fachkraft.

    MFG
    Dr. Webbaer (der sich nun abär bald ausklinkt und nicht vergessen will für den Primär-Beitrag in einem sog. Post in einem sogenannten WebLog zu danken)

  13. Man kann auch den Beschluss der EU-Kommission, das Editieren von Pflanzengenen genau so streng zu regulieren wie die älteren Gentechnologien (welche fremde Gengruppen in eine Zielpflanze einbringen) als Zeichen sehen, dass die EU in der Post-Truth, der kontrafaktischen Ära angekommen ist, denn faktisch ist das Geneditieren von einzelnen Genen auf der gleichen Stufe wie die konventionell Züchtung, bei der Chemikalien und radioaktive Strahlung Genmutationen bei Pflanzen auslösen und aus den zufällig veränderten (verstrahlten) Nachkommen dann die erwünschten ausgewählt werden. CRISPR arbeitet im Vergleich zur konventionellen Züchtung einfach mit chirurgischer Präzision – und braucht damit Monate für eine gewünschte Veränderung anstatt Jahre wie die konventionelle Züchtung.
    Wenn die EU CRISPR bannt, dann wohl aus einem Aberglauben heraus, wie ihn viele Menschen auch in Bezug auf Heilmethoden (Homöopathie etc., Impfgegnerschaft) zeigen. Mann kann den Entschluss der EU effizientere Züchtungsmethoden aus weltanschaulichen Gründen zu verbieten, durchaus als Zeichen sehen, dass Teile der europäischen Elite und gar der europäischen Regierungen zurück zu mittelalterlichen Denkhaltungen will. Ein Besorgter könnte sich fragen: Wann werden als nächstes wieder Hexen verbrannt?

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